Der für den heutigen Johannistag vorgeschlagene Predigttext steht im 1. Brief des Petrus im 1. Kapitel:

 

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel für euch, die ihr aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt werdet zur Seligkeit, die bereit ist, dass sie offenbar werde zu der letzten Zeit. Dann werdet ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Anfechtungen, damit euer Glaube als echt und viel kostbarer befunden werde als das vergängliche Gold, das durchs Feuer geläutert wird, zu Lob, Preis und Ehre, wenn offenbart wird Jesus Christus. Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude, wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit. Nach dieser Seligkeit haben gesucht und geforscht die Propheten, die von der Gnade geweissagt haben, die für euch bestimmt ist, und haben geforscht, auf welche und was für eine Zeit der Geist Christi deutete, der in ihnen war und zuvor bezeugt hat die Leiden, die über Christus kommen sollten, und die Herrlichkeit danach. Ihnen ist offenbart worden, dass sie nicht sich selbst, sondern euch dienen sollten mit dem, was euch nun verkündigt ist durch die, die euch das Evangelium verkündigt haben durch den Heiligen Geist, der vom Himmel gesandt ist, - was auch die Engel begehren zu schauen.

 

Soweit der Predigttext. Die neutestamentlichen Texte sind manchmal schwer zu verstehen, weil die Sätze so endlos lang sind. Eines ergibt sich aus dem anderen und wird einfach aneinandergehängt. Manchmal weiß man am Ende gar nicht mehr, wie der Satz zu Beginn lautete. Das ist vor allem dann der Fall, wenn hymnisch, lobend, Gott preisend gesprochen wird. Und wir haben hier eine Mischung zwischen Gotteslob und Anschreiben an die Gemeinde. Das Thema des gesamten Textes ist – ich formuliere es noch einmal mit eigenen Worten:

 

 

 

Gott hat Euch durch Jesus Christus das ewige Leben geschenkt. Aber wir halten dieses Geschenk noch nicht in Händen. Im Gegenteil: Noch leben wir auf der Erde und müssen vieles, das uns das Leben schwer macht, ertragen. Aber vieles macht nicht nur das Leben schwer, sondern kann auch unseren Glauben ins Wanken bringen. Doch am Ende wird sich Euer Glaube bewährt haben und Ihr werdet das Gottesgeschenk empfangen. Dass dem so ist, das haben wir uns nicht einfach so ausgedacht, sondern das haben die Propheten durch den Geist Gottes schon angekündigt.

 

 

 

Meine Zusammenfassung ist zwar verständlicher, aber ohne Saft und Kraft. Und so verstehen wir auch ein wenig, warum die Sätze so lang, so lebendig, so verschachtelt sind: Die Menschen waren von ihrem Glauben überwältigt. Das, was Gott ihnen geschenkt hat, das hat sie ergriffen und sie konnten es kaum normal aussprechen. Wenn wir etwas Wunderschönes erleben, wenn wir erkennen, wie sehr Gott in unser und in anderer Leben wunderbar eingreift, dann versagen uns auch die Worte – oder die Worte werden, trotz Kompliziertheit wunderschön. So auch dieser Satz:

 

 

 

Ihr habt Jesus Christus nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude, wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit – denn dann werden wir den Geliebten sehen.

 

 

 

Es ist von Liebe, von Freude, von Seligkeit von Glauben die Rede. Es sind überwältigende Worte – doch viele von uns stehen vor diesen Worten sicher wie die Besucher im Theater vor der Bühne eines fremdsprachigen Landes. Wir sind Zuschauer, wir schauen aus der Ferne – aber das, was auf der Bühne stattfindet, ist uns fremd oder witzig, kann uns kurz ergreifen oder kalt lassen – wie auch immer, aber wir gehen wieder heim, denken vielleicht mal wieder an das Theaterstück – aber das war es dann auch.

 

 

 

Was sehen wir als Zuschauer aus der Ferne? Christus kann man lieben – es wird gar gesagt: Wir lieben Jesus Christus, obgleich wir ihn nicht sehen? Lieben wir Jesus Christus?

