Der für den Weltgebetstag für verfolgte Christen vorgeschlagene Predigttext steht im ersten Brief des Petrus im 4. Kapitel:

 

Ihr Lieben, lasst euch durch die Hitze nicht befremden, die euch widerfährt zu eurer Versuchung, als widerführe euch etwas Seltsames,13 sondern freut euch, dass ihr mit Christus leidet, damit ihr auch zur Zeit der Offenbarung seiner Herrlichkeit Freude und Wonne haben mögt. Selig seid ihr, wenn ihr geschmäht werdet um des Namens Christi willen, denn der Geist, der ein Geist der Herrlichkeit und Gottes ist, ruht auf euch.

Niemand aber unter euch leide als ein Mörder oder Dieb oder Übeltäter oder als einer, der in ein fremdes Amt greift.16 Leidet er aber als ein Christ, so schäme er sich nicht, sondern ehre Gott mit diesem Namen.

 

Soweit der Predigttext.

 

Was für eine Welt! In unserem Predigttext wird alles auf den Kopf gestellt! Ein Gott ist stark, wenn er die Seinen beschützt, ein Gott ist stark, wenn er die seinen im Kampf über alle Feinde siegen lässt! Das ist ein Gott, nach dem sich die Menschen sehnen, ein Gott, der alle Leiden nimmt, alle Ängste von den Seinen fern hält. Die Menschen der Götter konnten seit jeher ihren Gott besonders loben, wenn sie siegreich aus Schlachten heimgekehrt sind. Der Sieger-Gott – das ist ein Gott nach Menschens Geschmack!

 

Und was hören wir hier?

 

 

 

12 Ihr Lieben, lasst euch durch die Hitze nicht befremden, die euch widerfährt zu eurer Versuchung, als widerführe euch etwas Seltsames,13 sondern freut euch, dass ihr mit Christus leidet, .. .14 Selig seid ihr, wenn ihr geschmäht werdet um des Namens Christi willen, denn der Geist, der ein Geist der Herrlichkeit und Gottes ist, ruht auf euch.

 

 

 

Das hören wir auch als ein Wort Jesu im Matthäusevangelium:

 

 

 

10 Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich. 11 Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, wenn sie damit lügen.

 

 

 

Gott und Leiden passen zusammen! Jesus hat mit seiner Lehre diese Sicht betont – und er hat sie mit dem gewaltsamen Tod bestätigt: Menschen, die Leiden, gehören auch zu Gott. Man dachte vorher immer: Menschen, die leiden, seien von Gott verlassen! Nein! Wer Gottes Willen tut, der wird vom Leiden nicht verschont. Warum nicht? Das hängt mit unserem Gott zusammen: Er zwingt Menschen nicht seinen Willen auf. Menschen sollen sich freiwillig zu seinem Weg entscheiden. Und wie sein Wille aussieht, das macht er durch die Seinen den Menschen deutlich. Menschen, die zu Gott gehören, sind Wegweiser zu Gott, sind mit ihrem Leben Wegweiser. Doch viele Menschen mögen den Willen Gottes nicht. Und darum sind diejenigen, die nach Gottes Willen leben, die in seinem Auftrag unterwegs sind, ein ständiger Stein des Anstoßes. Und sie versuchen, sie zu beseitigen – sie glauben damit, auch Gott beseitigen zu können. Und wenn Menschen sich gewalttätig an diesen Wegweisern auslassen, weil sie ihre eigenen Irrwege lieben, auf ihren unmenschlichen Wegen verharren, dann lässt Gott sich nicht beirren: Er ruft, er ruft, er ruft. Sie können Gott und die Seinen nicht kleinkriegen. Wenn sie einen getötet haben, dann tritt ein nächster in die Fußstapfen. Wenn sie einen ins Gefängnis oder in Lager knechten, dann tritt ein anderer frei und öffentlich auf. Wenn sie einen zum Schweigen bringen wollen durch Spott und Hohn, dann tritt wieder eine auf und lässt sich nicht beirren. Gottes Stärke zeigt sich nicht darin, dass er seine Gegner niedermetzelt. Gottes stärke zeigt sich in seiner unbeirrbaren Zähigkeit. Und dem ist so, seit es die Kirche gibt. Erst töteten sie Jesus, um Gottes Botschaft zum Verstummen zu bringen – und zahlreiche machten weiter. Dann töteten sie Stephanus und Jakobus. Und noch mehr machten weiter. Dann warfen sie Christen, Männer, Frauen, Kinder den wilden Tieren vor und den Gladiatoren – und dennoch hatte der christliche Glaube das gesamte Römische Reich durchdrungen. Eine große Blutspur hinterlassen die Gottesgegner – aber Christen ließen sich nicht beirren und lassen sich nicht beirren. Das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche. Wenn eines Christen Blut vergossen wurde, wuchsen daraus zahlreiche neue Christen auf. Und so ist das bis heute.

