Der Predigttext, der für den heutigen Sonntag vorgeschlagen wurde, steht im Brief an die Epheser im 4. Kapitel:

 

 

 

So ermahne ich euch nun, ich, der Gefangene in dem Herrn, dass ihr der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen seid,

 

in aller Demut und Sanftmut, in Geduld. Ertragt einer den andern in Liebe und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens:

 

"ein" Leib und "ein" Geist, wie ihr auch berufen seid zu "einer" Hoffnung eurer Berufung;  "ein" Herr, "ein" Glaube, "eine" Taufe;

 

"ein" Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.

 

 

 

Soweit der Predigttext.

 

Christen wurden berufen. Christen wurden von Jesus Christus berufen. Berufungen bringen es mit sich, dass man sich entsprechend verhält, wie es der Berufende verlangt. Und hier wird genau beschrieben – eine Art Dienstanweisung – was Gott verlangt: Demut, Sanftmut, Geduld, Liebe – kurz: alles dazu zu tun, dass die Einheit der Gemeinde, die Gemeinschaft bewahrt wird. Wir sind aber als Christen nicht allein Berufene, sondern Gott hat uns zu seinen Kindern gemacht. Berufung hat hier nichts mit dem „beruf“ zu tun, sondern eher mit „Adoption“. Gott hat uns adoptiert, er hat zu uns gesagt: Durch Jesus Christus bist du mein Kind. Und als Kind Gottes haben wir besondere Aufgaben bekommen.

 

 

 

Sie kennen vielleicht die Geschichte:

 

Ein König hatte zwei Söhne. Und als er alt geworden war, wollte er seine Herrschaft abgeben. Aber er wusste nicht, wen er von beiden zum König machen sollte. Er liebte beide sehr. Da kam er auf die Idee: Er ließ zwei sehr große Halle bauen. Danach ließ er seine Söhne zu sich kommen und sagte ihnen: Jeder von euch bekommt eine Halle. Und wer sie mit dem Besten füllt, der wird König. Beide Söhne grübelten und grübelten. Da kam der eine Sohn auf eine tolle Idee: Er ließ allen Bauern im Land sagen: bringt das Stroh her, das ihr habt, ich will es euch königlich entlohnen! Und von überall her kamen die Wagen und brachten das Stroh. Die Halle wurde voll und voller – und zuletzt gefüllt. Der Sohn war froh, die Bauern waren froh. Der zweite Sohn stellte nachts eine Kerze in die Halle – und die Kerze erfüllte die Halle mit Licht. Der König kam, schaute sich das alles an und sagte dann zu dem Sohn mit der Kerze: Du sollst König sein, denn du wirst die Halle der Welt mit Licht füllen.

 

 

 

Soweit die Geschichte. Und das ist die Aufgabe von Königskindern, von denen, die Gott adoptiert, berufen hat: Füllt die Welt mit Licht! Tragt dazu bei, dass es in der Welt besser zugeht, dass Liebe untereinander herrscht, Gemeinschaft, macht euch nicht groß, blast euch nicht auf, spielt euch nicht auf, sondern seid demütig und geduldig miteinander.

 

 

 

Das hören wir in Predigten immer. Doch wie sieht es in der Welt aus?

 

Spinnen wir die Geschichte einmal ein wenig weiter:

 

 

 

