Der für den heutigen Sonntag vorgeschlagene Predigttext steht im Johannesevangelium im 6. Kapitel:

 

Während einer Diskussion mit seinen Anhängern und Gegnern sagt Jesus:

 

Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Und das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch – für das Leben der Welt. Da stritten die Juden untereinander und sprachen: Wie kann dieser uns sein Fleisch zu essen geben? Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht esst das Fleisch des Menschensohns und trinkt sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank. Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm. Wie mich gesandt hat der lebendige Vater und ich lebe um des Vaters willen, so wird auch, wer mich isst, leben um meinetwillen. Dies ist das Brot, das vom Himmel gekommen ist. Es ist nicht wie bei den Vätern, die gegessen haben und gestorben sind. Wer dies Brot isst, der wird leben in Ewigkeit.

 

Viele nun seiner Jünger, die das hörten, sprachen: Das ist eine harte Rede; wer kann sie hören? Da Jesus aber bei sich selbst merkte, dass seine Jünger darüber murrten, sprach er zu ihnen: Nehmt ihr daran Anstoß? Wie, wenn ihr nun sehen werdet den Menschensohn auffahren dahin, wo er zuvor war? Der Geist ist's, der da lebendig macht; das Fleisch ist nichts nütze. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, die sind Geist und sind Leben. Aber es sind etliche unter euch, die glauben nicht. Denn Jesus wusste von Anfang an, wer die waren, die nicht glaubten, und wer ihn verraten würde. Und er sprach: Darum habe ich euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, es sei ihm denn vom Vater gegeben. Von da an wandten sich viele seiner Jünger ab und gingen hinfort nicht mehr mit ihm. Da sprach Jesus zu den Zwölfen: Wollt ihr auch weggehen? Da antwortete ihm Simon Petrus: Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes.

 

 

 

Soweit der Predigttext.

 

Es gab in der alten Zeit Rätselworte. Ein Ägypter konnte vor seinem Tod verordnen, dass man nach seinem Tod einen Grabstein an einer Straße aufrichten soll, versehen mit einem Rätselwort. Und die Wanderer hatten auf ihren Wegen etwas zu tun – eben: nachdenken über das, was sie gelesen haben. Wir kennen auch aus Sparta den berühmten Spruch, den Schiller so ins Deutsche übersetzt hat:

 

„Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest

uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.“

 

Man hatte etwas zu überlegen, man verinnerlichte dabei die Aussage des Satzes. Ebensolche Sätze sind in Asien bekannt. Der buddhistische Mönchsmeister gibt seinem Schüler einen Satz, einen Koan (Kung-an), und dieser muss dann darüber nachdenken und verinnerlicht das während des Nachdenkens. So lautet zum Beispiel ein Koan:

 

Der Klang zweier Hände, die zusammenklatschen ist klatschen.

 

Welchen Klang hat eine Hand?

 

 

 

Wir haben mit den Jesus-Worten auch manchmal solche kurzen Rätselworte vorliegen – mit unserem Predigttext aber einen ziemlich langen rätselhaften Text – immer wieder in neuen Variationen wird gesagt:

 

 

 

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht esst das Fleisch des Menschensohns und trinkt sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch.

 

 

 

Was ist das für eine sonderbare Rede, die Jesus im Johannesevangelium seinen Hörern zumutet? Seine Hörer denken sofort an Kannibalismus – denn das zu sagen, das ist vollkommen absurd, hirnrissig. Aber so Jesus weiter, das, was ihr nicht versteht, das ist noch leichter zu verstehen als das Folgende:

 

 

 

Ihr werdet sehen den Menschensohn – also Jesus – auffahren dahin, wo er zuvor war.

 

 

 

Das soll also noch leichter sein als der Kannibalismus-Satz? Und dann hebt Jesus im Grunde diese Worte wieder auf, indem er sagt:

 

 

 

Der Geist ist's, der da lebendig macht; das Fleisch ist nichts nütze. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, die sind Geist und sind Leben.

 

 

 

All diese Worte kommen den Fans so kurios, ja absurd vor, dass ihn viele verlassen. Sie haben es mit einem Verrückten zu tun – der sich selbst aufessen lassen will – und behauptet, dass der, der das tut, ewiges Leben bekommt. Ist das nicht wahnsinnig? Ist das nicht verrückt? Wie kann es Menschen geben, die so etwas glauben?

 

Und das Verschwinden mancher Jünger wird wieder mit einem weiteren Rätselwort begründet:

 

 

 

Niemand kann zu mir kommen, sagt Jesus, es sei ihm denn vom Vater, von Gott, gegeben.

 

 

 

Gott schenkt es, so etwas Verrücktes wie das Essen des Leibes Jesu zu verstehen? Lohnt es sich, sich einem Wahnsinnigen anzuschließen, wenn man normal ist? Nein, so die vielfache Antwort. Nichts wie weg von diesem Jesus, vielleicht ist das ja ansteckend, vielleicht ist er ja gefährlich!?

 

 

 

Für uns sind die Abendmahlsworte inzwischen verständlich – zumindest machen wir uns keine Gedanken mehr darüber. Aber für die Menschen früher wie für Menschen, die nicht zu unserem christlichen Kulturkreis gehören, haben sie einen seltsamen Klang, sodass Christen immer wieder vorgeworfen wurde, Kannibalen zu sein.

