(Erläuterung:

 

 Traditionell ist der 6. Sonntag nach Trinitatis dem Thema Taufe gewidmet. Es sieht auf den ersten Blick so aus, als habe meine Predigt nichts mit der Taufe zu tun. Doch nur auf den ersten Blick. Denn die Taufe bedeutet nicht nur mit Wasser für Gott und durch Gott gereinigt zu werden, sondern bedeutet aus christlicher Perspektive das Mitsterben mit Jesus Christus am Kreuz. Sie ist also ein ganz düsterer Akt: Wir sterben. Doch gleichzeitig ist dieses Sterben das Tor zum Leben. Sie ist das glücklichste, das wir Menschen erleben können. Das wird Thema der Predigt sein: In den schlimmsten Momenten des Lebens ist uns Gott am nächsten, ist uns ganz, ganz nah. )

 

Der für den heutigen Sonntag vorgeschlagene Predigttext steht im 5. Buch Mose, dem Buch Deuteronomium, im 7. Kapitel, die Verse 6-12.

 

Der Predigttext ist ein kleiner Abschnitt aus der großen Rede des Mose an sein Volk, in der er dem Volk Israel sagt, dass der große Gott einen Vertrag mit dem kleinen Volk schließen will. Der Vertrag besteht aus Erinnerungen daran, wie wunderbar Gott das mürrische Volk geleitet hat - durch schlimme Zeiten hindurch. Er besteht aus Zusagen, es weiterhin zu leiten und wie es sich für einen Vertrag gehört, er besteht aus Forderungen. Gott fordert die Einhaltung von Geboten, damit das Volk so lebt, wie Gott es möchte. Mit diesem Vertrag legt Gott den Samen, der sich dann über die ganze Menschheit ausbreitet. Er steht mit am Anfang unseres jüdischen und christlichen Glaubens, wir gehören zusammen, wir sind eine Pflanze Gottes.

 

Der Predigttext:

 

Denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat der HERR euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust. Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat.

 

 

Soweit der Predigttext.

 

Gott hat sein Volk, mit dem er den Vertrag geschlossen hat geliebt – und liebt es zu allen Zeiten. Doch worin zeigt sich Gottes Liebe?

 

·       Gottes Liebe zeigt sich darin, dass er die Welt erschuf, dass er ein Gegenüber wollte, das nicht er selbst ist. Er erschuf in uns Menschen ein Geschöpf, das frei ist und Verantwortung trägt.

 

·       Gottes Liebe zeigt sich in der Erwählung und Befreiung Israels durch Moses aus Ägypten, aus der Sklaverei.

 

·       Gottes Liebe zeigt sich darin, dass er die Menschen nicht allein lässt. Er zeigt uns Menschen, die wir unsere Freiheit missbrauchen und unverantwortlich leben, Wege zu einem guten Miteinander: Das zeigt er zum Beispiel an den zehn Geboten.

 

·       Gottes Liebe zeigt sich in Jesus Christus. In Jesus Christus ist Gott auf die Welt gekommen, um dem Menschen Wege zu einem guten Miteinander zu zeigen und ihm Vergebung anzubieten.

 

·       Gottes Liebe zeigt sich in seinem heiligen Geist, den er uns gibt, damit wir Gott und Gottes Willen in seinem Wort, die Bibel, erfahren.

 

·       Gottes Liebe zeigt sich darin, dass er uns Menschen ewig bei sich haben möchte. Das beweist er uns dadurch, dass er Jesus Christus aus den Toten holte. Wie Jesus Christus, wird er auch uns ewiges Leben schenken, weil er uns und die Welt vollenden möchte.

 

 

 

Gottes Liebesbewegung ist sehr vielfältig und schön. Sie begann mit der Erfahrung der Befreiung – der Befreiung des Volkes Israel aus Ägypten. Die Liebesbewegung Gottes ist jedoch nicht stehengeblieben, seit dieser Predigttext wohl ca. 500-600 Jahre vor Christi Geburt geschrieben wurde.

