Der für den heutigen 1. Weihnachtstag vorgeschlagene Predigttext steht im Brief des Paulus an die Galater:

 

Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen. Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater! So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.

 

 Soweit der Predigttext.

 

Das ist das Große an Weihnachten: Die Zeit ist erfüllt. Die Zeit ist erfüllt – das heißt, die Sehnsucht der Menschen wird gestillt, das, was Menschen seit Jahrtausenden erwartet haben: Jetzt ist die Zeit da!

 

 

 

Was haben Menschen denn erwartet?  Das, was wir auch erwarten: Sie haben erwartet, dass Gott sich endlich einmal zu erkennen geben sollte, dass er Gerechtigkeit herstellt, dass er die Gewalttätigen vom Thron stürzt, dass er den Krankheiten, dem Tod die Schrecken nimmt, dass er Menschen friedlicher, freundlicher macht. Diese Zeit hat Gott erfüllt. Das ist das Große an Weihnachten.

 

 

 

„Hat Gott diese Zeit der Sehnsucht erfüllt?“ fragen wir den Apostel Paulus: „Paulus, du wurdest doch verfolgt, du wurdest verprügelt, ausgepeitscht gesteinigt, du wurdest verspottet, angespuckt, angezeigt und angeklagt. Und da sagst du, Paulus, die Zeit ist erfüllt?“

 

„Natürlich!“ antwortet uns Paulus, „die Zeit ist erfüllt, denn Gott hat sich in unserem Leid gezeigt! Er hat gezeigt, er ist bei uns! Er hat uns seinen guten Geist gegeben, dass wir in all unseren schmerzhaften Erfahrungen, in all dem Leiden wissen dürfen: Ich bin sein Kind! Ich bin Gott nah. Gott ist mit mir, er ist in mir, er birgt mich in meiner Not.“

 

„Aber Paulus! Gott muss doch ganz anders handeln! Gott muss die Schmerzen wegnehmen! Gott muss sich mir so zeigen, dass ich ihn anfassen kann, er muss die Ungerechtigkeit auf der Welt beseitigen – dann, ja dann erst hat sich die Zeit erfüllt, wenn keiner mehr leiden und sterben muss. Gott muss ganz anders handeln!“

 

Paulus würde antworten: „Gott muss anders handeln? Wenn Gott so handeln würde, wie du es dir vorstellst, dann wären wir doch keine Menschen mehr, dann wären wir Marionetten an der Leine Gottes. Stell dir vor: Du hast das unheimlich starke Bedürfnis, jemanden auszuschimpfen. Und Gott nimmt dich an die Leine, du öffnest den Mund und schnappst nur nach Luft, wie ein Fisch an Land, aber deine Schimpfworte kommen nicht heraus. Dann bist du doch ein Sklave Gottes, du kannst nicht frei entscheiden und Verantwortung tragen. Und wenn wir Gottes Marionetten sind, würden wir uns dann nicht von Gott ungerecht behandelt fühlen? Würden wir dann nicht schimpfen wie die Rohrspatzen, weil wir unfrei sind? Oder was ist mit der Liebe – Liebe gedeiht nur in Freiheit und Verantwortung. Wäre eine erzwungene Liebe noch Liebe?

 

Jeder, der ein wenig über Gott nachdenkt, der entdeckt, dass Gott etwas ganz Bestimmtes von uns Menschen will. Auch Gott hat eine Sehnsucht – was uns Menschen betrifft: Er will unsere Freiheit. Mensch, du bist frei! Und dazu gehört untrennbar: Mensch, du bist verantwortlich! Und weil wir Menschen also frei sind und verantwortlich, gibt es all die Ungerechtigkeiten, Grausamkeiten, Lieblosigkeiten, Zorn und Sticheleien.

 

Gott will in seiner Sehnsucht jedoch noch etwas: Er will unsere Mitmenschlichkeit. Und so fordert er: Liebe deinen Nächsten, behandle ihn so, wie du von ihm behandelt werden willst.

 

 

 

Gott merkt, dass wir Menschen so unsere Schwierigkeiten mit all dem haben. Und weil Gottes Sehnsucht mit uns ständig ins Leere läuft, handelt er: Er zeigt uns in Jesus Christus, wie wir richtig leben. Jesus Christus soll unser Vorbild sein, damit wir sehen, was ein gelingendes Miteinander ist, wie ein gelingendes Miteinander bewerkstelligt werden kann.

