Der für den heutigen Sonntag vorgeschlagene Predigttext steht im 1. Buch Mose im 3. Kapitel. Die Geschichte vom Sündenfall – ich werde die Ihnen bekannte Geschichte nicht vorlesen, sondern mit eigenen Worten nacherzählen:

 

Zwei Menschen geht es so richtig gut. Sie leben im Paradies, sie haben von Gott gesagt bekommen, dass sie alles fröhlich und munter beherrschen sollen, es gibt nichts Böses, alles ist wunderbar. Und dann? Dann mag der Mensch das alles nicht mehr so recht, es ist ihm wohl langweilig geworden. Gott hat ihm von Anfang an geschenkt, verantwortlich zu handeln und frei zu sein. Und diese seine Freiheit nutzt er dann auch aus. Gott wollte den Menschen frei haben, verantwortlich handeln sehen und sagt: Alles dürft ihr tun, nur nicht die Früchte von diesen Bäumen essen, von dem Baum der Erkenntnis und des Lebens. Und dann? Dann kommt da so ein Tierchen daher, dem es ganz und gar nicht gefallen hat, dass der Mensch es beherrsche und sagte zur Eva – der Name bedeutet: Die Mutter alles Lebendigen: Du darfst. Aber Eva war sich nicht so ganz sicher und sagte zu ihrem Mann Adam – das bedeutet: Erde: Da, hast du ihn! Und sie aßen. Gott kam ins sein schönes Paradies – doch es war eine eigenartige Stimmung: Die schöne Freiheit war verflogen, die Verantwortung missbraucht. Adam und Eva konnten ihre unbefangene Nacktheit nicht mehr leben und riefen aus ihrem Versteck zu Gott: Du darfst uns nicht sehen, Gott, wir sind nackt. Und da dämmerte es Gott und sagte: Oh, Adam, oh, Eva, Freiheitsmissbrauch wird mit Unfreiheit bestraft! Da bekam es Adam mit einem Gefühl zu tun, das es bisher im Paradies nicht gegeben hatte: Er bekam es mit der Angst zu tun und sagte: Eva war´s! Und Eva bekam es mit der Angst zu tun und sagte: Die Schlange war´s! Oh, Mann, denkt sich Gott: Das fängt ja gut an. Denn diese Entschuldigung die wird die Menschheit noch nach Jahrtausenden begleiten: Ich war´s nicht – der oder die war´s. Wie dem auch sei: Gott sagte dann: Ihr Tröpfe – ihr habt die Freiheit missbraucht. Nun lasse ich euch ganz frei – aber so frei, wie ihr im Paradies wart, so frei werdet ihr niemals mehr sein. Und dann begann das Malheur: Männer müssen im Schweiß des Angesichts ihre Familie ernähren, Frauen müssen unter Schmerzen Kinder gebären.

 

Eine herrliche Geschichte. Man kann sich das alles so richtig schön vorstellen! Es ist eine uralte Geschichte. Man nennt solche Art von Geschichten: Mythos. Menschen versuchen, die Welt, in der sie leben zu erklären. Wie kommt eigentlich das Böse in die Welt? Es ist doch alles so schön – und dennoch: Es stimmt irgendwas nicht. Menschen erniedrigen einander, Menschen sterben, Menschen müssen um ihr Überleben kämpfen, gegen Trockenheit, Steine und Schlangen, Fluten, Ängste, gegen ihren Größenwahn. Frauen sterben bei der Geburt, Krankheiten, die man sich nicht erklären kann, befallen den Menschen, Menschen und Tiere essen Fleisch – sie töten einander. Wie kommt es? Und der Mensch wird sich langsam aber sicher bewusst: Wir sind etwas Besonderes in der Schöpfung. Gott hat alles schön geschaffen – also Gott war´s nicht, der das Böse, den Ungehorsam, Angst, Sorge und Tod in die Welt gebracht haben – sondern wir Menschen haben die Freiheit nicht ertragen, wir haben die Verantwortung, die Gott uns auferlegt hat, nicht wahrnehmen wollen – und so kam alles Böse in die Welt, Not und Tod. Diese Sündenfallgeschichte ist eine Art Sündenbekenntnis: Gott machte alles – und siehe, es war sehr gut, heißt es im ersten Schöpfungsgedicht. Diese Sündenfallgeschichte ist eine Art Geschichte, die dem Menschen zeigt, wie groß er von Gott gedacht war – und gleichzeitig, wie tief er in seiner Größe fällt.