 

Diese Liebesbewegung, die mit der Erwählung des kleinen Volkes begonnen hat, spiegelt sich weiterhin in Jesus Christus: Die große Liebe Gottes zeigt sich darin, dass er sich in Jesus Christus den Menschen zuwendet. Dass er sich den Menschen besonders intensiv zuwendet, die ausgegrenzt, vernachlässigt, übergangen werden, die unter der Willkür der Starken zu leiden haben. Die große Liebe Gottes zeigt sich darin, dass er selbst für uns in Jesus Christus am Kreuz zur Vergebung der Sünden starb. Sie zeigt sich darin, dass er uns ewig – auch nach dem Tod – bei sich haben möchte.

 

 

 

Aber bleibt das nicht alles irgendwie in der Vergangenheit stehen? Erkennen wir auch Gottes Liebesbewegung in der Menschheits-Geschichte, wenn wir die schlimmen Seiten der Welt sehen? Die Grausamkeiten, die Menschen einander zufügen, die schlimmen Zeiten, die sie in Krankheiten und Zeiten der Not und Sorgen durchstehen müssen?

 

 

 

Es sind immer wieder gerade die dunklen Zeiten, die Menschen näher bringen zu Gott. Auch die dunklen Zeiten, die finstersten Zeiten, die das Volk durchleben musste, waren Zeiten, in denen es Gott besser kennen gelernt hat, sich selbst in der Beziehung zu Gott besser verstanden hat.

 

So musste es lange Zeit in der schlimmen Sklaverei Ägyptens leiden. Warum das Leiden in der Sklaverei in Ägypten? Damit das Volk Israel Gottes Kraft in der Befreiung kennen lernt. Und diese Erfahrung, dass Gott mächtig ist zu befreien, hat Menschen bis heute Ansporn gegeben, nicht zu verzagen, nicht aufzugeben, sondern weiter daran zu wirken, dass die Liebesbewegung Gottes Gerechtigkeit in der Welt durchsetzt, weil sie das Miteinander betont und nicht das Gegeneinander. Bis heute sind Christen ganz vorne dabei, gegen die Versklavung von Menschen durch andere Menschen zu kämpfen.

 

Warum musste das Volk gerade in der Wüste, am einsamen, kargen Ort, dem Ort der Entbehrungen diese Zusage Gottes hören? Damit es Vorbild wird für alle Glaubenden: In deinen Lebenswüsten, warte auf Gott, er ist mit seiner Liebe und seinen Anforderungen bei dir.

 

Warum musste das Volk Israel unter der grausamen Herrschaft der Babylonier leiden? Weil es als Volk den Bund gebrochen hat, den es mit Gott geschlossen hat und weil es Gott in dieser schlimmen Zeit besser kennenlernt – eben auch als den liebenden und erbarmenden Gott. Selbst in diesen Zeiten, in denen das Volk den Vertrag gebrochen hat und darum die Sanktionen ertragen muss, lässt Gott es nicht allein.

 

 

 

In diesen Zeiten, in denen das Volk wirklich nicht mehr die Liebesbewegungen Gottes erkennen kann, weil Menschen den Blick darauf verwehren, dann wird ihm gesagt: Nie sind wir Gott so nah wie in den Zeiten, in denen wir meinen, Gott sei ganz weit weg.

 

 

 

So hat in geschichtlich einer der dunkelsten Zeiten des Volkes Israel ein Mensch Gott erkannt. Unser Predigttext wurde in einer Zeit geschrieben, als das Volk Israel im Exil lebte, in Babylon. Der Tempel war zerstört, Jerusalem, die Stadt Davids war zerstört. Es gab keine Hoffnung. Im Gegenteil: Das Volk war wieder versklavt, es war fremd, es war der Willkür der Herrscher und der herrschenden heidnischen Bevölkerung ausgeliefert. Kinder starben ausgemergelt, Männer und Frauen ebenso, andere wurden sexuell ausgebeutet, wieder andere waren Sklaven der Geldgier der babylonischen Herren. Und in diese Zeit hinein schreibt unser Autor den Predigttext:

 

 

 

Denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat.

