1. Johannes 3: Das Licht des Jesuskindes strahlt auf uns

Der für den heutigen 1. Weihnachtsfeiertag vorgeschlagene Predigttext steht im 1. Brief des Johannes an seine Gemeinde im 3. Kapitel:

Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen,
dass wir Gottes Kinder heißen sollen –
und wir sind es auch.
Darum kennt uns die Welt nicht, denn sie kennt ihn nicht.
Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder.
Es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden.
Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein,
denn wir werden ihn sehen, wie er ist.
Und ein jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat,
der reinigt sich, wie auch jener rein ist.
Wer Sünde tut, der tut auch Unrecht und die Sünde ist das Unrecht.
Und ihr wisst, dass er erschienen ist, damit er die Sünden wegnehme,
und in ihm ist keine Sünde.
Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht;
Wer sündigt, der hat ihn nicht gesehen und nicht erkannt.

Soweit der Predigttext.

Wir kennen Kinder Gottes. Schauen wir in den Spiegel, dann sehen wir zumindest eines dieser sonderbaren Geschöpfe. Kinder Gottes sind schon ein ganz besonderer Schlag. Kinder Gottes, entschuldigen sich hundertmal und haben ein sehr empfindsames Gewissen. Sie stellen sich nicht in den Mittelpunkt, sagen aber ständig, dass sie sich nicht in den Mittelpunkt stellen. Kinder Gottes vertrauen Gott – irgendwie – aber wenn es ernst wird, dann fühlen sie sich einsam und allein. Kinder Gottes sind häufig in der Gruppe mutig, aber ohne die Sicherheit der anderen verschweigen sie doch lieber ihren Glauben. Kinder Gottes loben Gott – doch klingt es häufig ernst, klingt wie eine Klage. Kinder Gottes sind frei und erlöst, doch gebunden, ängstlich und passen sich an. Kinder Gottes sind auch irgendwie gute Menschen – solange andere ihnen nicht in die Quere kommen. So kennen wir uns: Ich bin Kind Gottes – aber ich sehe nur auf mich, in meinem Versagen und auch in meinem Gutes-Tun. Und in diese Ich-Bezogenheit hören wir einen Ruf hineinschallen:

Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen … Seht, auf das, was Gott getan hat! Seht nicht auf euch selbst. Seht nicht auf das schlechte Gewissen, nicht darauf, dass man nur Sorge tragen muss, dass mich die anderen auch gebührend beachten – nein! Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen! Schau nicht auf deine Feigheit und nicht auf deine Anpassungssucht, nicht auf dein Klagen, nicht auf deine Mangelhaftigkeit wie auch immer sie aussehen mag – seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!

Wenn wir Säuglinge ansehen, dann färben sie auf uns ab: Sie lächeln, wir lächeln, sie weinen, wir machen ein trauriges Gesicht, sind sie zornig wird auch unser Gesicht dunkel – so färbt auch das Kind in der Krippe auf uns ab. Schauen wir es an, spiegeln wir es wider, wir werden zum Kind Gottes. Schauen wir auf Jesus Christus, das Licht der Welt, dann zündet er in uns Lichter an. Ein paar dieser Lichter, die es in uns anzündet, wollen wir nun betrachten.

Das erste Licht: Du bist nicht allein

Sehen wir auf das Kind Jesus Christus, dann sieht es uns an – und wir wissen: Ich bin nicht allein. Gott ist in ihm Mensch geworden, er ist bei uns. Was habe ich in meinem Leben nicht alles auszuhalten. Wir müssen mit uns selbst zurechtkommen. Wir machen uns ein Bild von uns selbst: Wir wollen anerkannt sein, stark, beherrscht, geduldig und gut. Wir wollen kräftig sein, gesund, vernünftig und schön. Doch wie oft durchkreuzen andere Menschen unser Bild: sie missachten uns. Wie oft durchkreuzt das so genannte Schicksal unser Bild, indem wir krank werden, müde und finster sind. Wie oft durchkreuzen wir selbst unser Bild, das wir von uns haben, indem wir an anderen schuldig werden mit unseren Launen, mit unserem Geschwätz, mit Süchten verschiedenster Art. Und das Bild, das wir von uns selbst haben, passt nicht mit der Wirklichkeit zusammen und wir fühlen uns mies und allein.

