Vorläufig

 

Der für den heutigen Sonntag vorgeschlagene Predigttext steht in der Apostelgeschichte 16,11-15:

 

Und Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: Ein Mann aus Makedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Makedonien und hilf uns! Als er aber die Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Makedonien zu reisen, gewiss, dass uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen. Da fuhren wir von Troas ab und kamen geradewegs nach Samothrake, am nächsten Tag nach Neapolis und von da nach Philippi, das ist eine Stadt des ersten Bezirks von Makedonien, eine römische Kolonie. Wir blieben aber einige Tage in dieser Stadt. Am Sabbattag gingen wir hinaus vor das Stadttor an den Fluss, wo wir dachten, dass man zu beten pflegte, und wir setzten uns und redeten mit den Frauen, die dort zusammenkamen. Und eine Frau mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, eine Gottesfürchtige, hörte zu; der tat der Herr das Herz auf, sodass sie darauf achthatte, was von Paulus geredet wurde. Als sie aber mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns.

 

Soweit der Predigttext.

In der Apokalypse des Johannes finden wir den folgenden Text:

Und es erschien ein großes Zeichen im Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen. (Apk 12,1)

 

Erkennen Sie etwas wieder? 12 gelbe Sterne auf blauem Untergrund – Himmel? Ja, die Europa-Flagge. Es gibt unterschiedliche Vermutungen, wie es zu dieser Flagge kam. Sicher ist aber: Die Sterne um das Haupt der Frau ist ein altes christliches Motiv, auch in der Kunst: Marias Haupt wird mit einem Sternenkranz von 12 Sternen umkränzt, zudem soll eine Maria-Statue das Vorbild gewesen sein. Beschlossen wurde das Aussehen der Europaflagge am 8.12.1955 – der Tag, an der in der katholischen Kirche der „Empfängnis Mariä“ gedacht wird – beschlossen. Europa – Europa und seine christliche Tradition. Was wäre Europa ohne unseren christlichen Glauben heute? Wir wissen es nicht. Wir wissen aber, was aus Europa im Laufe der letzten zwei Jahrtausende geworden ist – mit Hilfe des christlichen Glaubens. Und selbst, wenn man den christlichen Glauben bekämpft, tut man es auf der Grundlage, die der christliche Glaube gelegt hat. Immer wieder haben Christen selbst das Wort Gottes verdunkelt, mit Füßen getreten – immer wieder hat sich jedoch das Wort Jesu aus dem Sumpf, in das viele Christen Jesus getreten haben, befreit. Wenn wir Europa mit den Kulturen anderer Länder vergleichen, die Besonderheiten sehen – die aber immer wieder neu erkämpft werden müssen –, dann erkennen wir zahlreiche Sterne, die in der Finsternis der Menschheitsgeschichte aufleuchten:

- Gleichberechtigung von Mann und Frau, in Jesus verankert,

- In Jesus und der frühen Gemeinde sind ebenso verankert:

- Soziale Gerechtigkeit

- Nächstenliebe

- Ablehnung der Sklaverei

- Befreiung von ängstigenden Mächten und Göttern

- Bildung für alle

- Grundlage für Naturwissenschaften

- Zuflucht zu Gott, dem liebenden Vater

- Gemeinschaft.

All diese Punkte müssten natürlich genauer dargelegt werden, auch mit Blick darauf, dass das Christentum selbst immer wieder den Glanz der Sterne verdunkelt hat. Aber diese Aspekte finden wir in Jesu Christi Worte grundgelegt, finden wir, wenn wir aus der Perspektive Jesu das Alte Testament lesen. Wir müssten genauer darlegen, dass es gerade Kirchenkritiker waren, die die Christen auch immer wieder auf Worte Jesu zurückgeführt haben. Wir haben gemeinsam an unserem Europa gebaut, haben es zerstört, haben es wieder aufgebaut, weitergeführt.