 

 

 

Vor einem Jahr dachten wir schon an die verfolgten Christen. Was ist seitdem nicht schon wieder alles geschehen: Massaker an Kopten in Ägypten, zahlreiche christliche Mädchen wurden in Pakistan und vielen anderen Ländern entführt, zwangsislamisiert, wurden verheiratet. Einzelne sind wegen Lächerlichkeiten ins Gefängnis geworfen worden, mussten mitsamt den Familien fliehen, untertauchen. So vor kurzem die Familie eines achtjährigen Mädchens: Sie hatte in der Schule statt eines Lobpreises auf Mohammed, was naat heißt, lanat geschrieben. Das heißt Fluch. Was geschah: In Minuten war der Mob auf der Straße, das Mädchen wurde von der Schule verwiesen, die Familie musste Hals über Kopf untertauchen. Ich möchte nicht über all die Vergewaltigungen sprechen, die Frauen aufgrund ihres Glaubens erleiden müssen. Was hat sich noch getan? In Nigeria? Hunderte von Toten, massakriert, überfallen, bei Nacht und Nebel und am hellichten Tag. Was hat sich getan? In Eritrea, Christen über Christen werden verhaftet, in Nordkorea – überall da, wo man sich wundert, dass es überhaupt noch Christen gibt. Im Iran, in Myanmar, in Laos – wo man hinschaut werden die Menschenrechte von Christen mit Füßen getreten – wohlgemerkt auch von Staaten, die in der UN sind, Staaten, die die Menschenrechtscharta unterschrieben haben. Die Zahl 100.000, die für 2011 als Zahl der Märtyrer genannt wird, sie ist nur eine Zahl. Aber wer ein wenig die einzelnen Schicksale so gut es geht, verfolgt, mag verbittern. Er mag zynisch, sarkastisch und böse werden – vor allem, weil so viel verschwiegen, vertuscht, verharmlost wird, weil Opfer zu Tätern gemacht werden, wie jetzt wieder in Ägypten. Das Militär verübt ein Massaker an Kopten und Kopten werden dann angeklagt. Und dass man verbittern kann, das hat auch der Verfasser des Petrusbriefes im Blick, wenn er sagt:

 

 

 

12 Ihr Lieben, lasst euch durch die Hitze nicht befremden, die euch widerfährt.

 

 

 