Sehen wir dann auf das Kind in der Krippe, sehen wir auf Jesus Christus, dann spiegeln wir ihn wider. Es sieht uns an – und wir wissen: Ich bin nicht allein. Ich mache mir ein Bild von mir, aber dieses Bild muss nicht mein Leben bestimmen, sondern: Jesus Christus. Schaue ich ihn an, sehe ich mich als Kind Gottes. Ich gehöre Gott. Ich komme mit mir häufig nicht zurecht – aber ich muss nicht auf meine Mangelhaftigkeit sehen, sondern sehe auf den, der mich geliebt hat und liebt: Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!

Das zweite Licht: Reinheit

Säuglinge hinterlassen den Eindruck der Reinheit, der Heiligkeit. Auch das Kind in der Krippe. Ich selber bin unrein. Sünde, Unrecht nennt das Johannes in unserem Predigttext. Sehen wir auf das Kind in der Krippe, sehen wir dessen Reinheit, wird uns schmerzhaft all unsere Unreinheit deutlich. Unsere bösen Gedanken, Worte und Taten. All das tritt uns vor Augen: Dinge mit dem wir andere zum Weinen gebracht haben; Unterstellungen, Misstrauen, Ungeduld – alles ruft dieses Kind in Erinnerung. Es ruft aber noch etwas hervor: die Sehnsucht, rein zu werden. Der Apostel schreibt: Wer sündigt, der hat ihn nicht gesehen und nicht erkannt. Wir haben das Kind gesehen und erkannt, und wollen nun selbst ein Leben in dieser Reinheit führen. Und dieses Kind sieht uns an und sagt uns: Was du getan hast in deinem Leben, das nehme ich dir ab. Du bist frei, geh in Frieden. Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!

Das dritte Licht: Selbständig leben in Gottes Licht

Der Apostel spricht auch von Menschen, die Gott nicht kennen. Sie werfen Kindern Gottes vor, unselbständig zu sein. Sie seien kindisch, infantil, sie brauchen einen starken Vater und basteln sich darum einen himmlischen Gott-Vater. Menschen, die Gott nicht kennen, sind klug, erwachsen, aufgeklärt und liberal. So machen sie sich allein auf den Weg durchs Leben. Auch Gott hat selbständige Kinder. Jedes Kind Gottes muss im Leben stehen, das Gott ihm gegeben hat. Und es muss sich nicht nur um sich selbst kümmern, sondern auch um andere. Und das ist das Kennzeichen der Kinder Gottes: Ihre Liebe zu anderen Menschen. Sie wissen, dass Gott allein der Herr ist über ihren Besitz, über ihre Kraft, ihre Zeit, ihre Gefühle. Reichtümer anhäufen – Jesus Christus warnt davor. Die Kraft nur einzusetzen, damit es mir selbst gut geht – das Kind in der Krippe warnt davor. Seine Zeit nur damit zu verplempern, sich irgendwie gute Stunden zu gönnen – das Kind in der Krippe warnt davor. Sehen Kinder Gottes auf Gott, sehen sie auf Jesus Christus, der zu uns Menschen gesandt worden ist, dann wissen sie: andere Menschen sind wichtig. Wie Gott nicht an sich allein genüge hat, sondern auf Menschen zugeht, so auch seine Kinder. Und so sind sie Motor der Liebe in allen Ländern dieser Erde. Überall kämpfen sie gegen Menschenrechtsverletzungen, Misshandlungen, Krankheiten, gegen Ergebungen in ein finsteres Schicksal. Und da sage noch einer, sie seien nicht selbständig. Sie leben ihr selbständiges Leben in Gottes Licht und nach seinen Maßstäben – das unterscheidet sie allein von Menschen, die Gott nicht kennen oder nicht kennen wollen. Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!

Das vierte Licht: Ruhe

Wenn uns etwas im Leben nicht passt, dann streiten wir mit Gott. Läuft der Lebensweg anders als geplant, klappt es nicht so wie wir es uns vorstellen mit Kindern, Partnern und Arbeitskollegen. Machen Krankheiten und Finanzen einen Strich durchs Leben dann schimpfen wir mit Gott, wir zackern und rechnen ab – und verlassen ihn, gehen aus seiner Nähe weg. Doch dann, wenn wir das Kind in der Krippe ansehen, dann beruhigt es uns und wir kehren wieder um und bergen uns in Gottes Hand. Wir vertrauen ihm unser Leben an und sagen ihm: Himmlischer Vater, ich verstehe das alles nicht – aber nimm mich auf, ich brauche dich. Und Gott nimmt uns auf, im Leben und im Tod. Denn er, der uns geboren hat, kann sich aus lauter Liebe nicht von uns abwenden und nimmt uns hinein in seine Ruhe. Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!