 

Und das ist das Große an Weihnachten: Gott zeigt uns in seiner Sehnsucht, dass wir endlich andere, menschliche Menschen werden, das nicht nur in Form von Geboten, in Form von Forderungen, sondern er wird Mensch, er wird Kind, sehr kleines Kind. Er setzt sich der Verletzbarkeit aus, er setzt sich den Menschen aus, die grausam, unberechenbar, verletzend sind. Gott wird Mensch - wie wir. Und sagt: Hier, Menschenkinder, hier bin ich zu finden!

 

Und dieses Gotteskind Jesus muss wachsen, wie alle Menschen aufwachsen: mit Enttäuschungen, mit Schmerzen, mit Ängsten, mit Erfahrungen der Brutalität – aber auch den Erfahrungen, dass es gute Menschen gibt, die sich anderen zuwenden, sich um sie kümmern, sie lieben, und fürsorglich sind. Dieses Kind macht alle Erfahrungen, die wir Menschen auch sonst so machen. Und als das Kind Jesus erwachsen war, lebte es wie Gott es will. Er lehrte, liebte, vergab und heilte. Er war ein Mensch, wie es ihn bis dahin nicht gegeben hatte. Er war Gottes Kind, Kind Gottes, und will, dass wir Kinder Gottes werden sollen. Weil Jesus Christus so besonders war, spürten die Menschen: Gott ist in ihm da, Gott ist nah, Gott berührt mich in Jesus Christus. Und das ist bis heute so. Jesus Christus ist die im Internet am meisten angeklickte Person. Menschen spüren etwas Neues in diesem Jesus. Sie spüren seine gute, seine heilende Wirkung, sie fühlen, dass sie stark und getröstet werden. Doch der großspurige, in sich selbst verliebte Mensch mag das nicht unbedingt – und so tötet er Jesus, verspottet, verachtet ihn auch. Und das schreibt Paulus, wenn er im Predigttext davon spricht, dass Jesus Christus, der Gottessohn, uns – erlöste. Das heißt: Er starb für uns am Kreuz.

 

 

 

Bisher sind wir zwei Sehnsuchtswegen Gottes gefolgt. Der erste Weg: Gott schenkt Freiheit. Der zweite Sehnsuchtsweg: Gott fordert Liebe – und nun kommen wir zu dem dritten Sehnsuchtsweg: Gott schenkt uns seinen Geist, Gott macht uns zu seinen Kindern, Gott vereint sich in Jesus Christus, im Geist Jesu Christi mit uns Menschen, so dass wir in diesem kindlichen Geist zu Gott rufen können: Abba, das heißt: Vater! Gott, unser Papa, Väterchen! Paulus spricht hier von Pfingsten, davon, dass der Geist Gottes Menschen, die sich nach Gott sehnen, nach seiner Zeit, nach der Erfüllung – mit Gott ganz, ganz fest verbindet. Der Geist Gottes – er ist die Nabelschnur, durch ihn sind wir mit Gott verbunden, wir leben mit ihm. Und wenn die Nabelschnur nicht da ist, oder durchtrennt ist, dann sind wir Menschen wie tot, wir leben nicht im Sinne Gottes und verbreiten Tod und Not, Aggression und Angst.

 

 

 

In diesem kurzen Predigttext finden wir also alles, was an Weihnachten so sehr besonders und groß ist: Das gesamte Wirken Gottes für uns wird in wenigen Zeilen besungen: Gott wird Mensch in Jesus Christus, Gott erlöst uns durch den Tod Jesu, wir dürfen an Gott teilhaben durch seinen Geist, wir sind Gottes Kinder. Die Sehnsucht Gottes nach menschlichen Menschen und die Sehnsucht des Menschen nach einen menschlichen Gott treffen zusammen.

 

 

 

Wenn wir Gottes Kinder sind, nimmt uns Gott nicht die Schmerzen – aber wir haben ihn als den, in dem wir uns mit unseren Schmerzen bergen können, zu dem wir Zuflucht nehmen können. Wenn sie uns übermannen, können wir wie Kinder zu ihrer Mutter oder ihrem Vater rennen, zu Gott rennen. Wir leiden an Rätseln und Ungewissheiten des Lebens, aber wie Kinder, die nichts verstehen, sich ihren Eltern anvertrauen, können wir uns vertrauensvoll Gott anvertrauen. Wir haben unsere Ängste, unsere Sorgen, unsere großen und kleinen Kümmernisse, und wir können wie Kinder zu Gott sagen: Abba, lieber Vater.

