Vorläufig

 

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Buch des Propheten Jeremia im 29. Kapitel:

 

Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte. … So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu allen Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herr; denn wenn es ihr wohl geht, so geht es euch auch wohl. Denn so spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels: Lasst euch durch die Propheten, die bei euch sind, und durch die Wahrsager nicht betrügen, und hört nicht auf die Träume, die sie träumen! Denn sie weissagen euch Lüge in meinem Namen. Ich habe sie nicht gesandt, spricht der Herr. Denn so spricht der Herr: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe. Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der Herr, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.

 

Soweit der Predigttext.

Was war geschehen? Das Volk Gottes verhielt sich nicht so, wie Gott es wollte. Es verhielt sich asozial. Asoziales Verhalten bedeutet nicht nur, dass man sich unmenschlich verhält. Wer sich unmenschlich verhält, handelt auch gegen Gott, missachtet Gott. Das Volk hatte einen Bund mit Gott geschlossen, einen Vertrag. In diesem hatte es sich verpflichtet, sich menschlich zu verhalten. Sie verhalten sich jedoch unmenschlich, sie brechen den Vertrag. Und darum muss es die Vertragsstrafe zahlen. Diese Strafe kündigte der Prophet Jeremia an. Gott wird es zur Rechenschaft ziehen. Das Volk trägt die Verantwortung für sein unmenschliches Verhalten, damit auch für seine Gottlosigkeit. Man nahm den Propheten kaum ernst – und dann kamen die Strafvollstrecker, die Babylonier. Sie haben das Volk Israel besiegt, haben die Oberschicht nach Babylon entführt. Die Israeliten waren nicht mehr ihre eigenen Herren, sondern waren Sklaven, sie mussten dem neuen Herrscher dienen. In diese Situation der Unterwerfung hinein gibt es falsche Propheten, die ankündigten: Sehr bald wird euch Gott wieder nach Hause gehen lassen. Der Feind wird besiegt. Ihr seid frei!

 

Das ist schon eine Ungeheuerlichkeit: Da geben sich Propheten alle Mühe, das Volk damit zu trösten, indem sie ihnen wohlmeinend sagen: Leute, bereitet Euch darauf vor: Bald könnt ihr wieder heim! Schon bald geht’s euch gut! Und dann kommt Jeremia im Auftrag Gottes und sagt den Menschen: Leute, ihr könnt nicht so bald wieder heim! Statt herum zu träumen und Träumern auf den Leim zu gehen, richtet euch ein, lebt so gut ihr könnt in der Fremde – und das auch zum Wohl des Staates, der euch das Leben zur Hölle macht. Das ist desillusionierend, das zerschmettert die Wunschträume: Diese Generation wird die Heimkehr nicht mehr erleben! Das war auch das, was Paulus den Christen gesagt hat: Statt darauf zu warten, dass Gott morgen seine herrliche Herrschaft herbeiführen wird, verhaltet euch so, dass es euch und den Menschen um euch herum gut geht. Die Zukunft, die Gott herbeiführen wird, die Rückkehr in die Heimat, die Rückkehr zu Gott – das wird die große Hoffnung sein, das wird das wunderbare Licht sein, das die gegenwärtige Dunkelheit durchbricht. Richtet euch aber jetzt ein – wirkt zum Wohl der Menschen.

Aber gleichzeitig gilt: Gott wird alles ändern. Zu seiner Zeit wird er alles neu machen. Richtet euch jetzt in eurem Leben ein, aber verliert die herrliche Zukunft Gottes nicht aus dem Blick. Ihr werdet von der jetzigen Situation vom Leiden beherrscht, aber dadurch, dass Gott Euch diese Zukunft verspricht, seid ihr innerlich frei, ihr müsst nicht Sklaven der Traurigkeit wer-den.

 

Ich erzähle das mit einer kleinen Geschichte:

Ein Ehepaar freute sich riesig auf den Besuch des Kindes, das schon außer Haus in der Ferne lebte. Sie ackerten und rackerten sich ab, sie wollten alles ganz schön machen und herrichten. Sie taten es mit Eifer, manchmal mit Missmut, aber im Wesentlichen bestimmte die große Freude auf das Kommende ihr Tun, ihre Stimmung, ihr Denken. Das sah ein Nachbar und sagte: Ihr macht euch ja zur Sklavin der Tochter! Vielleicht, sagte die Frau: Wir fühlen uns nicht als solche, weil wir uns riesig auf ihr Kommen freuen. Der Nachbar ist beeindruckt von dem Eifer des Ehepaars und hilft, wo er helfen kann. Eine Nachbarin kommt dazu und bringt sie in arge Zweifel: Leute, Leute, ihr rackert euch ab – und dann kommt euer Kind doch nicht. Alles war vergebens. Darum: Lasst es euch gut gehen, lebt euren Alltag gemütlich. Abends, als sie erschöpft auf dem Stuhl saßen fragten sie sich: Lohnt sich das alles? Aber ja! Sie kommt!

 

Diese kleine Geschichte zeigt uns, worum es geht: Die Hoffnung auf die Zukunft prägt die Gegenwart. Die Erwartung der wunderbaren Zukunft Gottes verändert das Leben. Diese Zukunft durchleuchtet die Gegenwart, auch wenn die Gegenwart noch so anstrengend und schwer ist.

Gleichzeitig passiert aber noch etwas, etwas, das der Prophet Jeremia anspricht: Menschen, die auf Gottes wunderbare Zukunft schauen, verändern die Welt zum Guten.

 

Suchet der Stadt Bestes, schreibt der Prophet Jeremia, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn; denn wenn es ihr wohl geht, so geht es euch auch wohl.

 

Die Welt wird im Sinne Gottes zum Guten hin verändert.

Aber nicht allein die Welt und unser Umfeld verändern sich, sondern auch wir selbst verändern uns:

 

Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr.

 

In der Zeit des Wartens, in der wir Gottes Willen tun, fragen wir nach Gott und seinem Willen. In der Zeit des Leides fragen wir nach Gott und fragen Gott: Gott, wer bist du? Die Zeit der Ferne von Gott, die Zeit des Leidens verändert uns. Manche verlassen Gott, wie wir an den falschen Propheten sehen können: Sie verkündigen nicht Gott, sondern ihre eigenen Wünsche. Sie verkündigen ihre Sicht von der Welt, aber nicht das, was Gott will. Sie sagen: Wird schon – macht euch nicht viel draus, morgen wird alles anders sein. Sie verwenden schöne Worte, Worte, die aufbauen, die zu Herzen gehen, die träumen lassen, träumen lassen und gleichzeitig Menschen verführen, Menschen von Gott ablenken, sie hinwenden zu dem, was sie sich wünschen. Was sie sich wünschen – aber niemals kommen wird.

 

Anders spricht der Prophet Jeremia: Leiden wird bleiben, Leute. Richtet euch darauf ein. Werdet aber nicht an Gott irre, sondern ihr leidet, weil ich, Gott, euch zur Verantwortung ziehe. Warum ziehe ich euch zur Verantwortung? Nicht, weil ich euer Leiden will, ich habe Gedanken des Friedens, mit euch. Ich will euch keine Blendwerkzukunft geben, sondern will euch durch das Leiden hindurchführen zu einer Zukunft, die von mir gestaltet wird. Aber da-zu ist eines nötig: Sucht mich von ganzem Herzen. Richtet euch aus an mir. Nutzt die Zeit des Leidens, um mir näher zu kommen. In dieser Zeit des Leidens will ich euch Frieden geben, in dieser Zeit des Leidens gebe ich euch Hoffnung. Falsche Propheten verkünden euch: Geht ohne Gott raus aus dem Leid – die Zukunft wird gut! – Aber ihr geratet immer tiefer in die Not, den Schmerz, den Ärger, der Selbstverkrampfung. Ich, Gott, sage euch: Sucht mich im Leiden – ich werde mich finden lassen. Wenn ihr mich gefunden habt, dann bringe ich euch wieder heim.

 

Auf Gott schauen. Im Leiden erscheint uns Gott rätselhaft, grausam bisweilen, wir ärgern uns an ihm und stellen ihn in Frage. Keine Panik! All das sind Formen, Gott zu suchen, im Glauben zu wachsen, stärker zu werden – wenn wir uns denn nicht irre machen lassen, uns von falschen Helfern auf falsche Wege führen lassen. Helfern, die zwar schnelle Hilfe und Veränderung versprechen, aber dadurch in die Irre führen. Zeugen unserer Zeit sind dafür in Massen vorhanden. Schauen sie sich in einer großen Buchhandlung einmal die ganze Helferbücher durch, die Psycho- und Religions-Moden, die immer wieder aufkommen, von neuen Moden verdrängt werden. Schauen wir in die Politik: Große Versprechen, schnelle Erfolge, abgehoben vom Alltag, von der Realität. Werbung verspricht: Kauf, kauf, kauf – Du wirst glücklich mit dem Besitz!

Es geht nicht darum, dass wir Leiden suchen. Es geht jedoch darum, dass wir lernen, Leiden real einzuschätzen und wenn das Leiden unvermeidlich ist, mit dem Leiden umzugehen. Im Leiden haben wir es nicht leicht. Sonst wäre es kein Leiden. Leiden ist äußerst schwer zu er-tragen – und wir greifen nach jedem Strohhälmchen – auch nach den Strohhälmchen falscher Propheten und Scharlatane.

Jeremia setzt dem Gottes Sicht entgegen:

 

Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr.

 

Suchen – das heißt nicht unbedingt, dass man schnell findet. Suchen kann ein langer Prozess sein. Aber dieser Such-Weg im Leiden führt zum Ziel: Gott.

Vermutlich werden viele Zeitgenossen des Propheten diese Worte nicht ernst genommen haben. Das ist auch sehr schwer zu verstehen und zu ertragen. Lieber Dinge tun, die schnelle Erfolge versprechen, auch wenn sie uns täuschen, lieber schönen Worten Glauben schenken, auch wenn sie uns in die Irre führen.

 

Das ist das Los der Propheten: Alle glauben es besser zu wissen als die Menschen Gottes. Doch warum haben wir das Buch des Propheten Jeremia heute noch vorliegen? Weil Gott sein Wort erfüllt hat. Nachträglich haben die Menschen erkannt: Der Prophet Jeremia hat Gottes Wort verkündigt. Die anderen haben uns mit Träumereien in die Irre geführt. Nachträglich haben sie erkannt, wen Gott wirklich gesandt hat. Gott schenkt uns die Möglichkeit, dass wir die Zeit des unveränderlichen Leidens dazu nutzen, Gott zu suchen und anderen beizustehen, damit die Hoffnung und somit Gottes Kraft unseren Alltag durchleuchten kann. Aber bei all dem geht es nicht nur um uns. Wir suchen als Menschen Gottes das, was unserem Ort, unserem Land gut tut, wie der Prophet sagt: Suchet der Stadt Bestes.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

 

 

„Suche den Frieden und jage ihm nach.“ (Psalm 34,14)

 

Die Synode des Evangelischen Dekanats Groß-Gerau-Rüsselsheim begrüßt die Resolution des Dekanats Wiesbaden. Wir, die Mitglieder der Synode, erklären und rufen alle evangelischen Christ*innen im Dekanat auf

 

•             aktiv für Frieden und Gerechtigkeit einzutreten,

 

•             sich aktiv für Vielfalt und Mitmenschlichkeit einzusetzen,

 

•             aktiv gegen Hetze und Rassismus aufzustehen und

 

•             sich aktiv gegen Diskriminierung auszusprechen.

 

 

 

Walldorf, den 19. Oktober 2018.