Lasst euch nicht befremden – warum nicht, Petrus, warum nicht? Weil ihr in eurem Leiden mit Christus leidet. Weil der Geist der Herrlichkeit auf euch ruht, weil ihr eingehen werdet in die Gnade Gottes. Diese 100.000 Märtyrerinnen und Märtyrer stehen im Licht Gottes. Auch dann, wenn die Peiniger sich mit dem Schlachtruf eines Gottes oder einer Ideologie auf den Lippen auf sie werfen – diese Vertreter der Welt des Todes, der Finsterniswelt, der Dunkelheit können das Licht Gottes nicht auslöschen. Und auch aus dieser Finsterniswelt kommen einige ins Licht, wie jetzt bekannt wurde, wurde ein Hindu, der Christen verfolgt hat, Christ. Wir wissen das auch von Paulus: Einzelne Verfolger kehren um, werden neu, gelangen aus der Finsternis ins Licht. Und darum müssen sich Christen nicht von Peinigern und Verharmlosern einschüchtern lassen: Sie können auf Gott schauen, der seinen eigenartigen, befremdlichen Weg mit den Menschen geht. Wie Jesus Christus nach seiner Ermordung nicht aus der Weltgeschichte verschwunden ist, im Gegenteil das Licht der Welt geworden ist, so werden die Seinen auch nicht verschwinden, sondern Jesu Licht in der Welt wiederspiegeln, weil Jesus Christus selbst durch sie diesen eigenartigen Weg geht. Und der eigenartige Weg ist noch nicht zu Ende.

 

 

 

Nun, was geht uns das alles an? Wir werden nicht verfolgt. Nein, wir werden nicht verfolgt. Aber Christen wissen, dass schon immer Zeiten der Verfolgung von Zeiten der Ruhe abgelöst wurden und Zeiten der Ruhe von Zeiten der Verfolgung. So lange es Menschen gibt, wollen sie nichts von Gott hören. Sie stören sich an denen, die Gottes Licht hochhalten. Dieses Licht müssen sie zu zerstören suchen, koste es, was es wolle. In unserem Land – noch nicht so lange her: im Nationalsozialismus und Kommunismus. Und weil dem so ist, dürfen, ja müssen wir aus der Ruhe heraus, in der wir zurzeit leben, unsere leidenden Brüder und Schwestern in aller Welt unterstützen. Wir sind alle gemeinsam Kinder Gottes, wir sind in Jesus Christus ein einziger Leib. Und wenn ein Teil des Leibes leidet, so leiden alle. Und je mehr wir bewusst sind, dass wir mit Jesus Christus ein Leib sind, desto mehr leiden wir mit diesen Verfolgten.

 

 

 

Das gefühlvolle Mitleiden allein hilft freilich nicht – wir müssen ihnen auch unsere Hand geben:

 

Der erste Finger der Hand: Wir können für sie beten.

 

Der zweite Finger der Hand: Wir können sie wissen lassen, dass wir an sie denken und mit ihnen mitleiden, durch Briefe, durch Unterschriftensammlungen.

 

Der dritte Finger der Hand: Wir können die Informationen über ihr Leiden weitergeben.

 

Der vierte Finger der Hand: Wir können Organisationen Geld geben – sie setzen sich für die Verfolgten ein, indem sie sie heimlich stärken, indem sie sie zusammenführen, damit sie nicht denken, sie leiden allein. Es gibt sehr viele Kinder der Verfolgten, sie werden nicht allein gelassen, sondern in Schulen und Heimen betreut, ausgebildet, in der Gemeinschaft mit anderen, die so etwas auch durchgemacht haben, gestärkt. Mit den Geldern werden Radiosendungen produziert, die in diese Länder hinein senden und den Verfolgten sagen: Wir wissen um euch. Vielfach wird geholfen, öffentlich und heimlich. Überall. In Islamischen Staaten und in kommunistischen Staaten.

 

Der fünfte Finger der Hand: Wir können in den Organisationen mitarbeiten. Zum Beispiel wäre es schön, wenn jemand in unserer Gemeinde das Thema immer wieder in den Blick rücken würde.

 

 

 

Doch nicht allein wir unterstützen sie. Ihre Gebete für uns unterstützen uns; sie unterstützen uns dadurch, dass sie für unseren Glauben ihr Leben einsetzen – das macht unsere Kirche, die Gemeinde Gottes auf der Erde so einmalig. Ohne sie würde die Kirche Gottes nicht wachsen: Das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche.