Der für den heutigen Sonntag vorgeschlagene Predigttext steht im ersten Brief des Johannes im 4. Kapitel:

 

Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott.

 

Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe.

 

Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.

 

Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.

 

Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben.

 

Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.

 

 

 

Soweit der Predigttext. Ist das nicht ein schöner Text? In diesen wenigen Zeilen kommt das Wort Liebe und lieben 15 Mal vor. Der Text ist zu Herzen gehend, weil er uns die Liebe Gottes zusagt, weil er uns daran erinnert, dass Gott uns liebt. Aber es wäre nicht ein Text aus Gottes Wort, wenn er uns nicht auch eine bittere Medizin, eine bittere Pille zu schlucken gäbe. Haben Sie die bittere Pille erkannt? Die bittere Pille heißt: Wir sollen uns untereinander lieben! Da mag sich mancher fragen: Wieso soll das eine bittere Pille sein? Das tun wir doch alle! Doch dann kommen wir ins Stottern: Ich liebe jeden von uns… – nun ja, ich zeige es freilich nicht jedem, dass ich ihn liebe. Und manchen zeige ich auch, dass ich ihn irgendwie – nun ja, am liebsten würde ich mit diesem und jenem Menschen nichts zu tun haben. Da kommt es vor, dass ich einen Menschen unsympathisch finde. Ich mag ihn halt nicht. Und dann kann es schon vorkommen, dass ich denke oder so vor mich hinsage: Der schon wieder! Oder dass ich – nein, ich meins ja nicht böse – dass ich so ein wenig über ihn tratsche, dass ich nicht gerade die positiven Seiten dieser Person hervorhebe, sondern das, was mir nicht gefällt. Und wenn wir einen Menschen nicht mögen, dann beobachten wir ihn ganz genau. So genau, dass selbst der kleinste Fusel im Haar unserer Aufmerksamkeit nicht entgeht: Der schon wieder. Ich hab´s ja gleich gesagt. Nein, mit dem will ich nichts zu tun haben. Wenn ich doch was mit ihm zu tun habe: Vielleicht denken die anderen dann noch, dass ich ihn doch irgendwie in meinem Herzen mag?

 

Mit unserer Liebe ist´s also nicht so weit her. Freilich: Wenn es um uns angenehme Menschen geht, dann lieben wir sie alle, aber die anderen? Und dann fallen uns auch viele Ausreden ein, man kann stundenlang darüber diskutieren: Wir sollen lieben? Im Text heißt es:

 

Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben.

 

Kann man denn Liebe befehlen? Liebe ist doch ein angenehmes Gefühl, das ich gegenüber jemandem empfinde – und das kann doch nicht befohlen werden! Auch Gott kann mir das nicht befehlen. Das wäre schon eine Zumutung. Vor allem, wenn ich einem Menschen, den ich überhaupt nicht mag, liebenswürdig begegne, dann ist das doch Heuchelei! Gott mag keine Heuchler!

 

Ja, das wäre Heuchelei und eine Zumutung. Wenn – ja wenn wir den Fehler begehen, das Wort „Liebe und lieben“ falsch zu verstehen. Gott befiehlt uns ja nicht alle miteinander zu verheiraten, Ehen einzugehen, Liebesfreundschaften zu pflegen. Das Wort „Liebe“ hat eine andere Dimension. Es bedeutet:

 

-          einander in der Gemeinde annehmen, so wie wir sind,

 

-          einander tolerieren,

 

-          aneinander größer werden in der Liebe und zu wachsen,

 

-          nicht schlecht über einander reden,

 

-          einander tragen,

 

-          aufstehen helfen, wenn jemand gefallen ist,

 

-          einander trösten, wenn jemand in tiefe Traurigkeit versinkt,

 

-          einander unter die Arme greifen, wenn er Hilfe benötigt.

 

Das heißt nicht, dass wir einander heiraten sollen , sondern dass wir einander in guten und schlechten Zeiten respektieren. Das ist das Besondere einer christlichen Gemeinde: Wir tragen einander.

