Der für den heutigen Sonntag vorgeschlagene Predigttext steht im 2. Buch Mose im 19. Kapitel:

 

Am ersten Tag des dritten Monats nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, genau auf den Tag, kamen sie in die Wüste Sinai. Denn sie waren ausgezogen von Refidim und kamen in die Wüste Sinai und lagerten sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge. Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der HERR rief ihm vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen: Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst.

 

Soweit der Predigttext.

 

Als wir einmal in den Bergen wandern waren, blieben wir häufig stehen. Fast jede Blume wurde bestaunt, berochen, ins Herz genommen. Wir blieben stehen, um ins Tal zu schauen, die Bergspitzen zu bewundern – die am blauen Himmel dahinziehenden Wolken, die manchmal dicht und dunkel, manchmal schleierhaft leicht heraufzogen, wurden bestaunt. Steine und Steinchen wurden aufgehoben, die Maserungen besprochen, lustige Bilder in ihnen entdeckt – und während wir so alles ganz in uns aufnahmen, kam ein Wanderer, grüßte, raste vorbei. Langsam kamen wir immer höher – und lange bevor wir die Spitze erreicht hatten, kam uns der Wanderer schon wieder entgegen gerast. Grüßte und weiter ging es – schnell waren seine Schritte verklungen. Was auch immer den Wanderer angetrieben hat, er und wir sind mir ein Beispiel für das Leben geworden.

 

 

 

Vielfach rasen wir Menschen durch unser Leben, sind mit den Gedanken schon längst wieder woanders als der Körper, sind irgendwo in der Zukunft, rasen von einer Zeitverkürzung zur anderen durch Fernsehen und PC-Spiele – doch etwas fehlt: Die Dankbarkeit. Es fehlt das Innehalten, das Erinnern, das Staunen. Woran erinnern, worüber staunen? Über das, was Gott an uns getan hat. Wir flitzen über den Lebensweg – doch nur ein paar Dinge können uns für ganz kurze Zeit aufhalten: das Leiden, der Schmerz, dunkle, traurige Gedanken, Zurückweisungen, Versagen. Wir kreisen um sie, wenn es ganz schlimm kommt, fragen wir: Warum muss mir das alles geschehen? Unser Selbstwertgefühl leidet. Und wenn wir einmal kurz innehalten, dann schauen wir vielleicht auch auf den Zustand unserer Gesellschaft, auf das Chaos, das überall herrscht, das Durcheinander, das niemand zu bändigen vermag – wir runzeln unsere Stirn klagen und jammern in uns hinein oder mit anderen.

 

Doch warum all das? Es gibt doch eine ganz andere Lebensweise, eine Lebensweise, die immer mal wieder die Seele zur Ruhe kommen lässt. Wir halten an, schauen zurück auf das, was Gott uns im Leben gegeben hat, wir erinnern uns dankbar über Bewahrung, wir halten an, schauen dankbar auf das, was Gott uns jetzt im Augenblick gibt – wir lassen unsere Seele durchatmen angesichts all der Erlebnisse, die Gott uns gegeben hat und erleben ließ. Schöne Erlebnisse und dunkle Erlebnisse – ja auch für die dunklen Erlebnisse können wir dankbar sein, denn sie machten mich auch zu dem, der ich jetzt bin. Gerade in den dunklen Erlebnissen habe ich gelernt, welche Kraft in mir steckt, welche Kraft mir gegeben wurde, diese zu überstehen, zu überwinden, ohne dass sie mich nachhaltig zu Boden gedrückt hätten. Gott hat mich wieder aufgerichtet, den Kopf erhoben, die Beine gestärkt. Er hat mir in dunklen Stunden vielfach zur rechten Zeit Menschen zur Seite gestellt, die mich unterstützt haben. Gerade die Ereignisse, die mich zu Boden geworfen haben, sind es, die mein Jammern in ein Loblied verwandeln sollten: Obwohl ich zu Boden geworfen wurde: Ich stehe wieder aufrecht – ist das kein Grund zur Freude und Dankbarkeit?