 

Und diese unsere Menschheitssünde plagt uns bis in die Gegenwart. Menschen tun aneinander Unrecht. Menschen tun an Tieren und an der Umwelt Unrecht, Menschen sind haltlos, sie testen alles aus, Sünde hin, Sünde her: Erkenntnis heißt die Devise. Wir wollen alles tun und lassen, was man nur so tun und lassen will und kann. Manchmal sieht man das Böse sofort aus allen Knopflöchern unserer Taten grinsen, manchmal verkleidet sich das Böse ins Gute und man kann es nicht erkennen, manchmal scheint gar das Gute Böse – wir Menschen sind dem allem hilflos ausgeliefert. Und Gott sieht das. Schon die Sündenfallgeschichte zeigt: Gott sorgt auch weiterhin für den Menschen. Der Mensch fühlt sich nackt – und Gott kleidet ihn. Das heißt, Gott war der erste Modemacher – wenn man denn die Feigenblätter ausnimmt. Und in seiner Fürsorge gibt Gott dem Menschen später die 10 Gebote. Diese 10 Gebote waren ein Segen für sein Volk und dann auch für die Menschen. Nun wussten sie, woran sie sich halten konnten. Doch dann sagt sich der Mensch: Was soll ich mit den 10 Geboten? Diese beginnen mit der Aussage: Ich bin der Herr dein Gott – was für ein Schwachsinn! Ich bin mir selbst Gott. So müssen meine 10 Gebote lauten:

 

Ich selbst bin der Herr, ich brauche keinen Gott.

 

Ich darf den Namen irgendeines Gottes missbrauchen, denn es gibt ja keinen Gott außer mir selbst, ich bete mich an, meine Fähigkeiten.

 

ich darf Mutter und Vater respektlos behandeln und kann sie vergessen – wenn ich es will,

 

ich darf ehebrechen – wenn es mir guttut,

 

ich darf stehlen, wenn ich nicht genug Geld habe, mir Annehmlichkeiten zu beschaffen,

 

ich darf töten – naja, nicht unbedingt, aber wenn es denn für die Gruppe und die Gesellschaft am besten erscheint.

 

Der Mensch ist so frei, alles durcheinanderzuwirbeln – und er merkt gleichzeitig, wenn er denn mal klare Momente hat, wie ihm alles über den Kopf wächst. Wie sollen wir denn noch entscheiden? Was ist denn noch richtig? Was ist für den Menschen eigentlich gut? Wir wissen es schlicht und ergreifend nicht mehr. Wir richten Ethikkommissionen ein – und gleichzeitig weiß jeder: Irgendwann setzt sich doch das durch, was der Mensch schon immer plante. Ethik hin, Ethik her. Wir sehen es an der Abtreibung: Abtreibung ist nur in Notfällen erlaubt – und sie wird zu einer Tat, von der Menschen denken, sie hätten ein Recht darauf. Dass dabei ein Kind getötet wird, das kommt Frauen besonders erst dann in den Sinn, wenn es getötet wurde. So leichthin kommen manche nicht darüber hinweg, wie die coolen Vertreterinnen immer so tun. Die Ultraschalluntersuchung endet für Millionen von Mädchen tödlich – so sehr, dass es in manchen Ländern Mädchenmangel gibt. Wir haben so viel Verantwortung für alles an uns gerissen, dass wir selbst gar nicht mehr überblicken können, was eigentlich richtig oder falsch ist. Denken wir nur an die Frage der Erderwärmung. Ist dieser Rhythmus natürlich? Sind wir Schuld? Sollen wir die Welt chemisch abkühlen? Und dann kann es passieren, wie es in China geschah, dass zur Unzeit auf einmal Unmassen Schnee fallen, weil der Mensch irgendetwas falsch berechnet hatte, als er die Wolken impfte.

 

Das sind alles Dinge, die uns unmittelbar angehen. Aber sie scheinen uns oft doch so fern. Es gibt Sünden, die uns viel stärker betreffen. Schuld im Alltag, zum Beispiel. Menschen benehmen sich daneben, sind mir gegenüber unfreundlich, reden hinter meinem Rücken irgendetwas gegen mich, das ist, was mich doch eigentlich im Alltag mehr beschäftigt. Schuld, die ich selbst begehe, weil ich anderen gegenüber unachtsam bin – oder in meinem Leben einmal war. Hinterlist, schlechte Nachrede, körperliche Gewalt – all das kenne ich auch aus meinem eigenen Leben und ich habe gespürt, wie wenig ich mich selbst manchmal unter Kontrolle habe, so dass ich anderen Schade, wenn vielleicht auch nur ein klein wenig. Aber ich erkenne, wes Geistes Kind ich bin. Und es ist nicht unbedingt der Geist Gottes, der mich immer beherrscht, dem ich immer Raum lasse. Aber ist das alles Sünde? Ist das alles Schuld? Ich habe ja niemanden ermordet! Durch mich ist niemand zu Schaden gekommen! Meine größte Sünde ist, dass ich zu viel Kuchen esse – und das mit Schlagsahne!