 

Haben Sie den soeben zitierten Satz noch im Ohr?

 

Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben.

 

Der Aufforderung, einander zu lieben, geht etwas voran: Es heißt nicht: „liebt!“, sondern: Gott hat uns geliebt und liebt uns, also sollen und können wir den anderen auch lieben. Gott liebt uns. Warum liebt uns Gott eigentlich? Liebt er uns, weil wir so tolle Burschen und Mädels sind? Liebt er uns, weil wir immer das tun, was er von uns möchte, dass wir brav beten und in der Bibel lesen, darum, weil wir von unserem eigenen Gutsein sehr überzeugt sind? Nein. Gott liebt uns, auch wenn wir so ganz anders sind, als er uns eigentlich haben möchte. Er liebt uns, weil wir seine Geschöpfe, seine Kinder sind, er ist traurig, dass wir einander das Leben so schwer machen und dass wir es im Leben so schwer haben. Gott liebt uns – und zwar so sehr, dass er seinen Sohn Jesus Christus gesandt hat, damit er uns sagen und zeigen soll, wie wir leben sollen und können, damit es unter den Menschen anders wird, damit wir:

 

-          einander in der Gemeinde annehmen, so wie wir sind,

 

-          einander tolerieren,

 

-          aneinander größer werden in der Liebe und zu wachsen,

 

-          nicht schlecht über einander reden,

 

-          einander tragen,

 

-          aufstehen helfen, wenn jemand gefallen ist,

 

-          einander trösten, wenn jemand in tiefe Traurigkeit versinkt,

 

-          einander unter die Arme greifen, wenn er Hilfe benötigt.

 

Weil Gott uns geliebt hat – wie wir an Jesus Christus sehen, darum können wir auch einander lieben. Wir können einander ins Herz fassen, einander mit den Augen der Liebe ansehen, verstehend, verzeihend, bergend, freundlich und fröhlich. Wenn wir Gottes Liebe in uns wachsen lassen, immer größer werden lassen, dann wird aus dem „du sollst lieben“ – ein „wahres, ein herzliches Lieben“.

 

Wenn wir lieblos sind, dann zeigen wir den Menschen um uns herum unser gottloses Herz. So sagt es unser Predigttext:

 

Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe.

 

Das ist ein hartes Wort: Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht. Wenn wir übereinander herfallen, dann zeigen wir allen anderen, dass in unserem Herzen ein dunkler Fleck ist, ein Fleck, in dem wir gott-los sind. Hier, Gott, hast du nichts zu suchen. Hier, Gott, will ich dich nicht kennen. Wie kommt es, dass wir so sind, auch wenn wir um Gottes Liebe wissen, die er uns in Jesus Christus gezeigt hat?

 

Damit kommen wir zu einem ganz schweren Thema: Wir sehen in Jesus Christus Gottes Liebe zu uns – aber: Jesus lebte vor langer Zeit! Sehe ich Gottes Liebe in meinem Leben? Mir geschehen Dinge, es gibt Ereignisse, die mich schwer belasten, es gibt Zeiten, da möchte ich mich am liebsten verkriechen, weil ich Gottes Liebe nicht spüre, es gibt Schmerzen des Körpers und der Seele, mich überfallen Krankheiten, und es klappt alles nicht mehr so, wie ich es gewohnt war und gewohnt bin, es gibt Schmerzen des Denkens, Ängste, die mich lähmen, Ängste um meine Zukunft – und sie machen mein Leben dunkel, trüben es, machen trüb-sinnig – wo ist da Gottes Liebe? Menschen verletzen mich an meiner Seele und an meinem Herzen – alte Verletzungen steigen immer wieder auf in mir und verbittern mich – wo ist da Gottes Liebe, wo war Gottes Liebe? Und so gibt es sehr viel, das mich im Laufe meines Lebens verhärtet, auch verhärtet anderen gegenüber. Ich möchte mithalten im Verletzen anderer. Ich möchte zeigen, dass ich auch hart sein kann, wenn es darum geht, andere zu erniedrigen. Und so gibt es in meinem Herzen eine Ecke, die bei manchen größer ist, bei manchen kleiner, in der wir Gott nicht einlassen. Eine kleine verhärtete Abkapselung, aus der unsere Lieblosigkeit anderen gegenüber genährt wird. Das Leben sprang hart mit mir um und tut es immer schlimmer – und da habe ich auch ein Recht darauf, anderen zu zeigen, was Sache ist. Wenn ich Gottes Liebe in so vielen Bereichen meines Lebens nicht erkenne, dann muss man meine Liebe auch nicht erkennen. Wir wissen, dass das Sünde ist. Sünde ist alles, was wir vor Gott verbergen wollen, all das, was in uns dunkel und hart ist. Und so sagt uns der Predigttext erneut zu:

 

Mensch, Gott hat seinen Sohn Jesus Christus gesendet, damit er dir diesen schwarzen Flecken auswäscht, dass er diese Verhärtung in deiner Seele aufknackt, damit du neu werden kannst, damit du nicht lieblos sein musst. Das wissen wir alles. Aber wo ist und bleibt dann Gottes Liebe, wenn es mir hart ergeht?

 

Gott hat uns nie versprochen, dass er uns aus unserem Leben herausnimmt. Er hat uns versprochen, in diesem unserem Leben nahe zu sein. Er hat uns versprochen, uns zu bergen in seiner Liebe, wenn wir Angst haben. Er hat uns versprochen, uns Kraft zu geben, wenn wir am Boden liegen. Er hat uns versprochen, dass wir im Tunnel das Licht ein wenig leuchten sehen können. Er hat uns versprochen, uns zu tragen, wenn wir denken, wir können gar nicht mehr gehen und wie gelähmt vor Angst, Furcht, Sorgen herumhängen. Wir leben noch nicht im Jenseits, wir leben noch nicht bei Gott, nicht im Paradies, sondern wir leben noch in dieser von Sünden und Schuld belasteten Welt, in der Welt, in der der Gegner Gottes so viel Macht hat, in der Welt, in der alles andere zählt als die wahre Liebe zu den Menschen. Und gerade darum hat er ja Jesus Christus gesandt, dass er in dieser gefallenen Welt ein Licht anzündet – und wir sollen dieses Licht sein. Er hat uns gerade in diese Welt voller Schmerzen gestellt, damit wir heilend in Wort und Tat da sind, dass wir:

 

-          einander in der Gemeinde annehmen, so wie wir sind,

 

-          einander tolerieren,

 

-          aneinander größer werden in der Liebe und zu wachsen,

 

-          nicht schlecht über einander reden,

 

-          einander tragen,

 

-          aufstehen helfen, wenn jemand gefallen ist,

 

-          einander trösten, wenn jemand in tiefe Traurigkeit versinkt,

 

-          einander unter die Arme greifen, wenn er Hilfe benötigt.

 

Und das ist das besondere an uns, an der Gemeinde Gottes. Und wenn wir das so gut wir es können an jedem Tag umsetzen, dann gilt:

 

Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.

 

-          einander in der Gemeinde annehmen, so wie wir sind,

 

-          einander tolerieren,

 

-          aneinander größer werden in der Liebe und zu wachsen,

 

-          nicht schlecht über einander reden,

 

-          einander tragen,

 

-          aufstehen helfen, wenn jemand gefallen ist,

 

-          einander trösten, wenn jemand in tiefe Traurigkeit versinkt,

 

-          einander unter die Arme greifen, wenn er Hilfe benötigt.

 

Gibt es Gott? Wir können ihn doch nicht sehen! Das wäre ein neues Predigt- Thema. Aber was der Text uns heute lehrte, war: Wenn wir einander lieben, dann sehen die Menschen an unserer Liebe, dass es Gott gibt, weil er in uns wirkt.