 

 

 

Manche von uns Menschen haben es vollkommen verlernt, dankbar zu sein, sich auch dankbar zu erinnern, weil sie verlernt haben, das Gute zu sehen. Oder sogar: Wenn wir es sehen, dann interpretieren wir es zum Negativen um. Neulich hielt ein junger Mann einer älteren Frau die Tür auf. Statt sich zu bedanken, warf sie ihm die Worte zu: Warum wollen sie mich zum Rennen bringen? Ich bin alt und kann es nicht mehr. Verbitterung macht sich in Menschen breit, wenn die Seele nicht mehr das Gute wahrnimmt, wenn sie verlernt, dankbar zu sein. Manche Menschen wollen auch gar nicht mehr das Gute sehen und dankbar sein, weil sie sich im Trübsinn gut eingerichtet haben.

 

Wenn wir unseren Predigttext ansehen, dann wird genau diese selbstzerstörerische Haltung bekämpft. Israel ist in der Wüste. In der Wüste – der heißen Wüste, der Wüste ohne Leben, die Menschen erleiden eine Zeit des Hungers, Durstes, der Schmerzen, der Verlassenheit trotz vieler Menschen um sie herum. Klagen liegt nahe. Jammern liegt nahe. Und das Volk Israel, jeder Einzelne des Volkes hat ja recht, wenn es jammert und klagt, wenn es auf die Hitze schaut und auf die wunden Füße, wenn es darauf schaut, dass es doch eigentlich keine Hoffnung hat, weil es nur Wüste gibt – und nichts Grünes, kein lebendiges Wasser weit und breit in Sicht, kein Vogelgezwitscher. Es hat ja so Recht, und wir jammern und klagen wie das Volk in der Wüste in unseren Lebenswüsten. Und wir haben ja Recht damit. Und doch: Gott spricht zu Moses:

 

 

 

So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen: Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht.

 

 

 

Dankbares Erinnern ist die Botschaft! Du rastest nun, Volk Israel – und lass auch Deine Seele zur Ruhe kommen, besinne Dich auf das, was Gott Dir getan hat, erinnere Dich dankbar daran, dass ich Euch getragen habe, dass ich Euch zu mir gerufen habe.

 

 

 

Wir Menschen legen uns schon häufig selbst dadurch lahm, dass wir auf das sehen, was uns Schmerzen bereitet, dass wir das in den Mittelpunkt unseres Denkens stellen, was uns ärgert, die dunklen, zweifelnden Gedanken, das Kreisen um das, was in unserer Gesellschaft schief läuft. Das alles lähmt. Klagen und jammern, lähmt, macht kränker statt gesund, vertieft den Schmerz, statt ihn zu erleichtern. In dieses Gejammere hinein hat Moses im Auftrag Gottes eine ganz besondere Aufgabe zu erfüllen. Sag dem Volk, was ich an ihm getan habe – und erst dann, wenn es sich dankbar an mein Handeln erinnert, wenn es die großen, wunderbaren Taten bewusst wahrnimmt, dann kann es in eine helle Zukunft gehen, weil es in Herz und Seele selbst hell geworden ist. Es kann in eine heilige Zukunft gehen, weil es heilig ist und erkennt: Es gehört mir!

 

 

 

Und sich erinnern an die guten Taten Gottes an uns – trägt viel dazu bei, ein Mensch zu sein, wie Gott ihn will, ein heiliger Mensch. Das musste das Volk Israel immer wieder erfahren: Wenn es Gottes Handeln vergessen hat, dann wurde es mutlos, dann wurde es leichtsinnig, dann wurde es Opfer der vielen Feinde. Dankbares Erinnern ist die Grundlage für eine helle Zukunft des Volkes Israel. In der Geschichte der Christen wurde überwiegend die Gesetzlichkeit der Juden hervorgehoben. Hier sehen wir etwas anderes: Wenn einer den Willen Gottes tun möchte, wenn ein Mensch heilig sein möchte, dann geht dem die Dankbarkeit über Gottes Taten voran. Wenn es in unserem Leben anders werden soll, dann geht voran, dass wir das Gute, das Gott uns täglich schenkt, sehen lernen. Wenn es in unserer Gesellschaft besser werden soll, dann geht dem voran, dass wir das Gute, das Gott trotz aller Widerstände wirkt, wahrnehmen.

