Der für den heutigen Sonntag vorgeschlagene Predigttext steht im 1. Brief des Petrus im 3. Kapitel.

 

 

Endlich aber seid allesamt gleich gesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig.

 

Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen ererbt.

 

Denn »wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der hüte seine Zunge, dass sie nichts Böses rede, und seine Lippen, dass sie nicht betrügen.

 

Er wende sich ab vom Bösen und tue Gutes; er suche Frieden und jage ihm nach.

 

Denn die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten, und seine Ohren hören auf ihr Gebet; das Angesicht des Herrn aber steht wider die, die Böses tun« (Psalm 34,13-17).

 

Und wer ist's, der euch schaden könnte, wenn ihr dem Guten nacheifert?

 

Und wenn ihr auch leidet um der Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig. Fürchtet euch nicht vor ihrem Drohen und erschreckt nicht;

 

heiligt aber den Herrn Christus in euren Herzen. Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist,

 

und das mit Sanftmut und Gottesfurcht, und habt ein gutes Gewissen, damit die, die euch verleumden, zuschanden werden, wenn sie euren guten Wandel in Christus schmähen.

 

Denn es ist besser, wenn es Gottes Wille ist, dass ihr um guter Taten willen leidet als um böser Taten willen.

 

 

 

Soweit der Predigttext. Viele von uns haben zu Hause ein kleines Plätzchen, das sie schön gestalten. Ein Deckchen wird dahin gelegt, auf dem Deckchen steht eine Vase mit Blume, steht eine Kerze, liegt ein schöner Stein, eine Erinnerungsmuschel, steht ein Kreuz, ein Engel. Bestimmt wird das Plätzchen aber von Bildern der liebsten Menschen, seien sie gestorben oder leben sie. Solche besonderen Plätzchen im Haus kennen auch viele Religionen – vor allem in Asien. Im Ahnenkult liegen Erinnerungsgegenstände an die Ahnen auf dem Hausaltar, oder eine Götterfigur steht dort im Zentrum des schönen Plätzchens oder eine Buddhafigur – oder alles zusammen. Man freut sich über diesen Altar, man begegnet ihm mit einer gewissen Ehrfurcht, betend, mit Räucherstäbchen, den Kopf neigend, oder verharrt im Schneidersitz davor. Der Hausaltar – ein Ort, an dem die Menschen etwas ganz Besonderes fühlen: Die Gottheit und die kosmischen Mächte sind anwesend. Auch unser Altar in der Kirche ist so ein Ort. Auf öffentlichen Altären wurden Tiere geopfert, Früchte, alles, von dem man dachte, dass es den Göttern gefallen würde. Altäre sind der Ort, an dem die Götter besonders aufmerksam sind. Unser Altar in der christlichen Kirche erinnert noch ein wenig an diese alten heidnischen Altäre. Wir opfern zwar nicht mehr – aber beim Abendmahl stehen Brot und Wein auf ihm. Eine wertvolle Decke liegt auf ihm, er wird mit kostbaren Gegenständen geschmückt, mit Symbolen versehen: einem Kreuz, normalerweise vier Kerzen als Symbol für die vier Evangelisten, mit einer kostbaren Bibel, normalerweise mit Goldschnitt, mit einer Rose, die stellvertretend für uns unter dem Kreuz steht, eine rote Rose sollte es sein, die auch die Liebe und das Leiden Jesu symbolisiert. Der Altar – der zentrale Ort in einem jeden Tempel, in einer jeden Kirche, das Zentrum vieler Häuser und Wohnungen.

 

 

 

Zu Beginn des Christentums hatten Christen keine eigenen Altäre. Es gab keine eigenen Kirchen, keine eigenen Tempel, es gab nur die Christen, die sich dort trafen, wo es ihnen ermöglicht worden ist. Wie kommt das? Wir stehen hier vor einer der ganz großen religionsgeschichtlichen Wendepunkte. Christen brauchen keine Tempel, keine Altäre, weil sie selbst der Tempel sind. Paulus spricht davon: Ihr seid der Tempel des Geistes Gottes. Unser Predigttext sagt:

 

 

 

Heiligt den Herrn Jesus in eurem Herzen.