Der erste Sohn war nicht begeistert darüber, dass sein Bruder die Königsherrschaft bekommt. Ein Traumtänzer ist das, einer, der meint, eine Kerze bringe Licht in die Welt, nein, die Welt benötigt tatkräftige Menschen, Menschen, die, wenn es nötig ist, Stroh in Massen dreschen lassen können! Und die Bevölkerung war auch nicht begeistert von der Entscheidung des Königs. Denn der andere Sohn hat ihnen Arbeit und Lohn und Brot gegeben. Er soll der Herrscher sein. Die Unruhe im Land wuchs an. Die Mundpropaganda gegen den Licht-Sohn wuchs. Nicht nur Stroh wurde gedroschen, Phrasen wurden gedroschen, es wurden schlimme Geschichten gegen den Licht-Sohn erfunden – man munkelte, er sei verblödet, nicht tauglich für diese harte Welt – der mit seiner Kerze! Die Menschen protestierten gegen ihn, und je mehr Menschen sich gegen ihn wandten, desto stärker wurde auch die Bewegung gegen ihn, denn niemand wollte sich die Blöße geben und sagen: ich bin für den Licht-Sohn! Nein, man hatte Angst, sich gegen die scheinbare Mehrheit zu stellen. Selbst diejenigen, die merkten, dass der andere Sohn und seine Anhänger nur Stroh droschen, hielten den Mund und machten mit. Es kann ja niemand von uns erwarten, dass wir uns gefährden, dachten sie. Und so wichtig ist uns der Licht-Sohn nun auch wieder nicht. Und so wurde der Licht-Sohn in einer Massenbewegung abgesetzt und der Stroh-Sohn bekam die Macht und herrschte im Land.

 

Doch die Menschen wurden immer trauriger. Es gab nichts Gutes im Land mehr. Man war misstrauisch geworden gegeneinander, man dachte nur daran, möglichst viel Profit zu machen – und sei es mit Nippes, wie das Stroh, wie es ja der neue König vorgemacht hat. Man suchte seine eigene Karriere in dem Stroh-Land zu vollenden, tat nur noch das, was entlohnt wurde, schaute streng danach, dass der andere ja nicht mehr bekommt als man selbst. Und es wurde streng darauf geachtet, dass nur noch Stroh gedroschen wird – wehe, einer wagte anderes zu tun.  Man hatte damals Angst, sich für den Licht-Sohn einzusetzen, und so hat man nun Angst, sich gegen den Stroh-König zu wenden. Das Land verkümmerte immer mehr. Es gab keine Freiheit mehr, keine Liebe, keine Demut, keine Gemeinschaft – alles war nur noch misstrauisch, auf der Hut, ängstlich und arrogant.

 

 

 

In eine solche Gesellschaft hinein ruft der Apostel, der wegen seiner neuen, frohen Botschaft von Jesus Christus ins Gefängnis geworfen worden war – übrigens nicht das erste Mal:

 

 

 

So ermahne ich euch nun, ich, der Gefangene in dem Herrn, dass ihr der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen seid,

 

in aller Demut und Sanftmut, in Geduld. Ertragt einer den andern in Liebe und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens:

 

"ein" Leib und "ein" Geist, wie ihr auch berufen seid zu "einer" Hoffnung eurer Berufung;  "ein" Herr, "ein" Glaube, "eine" Taufe;

 

"ein" Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.

 

 

 

Ihr gehört nicht mehr euch selbst! Ihr seid Licht-Kinder, Kinder Gottes, die dem Herrn Jesus Christus gehören. Ihr seid vielleicht wenige, aber ihr seid! Und genau damit wiederholt er sinngemäß die Worte Jesu: Ihr seid das Licht der Welt! Ihr Leute, die ihr mir zuhört, ihr mit euren Schwächen, ihr, die man nicht erkennt, übersieht und nicht anerkennt, ihr in eurem normalen Alltag, ihr seid das Licht der Welt! Jesus Christus hat euch berufen, in seinem Namen dieses Licht weiterzugeben. Licht weitergeben. Ihr seid nicht Kinder des Lichts, weil ihr selber Licht seid, - weiß Gott, wir sind keine Lichter aus uns selbst, sondern: Ihr werdet in eurem Umfeld in dem ihr im Alltag lebt, Licht sein, Licht weitergeben, das ihr von Gott habt. Diesem Misstrauen, der Ängstlichkeit, der Mutlosigkeit, der werdet ihr etwas entgegensetzen! Und wie Jesus sagt: Seid dabei klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben.

 

 

 

Und so spinnen wir die Geschichte noch ein wenig weiter.