 

Denken wir ein wenig über uns Menschen nach. Wie kommt es, dass wir manche Menschen lieben? Wie kommt es, dass wir manche Menschen ins Herz geschlossen haben?

 

 

 

Es gibt die fünf Schritte der Liebe:

 

Ich muss mit dem anderen Menschen in Kontakt gekommen sein. Ich muss den Menschen gehört und gesehen haben – dann finden wir ihn erst sympathisch. Und wenn wir einen Menschen sympathisch finden, dann wollen wir mehr von ihm wissen, ihm näher kommen. Der Funke springt über – und wenn wir ihn auch nicht gleich heiraten – wir lieben ihn, wir denken an ihn, wir wünschen ihm alles Gute, wir leiden mit ihm. Wenn es darum geht, einen Lebenspartner zu finden, dann läuft das normalerweise auch so ab, aber beide verbringen immer mehr Zeit miteinander, bis sie immer stärker miteinander verschmelzen.

 

 

 

Diese fünf Schritte der Liebe treffen auch auf die Liebe zu Jesus Christus zu:

 

-          Wir hören von ihm – in der Predigt, durch Eltern, Großeltern, Onkel und Tanten, in den Medien;

 

-          Wir finden ihn sympathisch und wollen mehr von ihm wissen – und lesen im Neuen Testament, lesen Texte von Menschen, die ihn schon gut kennen – zum Beispiel Gesangbuchlieder;

 

-          Wir kommen ihm näher im Gebet – wir suchen seine Nähe;

 

-          Der Funken springt über – der Geist Gottes, der Geist Jesu Christi kommt zu uns.

 

Und auch in dem Zusammensein mit Jesus Christus gibt es noch eine Steigerung, eine Art Hochzeit mit Jesus Christus:

 

-          Menschen fühlen sich Jesus Christus ganz nah – Jesus Christus ist dem Menschen so nah, dass man fast sagen kann: Jesus Christus und der Mensch sind ein Herz und eine Seele.

 

Das sind die fünf Schritte der Liebe zu Jesus Christus.

 

 

 

Diese fünf Schritte müssen wir in der Liebe zu Menschen nicht gehen – aber kann dann die Liebe zu den anderen Menschen wachsen? Wenn mir ein Mensch sympathisch ist, ich aber dann nichts mehr vertieft über ihn wissen will – dann kommt es nicht zur Liebe, es bleibt bei dem Gefühl der Sympathie. Und so ist das auch mit Jesus Christus: Wenn ich nicht mit Menschen, die ihn erfahren haben, rede, wenn ich nicht im Neuen Testament lese, wenn ich nicht bete – dann kann die Liebe zu Jesus Christus gar nicht erst entstehen. Und wir bleiben wie Zuschauer in der Ferne stehen. Und wenn diese Liebe nicht wachsen konnte, dann lesen wir diesen Predigttext auch ratlos, weil wir die Tiefe der Worte von Liebe, Freude, Glaube, Seligkeit nicht so recht würdigen können, sie nicht in ihrer ganzen Tiefe verstehen können.

 

Wenn uns die Liebe zu Jesus Christus so ergreifen soll wie sie die Gemeinde ergriffen hat, der Petrus schreibt, dann kommen wir nicht darum herum, diese Liebe mit diesen fünf soeben genannten Schritten wachsen zu lassen.

 

 

 