 

 

 

Er spricht davon, dass sich der Altar, der heiligste Ort, an dem Jesus Christus verehrt wird, in unserem Herzen befindet. Natürlich ist nicht das Herz als Organ gemeint, sondern: Der Altar Jesu Christi ist in unserem Innersten, in unserer Seele, in unserem Herzen, er ist der Mittelpunkt unseres Wesens. Hier, in unserem Innersten, wird Jesus Christus die Ehre gegeben, hier wird er verehrt, hier wird er in seinem Leiden und in seiner Herrlichkeit geschaut, gespürt, gehört. Ihr, die Ihr an Jesus Christus glaubt, Du, ich, wir sind sein Heiligtum. Er will in uns wohnen – und er wohnt in uns. Er wohnt nicht in Gebäuden aus Stein, er wohnt in den verletzbaren, den empfindlichen, anfälligen, gezeichneten Körpern von uns Menschen.

 

 

 

Was bedeutet es eigentlich, Jesus Christus im Herzen heiligen? Auf vielen Altären der Menschheit stehen Götterbilder, Götterstatuen, auf christlichen Hausaltären stehen Jesusbilder, Bilder von Maria, Engel. Welches Bild von Jesus Christus tragen wir im Herzen? Wenn ich jetzt frage: Welches Bild Jesu trägst Du im Herzen? Wie sieht es aus? Vielleicht ist es ja auch kein Bildnis Jesu, sondern eine Eigenschaft Jesu, die Du im Herzen trägst? Welche Eigenschaft kennzeichnet den Jesus Christus Deines Herzens?

 

-          Das Bild des aufmerksam ruhenden Jesuskindes in der Krippe?

 

-          Das Bild des Mannes, der am Kreuz mit unserem Leiden mitleidet?

 

-          Das Bild eines nicht mehr greifbaren auferstandenen Menschen, der das Leiden überwunden hat und Leben schenkt?

 

-          Das Bild des guten Hirten, der uns in seinen Armen hält?

 

-          Das Bild des Lehrers, der uns Menschen den Weg zu Gott weist?

 

-          Das Bild des Arztes, der Menschen Gesundheit schenkt, sie aufrichtet?

 

Vielleicht steht einmal dieses Bild – einmal jenes auf dem Altar deines Herzens? Vielleicht aber auch gar keins? Je mehr wir einen Menschen kennen, desto schwerer fällt es uns, uns ein Bild von ihm zu machen – und so greifen wir auf Fotos zurück, auf Momente, die den geliebten Menschen eingefangen, eingestarrt haben. Und so ist auch Jesus Christus nur schwer in seiner Gesamtheit zu fassen. Er ist in Bewegung, dynamisch, lebend. Er will nicht als Foto, als Statue, als Idol verehrt werden, sondern mit dem liebenden Herzen, das ihm nachfolgt, das durch Dick und Dünn mit ihm geht, das ihn mal als Finster, abwesend erfährt, aber auch gleichzeitig als licht, nah, voller Liebe. Er will durch ein liebendes Herz verehrt werden, das durch Jesu Lebendigkeit, stark, fröhlich und dankbar wird. Jesus Christus selbst hält in uns sein Bild von sich lebendig, er passt es unserem Leben an, das wir jeweils leben. Suchen wir Geborgenheit, finden wir uns in seinen Armen wieder, vielleicht als geborgenes Schäfchen. Suchen wir Wegweisung, finden wir ihn als Lehrer, als Weg weisender Gottes Sohn wieder. Suchen wir trotz all unserer Schuld Vergebung und Zuversicht, Hoffnung, dass es mit uns anders wird, sehen wir ihn als den, der für uns leidet. Packt uns das Grauen vor dem Tod, die Angst vor dem Nichts, erstrahlt er in unseren Herzen als der Auferstandene, der uns in seine Auferstehung mit hinein nimmt.

 

 

 

Wie heiligen wir den Herrn Jesus Christus im Herzen? Indem wir sein Bild, das er in unsere Herzen senkt, wahrnehmen, es betrachten, mit ihm leben. Wir heiligen ihn auch dadurch, dass wir sein Wort in unseren Herzen bewegen, wie es in der Weihnachtsgeschichte von Maria heißt, nachdem sie die herrliche Botschaft der Hirten vernommen hatte: Sie bewegte all die Worte in ihrem Herzen. Das bedeutet, dass wir über seine Worte nachdenken, sie quasi verspeisen, mit der Seele verspeisen, damit sie uns zur Nahrung werden, zu einer Nahrung, die durch das Leben trägt. Wir Menschen können mit unseren Ohren und Augen auch gierig Dinge in uns aufnehmen, nicht nur mit dem Mund, und so können wir auch ganz gierig seine Lebensworte in uns aufnehmen.