 

 

 

Und was ist in meinem Leben gut, mag Israel fragen, wenn ich in der Wüste leben muss? Was ist gut, mag ich fragen, wenn ich ständig Schmerzen vielerlei Art habe? Die Wissenschaft hat herausgefunden, dass der Mensch, der sich mit anderen vergleicht und sieht, dass es ihm doch besser geht als vielen anderen Menschen, dass es diesem Menschen auch gleich besser geht. Im Vergleich sieht man: Mir geht es doch gar nicht so schlecht. Da mag ein Körnchen Wahrheit dran sein – aber wir Christen stehen solchen Beobachtungen sehr skeptisch gegenüber. Wenn ich mir jedoch selbst in meinem Alltag immer mal einen kleinen oder großen Höhepunkt der Dankbarkeit setzen lerne – dann kümmere ich mich um das Erreichen dieses Zieles und ich merke: Mein Leben besteht nicht allein aus dem Schmerz, es beinhaltet auch viele kleine Lichter, für die ich dankbar sein kann. Der Schmerz mag zwar immer dabei sein – aber es gibt auch Erlebnisse, an denen ich ihn vergesse, an dem ich ihm zeige: Du begleitest mich im Leben – aber du bist nicht alles im Leben. Dankbare Erinnerung auch in dunklen Stunden hilft, dass ich ein Mensch werde, wie Gott ihn will, einer, der allen Schwierigkeiten zum Trotz fröhlicher, offener, dankbarer auch mit Menschen umgeht, der sie loben kann, sie selbst in ihrem Leben weiterbringen kann. Ich werde heilig – ein Mensch, der Gottes Willen tut.

 

Oder was die Gesellschaft betrifft: Habe ich schon einmal gesehen, wie viele Menschen sich für eine bessere Gesellschaft einsetzen? Straßenfeste, Selbsthilfegruppen, Reinigungstrupps, Künstler, Menschen, die sich für andere im unscheinbaren Alltag und weltweit einsetzen – das gab es in diesem Ausmaß in unserer Gesellschaft vorher kaum. Wir sehen, dass wir in einem Rechtssystem leben, auch wenn es nicht von der Fehlbarkeit des Menschen ausgenommen ist, wir sehen, dass Herrschende zur Verantwortung gezogen werden können, dass man gegen sie argumentieren kann, dass sie nicht willkürlich Menschenrechte einschränken können. Dafür können wir trotz aller dunklen Wolken sehr dankbar sein. Und dieses dankbare Beobachten hilft dazu, nicht alles so dunkel zu sehen, hilft, offener mit den Menschen umzugehen, mit ihrem Versagen und ihren Fehlern. Kurz: Ein Mensch, der sehen gelernt hat, was Gott ihm und seinen Mitmenschen alles schenkt, ein Mensch der dankbar geworden ist, wird wie das Volk Israel ein heiliger Mensch sein, ein Mensch, der sich riesig darüber freut, dass er zu Gott gehört. Dass er mit Gottes Kraft sich für das Gute, die Mitmenschlichkeit einsetzen kann. Israel wurde von Gott erwählt – und dieses Wissen darf es wie auf Adlerflügeln durch die Wüste tragen. Wir Christen wissen, dass Gott in Jesus Christus bei uns ist, dass wir ihm gehören, dass er uns liebt, dass wir mit ihm sprechen können, dass wir uns und andere Menschen ihm anbefehlen, in seine Hand legen können – und dieses Wissen kann auch uns durch dunkle Stunden tragen. Dankbarkeit ist auch das, was uns mit der Zukunft verbindet: Israel wird dankbar sein, wenn es das gelobte Land erreicht – Christen werden vollends dankbar sein, wenn sie Gott schauen werden.

 

 

 

Doch nicht immer ist Dankbarkeit, ist die dankbare Erinnerung möglich – wenn wir nicht heucheln wollen, wenn wir nicht Traumtänzer werden wollen. Dann sollten jedoch nicht die Trauer wachsen, die Traurigkeiten, die Sorgen – was wachsen sollte, das ist die Sehnsucht nach Gott, die Sehnsucht nach dem gelobten Land. Die Sehnsucht nach Gott in Zeiten der Not ist das große Geschenk Gottes für uns – bis die Sehnsucht in Zuversicht und Liebe zu Gott einmündet und in ihm ihre Ruhe findet.

 

Diese Sehnsucht weckt Jesus in uns. Sehnsucht nach Gott, der sich uns liebend zuwendet, nach Gott, der seine Herrschaft errichten wird. Aber diese Sehnsucht lässt nicht die Hände in den Schoß legen, sondern dankbar zurückschauen, sie lässt uns heilig werden, das heißt: sie lässt uns auf Gott schauend nach vorne blicken und liebend tätig sein.

 

 

 

Ihr habt gesehen,… wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.