Der für den heutigen Sonntag vorgeschlagene Predigttext steht im ersten Brief des Paulus an die Korinther im 9. Kapitel:

 

Wisst ihr nicht, dass die, die in der Kampfbahn, der Arena laufen, die laufen alle,

aber einer empfängt den Siegespreis?

Lauft so, dass ihr ihn erlangt.

Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge;

jene nun, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen,

wir aber einen unvergänglichen.

Ich aber laufe nicht aufs Ungewisse;

ich kämpfe mit der Faust, nicht wie einer, der in die Luft schlägt,

sondern ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn,

damit ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde.

 

Soweit Paulus. Der Mensch denkt immer etwas. Das menschliche Gehirn ist ständig am Arbeiten, am formulieren, am Bildersehen – und was ist, wenn man nichts Bestimmtes zu denken hat? Dann muss das Gehirn sich etwas ausdenken. Und darum dreht sich unser Denken so häufig um aktuelle Verletzungen durch andere Menschen – und wenn es diese nicht hat, werden alte Verletzungen ausgegraben und hin und hergewälzt. Wer seinem Gehirn etwas zu tun geben will, der rede über andere, denn dann hat man ja wieder etwas zu denken. Oder wir spielen mit unserem Hirn gerne das Befürchtungen-Spiel: Meine Güte, was denken wir uns nicht alles aus, was geschehen könnte – und dann bekommen wir vor der Zukunft furchtbare Angst. Kinder spielen: Monster sind im Zimmer – und sie rennen schreiend aus dem Zimmer, wagen sich wieder hinein, so geht das hin und her, bis sie das Zimmer aus lauter Angst vor Monstern nicht mehr betreten! So geht es uns mit unserer Zukunft: Wir malen uns die Monster aus, und bekommen große Angst vor den Zukunftsmonstern. Oder wir überlassen unser Gehirn anderen, indem wir Radios, Fernsehern, Computerspielen unser Leben bestimmen lassen. Wenn wir krank sind, dann kreist unser Gehirn, freudig, dass es wieder was hat, woran es sich festkrallen kann, um die Krankheit und macht uns so noch kränker.

 

Was machen Spitzensportler? Sie denken ununterbrochen an ihren Sport. Sie haben Trainer, die ihnen Übungen vorschreiben, damit sie dem Sieg näher kommen. Stundenlang trainieren sie ihren Körper. Tag für Tag. Sie trainieren nicht allein ihren Körper, sondern auch ihr Denken: Es kreist um ihren Sport. Und kommt ein besonderer Auftritt, dann bereiten sie sich mental auf das vor ihnen liegende Spiel vor. Sie denken nur an dieses Spiel, sie versuchen sich hineinzuversetzen, sich das Spiel mit seinen verschiedenen Fazetten im Voraus vorzustellen, um den anderen zu besiegen. Und das schlägt uns auch Paulus vor: Uns zu trainieren wie er sich selbst trainiert hat. Und darum nutzen wir diesen Gottesdienst, um uns vier christliche Trainingseinheiten anzusehen.

 

Die erste Trainingseinheit lautet für uns:

Diszipliniere das Gehirn, das immer herumdenkt.

Zunächst legen wir unser Denken in Gottes Hand. Das tun wir, indem wir es an seinem Wort, an der Bibel, trainieren. Wenn wir von Jesus und seinem Leben lesen, darüber nachdenken, dann bringen wir unser Denken Gott näher. Wir öffnen es für Gott, für seine Dimension. Wir kreisen nicht mehr nur um unser menschliches Leben, sondern die Seele erhält Zugang zur himmlischen Weite. Nicht die Krankheit steht im Zentrum unseres Gehirns, nicht die Verletzungen, die wir verübt haben und die andere uns zugefügt haben, nicht das plärrende, ballernde Computerspiel, das Fernsehlarifari: Nein, es wird an Gott gebunden. Und in dieser Bindung wird es frei, über Gott und die Welt nachzudenken. Und so lassen wir Gottes Licht, die Hoffnung, den Glauben und die Liebe in unser Denken rein!

Die erste Trainingseinheit lautet also: Gehirn, binde dich an Gott – und das mit Hilfe des biblischen Textes. Darum möchte ich ihrem Gehirn einen Bibeltextvorlegen, über das es ein paar Minuten nachdenken kann. Was bedeutet er für mein Leben? Was könnte er für mein Leben für eine Bedeutung haben? Gott redet zu uns in diesen Texten – und wir trainieren zu hören. Der Bibeltext:

 

Jesus Christus spricht: Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt.

 

Die zweite Trainingseinheit lautet:

Gehirn, binde dich an Gott über das Gebet.

