Der für das heutige Christfest vorgeschlagene Predigttext steht im 1. Kapitel des Johannesevangeliums:

 

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen. … Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. Es war in der Welt, und die Welt ist durch dasselbe gemacht; und die Welt erkannte es nicht. Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden: denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus menschlichem Ge-blüt noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott geboren sind. Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. … Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. … Niemand hat Gott je gese-hen; der Einziggeborene, der Gott ist und in des Vaters Schoß ist, der hat es verkündigt.

 

Soweit der Predigttext.

Wenn wir in die unermesslichen Weiten des Alls schauen, die Bilder von den Galaxien im Universum betrachten, die Weiten, in denen Bewegung ist, sich anziehende, auseinander stiebende, rotierende Bewegung mächtigster Gebilde – wir sehen – aber wir verstehen nicht. Wir sehen – aber wir verstehen nicht. Wir hören davon – aber wir verstehen nicht. So geht es uns mit dem Bibeltext. Ja, wenn man den Himmel von der Erde anschaut, dann ist einem alles vertraut. Wenn man Wissenschaftler hört – alles ist klar. Das ist so und so zu verstehen – aber im Grunde staunen auch sie, sie verstehen – und verstehen gleichzeitig nicht. Auch der Text kommt uns vertraut vor. Wir hören ihn – aber verstehen? Die Wunder, von denen er spricht begreifen? Gott wurde Mensch? Gott wurde in Jesus aus Nazareth – Mensch? Licht-Finsternis? Wie das All – viel Finsternis – kleine Lichter, die riesen Sterne in den unendlichen Dimensionen – wir verstehen nichts. Aus Gott geboren sind Glaubende, nicht nach dem Wil-en eines Mannes – aus Gott geboren - wir? In diesem Jesus von Nazareth, der staubig durch ein winzig kleines Gebiet gegangen ist und dieses und jenes gesagt hat – in ihm finden wir die Herrlichkeit Gottes? Er ist die Fülle, aus der wir nehmen können Gnade um Gnade, Freude um Freude, wie das griechische Wort Charis auch übersetzt werden kann? Wir können ganz schwindlig werden, wenn wir Nachts mit hochgelegtem Kopf die Sterne betrachten, wenn wir die Bilder der Galaxien betrachten, wir können schwindlig werden, wenn wir diese Worte hören, lesen, die uns übersteigen! Und das ist Weihnachten! Nicht Geschenke, Tannenbaum, paar Kerzen, die unsere Gefühle erregen: Da ist Weihnachten, wirklich Weihnachten, wo das große Staunen über Gott uns überwältigt. Das Staunen über das unbegreifliche Handeln Gottes. Mit großen Augen und großen Ohren aber kleinem Hirn stehen wir da und wollen so gerne verstehen – aber wir verstehen nicht.

 

Unsere Sprache ist wunderbar. Wir Menschen lernten langsam sprechen. Wir sagten uns gegenseitig, was wichtig war. Mit wenigen Worten: Wasser, Essen, … - und dann entwickelte sich die Sprache immer weiter, sie wurde immer komplexer. Aber mit ihr bewältigten wir als soziale Menschen nur den Alltag. Es kamen Dichter hinzu, Philosophen, Theologen – sie dehnten die Sprache immer weiter aus. Nicht mehr nur Essen und Trinken standen im Mittelpunkt, sondern unsere Gefühle wurden ausgesprochen, das, was wir in der Welt, in der wir leben empfinden, wie wir sie deuten, wie wir Gott zu verstehen suchen. Sprache. Wir können heute vieles aussprechen, was unsere uralten Vorfahren nicht aussprechen konnten, weil sie noch keine Worte dafür hatten, zum Beispiel: Liebe, Gerechtigkeit, Frieden, Freiheit. Aber auch heute können wir nicht alles aussprechen – gerade dann, wenn es um Gott geht, drucksen wir herum, stottern, suchen nach passenden Worten, verwenden alte Worte, die wir neu definieren. Das geht uns ja schon mit weltlichen Dingen so: Ist das Universum unendlich? Gibt es das: Unendlichkeit? Verstehen wir es? Was ist Unendlichkeit? Was ist Zeit? Was ist Raum, was ist da, wo er endet im All? Danach kein Raum? Andere Räume? Was war vor der Erschaffung der Welt – oder modern ausgesprochen: Vor dem Urknall? Nichts? Was ist das „Nichts“? Wie kann Materie leben – wie geht es, dass wir leben, die wir doch nur aus Materie bestehen und aus so und so viel % Wasser und chemischen Zusammensetzungen? Wir Menschen spüren, dass wir an die Grenzen unserer Sprache und damit auch unseres Verstehens kommen. So geraten wir auch an die Grenzen unserer Sprache und unseres Verstehens, wenn es um Gott geht.

 

Wenn in der Bibel die göttliche Welt auf die menschliche Welt trifft, so zum Beispiel durch Engel, dann sagen diese den entsetzten Menschen fast immer: Fürchte dich nicht! Hab keine Angst! Wir Menschen mit unseren kleinen Hirnen geraten außer Rand und Band, wenn so etwas passiert – oder wir sagen ganz cool: Einbildung, Illusion, Träumereien – eben: weil wir damit nicht klar kommen, müssen wir uns was zurecht legen, damit wir nicht irr und wirr wer-den. Wir packen immer alles in für uns fassbare Päckchen.

