Der für den heutigen Sonntag vorgeschlagene Predigttext steht im Brief an die Gemeinde von Kolossä im 2. Kapitel:

 

In Jesus Christus wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig und an dieser Fülle habt ihr Teil in ihm, der das Haupt aller Mächte und Gewalten ist…

(Wie kommt das, dass wir an der Fülle Gottes Teil haben?)

(a) Mit ihm seid ihr begraben worden durch die Taufe;

(b) mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten.

(c) Und Gott hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches,

(d) und hat uns vergeben alle Sünden.

(Wie hat er das gemacht?)

(a) Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet.

(b) Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus.

(Folge)

So lasst euch nun von niemandem ein schlechtes Gewissen machen wegen Speise und Trank oder wegen eines bestimmten Feiertages, Neumondes oder Sabbats.

 

Soweit der Predigttext. Wir lesen ihn – wie wir alle Texte lesen. Wir finden ihn mehr oder weniger interessant, haben unsere Fragen, denn er formuliert in einer ungewohnten Art und Weise, und wir versuchen, ihn zu verstehen – trotz seines ungewohnten Sprachstils.

 

Was ist das für ein Text? Es ist ein gewaltiger Text. Ein Text, der Größeres, Gewaltigeres nicht aussprechen kann. Dieser Text ist über die Maßen beeindruckend. Ich merke, Ihr versteht noch nicht so ganz, worauf das hinaus will, weil er irgendwie so normal biblisch klingt.

Nehmen wir ein Beispiel: Unser Weltall. Das Weltall ist wahrscheinlich grenzenlos. In ihm gibt es viele, viele Galaxien, Sterne aus Gas, aus Materie, manche sind pures Feuer, manche sind pures Eis. Sie drehen sich und rasen durch die Gegend, spiralförmig, kompakt, nebelhaft. Hat Sie das beeindruckt? Nein. Es ist nur ein Text, ein Text, der mit mickrigen Worten etwas beschreiben will, das wir aus dem Alltag nicht kennen, das wir darum auch in seiner unermesslichen Größe und Schönheit und beeindruckender Macht gar nicht richtig verstehen können – aber auch darum nicht verstehen können, weil unser Herz und unser Hirn zu klein sind, zu sehr fixiert auf das Naheliegende: Was esse und trinke ich, was ziehe ich an, wie entgehe ich der Einsamkeit und den Schmerzen. Welche Fernsehsendung will ich schauen, welches PC-Spiel spielen. Doch das All in seiner faszinierenden Größe, oder auch die Mikro-Welt in ihrer faszinierenden Kleinheit – ich kann das alles nicht angemessen begreifen. Ich kann Texte lesen, kann Worte darüber hören, kann Bilder sehen – aber was es letztlich in seiner Unermesslichkeit auf sich hat, das verstehe ich nicht.

 

Und so ist es auch mit unserem Text. Was ist an ihm so großartig, so unermesslich?

Dass in Jesus Christus die Fülle der Gottheit wohnt, das können wir glauben, wir haben es glauben gelernt. Aber, dass wir, Du, ich, Sie an der Fülle Gottes Teil haben, dass wir damit an der Herrschaft über Mächte und Gewalten Teil haben, das ist unbegreiflich. Das sieht der Autor – wahrscheinlich ein Schüler des Apostels Paulus – auch so, und versucht zu begründen: Wie kommt es, dass wir an der Fülle Gottes Teil haben? Und es folgt ein hymnischer, ein triumphaler Text. Er besingt, was Jesus alles gemacht hat:

- Er hat uns auferweckt, in unserer Taufe hat er uns aus dem Tod herausgeholt und an Gottes lebendiger Fülle teilhaben lassen. Wir leben – auch wenn wir sterben müssen. Wir leben schon jetzt – auch wenn wir die Todesstunde erwarten müssen. Das Lebens-Mittel ist unsere Taufe. Wie Jesus Christus auferstanden ist von den Toten – so wird Gott auch uns, die Getauften, die Glaubenden in die Fülle seines Lebens rufen.

-  Er hat uns von dem befreit, was uns von Gott trennt: Von unserer Sünde. Die Sünde und der Tod sind es, die uns davon abhalten, an der Fülle Gottes Teil zu haben – und nun? Nun sind Tod und Sünde überwunden – und wir haben Teil an der ganzen Gottesfülle.

- Wie hat er das gemacht? Er hat uns befreit, indem er den Schuldschein an das Kreuz geschlagen hat. Er selbst ist unser Schuldschein. Wie ist das zu verstehen? Früher wurde ein Mensch, der viele Schulden hatte, mit seiner ganzen Familie versklavt, damit sie die Schulden abarbeiten konnten. Wurde einer zum Schuldsklaven, bekam er einen Schein, auf dem draufstand, dass er ab nun nicht mehr sich selbst gehört: Du bist ab heute kein freier Mensch mehr, du gehörst ab heute anderen, Menschen, die dich gekauft haben. Wir alle sind solche Schuld- und Todessklaven. Wir gehören der Sünde und dem Tod, wir tun somit Schlimmes, das, was wir nicht tun wollen, weil es unser Herr, die Sünde so befiehlt. Jesus Christus hat uns von unserem Herrn, der Schuld befreit, indem er unseren Schuldschein genommen hat und an unserer Stelle den Sklavendienst tat: Er hat sich an das Kreuz schlagen lassen. Wir, die wir dem Tod und der Sünde gehören – wir sind frei! Der Schuldschein ist zerrissen, wir sind frei!

