Gottes Wirken kann so fremd sein, dass man ihn selbst gar nicht am Werk vermutet, ihn überhaupt nicht als existent vermutet, weil es so gegen Gottes Wesen als des liebenden Gottes gerichtet ist.

 

Glaube als “Vertrauen” geht leicht von der Hand – Glaube als “Vertrauen” wird zerschlagen.

 

Und beides ist in Jesu Leben sichtbar: Er wirkt in der Kraft Gottes Wunderbares – er wird gefoltert und hingerichtet.

 

Gott wird in seiner größten Liebe – und in seiner größten Fremdheit erfahrbar.

 

Wir können das nicht verstehen – wir können nur immer wieder zu dem liebenden Gott fliehen und von ihm unsere Kraft zum Leben holen. Denn in Jesus wissen wir: Die größte Gottesferne führte zum Leben; der Schrei des sterbenden Jesus, Gott warum hast du mich verlassen, führte zu den Worten des lebendigen Jesus Christus: Ich bin bei euch bis an das Ende der Welt.

 

 

 

Menschwerdung des Menschen

 

 

 

In Not und Leiden kämpfend sich Gott ergeben.

 

Warum wirft Gott den zu Boden, der ihn liebt, der ihm vertraut?

 

Es ist die Menschwerdung der Christen,

 

die Solidarität mit anderen Menschen bis ins tiefste Leiden.

 

Es ist die Menschwerdung Jesu Christi durch die Seinen.

 

 

 

Warum hast du mich verlassen?

 

Jesus schrie am Kreuz: “Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?”

 

Dieser Schrei wurde in den Jahrtausenden vor ihm von vielen, vielen Menschen geschrien.

 

In seinem Leiden nimmt er ihr Leiden, in seinem Schrei heiligt er ihren Schrei.

 

Der Schrei der Leidenden bis in die Gegenwart ist Echo des Schreis Jesu: Warum, Gott?

 

Gott reichte seine Hand bis in das Grab und holte Jesus heraus.

 

Unsere Hoffnung für die Ermordeten gründet in dieser Tat, ist Echo dieser Tat:

 

Gott reicht den Ermordeten seine Hand und führt sie in seine Welt.

 

Gott möge auch den Verwirrten, den Tränenverschleierten, denen, die um einen ihnen lieben Menschen trauern seine Hand reichen und Kraft schenken.

 

Und uns die Kraft zu einem Einsatz für eine bessere Welt, eine Welt nach seinem liebenden Willen.

 

 

 

Segen für den leidvollen Lebensweg

 

 

 

Ich wünsche Segen Euch, die Ihr Euch vor kommender Not und kommendem Leid fürchtet –

 

Gott möge Euch Kraft und Hoffnung sein.

 

Ich wünsche Segen Euch, die Ihr Euch durch Not und Leid hindurch kämpft –

 

Gott möge Euch Kraft und Hoffnung sein.

 

Ich wünsche Segen Euch, die Ihr durch große Not und tiefes Leiden hindurch gegangen seid –

 

Gottes Kraft und Hoffnung mögen Euch auch auf den weiteren Lebensweg stärken.

 

Ich wünsche Segen Euch und offene Augen

 

Gottes Kraft und Hoffnung auf allen Lebenswegen zu erkennen -

 

bis wir in seinem Licht leben werden und die Fragen verstummen.

 

 

 

Lernen

 

Man muss immer wieder neu lernen, das Leben zu leben, damit man nicht von diesem und jenem Schutt überwältigt wird (Sorgen, Hektik, Schmerzen, unbeantwortete Fragen, unklare Verhältnisse, Erniedrigungen …).

 

Man muss immer wieder lernen, sich aus der Kälte der Verhältnisse, des Herzens, des Verstandes, des Schicksals, eisiger Menschen herauszuwärmen.

 

Wer dabei hilft? Das Licht, die Sonne: Gott in Jesus Christus – der Glaube.

 

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Gottesbilder zerbrechen

 

Gott zerbricht ständig unsere Bilder, die wir uns von ihm machen – wenn wir nicht seine Selbstvorstellung in Jesus am Kreuz akzeptieren. Wir stellen uns Gott vor, wie sich alle Menschen irgendeinen Gott vorstellen: allgroß, allmächtig, allstark. Und dieser selbst erfundene Gott hängt sicherlich nicht geschunden in Jesus Christus am Kreuz. Und weil wir uns Gott nicht wirklich als den vorstellen, der in Jesus Christus am Kreuz leidet, können wir Gott vorwerfen, dass er unserem Bild vom starken Gott nicht entspricht. Gott, wo warst du, als die Katastrophe kam? Gott, warum muss ich leiden? Gott, warum…? Gott, du missbrauchst unser Vertrauen in dir! Gott, so wollen wir dich aber nicht sehen… Doch Gott zeigt sich am Kreuz Jesu Christi – nicht nur, aber auch am Kreuz Jesu Christi. Und als solcher ist er den Menschen im Leiden nah. So ist das Leiden des Menschen auch ein Leiden in der Gemeinschaft mit Jesus Christus.

 

Kirche ist nicht im Besitz der Herrlichkeit Gottes, sie hat die Aufgabe, unter dem Kreuz die Botschaft vom Kreuz zu verkünden. Im Kreuz Jesu wie in dem Kreuz, das jeder zu tragen hat, wird die Liebe Gottes zu uns Menschen deutlich. Dadurch erwies sich Luther als aufmerksamer Schüler des Apostels Paulus, der über diese “Dummheit” im 1. Brief an die Korinther intensiv nachgedacht hat: 1,18 ff. Freilich ist der Gekreuzigte auch der Auferstandene – aber der Auferstandene ist auch der Gekreuzigte. Weil er Gekreuzigter ist, darum wird uns deutlich, dass er den leidenden Menschen nicht allein lässt, sondern in ihm anwesend ist. Gott ist im geschundenen Menschen anwesend (vgl. Matthäusevangelium 25,31ff.). Das ist Gottes Weg angesichts des Leidens – ob uns das Gottesbild passt oder nicht.

 

 

 

Glaube + Tod

 

Der Mensch bekommt ständig erschreckende Dämpfer. Wie gestern im Blog geschrieben, wurde sein Naturoptimismus durch das Erdbeben und den Tsunami von Lissabon erschüttert. Der Untergang der Titanic erschütterte sein Vertrauen in die Technik, in das menschliche Können. Der Holocaust erschütterte die Vorstellung: Der Mensch ist gut. Immer wieder bekommen Menschen solche Grenzen gesetzt. Warum? Um besser zu werden. Aber auch: Um den zu suchen, der in den erschreckenden Grenzen seine Hand bietet, seinen Arm, seine Anwesenheit: Gott in Jesus Christus. Wenn der Tod Gott verdrängt – gleich, ob er durch Menschen oder Naturkatastrophen kam – hat der Tod, hat die Zerstörung gesiegt. Ich als Glaubender will nicht zulassen, dass Leiden und Tod das letzte Wort haben.

 

 

 

Theodizee

 

 

 

Ich möchte an das Erdbeben Lissabon 1755 erinnern. Es war nicht allein ein sehr verheerendes Erdbeben, das tausenden von Menschen das Leben gekostet hat, sondern es hatte auch Auswirkungen auf die Philosophie. Philosophen waren vielfach davon überzeugt, dass alles in der Natur gut und zweckmäßig sei, alles läuft ab wie am Schnürchen. Mit dem genannten Erdbeben wurde aller Optimismus begraben - und es kam vermehrt wieder die Frage der Theodizee auf: Wie kann ein gerechter Gott das zulassen? Eine Frage, die nicht nur die Theologie, sondern vor allem auch den Atheismus bis heute beschäftigt: Sie ist mit der Grund dafür, gegen die Existenz eines Gottes zu argumentieren. Während für die christliche Theologie das Leiden im Kontext des Glaubens gesehen werden kann (denn die grundsätzliche Frage erhob sich schon mit dem Leiden und dem gewaltsamen Tod Jesu, des vollkommenen, des liebenden Gottessohnes Jesus; a. auch Hiob, Psalm 22 u.v.a.), ist es der Ratio, dem Verstand immer wieder eine Anfechtung - und somit eine der Grundlagen der Gotteskritik.

 

Eine Antwort haben wir nicht, und wenn es Antworten gibt: Sünde des Menschen, Natur ist halt so, der Mensch muss lernen, alles zu beherrschen…, dann sind sie unbefriedigend. Christlichem Glauben wird immer wieder deutlich: Im Leiden müssen Glaubende nicht allein sein, weil sie um die Gegenwart dessen wissen, der gelitten hat und ins neue Leben auferweckt wurde, sie dürfen wissen, dass der Ruf, mein Gott, warum hast du mich verlassen, ein Echo des Schreies Jesu am Kreuz ist - auf die Gott mit der Auferweckung Jesu reagiert hat. Und: Christen leiden mit, sie wenden sich mit Jesus Leidenden zu, mit Jesus versuchen sie, Leiden zu mindern.

 

Es gibt keine rationale Lösung der Theodizee-Frage: Wir stehen mit unserem Leben immer mittendrin - und müssen mit dem Leben darauf reagieren. Wenn Leiden Gott verdrängt – hat das Leiden gesiegt – ich als Glaubender will nicht zulassen, dass das Leiden siegt.

 

 Noch nicht.

 

In Deiner Schwäche wächst Dir Kraft,

 

in Deiner Einsamkeit wächst Dir Geborgenheit,

 

in Deinem Sterben wächst Dir Leben,

 

in Deinem Zweifeln wächst Dir Hoffnung,

 

in Deinen Tränen vibriert Dein Streben,

 

in Deiner Dunkelheit beginnt - zaghaft noch - das Licht,

 

in Deiner Gottverlassenheit ist Jesus Christus da -

 

Du ahnst ihn nicht? Du spürst ihn nicht? Noch nicht.

 

 

 

Glaube - dennoch Leiden

 

Gottes Wirken kann als so wunderbar erfahren werden, dass der Glaube an Gottes Allmacht – im ganz klassischen Sinn – real ist, nicht nur der Glaube daran, sondern sein allmächtiges Wirken.