Europa, ein kleines Zipfelchen am riesigen Asien. Europa – das Wort bedeutet möglicherweise: Abendland, Westen, wurde zuerst im 5. Jahrhundert vor Christus so genannt, vom Schriftsteller Herodot. Abendland, das Land des Abends. Sternenlicht des christlichen Glaubens leuchtet immer wieder in ihm auf, prägt es, führt es weiter.

 

Und all das begann mit dem Apostel Paulus und einer Frau, der Frau mit Namen Lydia. Neben und vor Paulus waren viele unbekannte Christen in Europa am Werk, verkündeten die Auferstehung Jesu, lebten in Liebe. An dieser kleinen Geschichte unseres Predigttextes wird der Beginn der Christenheit in Europa deutlich gemacht.

 

Paulus verkündete im Gebiet der heutigen Türkei, damals Galatien, zum römischen Reich gehörend. Er reiste hierhin, dorthin, ein wenig durcheinander, bis ihm im Traum ein Mann erschien, der sagte:

Komm herüber nach Makedonien und hilf uns!

Gott redet durch Träume zu Menschen. Das war nicht nur in der Weihnachtsgeschichte so, in der dem Josef im Traum ein Engel erschien – das war allgemein übliche Sicht – und ist auch heute noch häufig so: Gott spricht zu Glaubenden auch im Traum. Und so sprach Gott durch den Traum durch einen rufenden Mann zu Paulus. Sofort machten sich Paulus und sein Begleiter auf den Weg und fuhren hinüber nach Makedonien – also nach Europa. In Philippi gingen Paulus und sein Begleiter an einem Sabbat vor die Stadtmauern, um an einem jüdischen Gottesdienst teilzunehmen. Daran erkennen wir: Philippi war eine römische Stadt, in der es nur wenig Juden gab, so wenig, dass sie keine Synagoge gebaut hatten. Vor der Stadt trafen sie aber beim Gottesdienst keinen rufenden Mann an, sondern allein Frauen. Wahrscheinlich waren es Frauen, die die gottesfürchtige Lydia um sich gesammelt hatte, um mit ihnen den jüdischen Glauben zu feiern, so gut sie es konnten. Dann kamen Paulus und sein Begleiter mit dem Glauben an Jesus Christus im Gepäck – es änderte sich alles im Leben der Lydia, womöglich auch der anderen Frauen – und es änderte sich alles in Europa.

 

Lydia, eine äußerst reiche Frau. Eine Purpurhändlerin. 1 Gramm Purpur kostet heute 2524 Euro. Auch damals wird es nicht billig gewesen sein. Diese reiche Frau hat einen neuen Sinn, einen Halt in ihrem Leben gefunden. Paulus sprach mit den Frauen über den Glauben, und:

Der Herr tat Lydia das Herz auf,

sie öffnete ihre Ohren für das Evangelium, für die frohe Botschaft,

sie öffnete die Tür ihres Hauses.

Dadurch tat der Herr weitere Herzen auf,

weitere Ohren öffneten sich für die Freude des Lebens,

auch sie öffneten dann die Türen ihres Hauses den Menschen,

regten ihre Hände zum Wohl der Menschen.

So geht es weiter – bis in die Gegenwart:

Der Herr öffnet die Herzen von Menschen,

Menschen öffnen ihre Ohren für Jesus Christus,

nehmen ihn an und öffnen die Türen für andere Menschen.

 

Lydia war die erste Frau, der erste Mensch, der in Europa getauft worden war. Die dann entstehende Gemeinde war die Lieblingsgemeinde des Apostels Paulus. Ihr verdanken wir den wunderschönen Brief an die Gemeinde in Philippi.

 

Aus diesem kleinen Anfang, den Gott selbst durch den Traum des Paulus legte, breitete sich der Glaube an die Auferstehung Jesu Christi, der Glaube an die Gegenwart Gottes in Europa aus. Dieser Glaube hatte soziale Bedeutung: Man kümmerte sich um Hungernde, nahm Kinder auf, die ausgestoßen waren, Frauen wurden frei, sie selbst zu sein, Sklaven fühlten sich in den Gemeinden aufgenommen und zu Hause, sie prägten auch die Gemeinde als Leiter selbst. Warum Sklaven? Sie wurden in der christlichen Gemeinde als Menschen anerkannt, als vollwertige Menschen, als Ebenbilder Gottes, geliebt von Gott. Paulus schreibt im Galaterbrief:

Hier ist kein Jude noch Grieche,

hier ist kein Sklave noch Herr,

hier ist kein Mann noch Weib;

denn ihr seid allzumal einer in Christo Jesu.