 

Das mit dem Kuchen und so, das sind Kinkerlitzchen, Luther nennt das „Puppensünden“. Schuld macht sich da bemerkbar, wo ich gegen Gottes Willen handle. Schuld macht sich da bemerkbar, wo ich gegen die Gemeinschaft handle, in der ich lebe. Darum beten wir im Vaterunser: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ – weil jede Gemeinschaft durch noch so gering scheinende Schuld gestört wird. Und Jesus hat das Ziel, eine Gemeinschaft zu errichten, in der man um die Schuld weiß, in der man lernt, sachlich mit Schuld umzugehen, sie zu bekennen und zu vergeben. Denn nur so, durch Sachlichkeit, Bekennen und Vergebung kann eine Gemeinschaft existieren. Das muss der Maßstab für jede Gemeinde, für jede christliche Familie, für jedes Zusammenleben sonst als Christen sein: Schuld vergeben.

 

In manchen Lebensphasen denkt man manchmal wie Adam und Eva: Die anderen sind an meinem Leben schuld. Wenn einer nicht so dumm dahergekommen wäre in meinem Leben, dann wäre alles besser geworden. Wenn ich den anderen Mann, die andere Frau geheiratet hätte, wenn ich bessere Eltern gehabt hätte, wenn ich einen besseren Beruf erlernt hätte, wenn nicht der Krieg dazwischen gekommen wäre, wenn ich bessere Freunde gehabt hätte… – wie gut wäre dann alles geworden. Kein Leben hat nicht irgendwelche Dellen, Stoßecken, Brüche. Es kommt nur darauf an, was man daraus mit Gottes Hilfe macht. Und wenn ich nichts mehr ändern kann, dann gilt es in der Erinnerung zu schauen: Was hat mich denn gut gefördert? Was war richtig? Wo kann ich Gottes liebende und gnädige Handschrift erkennen? Manchmal wünschen wir, ein anderes Leben zu führen oder geführt zu haben. Aber all das hilft nicht weiter. Innerlich frei werden wir nur, wenn wir uns von dieser Sünde lösen: von der Sünde des Selbstmitleids, wenn wir im Herzensgebet sagen:

 

Danke, Gott, für das Leben, das du mir geschenkt hast und schenkst.

 

Es hat mich mit all seinen Schwierigkeiten zu dem Menschen gemacht,

 

der ich nun vor Dir bin.

 

Nimm mein weiteres Leben in deine liebende Hand,

 

damit ich in deinem Frieden weiterleben kann.

 

Gottes Fürsorge für den Menschen zeigt sich nicht nur darin, dass er Eva und Adam Kleidung schenkt, sie zeigt sich nicht nur in der Gabe der 10 Gebote – sie zeigt sich vor allem auch darin, dass Jesus für unsere Schuld, für unsere Sünde gestorben ist. Er hat uns frei gemacht. Diese bedingungslose Freiheit, die schon fast wieder paradiesisch ist, führt dazu, dass wir uns durch unsere Schuld nicht peinigen lassen müssen. Wenn wir etwas auf dem Herzen haben, wenn wir etwas getan haben in unserem kurzen oder langen Leben, das gegen Gottes Willen gerichtet war, dann dürfen wir zu ihm kommen. Wir dürfen ihm unsere Schuld bekennen, ihn um Vergebung bitten – und wir sind frei. Wir sind frei als neue Menschen, Gottes Willen zu tun. Wir sind wahrhaft frei, Verantwortung zu tragen; frei, so zu leben, wie Gott es wollte. Gewiss, Menschen sind nicht so vergebungsbereit wie Gott. Wenn wir einem Menschen unsere Schuld bekennen, können wir riesen großen Ärger bekommen. Es kann sein, dass der Mensch uns nicht vergibt, weil er selbst mit sich im Unreinen ist, weil er nicht über seinen Schatten springen kann, weil die Liebe Gottes ihm eher Schmerzen bereitet. Wenn uns ein Mensch nicht vergibt, so dürfen wir dennoch wissen: Gott tut es. Und der einzige, von dem wir Christen abhängig sind, dem wir Christen gehören, ist Gott. Wenn Gott uns also freispricht, dann sind wir auch frei. Frei ohne Wenn und Aber. Wenn wir unsere Schuld in Gottes Hand gelegt haben, dann können wir sie auch dort lassen und müssen sie nicht in unserem Hirn und Herzen weiter herumwühlen lassen. Wir sind frei! – Und die Bibel nennt das „heilig“. Christen sind Heilige. Sie sind Heilige, weil Gott sie befreit hat. Sie sind nicht Heilige, weil sie so tolle Menschen sind, sondern: Sie sind befreite Menschen. Als Christen können wir uns der Gnade Gottes anbefehlen – und wir sind bei ihm. Wir sind, wie Paulus sagt: In unserer Heimat. Wer getauft ist, wer zu Christus gehört ist ewig frei. Bedingungslos frei. Und aus dieser Freiheit heraus können wir verantwortlich für unsere Mitmenschen, für unsere Umwelt und für uns selbst handeln.

 

Der Sündenfallgeschichte folgt die große Geschichte der Liebe Gottes zu uns Menschen: Die Geschichte der Befreiung von Sünde und Schuld. Wir sind frei. Auf ewig frei. Darum:

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.