 

Hierin ist die Zeit der Sehnsucht erfüllt. Und das lässt Paulus so sehr jubeln: Die Zeit ist erfüllt, weil wir nicht mehr allein sind, weil wir die Gewissheit haben, wir sind keine Sklaven, keine Knechte dieser schlimmen Auswüchse der Welt, sondern wir gehören zu Gott und können wie Kinder zu dem Vater rennen. Wie Kinder von den Eltern abstammen – so stammen wir von Gott ab. Natürlich nicht genetisch – aber wir haben den Geist Jesu Christi – das heißt: Wir sind Teil von Gott, Gott wohnt in uns, er spricht in und durch uns, er ist unser innerstes Wesen geworden. Wir leben von Gott, wie ein ungeborenes Kind von der Nabelschnur seiner Mutter lebt.

 

 

 

Und darum sind Kinder Gottes auch andere, neue Menschen: Sie lassen sich von Gott bestimmen, von seiner Liebe, sie gehen vergebend auf den anderen Menschen zu, auch wenn der andere garstig bleibt, sie lassen sich von Kritiken anregen, aber sie gehen in den Kritiken nicht unter, sie haben ein einziges Lebensziel: aus Gottes Geist heraus zu leben, damit die Welt eben so wird, wie sie es sich seit Jahrtausenden ersehnt: gerecht, friedvoll. Sie verbreiten keine Kälte, keine aggressive Stimmung, keine üble Unruhe…

 

Gott macht Menschen nicht zu einer Marionette. Gott lässt den Menschen aber auch nicht allein in all den Grausamkeiten. Er geht den dritten Weg: Er macht Menschen zu seinen Kindern, damit sie so sind wie er es haben will, damit sie das leben, was Gott auf der Erde gelebt haben möchte.

 

 

 

Das ist das Große an Weihnachten: Gott erfüllt die Zeit der Sehnsucht, indem er uns unserem Menschheitstraum ein entscheidendes Stück näher bringt. Wir träumen von einer besseren Welt, Gott ist sehnsüchtig nach einer besseren Welt – und Gott will sie durch uns besser machen und macht sie auch besser. Die Zeit, so sieht es Paulus, ist darum erfüllt, weil Menschen die große Chance haben, zu neuen Menschen zu werden. Wenn sie an der Nabelschnur Gottes leben, im Geist Gottes, dann haben sie seit den letzten 2000 Jahren Neues, Gutes in die Welt gebracht, auch wenn es immer wieder Menschen gab, die im Namen Gottes all das Gute zu zerstören versuchten. Aber sie werden nicht siegen. Wenn Sklaven damals das Wort gelesen haben: Ihr seid nicht mehr Sklaven, sondern Gottes Kinder – wie sehr haben sich die Sklaven angesprochen gefühlt. Gott ehrt mich, Gott achtet mich, Gott beschenkt mich mit seinem Geist – ich bin Kind Gottes! Wie sehr diese Worte Menschen groß und neu machen, sehen wir heute an Indien: Viele Menschen werden Christen, vor allem auch Frauen und Unberührbare, weil sie hören und erleben: Ich habe die gleiche Würde wie die Männer, oder wie diejenigen, die mich mit Füßen treten. mehr noch: Ich bin Gottes Kind! Was können mir die Menschen tun? Sie wollen mich alle klein machen, unter die Stiefel treten, sie missbrauchen mich – aber Gott hat mich groß gemacht. In wie vielen Ländern sind die Menschen unfrei, politisch und dämonisch – und sie hören: Gott hat dich befreit – und sie setzen sich für die Freiheit ein! Menschen werden von Krankheiten gequält. Was machten die frühen Christen? Sie erfanden die Krankenhäuser, haben sie weiter entwickelt – und heute gehen sie überall hin auf der Welt und versuchen Menschen zu heilen. Wer kann die Organisationen alle nennen? Sie bohren Brunnen, lehren fischen und richtig anpflanzen und bewässern. Seit Jesus gibt es einen immer breiter werdenden Strom an Menschen, die dieses neue Leben weiter führen. Und wir dürfen Teil dieser großen Jesusbewegung, Gottesbewegung hin zu den Menschen sein. Wir, die wir von der Nabelschnur Gottes, des Vaters, leben, wir sind nicht kleinzukriegen, nicht zu vertreiben, lassen uns nicht unterbuttern unter Zweifel, Spott und Hohn, sondern lieben, vergeben, suchen das Leben. Wir lassen uns auch nicht unterkriegen von den Schmerzen, vom Tod, Sterben, von dunklen Gedanken. Wir werden uns immer wieder bewusst: Ich bin an der Nabelschnur der Liebe und des Geistes Gottes. Ich bin sein Kind, trotz allem – und kann rufen: Abba, lieber Vater!

 

 

 

Die Zeit ist erfüllt. Du, ich, wir haben Teil an der großen Bewegung Gottes. Das ist das Große an Weihnachten.