Der für den heutigen Tag vorgeschlagene Predigttext steht im Buch des Propheten Amos im 5. Kapitel:

 

 

Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen.

 

Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen.

 

Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!

 

Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

 

Soweit der Predigttext. Amos ist der Löwe unter den Propheten, ein laut brüllender Löwe hinein in die Dunkelheit, in die Unmenschlichkeit seiner Zeit. Kurze Zeit nur, brüllt er mit Gottes Stimme, dann verstummt er, aber sein Gebrüll hallt durch die Zeiten bis heute.

 

Das Buch beginnt:

 

 

Der HERR wird aus Zion brüllen und seine Stimme aus Jerusalem hören lassen, dass die Auen der Hirten vertrocknen werden und der Berg Karmel oben verdorren wird.

 

 

 

Warum brüllt Amos im Auftrag Gottes wie ein Löwe? Amos war ein Schafhirte und Maulbeerbaumzüchter. Er war bei seinen Feldern – und dann rief ihn vor ca. 2800 Jahren Gott. Gott gab ihm den Auftrag: Geh hin und sage den Oberen und den Herrschern, was sie Übles tun. Und Gott gefiel vieles nicht: Menschen, die sich verschuldeten, wurden in die Sklaverei verkauft, schon dann, wenn sie ein paar Schuhe nicht bezahlen konnten, die Reichen Pfänden Gegenstände und leben gut von dem, was sie den Armen geraubt haben, dem Schwachen helfen sie nicht, Starke sind gewalttätig und rauben Schwächere aus, es herrschen Rechtlosigkeit und Ungerechtigkeit, Richter sind bestechlich, sie gehen allesamt zu Prostituierten, haben im Tempel Gelage, brechen Versprechen, verbieten den Propheten, Gottes Wort weiterzusagen. Auch die Frauen können sich nicht herausreden, denn sie sind Nutznießerinnen und sogar die treibende Kraft hinter dieser Ungerechtigkeit, die die Männer verüben – und zu alledem ist die Elite so arrogant und hochmütig, dass sie meint, es werde mit ihren Untaten immer so weiter gehen. Sie singen Gott ein paar Lieder im Tempel, bringen viele Opfer, um Gott gnädig zu stimmen, um ihn zu bestechen – doch Gott lässt sich nicht bestechen. Wenn die Elite nicht umkehrt, wenn nicht wieder Recht und Gerechtigkeit eingeführt werden, wenn nicht wieder die Reichen für die Armen und die Starken für die Schwachen sorgen werden – dann wird Gott über das Volk kommen wie ein Schwarm Heuschrecken – und alles, was mit Mühe und Unrecht aufgebaut wurde, vernichten.

 

 

 

Der Löwe Amos brüllt mit Gottes Stimme in die Weltgeschichte hinein. Gott will Recht und Gerechtigkeit, Gott will, dass allen Menschen geholfen werde! Die Oberen des Volkes konnten Amos Gebrüll nicht ertragen. Es ging ihnen ja gut. Und sie schickten Amos weg. Amos ging. Vielleicht wieder zu seinen Herden zurück und zu seinen Maulbeerbäumen. Aber das, was er vor 2800 Jahren gebrüllt hat wie ein Löwe, das hat gesessen. Zum ersten Mal, soweit wir wissen, ist mit solch einer Vehemenz, solch einer Größe ein Angriff auf die Mächtigen, Starken, Ungerechten gestartet worden. Die Herrscher sahen sich als solche an, die von den Göttern eingesetzt waren, die Menschen, die reich geworden sind, sahen es als ihr Recht an, von den anderen zu leben, dass die anderen dazu da sind, ihnen ihren Reichtum zu erarbeiten. Doch Gott brüllt durch Amos: Das ist gottlos! Wer den Menschen missachtet, missachtet Gott! Und wer Gott missachtet, der muss mit harten Konsequenzen rechnen. Und diese Stimme rumort durch die Jahrhunderte hindurch. Seitdem wissen Ausgebeutete: Gott ist mit uns. Seitdem wissen Ausbeuter: Wir handeln gegen Gott, wir sind gottlos. Das hat sie nicht gestört, gottlos zu handeln, aber seitdem stehen sie unter dem Schwert des Gottesgerichts. Sie können sich nicht mehr darauf berufen und sagen: Das haben wir nicht gewusst. Seit Amos brüllte, rennen Ungerechte in ihr Verderben. Und es gab viele in der Christenheit, die das nicht hören wollten. Gott hat in unserer neueren Zeit Menschen auf den Plan gerufen, das wieder bewusst zu machen. Karl Marx ist ein solcher. Oder andere Menschen, die sich in den Gewerkschaften engagierten sind solche Menschen, oder die Arbeiterpriester, die der brüllende Löwe Amos aufgeweckt hat. Dass nach dem Aufwachen der ausgebeuteten Schichten wieder neue Ungerechtigkeiten geübt wurden, schmälert nicht das große Verdienst dieser engagierten Menschen.

 

Und all diese Menschen haben ein großes menschliches Ziel vor Augen: die Gerechtigkeit. Auch im Buch des Amos finden wir eine große hoffnungsfrohe Erwartung:

 

 

 

Zur selben Zeit will ich – sagt Gott – die zerfallene Hütte Davids wieder aufrichten und ihre Risse vermauern und, was abgebrochen ist, wieder aufrichten.