Dieser Satz, der eine ungeheure Sprengkraft in sich birgt, dessen Sprengkraft auch viele mächtige Christen im Laufe der Kirchengeschichte zu zähmen versuchten, der bis heute noch nicht verwirklicht ist, dieser Satz allein zeigt schon, was der christliche Glaube Europa bringt: Menschenrechte. So wurden im Gefolge des Christentums Krankenhäuser gegründet, Armenspeisungen durchgeführt. Menschen erfahren nicht nur im Leben soziale Zuwendung, sondern auch die Zuwendung Gottes: Jesus Christus lebt! Er lebt in euch, er befreit vom Tod. Wer frei ist von der Angst des Todes, der ist frei, Gutes zu tun, frei, nicht auf sich und sein kurzes Leben zu schauen, er ist frei, zu helfen, zu dienen, frei, in Gottes Willen zu leben.

 

Es hat sich viel getan in Europa, seit es vom Christentum durchdrungen wurde. Aber darauf darf man sich nicht ausruhen. Heute sieht es so aus, als würde das Christentum auswandern – überall in der Welt leuchten jetzt die Sterne des Glaubens – und Europa ist wieder dabei, die Sterne des Glaubens verfinstern zu lassen, wie schon so oft in seiner 2000jährigen Geschichte.

Man sagt: Ich brauche Gott nicht, ich bin selbst aus mir heraus groß und bedeutsam, ich rette die Welt mit meinen Ideen. Man lebt ohne Gott ganz gut, bis man merkt, dass es nicht mehr gut ist, sondern die Finsternis und das Taumeln durch die Dunkelheit ganz deutlich wird. Und so versucht man auch die 12 Sterne um Marias Haupt ganz unchristlich zu interpretieren: als Tierkreiszeichen, 12 als Zahl der Vollkommenheit, als Zahl für die Monate usw. usw usw – nur um nicht die christliche Tradition in den Blick kommen zu lassen. Diese Interpretationen machen zwar allesamt keinen Sinn, was hat Europa mit 12 Tierkreiszeichen zu tun, sie sind an den Haaren herbeigezogen – aber partout nicht christlich. Man will säkular, atheistisch und religionskritisch, lieber heidnisch sein, darum weist man Christliches weit von sich. Vielleicht hat Europa seine Aufgabe in der Geschichte getan, indem es den Glauben in alle Welt hinausgebracht hat und wird nun selbst in Finsternis des Geistes verlöschen. Denn überall in der Welt kommen Menschen in Scharen zu Jesus Christus, zur Freiheit, zum Leben, zur Liebe. Vielleicht wird es dann so sein, dass irgendwann wieder eine Lydia da ist, mit der der Glaube in Europa beginnen wird, sich ausbreiten wird, angesprochen von einem Missionar aus Afrika, Asien oder Südamerika. Ohne viel Gedöns und Aufregung, einfach dadurch, dass man von Mensch zu Mensch sagt: Weißt du? Jesus lebt! Und das macht dann die Menschen glücklich, lässt sie Gott danken und mit guten Worten und hilfreichen Taten Wirklichkeit werden. Vielleicht.

 

Aber: Noch ist es lange nicht soweit. Warum? Wir sind noch da. Die vielen Glaubenden im Land, die sich nicht hinausdrängen lassen, sondern ihren Glauben munter leben. Wir. Auch Du und ich. Menschen, denen Gott das Herz geöffnet hat für die frohe Botschaft. Paulus nennt Glaubende im Philipperbrief: Lichter, Sterne in der Welt. Gott gebe es, dass wir es sind.

Amen.