Manche machen das nicht, wie Johannes, unser Evangelist. Er versucht stammelnd mit den größten Worten, die er findet, das zu formulieren, was an Weihnachten geschah. Gott wurde Mensch. Fürchtet Euch nicht. Schaut hin, damit ihr wenigstens ein wenig hört und seht! Verschließt nicht die Augen, igelt euch nicht in eure kleine Welt des Nicht-Verstehens ein! Öffnet die Augen und schaut die Welt Gottes, das Handeln Gottes in Jesus Christus!

 

Gott wurde Mensch. Er wurde in Jesus Christus Mensch. Die Herrlichkeit Gottes wurde in ihm sichtbar – nicht erst als Erwachsener. Wie musste er als Baby gewesen sein? So schaut die Gemeinde an Weihnachten zurück. Wir schauen vom Erwachsenen Jesus zum Kind, zum Baby. Das Wunder der Menschwerdung Gottes findet in diesen Texten ihre Sprache, in der Weihnachtsgeschichte, die wir vorhin gehört haben. Von der Welt der Rätsel werden unsere Augen abgelenkt – und sie werden von einem kleinen Wesen im Bettchen gefesselt. Unsere Gefühle, die uns angesichts der Unermesslichkeit des Alls beschäftigen, der unbegreiflichen Rätselhaftigkeit Gottes, wenden sich diesem Kindchen zu. Hier ist Gott zu finden. In diesem kleinen Menschenwesen. Wie die drei Weisen aus dem Morgenland den Himmel schauten, die Bewegung der Sterne, die ihren Blick auf diesen einen Stern fixierten, auf den, der ihnen wichtig war – auch sie schauten dann das Kind. Nicht in den weiten des Himmels fanden sie ihr Ziel – sondern in dem Kindchen. Hier fanden sie das Wunder Gottes: Gott wurde Mensch, kam uns Menschen in Jesus so sehr nahe! Die Hirten, die auf dem Felde waren, die in den Himmel schauten und die Engel hörten – auch sie rennen, und sehen das Kindchen, sehen ganz gebannt auf das Kindchen. Hier ist Gott zu finden. Nicht in der Weite des Kosmos, nicht im religiösen Himmel – hier, in Jesus Christus.

Die Römer beherrschen Israel, Augustus im fernen Rom lenkt das Schicksal bis in den Osten des Mittelmeeres, Herodes, der Grausame beherrscht das jüdische Volk, Ängste und Sorgen fesseln die Gedanken, fesseln die Hände. Hunger bestimmt das Leben: Was sollen wir morgen essen? Was trinken? Was anziehen? Was soll aus uns werden? Was wird aus der Welt? All das steht im Zentrum der Menschen damals wie heute.

Und so wird es ganz einfach. Wir wälzen Glaubensprobleme, philosophische und religiöse Probleme, riesen Fragen, politische, persönliche – doch diese spielen dann keine Rolle mehr, weil uns dieses Kindchen beschäftigt. Dieses Kindchen, in dem Gott Mensch wurde, so bekennen es die Evangelisten.

 

Und so schauen wir angesichts all der Rätsel auf dieses Kind in der Krippe. Ein Säugling, ein Baby, wie sehr viele Babys vor und nach ihm. Aber ein Baby, das die Welt veränderte, das uns verändert.

Es verändert uns, wenn wir auf es schauen. Die Weisen wurden mutig – sie achteten nicht auf Herodes, dem Tyrannen. Ihre Welt war nach der Begegnung mit dem Kindchen eine andere geworden. Die Hirten wurden fröhlich, ihre Welt des Alltags war eine andere geworden. Was die Evangelisten Lukas und Matthäus an den Weisen und den Hirten bildhaft darstellen, das drückt unser Evangelist Johannes anders aus:

Wer Jesus Christus begegnet ist, der wird ein besonderer Mensch, einer, der aus Gott geboren ist. Nicht unsere menschliche Niedrigkeit, nicht unsere Ängste und Sorgen müssen uns mehr bestimmen. Uns bestimmt Gott, unser Vater! Nicht mehr Einsamkeiten, Lebensdunkelheiten müssen uns mehr bestimmen, denn wir können aus der Fülle Jesu, der Fülle Gottes schöpfen.

Was bedeutet das, wenn er sagt, dass wir in ihm die Fülle haben, Gnade um Gnade, Freude um Freude?

 

Im Zweifel ist er Hoffnung,

in Traurigkeit ist er Dank,

im Irrtum ist er Wegweiser,

in Einsamkeit bietet er Gemeinschaft.

In die Stille hinein spricht sein Wort,

in seinem Wort spricht umfangende Liebe.

Er ist der, der ich bin Licht, Leben, Brot, Weg, Wahrheit.

Der „ich bin da“

ist Mensch geworden, in seinem Geist mir nah.

 

Wenn wir uns das sagen lassen, uns darauf einlassen, Gott bitten, uns immer wieder die Augen zu öffnen, damit wir es sehen und hören können, dann durchströmt uns tiefe Freude. Wir verstehen nicht alles, finden nicht für alles die richtigen Worte und damit auch nicht die rich-tigen Gedanken – auf Jesus Christus schauen, ist genug. Denn er, die unbegreifliche Fülle, ist unser alles.