 

 

 

Der Licht-Sohn hat natürlich nicht aufgegeben, denn Licht-Kinder geben niemals auf. Er nahm seine Kerze und stellte sie in seine kleine Hütte im Wald, in den hinein man ihn verbannt hatte. Die Kerze leuchtete jedem, der vorbeikam. Alle waren glücklich, sahen das und dachten: Das ist eine tolle Idee. Und so stellten immer mehr Menschen in diesem Königreich Kerzen in die Fenster als Zeichen dafür, dass nicht das Stroh das Reich regieren darf, sondern das Licht. Als Zeichen dafür, dass nicht Angst, Mutlosigkeit, Misstrauen, Unfreiheit, Profitgier und Herrschsucht regieren dürfen, sondern die Demut, die Liebe, die Gemeinschaft, die Freiheit. Im Land soll wieder eine helle Gesinnung herrschen. Und die Kerzenbewegung hat immer mehr Herzen erreicht, und so setzte sich still und leise der Licht-Sohn durch.

 

 

 

Das ist es, was auch Jesus vor Augen stand, was den Christen wie dem Apostel vor Augen stand: Kinder Gottes, Kinder des Lichts in die Welt der Dunkelheit zu senden. Auch wenn sich Strohdrescher als Kinder des Königs bezeichnen – sie sind es, denn Gott ist Vater aller, aber der König mag nicht, dass Stroh gedroschen wird, sondern er mag, dass Licht angezündet wird. Wenn jede und jeder von ihnen Licht in die Welt bringen, in ihrem Umfeld mit anderen Menschen guten Willens danach streben, liebevoll miteinander umzugehen, danach streben, die Einheit zu wahren und Frieden zu verbreiten, dann wird es heller in der Welt. Und manchmal schien es schier zum Verzweifeln zu sein, weil die Finsternis übermächtig war – doch immer gab es einzelne Menschen, die sich als Kind des Lichts nicht unterkriegen ließen und Gemeinschaft förderten, die andere, die für das Gute eintraten, unterstützten.

 

Es gibt Situationen im Leben auch der Lichtkinder, in denen sie angesichts des schlimmen Schicksals, der üblen Verhältnisse selbst zu verfinstern drohen. Das gab es zu allen Zeiten. Und wenn wir nur Jesus ansehen, Jesus, in Gethsemane, kurz vor seiner Verhaftung, seiner Folterung, seinem gewaltsamen Sterben – die Finsternis scheint zu siegen – doch sie wird es nicht. Warum nicht? Weil es einen Gott und Vater aller gibt, der da ist über allen und durch alle und in allen. Wie der Apostel sagt.

 

 

 

 

 

Kinder des Lichts sind ja nicht allein. Sie handeln auch nicht, weil sie es gerade mal so für wichtig und richtig ansehen. Nein. Denn sie handeln, weil sie von Gott, dem Schöpfer und Erhalter der Welt dazu berufen sind, weil er zu euch sagte: Dich nehme ich als mein Kind an. Was auch immer in deinem Leben an Schlimmem geschieht, ob die Finsternis die Welt zu besiegen scheint, du bist mein Kind, ob die Finsternis in deinem privaten Leben zu siegen scheint, du bist mein Lichtmensch, du darfst das Licht, das ich dir gebe, weitergeben. Ich habe dich hell gemacht und mache dich weiterhin hell. Darum gehe hin und strahle mein Licht in der Welt wider. Manchmal möchten auch wir am liebsten unsere Kerzen auspusten uns zurückziehen und sagen: Es ist genug. Solche Zeiten dürfen wir haben. In diesen Zeiten gilt es aber, sich enger an Gott anzulehnen, sich von ihm sagen zu lassen: Mein Lichtkind, ruh dich aus – aber du bist mein. Und wenn wir dann wieder durch Gott Kraft bekommen haben, durch Gott, der in uns ist, dann stellen wir die Kerze wieder ins Fenster, mit all den anderen – als Protest gegen die Finsternis.