Das fünfte Licht: Gottes Liebe und Freiheit

Am Kind in der Krippe können wir Gottes große Liebe zu uns erkennen, an der Sendung Jesu Christi zu uns. Jesus ist das lebendige Zeichen dieser Liebe Gottes zu uns. Seit Jesus Christus können Menschen diese Liebe Gottes nicht mehr verschweigen. Es sind nicht irgendwelche Sterne, Schicksale, Mächte – seien es gute oder böse Engelmächte – die Kinder Gottes bestimmen. Sie gehören allein Gott und seiner Liebe. Und weil sie allein Gott gehören, sind sie frei, ihm allein verantwortlich. Nicht den Menschen. Über ihr Tun haben sie ihnen keine Rechenschaft abzulegen. Und darum kann auch kein Kind Gottes dem anderen sagen: Du tust zu wenig, weil keiner weiß, was Gott dem anderen zu tun aufgibt und wie das zu tun er aufgibt. Manche haben die Gnade bekommen, allein schon dadurch wirken zu können, dass das Kind in der Krippe durch sie hindurchstrahlt und andere Menschen dadurch aufbauen, ihnen ein Gefühl des Friedens schenken. Gott wurde aus lauter Liebe zu uns Menschen zum Kind in der Krippe – schaut uns dieses Kind an, wissen wir: Wir lieben nie genug. Neulich stand ich an der U-Bahn in München und sah die vielen, vielen Menschen. Da dachte ich: Was für Typen – und Gott wurde aus Liebe zu all diesen Typen Mensch. Wir können mit unserer kleinen Liebe nie so lieben wie Gott – aber Gottes Liebe ist uns Ansporn. Wir müssen jedoch vorsichtig sein: Wir sind als Kinder Gottes allein Gott verantwortlich und nicht selbst gesteckten Zielen, die uns unnötig aufreiben. Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!

Das sechste Licht: Fröhlichkeit

Kinder Gottes sind fröhlich, wenn sie auf das Kind in der Krippe sehen, wenn sie auf Jesus Christus schauen. Und so gibt es zahlreiche Menschen und Mächte, die das verhindern wollen: Kinder Gottes haben häufig keine Zeit mehr, zu dem Kind zu gehen, vor ihm niederzuknien, mit ihm in Ruhe zu reden, es zu loben und zu preisen. Sind es nicht andere Menschen, dann sind es Krankheiten, kreisende Gedanken und Sorgen, die das verhindern wollen. Alles ist sehr wichtig. Doch hat nichts und niemand das Recht, Kinder Gottes von dem Kind in der Krippe abzuhalten. Geschieht das, wird ihr Licht immer schwächer, wird ihr Lachen immer leiser, wird ihre aufrechte Haltung immer gekrümmter. Ihre Stärke ist allein Jesus Christus. Sie bekommen ihr Licht, ihre Freude, ihre Kraft allein dadurch, dass sie auf das Kind in der Krippe blicken und sein Licht, seine Freude, seine Kraft widerspiegeln. Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!

Wir haben ein paar Lichter angesehen, die das Kind in der Krippe in uns, den Kindern Gottes, anzünden kann:

Das erste Licht: Du bist nicht allein,
das zweite Licht: Reinheit,
das dritte Licht: Selbständig in Gottes Licht,
das vierte Licht: Ruhe,
das fünfte Licht: Liebe und Freiheit,
das sechste Licht: Fröhlichkeit.

Damit es diese Lichter in uns anzünden kann, müssen wir auf es schauen, auf Jesus unseren Herrn. Dann erst können wir anderen zeigen, wer Kinder Gottes in Wirklichkeit sind. Und wenn wir versagen, wie zu Beginn geschildert? Dann nur eins nicht tun: auf sich und sein Versagen schauen, sondern schnell zu dem Kind in der Krippe hinrennen, auf es schauen und dann in seinem Licht und seiner Liebe weitergehen. Amen.