 

 

 

Wie heiligen wir den Herrn Jesus Christus? Paulus spricht davon, dass wir ohne Unterlass beten. Das heißt nun nicht, dass wir uns ständig hinsetzen und beten, sondern dass wir unser Innerstes nach Jesus Christus hin ausrichten. Vor allem die Ostkirche hat daraus das so genannte Herzensgebet entwickelt. Es ist ein Gebet, das Glaubende so oft sprechen, dass es Teil ihres Herzens und Lebens wird. Es bestimmt uns, auch wenn wir nicht daran denken – es bestimmt uns wie ein Ohrwurm. Das alte Herzensgebet der Kirche lautet:

 

 

 

Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner. Herr Jesus Christus, steh mir bei.

 

 

 

Wir können auch unser je ganz eigenes Herzensgebet entwickeln zum Beispiel:

 

 

 

Herr Jesus Christus, ich danke für deine Liebe.

 

 

 

So betet dann unser Herz dieses Gebet, auch wenn wir äußerlich anderes tun, aber durch ein solches Herzensgebet kann Jesus Christus unser Tun bestimmen.

 

 

 

Wie heiligen wir den Herrn Jesus im Herzen? Wer auch immer jetzt neben, vor und hinter Euch sitzt, der ist wie ihr Tempel Gottes, Heiligtum Jesu Christi. Er hat seinen Altar in seinem Innersten errichtet, Jesus Christus wird dort verehrt, ihm wird gesungen, es wird auf sein Wort gehört. Und den Menschen neben uns, der Tempel Gottes ist, den haben wir zu ehren. Aber nicht nur Menschen, die glauben, sind Tempel Jesu Christi. Jesus Christus erzählt in seinem berühmten Gleichnis:

 

 

 

Was ihr einem der Not Leidenden getan habt, das habt ihr mir getan.

 

 

 

Jesus Christus ist im anderen – und wehe dem, der dem anderen Leid zufügt, ihn schmäht, ihn fahrlässig verletzt – wer das tut, der verletzt Jesus Christus, der diesen Not leidenden Menschen zum Tempel erwählt hat, der tut Jesus Christus weh, dem weh, der in dessen Herzen, dessen Seele, in dessen innerstem Wesen wohnt. Und wer den anderen übergeht, über ihn seine Lieblosigkeit legt, ihn missachtet, der heiligt Jesus Christus nicht in seinem Herzen.

 

 

 

Doch wenn wir Jesus Christus im Herzen heiligen, dann hat das Folgen für unseren Alltag, wie unser Predigttext schreibt:

 

 

 

Endlich aber seid allesamt gleich gesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig.

 

Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen ererbt….

 

Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist, und das mit Sanftmut und Gottesfurcht, und habt ein gutes Gewissen,

 

 

 

Jesus Christus im Herzen heiligen bedeutet nun nicht nur, dass wir sorgfältiger, achtsamer mit anderen umgehen, sondern auch, dass wir vor dem Leiden, das andere uns zufügen können, nicht erschrecken müssen, dass wir ihr Drohen nicht fürchten müssen. Warum nicht? Weil wir den in unseren Herzen tragen, der unsere Kraft, unser Friede, unsere Stärke, unsere Freiheit und unsere Geborgenheit ist.

 

 

 

Wie auch immer Ihr Euch und Euer Leben seht, wenn ihr in den Spiegel schaut, vergesst eines nicht: Jesus Christus wohnt in eurem Innersten, in eurem Herzen.

 

Wie auch immer ihr Eure Seele anseht, ihre Größe und ihre Kleinheit, vergesst eines nicht: Jesus Christus wohnt in ihr.

 

Und was auch immer Euch in Zukunft geschehen wird: Schaut auf den, der in eurem Herzen wohnt und heiligt ihn:

 

Herr Jesus Christus, ich danke für deine Liebe.