 

 

 

Gottes Liebe in einer Zeit zu sehen, die finster ist, zu sehen, dass Gott uns erwählt hat, das in einer Zeit zu erkennen, in der Fremde uns quälen und uns die Freiheit rauben, in einer Zeit, in der sehr viele des Volkes ermordet wurden und qualvoll an Hunger und Durst und Gewalteinwirkungen starben – in so einer Zeit davon zu reden, dass Gott das Volk aus Liebe erwählt hat – was für ein Hohn? Nein, wie sich herausgestellt hat: Was für ein großer Glaube! Was für eine tiefe Sicht in Gottes Handeln, der trotz aller schlimmen Erlebnisse seiner Kinder wunderbar handelt – was für eine Liebe zu Gott! In einer Zeit, in der Menschen sehr schlimm handeln, zu sagen: Handelt gut, handelt nach Gottes Willen, denn Gott achtet darauf, dass ihr auch in diesen finsteren Zeiten so handelt, wie es ihm gefällt! Was für ein Mut und was für eine Zuversicht muss dahinter stecken.

 

 

 

In der Zeit der grausamen babylonischen Herrschaft wurde von einem weiteren großen Theologen und somit Wissenschaftler der damaligen Zeit die Schöpfungsgeschichte geschrieben: Gott erschuf die Welt – und er sah: dass es gut war. Ganz oft wird in diesem Schöpfungslied im ersten Buch Mose gesagt: Und Gott sah - es war gut. Warum wird das in diesen grausamen Zeiten in Babylon betont? Israel erkannte: Auch wenn die Zeiten noch so wirr und irr sind, grausam und barbarisch: Die Grundlage der Schöpfung ist gut. Der Grundton der Schöpfung ist gut, weil es Gottes Grundton ist. Das können selbst die schlimmsten Barbaren nicht ändern, die ärgsten Tyrannen nicht, die hinterhältigsten Mitmenschen, die schlimmsten Erlebnisse, seien es Krankheiten, sei es Sterben, seien es Schwächen jeglicher Art. Gott ist Herr seiner Schöpfung – und sie ist und bleibt in ihrem Grund gut. Das kann niemand ändern. So groß und mächtig ist kein Mensch, dass er das könnte. Aber wir Menschen können an Gottes Taten anknüpfen und das Lied der Liebe Gottes singen – auch wenn uns gar nicht zum Singen zumute ist.

 

 

 

Das muss dem Volk Israel immer wieder gesagt werden, das muss uns immer wieder gesagt werden: Wir müssen es uns sagen lassen, damit wir Hoffnung schöpfen können, damit wir durchhalten, damit wir Kraft bekommen. Nicht nur darin sind wir Christen mit dem Volk Israel eine Einheit:

 

Gerade schwere und dunkle Zeiten ermöglichen es uns, dass wir uns stärker an Gott binden, dass wir uns in seiner Liebe bergen. Und so hat Israel - wie auch wir es in unserem Leben erleben können - immer wieder erfahren: schwere Zeiten waren der Anfang einer neuen Begegnung mit Gottes Liebe und der Wahrnehmung der Liebe Gottes. Auch wenn man das im Augenblick des Leidens nur selten erkennen und wirklich von Herzen nachvollziehen kann.

 

Durch den Geist Gottes können wir es uns als Getaufte von Gott selbst immer wieder sagen lassen: Gott ist Herr der Geschichte, Gott ist Herr unseres Lebens, auch wenn wir es nicht immer erkennen können. Denn der Geist Gottes ist die Kraft Gottes in den großen Theologen zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft, er ist die große Kraft Gottes uns, die uns immer wieder trotz Müdigkeit, Schmerzen, Sorgen und Ängste aufrichtet. Der Geist Gottes ist die Nähe Gottes in uns, der uns immer wieder Gottesgewissheit ahnen lässt.

 

Und so können wir uns hineinnehmen lassen in die wunderbare Liebesbewegung Gottes zur Welt, die mit der Erwählung Israels begonnen hat und dem Angebot an die Welt, in der Erwählung Israels und der Vergegenwärtigung in Jesus Christus Gottes Liebesbewegung zu erkennen.

 

In diese Liebesbewegung hineingenommen zu sein bedeutet, nach dem Willen Gottes zu leben. So können wir uns in die große Liebesbewegung Gottes zur Welt hineinnehmen lassen. Warum sollten wir es nicht wollen?