Aber Liebe ist nie nur ein Gefühl. Liebe will auch immer Tat werden, will sich äußern, will dem anderen zeigen: ich liebe Dich – und will auch selber Zeichen vom anderen empfangen, in der er uns sagt: Ja, ich liebe Dich. Kleine Zeichen der Liebe erhalten die Liebe im Leben: Man schenkt einander dieses oder jenes, man ist aufmerksam auf das, was der Geliebte oder die Geliebte möchte, man vertraut einander, man ordnet sich einander unter und zu. Auch das entspricht dem Glauben: Die Liebe zu Jesus Christus möchte ihm gefallen, möchte das tun, was Jesus Christus gefällt. Und was gefällt ihm? Was jedem Liebenden gefällt: Man achtet auf ihn, spricht mit ihm, zeigt dem anderen: Du bist mir nicht gleichgültig. Aber die Liebe zu Jesus äußert sich auch darin, dass wir andere Menschen in diese Liebe einbeziehen. Unsere Liebe zu Jesus Christus strahlt auf andere Menschen über. Wie ein frisch verliebtes Pärchen die ganze Umgebung heller machen kann, so sind auch diejenigen, die in Jesus Christus verliebt sind: Sie geben von dieser Liebe weiter, sie strahlen seine Liebe aus. Das ist natürlich nicht immer so – vor allem, wenn man schon länger miteinander zusammen ist, dann ist die Strahlkraft auch ein wenig eingeschränkter. Ist sie das wirklich? Nein, sie verändert sich nur. Die lange Liebe zu Jesus Christus nimmt andere Menschen anders mit hinein, so, indem sie anderen Menschen hilft, ihnen beisteht, ihnen gute Worte schenkt, mit ihnen Zeit und Kraft teilt.

 

Die Liebe muss wachsen – und sie wächst, wenn man sie nicht verdorren lässt. Man kann Liebe zwischen Menschen auch verkümmern lassen. Wir wissen und kennen das alle. Wenn man „Liebe“ für selbstverständlich nimmt, wenn man einander verletzt, wenn man sich selbst zu wichtig nimmt – und auch die Liebe zu Jesus Christus kann aus eben diesen Gründen verkümmern.

 

 

 

Was unsere Liebe zu Jesus Christus jedoch stark in Mitleidenschaft zieht, ist das, was der Schreiber des Briefes darstellt: Trübnis, Not, Traurigkeit – das kann uns dazu führen, dass wir uns von Jesus Christus entfernen, weil wir eben seine Liebeszeichen nicht erfahren, spüren, vernehmen können. Warum muss ich leiden, geliebter Jesus Christus – warum bewahrst Du mich nicht vor der Not? Warum hilfst Du nicht anderen, geliebter Jesus Christus, schenkst ihnen Befreiung aus der Not? Wir erkennen keine Zeichen von Dir, Jesus Christus – und darum kann es auch möglich sein, dass unsere Liebe erkaltet, sie verdorrt, nicht, weil wir so leichtfertig sind, sondern weil Jesus Christus, der Geliebte, so leichtfertig mit unserer Liebe zu ihm umgeht. Tut er das? Wir fordern vom Geliebten Liebeszeichen – und wir erkennen nur das als Liebeszeichen an, was wir fordern. Eine Frau bekommt von ihrem Mann eine Rose geschenkt – sie wollte aber eine Kette und sie macht ihm Vorwürfe. Das nächste Mal schenkt der Mann ihr eine Kette – aber sie wollte eine Rose und sie macht ihm Vorwürfe. Liebe und Forderungen passen nicht zusammen. Wenn Liebe zu fordern beginnt, vom anderen Dinge verlangt, dann kann Liebe nicht wachsen. Die Liebe zu Jesus Christus stirbt bei vielen Menschen, weil sie vom Geliebten fordern und fordern und nicht merken, dass sie damit die Liebe töten. Jesus Christus gibt uns immer wieder Zeichen seiner Liebe, wir müssen nur lernen, sie wahrzunehmen – aber wir können sie nicht wahrnehmen, weil unsere Forderungen diese Zeichen verdecken.

 

Die Liebe zwischen Menschen ist immer sehr gefährdet – die Liebe zu Jesus Christus ist auch immer sehr gefährdet. Wenn diese Liebe zu Jesus Christus uns noch nicht ergriffen hat, dann sollten wir noch einmal die fünf Schritte zur Liebe gehen. Wenn unsere Liebe zu Jesus Christus aber erkaltet ist, dann sollten wir überlegen, ob es nicht unsere Forderungen waren, die seine Liebeszeichen überdeckt haben – doch wir können noch einmal anfangen, ihn, den Geliebten, zu entdecken.

 

 

 

Ich wünsche für uns alle, was Petrus geschrieben hat:

 

 

 

Ihr habt Jesus Christus nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude, wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit – denn dann werden wir den Geliebten sehen.