 

Wenn wir aber ehrlich sind – auch wir verstehen diese Worte nicht:

 

 

 

Nehmet hin und esset, das ist mein Leib, nehmt hin und trinket, das ist mein Blut…

 

 

 

Dass im Grunde auch der enge Jüngerkreis diese rätselhaften Worte nicht verstanden hat, das wird am letzten Satz des Predigttextes deutlich. Statt zu sagen: Ja Jesus, wir haben alles gut verstanden – sagen sie:

 

 

 

Du hast Worte des ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes.

 

 

 

Dem Verstehen dieser rätselhaften Christus-Sätze geht also etwas voraus: Jesus Christus als den erkennen, der er ist: Er ist der Heilige Gottes. Wenn man das angenommen hat, wenn man dem zustimmt, den Glauben im Herzen, in der Seele und im Verstand aufnimmt, dann ahnt man vielleicht, was mit diesen rätselhaften Worten gemeint ist.

 

 

 

Rätselworte sind dazu da, dass man selbst lange darüber nachdenkt. Und indem man darüber nachdenkt, ist man bereit, sich dem Rätselwort zu öffnen und wie im Johannesevangelium deutlich wird: Sich dem Geist Gottes zu öffnen. Von daher unterscheiden sich die Rätselworte der Ägypter, Spartaner und Buddhisten von unseren Rätselworten. Wenn wir über sie nachdenken, bringen sie uns nicht irgendwas näher, auch nicht uns selber, sondern Gott.

 

 

 

Die Rätselworte Jesu selbst bieten keine Lösung – aber aus christlicher Sicht liefern sie einen Lösungsansatz: Jesus gibt die Rätsel – somit ist er auch die Lösung. Und das gilt auch für das Leben: Gott bietet uns Lebensrätsel. Und weil er uns diese Lebensrätsel bietet, Fragen, die wir selbst nicht lösen können, darum ist er auch die Lösung. Wir selbst müssen uns ihm intensiv zuwenden, damit wir mit unserem Leben die Lösungen langsam aber sicher erfassen. Es gibt nicht die Lösungen, die für alle gleichermaßen gelten. Wir selbst finden in unserem Leben mit Gott für uns die Lösung, die unserem Leben gut tut. Aber das bedeutet eben: Das geht nicht schnell, nicht ruckzuck – das ist ein Lebensrätsel, ein Rätsel, dessen Lösung wir mit unserem Leben näher kommen. Indem ich lerne, mich Gott anzuvertrauen, verändert er mich und die Lösung des Lebensrätsels wird mir gewährt werden – oder sie wird für mich vollkommen unwichtig, weil für mich dann nur noch Gott allein zählt. Gott ist mein Ein und Alles, Gott in Jesus Christus ist die Lösung für meine Lebensrätsel – und er führt mich zum ewigen Leben. Alles andere wird unwichtig, alle Lebensrätsel zerplatzen wie ein dunkler, verängstigender Traum. Ich erkenne meine Beschränktheit an, ich erkenne meine Grenzen an, erkenne, dass mein menschliches in der heißen Sonne Afrikas entstandenes Hirn einfach zu klein ist, um Gott und die Lebensrätsel zu begreifen – aber es ist zumindest so groß, um zu verstehen: Gott liebt mich, er selbst ist die Lösung des Rätsels, in ihm kann ich mich bergen, in ihm bin ich geborgen, ewig geborgen. Ich verstehe so vieles nicht, an innerem Aufruhr, an das, was wir Menschen einander antun, was Krankheiten, Sterben, Schmerzen, Einsamkeiten uns antun. Ich verstehe es einfach nicht. Aber eines ahne ich: Gott liebt mich. In ihm kann ich meinen Aufruhr bergen und bin geborgen.

 

 

 

Für Nichtchristen sind die Rätselworte Jesu, die wir im Predigttext des Johannesevangeliums gelesen haben, unverständlich. Christen erkennen die Lösung des Rätsels im Abendmahl. Mit dem Abendmahl gibt sich Jesus Christus uns hin, damit wir ewig leben können. Das verstehen wir. Aber das Rätsel ist letztlich nicht gelöst. Wie geht das? Wie kommt Gott auf diese sonderbare Idee, warum kommt er auf eine solche Idee, die kein Mensch versteht, kapiert? Hätte er das alles nicht auch so machen können, dass wir es verstehen, wirklich logisch verstehen? Aber dann, wenn wir das Abendmahl zu uns nehmen, dann verstummen diese Fragen und wir sind nur noch dankbar, dass wir Gott in Jesus Christus so nah haben dürfen, dass wir uns ihn einverleiben können, er kommt uns näher, als es uns bewusst ist, er selbst wird unsere Lebenskraft, Kraft zum ewigen Leben.

 

 

 

Und so ist es auch mit den Lebensrätseln. Die Lösungen mögen wir nicht verstehen, weil unser Hirn zu klein ist. Aber wir fühlen uns in Gott geborgen, der die Lösungen kennt, der weiß, was er tut. Ich gehöre Gott, auch wenn ich noch so viele Fragen habe. Ich gehöre ihm. Was will ich mehr?

 

 

 

Und so sagen wir mit den Jüngern im Johannesevangelium:

 

 

 

Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes.

 

 

Das große Lebensrätsel, das uns umtreibt, mündet in das Gotteslob.