 

 

 

Und so baute Gott die Hütte Davids in Jesus Christus auf und der brüllende Löwe Amos hat für uns somit noch eine größere Bedeutung bekommen, weil Jesus Christus ihn bestätigt hat.

 

Ihr kennt das Gleichnis vom armen Lazarus:

 

 

 

Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. Es war aber ein Armer mit Namen Lazarus, der lag vor seiner Tür voll von Geschwüren und begehrte sich zu sättigen mit dem, was von des Reichen Tisch fiel; dazu kamen auch die Hunde und leckten seine Geschwüre. Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben. Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. Und er rief: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und mir die Zunge kühle; denn ich leide Pein in diesen Flammen. Abraham aber sprach: Gedenke, Sohn, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet und du wirst gepeinigt. Und überdies besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüberwill, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber. Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus; denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual. Abraham sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören. Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun. Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.

 

 

 

Soweit das Gleichnis. Dieser eine Satz ist uns nun wichtig: Sie haben Moses und die Propheten. Sie haben somit auch Amos, der sie mahnt, anders zu leben. Und diesem brüllenden Löwen ist zuzuhören, denn er brüllt mit der Stimme Gottes. Und auch wir Christen können somit nicht an Amos vorbei kommen.

 

Doch was können wir tun? Zunächst einmal empfindsam bleiben: Wo geschehen Ungerechtigkeiten in meinem Umfeld? Wo habe ich Teil an Ungerechtigkeiten in der Welt? Jesus sagt in einem anderen Gleichnis: Was ihr einem meiner geringsten Geschwister getan habt, das habt ihr mir getan: Hungrige gespeist, Durstigen zu trinken gegeben, Nackte bekleidet, Gefangene und Kranke besucht. Sich informieren, ist sehr wichtig. Gruppen, die sich für andere engagieren, unterstützen mit Kraft, Zeit oder Geld, Gruppen, die sich gegen Ungerechtigkeiten einsetzen, das ist sehr wichtig. Denn christliche Lieder singen und Predigten anhören ist sinnlos, wenn nicht das geschieht, was Gott durch Amos ruft: Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

 

 

 

Das ist das Eine. Wir können aber als Kinder Gottes, die wir sind, mehr tun. In einem Segen heißt es:

 

Ich wünsche Segen Euch,

 

die Ihr das Dunkle heller macht,

 

die Ihr das Grau mit Bunt durchdringt,

 

die Ihr den Mief mit Duft vertreibt,

 

die Ihr das Schrille zur Ruhe bringt,

 

und Wärme in Kälte gebracht,

 

ich wünsche Segen Euch von dem, der allein segnen kann: Gott in Jesus Christus.

 

 

 

Wir können so viel tun, damit es in unserem Umfeld besser wird, damit die Menschen merken: Du bist ein Kind Gottes.

 

Streit verstummt – Freundlichkeit verbreitet sich, Kälte entschwindet den Herzen und Gedanken, die Wärme Gottes kommt mit Dir unter die Menschen;

 

die Finsternis der Missgunst, des Getratsches, des Neides flieht vor Deinem Licht;

 

das Graue des täglichen Einerleis und der Klagerei wird durch das Bunte deines fröhlichen Glaubens vertrieben;

 

der schrille Zorn, die hysterischen Ängste haben keinen Raum mehr, wenn Gott mit Dir ganz gelassen und ruhig – oder als brüllender Löwe – unter die Menschen tritt.

 

Der Mief der Einsamkeit, des Egoismus weicht, wenn der wunderbare Duft Gottes in die Herzen dringt.

 

Und überall da, wo Freundlichkeit, Wärme, Licht, Gelassenheit, Ehrlichkeit und tapferes Eintreten für Gerechtigkeit das Umfeld beherrschen, da hat Ungerechtigkeit, hat Unmenschlichkeit keinen Raum mehr. Da sehen wir dann, wo Not herrscht und wo wir helfen müssen, da werden wir empfindsam für das, was andere quält, da setzen wir uns mit allen Fasern unseres Lebens für die Menschlichkeit ein – gegen alle Ideologie, gegen alles Trennende, gegen alle Mauern, die wir Menschen so gerne errichten. Podeste, auf die wir Menschen uns so gerne Stellen, zerfallen – und die in Liebe gereichte Hand wirkt Wunder. Wir sind Kinder Gottes, des Gottes, der durch Amos angesichts all des Unrechts und der Untaten aufgebrüllt hat, des Gottes, der in Jesus Christus uns Menschen die Hand reicht, damit wir die Welt im Sinne Gottes besser machen. Und sei es durch unser Gebet. Jeder kann dazu beitragen, dass die Welt dunkel bleibt – aber auch dazu, dass sie heller wird. Aber die Welt wird nicht heller, wenn man finster denkt, sondern nur mit einem Loblied Gottes im Herzen, denn Gott ist und bleibt der Herr der Geschichte.

 

Doch manchmal – manchmal müssen wir auch angesichts der Ungerechtigkeit brüllen wie ein Löwe. Wenn Gott durch uns brüllt.

 

 

 

Gott helfe uns, in seinem Sinne zu leben.