Im Gebet übergebe ich Gott mein ununterbrochen aktives Gehirn. Er möge es befreien von all den Lasten, mit denen es sich unnötigerweise belastet, er möge es befreien von dem unnötigen Herumdenken, weil es Vernünftigeres nicht denken mag. In meinem ungeübten Gebet geht es zunächst einmal auch nur um mich selbst. Ich denke an mich, an das, was ich haben möchte, daran, wie es mir geht. Wenn ich mein Gebet langsam von mir befreie, dann sehe ich, dass auch andere ständig um sich selbst drehen, sich Schmerzen zufügen, ihre Krankheit durch ständiges Selbstdrehen verstärken. Sie können nicht mehr zuhören, wenn andere etwas sagen, weil das Gehirn so sehr mit sich selbst beschäftigt ist – sie verkrampfen sich in sich selbst, sie werden häufig lieblos, aggressiv, ängstlich und traurig. Gott, so beten wir: Nimm sie in deine Hand! Lass sie ihr kurzes Leben, das wir alle haben, doch nicht so verbittern! Komm in ihr Herz, befreie sie!

Und dann kommen wir im Gebet langsam zu Gott: Gott, wir wollen um Dich kreisen. Wenn unser Gehirn um Dich kreist, wird es heller, weil es ein paar Lichtstrahlen von Dir empfängt; es wird stärker, froher, freier, weil Du Freiraum gibst. Wir müssen nicht mehr ständig um irgendetwas Unangenehmes kreisen.

 

Und darum biete ich Ihrem Gehirn ein Gebet an, das diese Stadien durchläuft: Ich übergebe Gott mein stets denkendes Gehirn, ich übergebe andere Gott, ich leite mein Gehirn zu Gott. Und ich biete ihm ein Lied an, das sich in ihm festsetzen kann, um sich zu Gott hin wenden zu können.

 

Lied 464

 

Unsere dritte Trainigseinheit lautet:

Für Gottes Nähe empfänglich werden.

Schallwellen sind ständig um mich herum, ohne dass ich es merke, weil ich keinen Empfänger eingeschaltet habe; Elektro-Wellen sind ständig um mich herum, und ich sehe sie nicht, spüre sie nicht – so ist auch Gott ständig um mich herum. Er ist da, er ist nah, er ist anwesend, neben, in, über Dir. Wir brauchen seine Antenne, um Gottes Nähe zu spüren. Und so ist er auch hier und heute unter uns. Christus hat versprochen: Wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.

Seien wir ein paar Minuten still, leiten unsere Gedanken hin zu ihm, vielleicht spüren sie seine Anwesenheit.

 

Die vierte Trainingseinheit, auf die Paulus im Text zu sprechen kommt, hat die angesprochenen Trainingseinheiten zur Grundlage: Bibellesen, beten, sich Gott zuwenden. Paulus geht es nun darum, dass wir das im Glauben Erkannte auch umsetzen, indem man an sich selbst arbeitet. Niemand ist vollkommen. Das darf keine Ausrede sein, sondern ist Ansporn, den Glauben umzusetzen.

 

Das sind nur vier Trainingseinheiten. Wer trainiert, der ist nicht fertig. Man beginnt langsam aber stetig. Und man muss beginnen, man muss stetig trainieren, man muss sich letztendlich plagen: Gott kommt nicht per Knopfdruck. Das Gehirn, dass seit unserer Geburt auf Bilder, auf sich selbst, auf das Geschwätz geworfen ist, das lässt sich nicht so leicht in Gottes Richtung weisen. Stellen wir uns als Anfänger erst einmal ein kleines Trainingsprogramm auf. Das sieht so aus, dass ich ein paar Minuten am Tag eine Kerze anzünde, ein Kreuz danebenlege, dass ich dann nicht die alltäglichen Dinge in den Mittelpunkt des Denkens stelle, sondern einen Bibeltext, ein Gebet und Stille. Ich mache einen Minutenurlaub – und reise zu Gott. Im Mittelpunkt unseres Denkens soll der stehen, der uns nahe ist, der die Welt geschaffen hat und sie erhält. Machen wir das jeden Tag. Drei Wochen lang. Und dann steigern wir unser Trainingsprogramm. Ich habe dazu keine Zeit? Achten Sie mal darauf, was Sie in ihrem Alltag alles wichtiger nehmen als Gott. Ist dies und das wirklich wichtiger?

 

Halten wir das Trainingsprogramm durch, haben wir dann Gott? Nein. Gott lässt sich nicht durch Knopfdruck, auch nicht durch ständiges Ansprechen zwingen. Aber wir lernen, mit seiner Nähe zu rechnen. Wir werden hellhöriger für das, was er uns sagen will im Leben und durch das Leben. Gott wird uns eine neue Sichtweise schenken. Das wirklich Wichtige steht nun im Zentrum. Und dazu gehört es nicht, ständig um seine Verletzungen zu kreisen, um seine Gesundheit, um das Essen für den heutigen Tag usw. Gott selbst will in uns groß werden. Und wenn Gott in Menschen groß wird, können sie in schweren Zeiten Lichter in dieser Welt sein. Sie sind anders als all die Rumorigen und Großschwätzer. Das aber nur, weil Gott durch sie hindurchscheint. Oft wissen sie es selbst nicht und fühlen sich dunkel, müde, schwach. Aber Gottes Anwesenheit und Nähe ist nicht vom Gefühl abhängig, sondern von der Zusage: Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt.