Der für den heutigen Karfreitag vorgeschlagene Predigttext steht im Buch des Propheten Jesaja, in den Kapiteln 52 und 53:

 

 

 

Siehe, meinem Knecht wird's gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein. … Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn. Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wer aber kann sein Geschick ermessen? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat meines Volks geplagt war. Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist. So wollte ihn der HERR zerschlagen mit Krankheit. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und in die Länge leben, und des HERRN Plan wird durch seine Hand gelingen. Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Und durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden. Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben und er soll die Starken zum Raube haben, dafür dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten.

 

 

 

Soweit der Predigttext. Schon lange beschäftigt Menschen, die die Bibel lesen die Frage: Von wem spricht der Prophet Jesaja? Wer ist in diesem Text gemeint? Spricht er überhaupt von einem einzelnen Menschen oder vom Volk Israel, das entwürdigt wurde – und das man schon abgeschrieben hat – und dann doch von Gott erhoben wurde? Für die christliche Gemeinde ist klar, wer hier gemeint ist: Jesus Christus. Der Prophet weist in seiner von Gott geschenkten Voraussicht auf Jesus Christus, in dem Gott zu den Menschen kam. Die früheste Auslegung hören wir in der Apostelgeschichte. Der äthiopischen Finanzminister fragt den Apostel Philippus: Von wem ist in diesem Text die Rede? Philippus antwortete: Von Jesus. Und er erklärte dem Äthiopier dieses prophetische Wort (Apg 8).

 

 

 

Wir hören in diesem Wort des Propheten Jesaja von einem entwürdigten Menschen. Hier ist von einem Menschen die Rede, der misshandelt und verachtet wurde, gedemütigt an Körper, Geist und Seele.

 

Menschen entwürdigen andere und sehen ihn dann auch als entwürdigt an. Aber Gott nicht. Gott hat eine ganz andere Perspektive. Der Prophet sieht mit den Augen Gottes: Dieser Mensch, den Menschen entwürdigt haben, der hat die Würde Gottes! Menschen erniedrigen den anderen Menschen – aber Gott macht ihn groß. Menschen wollten diesen allerverachtetsten Knecht Gottes vernichten, zerstören, vergessen – aber Gott hat einen Plan mit ihm. Und wenn Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, derjenige, der Menschen und Welt bestimmt, einen Menschen, den andere Menschen entwürdigen, groß macht – was bedeutet das? Dann bedeutet das: Gott hat uns Menschen, die wir uns so groß und mächtig fühlen, ins Unrecht gesetzt.

 

 

 

Gott will uns deutlich machen: Wenn ihr einen Menschen entwürdigt, entwürdigt ihr nicht diesen Menschen sondern nur euch selbst! Ihr verhaltet euch gottlos – und weil ihr euch gottlos verhaltet, darum verhaltet ihr euch auch unsozial, unmenschlich. Als Menschen seid ihr Menschenfeinde.

 

Wir müssen niemanden wirklich schlagen oder verprügeln, um unmenschlich zu sein, um ihn zu entwürdigen. Wir können es auch mit Blicken, mit erniedrigenden Blicken. Wir können es mit einem einzigen Wort – erniedrigendem Wort. Wir können es sogar durch eine Körperwendung: Nichtbeachtung, Naserümpfen, Gesicht verziehen. Wir können es, indem wir den anderen listig zwingen, gegen seinen Willen zu handeln. Wir müssen dem Menschen nicht einmal selbst zeigen, wie sehr wir ihn erniedrigen – das tun schon diejenigen, mit denen wir verächtlich über den anderen gesprochen haben. Wir Menschen können meisterhaft andere erniedrigen und beschämen. Und dass wir sie entwürdigen – das merken wir oft nicht einmal. Weil wir so unsensibel, unempfindlich sind – und je mehr wir andere erniedrigen, desto tiefer sinken wir selbst in dem Sumpf, in den wir den anderen hineinstoßen wollten.

 

 

 

Wir Menschen sind im Sumpf, in den wir uns selbst hineinmanövriert haben. Und aus dem Sumpf rufen manche nicht nach Hilfe, sondern rufen Gott zu: Wir benötigen keinen Jesus Christus, der für uns entwürdigt wird, der für uns stirbt, der uns durch seinen Tod die Würde zurückgibt. Wir kommen selbst klar mit unserem Leben. Heroisch, heldenhaft wollen wir unsere Schuld tragen!

 

Doch was wir Menschen alles so denken und meinen… – wissen wir wirklich, was nötig ist, um uns in unseren tiefsten Tiefen zu heilen? Wir wissen im Grunde so wenig – und glauben, Gottes Handeln mit einem Wisch vom Tisch wischen zu können? Wir glauben es tun zu können, weil wir stolz sind, weil wir uns groß und stark und über andere erhaben sehen möchten. Wer gibt schon gerne zu, dass er schuldig geworden ist, dass er Dreck am Stecken hat und eigentlich nicht so groß ist, wie er tut, nicht so stark und tapfer – sondern sich innerlich jämmerlich fühlt?

 

Doch nach außen hin sagen wir mit unserer großartigen Gesellschaft: Wir haben unser Leben in der Hand, wir bestimmen, mit wem wir leben wollen, wir bestimmen, wer leben darf, wir bestimmen, wann wir aus dem Leben gehen, wir bestimmen, wie unser Leben auszusehen hat. Und dann muss nur das nächste Zipperlein kommen – und schon fühlen wir uns erniedrigt, gebeutelt, ausgeliefert. Wie sehr kann uns ein kleiner Zahn aus dem normalen Leben kippen! Und unsere Seele? Sie erhebt sich, sie fühlt ihre Würde in sich selbst – und dann der nächste kleine dunkle Schub – und schon sehen wir alles verschwommen, wegschwimmen, dunkel und trüb. Der kleine Zahn, der dunkle Schub – wir werden durch sie entwürdigt. Wir fühlen uns durch Krankheit entwürdigt, durch Kränkung, durch Lachen, Spott – und wir werden unendlich entwürdigt durch Demenz und Tod. Und dieses Gefühl der Entwürdigung kann uns keiner nehmen. Und die Angst davor begleitet uns auch in unseren guten, stolzen, vor Kraft strotzenden Zeiten. Denn wir merken, wie sehr wir von der Liebe, der Vergebung, der Freundlichkeit anderer abhängig sind. Es ist nicht unser Stolz, der uns rettet.

 

 

 

Wie sehr entwürdigen wir uns jedoch auch selbst dadurch, dass wir uns entwürdigen lassen. Wir machen uns klein – weil andere uns klein machen. Wir machen uns klein, weil wir unser schlechtes Gewissen über uns bestimmen lassen. Wir sind Schuld – ja, wir sind an allem Schuld: daran, dass wir einsam sind, dass es mit dem Partner nicht klappt, dass die Enkel uns nicht besuchen, dass es mir schlecht geht und ich deprimiert bin, dass das Wetter schlecht ist und an der Klimaerwärmung sowieso. Wir machen uns klein, kleiner, am kleinsten. Bis wir selbst denken, wir seien nur ein Pünktchen, ein Fliegendreck in der Weltgeschichte.

 

 

 

Doch wir überspielen all das, wir tanzen – wie es heißt – munter oder deprimiert über dem Abgrund, wir lachen, wenn uns zu weinen zumute ist, wir dröhnen uns zu mit allen möglichen Drogen – bis hin zum rosa seichten Fernsehspiel. Und da wollen wir Menschen Gott sagen, was für uns gut ist?

 

 

 

Für uns ist es gut, dass Gott in Jesus Christus in unsere Niedrigkeit und Erniedrigungen gekommen ist. Er hat Einsamkeit, Spott, Angst, Dunkelheit, Verstoßung, Folter – alle denkbaren Entwürdigungen erduldet – und weil er in unsere Entwürdigungen kam – dürfen wir wissen: Er hat uns unsere Würde zurückgegeben.

 

Tod entwürdigt uns? Nicht mehr. Denn wir gehören dem auferstandenen Jesus Christus und werden mit ihm leben, ewig leben. Dunkle Erfahrungen mit Sterbenden entwürdigen uns? Wir können sie zurücklegen in Gottes Hand, wir legen sie zurück an sein Herz, damit er ihnen und uns gnädig sei – und wir werden frei.

 

Spott entwürdigt uns? Nicht mehr. Denn wir schauen auf ihn und sehen sein liebendes Antlitz.

 

Schwäche und Krankheit entwürdigen uns? Nicht mehr. Denn er hat sie ertragen, er ist bei uns, will uns Kraft und Mut geben, er geht mit uns und stützt uns, wenn wir schwach sind. Und er fängt uns auf, wenn wir uns nicht mehr halten können.

 

Demenz entwürdigt uns? Nein, nicht doch, er trägt uns durch all das hindurch, durch alles, durch das wir uns an Menschen ausgeliefert wissen.

 

Ein falsches Wort, ein schlechtes Lächeln, ein Gerücht entwürdigen uns? Nein. Denn wir haben unsere Würde durch Gott in Jesus Christus.

 

Unsere Schuld und unser schlechtes Gewissen entwürdigen uns? Nein. Gott hat uns die Schuld genommen, er hat uns vergeben, wir sind frei! Und weil Gott uns die Schuld genommen hat, kann uns auch das schlechte Gewissen nicht mehr knechten: Ihm gebe ich alles zurück, was ich wirklich schlecht gemacht habe – und lasse es dort auch liegen, unbedingt liegen lassen! Wir sind frei – durch Jesus Christus!

 

Unser alter Hochmut entwürdigt, der meint, ohne Gottes Handeln und gegen den Mitmenschen auszukommen? Ja. Der entwürdigt uns, weil wir uns selbst entwürdigen. Aber selbst in der Selbstentwürdigung werden wir durch jedes Kreuz, das wir sehen, aufgerufen: Du hast Würde durch Jesus Christus bekommen. Lebe sie, indem du andere groß machst!

 

Und wenn Menschen das Kreuz aus der Öffentlichkeit verbannen wollen – so mahnt doch die Natur, so erinnern die kreuzförmigen Blütenblätter, erinnert das Kreuz des Südens – das Sternbild –, das Fensterkreuz, die Straßenkreuzung – sie alle sagen uns immer wieder: Du musst dich nicht entwürdigen lassen und selbst entwürdigen: Das Leiden und Sterben unseres Herrn Jesus Christus gibt Dir die Würde zurück! Gott adelt dich, durch ihn wirst du groß – durch ihn bist du groß.

 

 

 

Gott macht uns Menschen, die wir uns klitzeklein fühlen in Zeit und Ewigkeit, Gott macht uns groß! So groß, dass er all unser Leiden auf sich genommen hat, um bei uns zu sein in unseren dunkelsten Stunden. Jesus war in der dunkelsten Stunde einsam, in der Stunde der Folter, der Verurteilung, des Sterbens einsam und entwürdigt. Warum hat er das alles auf sich genommen? Damit er in unseren dunkelsten Stunden bei uns sein kann – damit wir nicht mehr einsam sind, entwürdigt – und uns auch nicht mehr durch dunkle Stunden entwürdigen lassen, denn er ist bei uns.

 

 

 

Er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.