- Er hat die Gewalten und Mächte zur Schau gestellt. Er hat aller Welt öffentlich gezeigt: Tod und Sünde haben keinerlei Macht mehr. Sie tun zwar noch so, aber sie sind besiegt. Wie ein Caesar, ein römischer Kaiser, einen Triumphzug arrangiert hat, um aller Welt zu zeigen, dass er siegreich aus Kämpfen hervorgegangen ist, so führt Jesus Christus im Triumphzug Tod und Sünde vor aller Welt vor. Sie wurden besiegt, sie sind nicht mehr die starken Herren, die Gewalten, die Mächte, als die sie sich ausgeben. Sie wurden besiegt.

- Und dass sie besiegt wurden, hat Folgen: Wir gehören jetzt weder der Sünde, noch dem Tod – wir gehören auch keinem Gesetz mehr. Es gibt Religionen, die sagen, du darfst dieses nicht tun und jenes nicht tun. Es gibt Religionen, die sagen, du musst das tun und du musst jenes tun. Und wie ist es mit den Menschen, die durch Jesus Christus befreit wurden? Sie müssen gar nichts. Sie müssen nicht einmal ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie etwas tun, was sie eigentlich tun sollten. Warum müssen sie das nicht? Weil sie niemandem anderes gehören als Jesus Christus.

 

Da mag es nun viele Einwände geben: Christen sind frei? Gibt es nicht viele Gebote, Gesetze? Leben nicht manche noch unter dem Zwang christlicher Gesetze und Gebote?  Das einzige was für Christen gilt, ist: lieben. Christen gehören dem großen Liebhaber und da sie ihm folgen, lieben sie. Als Christen jedoch immer stärker gesellschaftspolitische Verantwortung übernommen haben, und nicht alle in ihrem Machtbereich glauben und von ihrem Herrn Jesus Christus abhängig sind, mussten Gebote eingeführt werden, damit es in der Gesellschaft nicht drunter und drüber geht. Es müssen Regeln eingeführt werden für Menschen, die sich nicht dem Herrn Jesus Christus unterstellen, Regeln, die Gott für diese Fälle vorgegeben hat. Wie schön wäre es, wenn alle Menschen liebenswürdig, freundlich, dem anderen gegenüber offen und hilfsbereit wären. Doch wir Menschen zeigen täglich, dass wir es nicht sind, wir benötigen Regeln, um einander nicht das Leben über die Maßen schwer zu machen. Von daher sind Regeln wichtig. Aber: Glaubende benötigen diese Regeln nicht, wenn sie denn ganz bewusst aus der Fülle der Liebe Gottes leben – und diese Liebe auch so gut sie es irgendwie können, weitergeben.

Liebe ist das Bindeglied zwischen Gott und uns. Gottes Liebe, die er in Jesus Christus gezeigt hat, ist es, die uns teilhaben lässt an der Fülle Gottes.

 

Was bedeutet es, dass wir an Gottes Liebe teilhaben, an der Fülle Gottes? Was bedeutet es, dass wir uns vor dem Tod und vor der Sünde nicht mehr fürchten müssen? Sie stehen doch noch vor uns wie eine Wand, wie eine Mauer – Gottes Liebe und Fülle hin oder her?

Der Sohn einer Mutter möchte sie nach langer Zeit des Auslandsaufenthalts besuchen. Er sagt ihr, dass er für ein paar Tage kommen würde. Sie freut sich riesig. Sie putzt, sie bestellt Blumen, sie wäscht die Gardinen und Fenster, sie überlegt, was sie kochen und backen soll. Die Zukunft ist es, die ihre Gegenwart verändert. Und es ist die große Liebe in ihrem Herzen, die Gegenwart und Erwartung prägt. Noch ist sie allein – noch hat sie viel zu bedenken und zu tun. Doch Liebe und Erwartung lassen alle Anstrengung mit Leichtigkeit überfliegen. Das Wissen um die Liebe Gottes in Jesus Christus, das Wissen um diese große Liebe lässt jegliche dunkle Mauer schon jetzt überwinden. Christen erleben viel Dunkles, sie erleben viel Selbstzweifel, Rückfälle und Zurückgestoßensein, sie erleben auch Einsamkeit und Tristesse, doch das Wissen, dass wir an der großen Liebe Gottes, an der Fülle Gottes schon jetzt teilhaben, das Wissen, dass es diese Liebe ist, die die Mauer des Todes und der Sünde überwunden hat, das lässt Glaubende oft schneller über alles Dunkle hinwegkommen. Diese frohe Erwartung macht dankbarer, hilft, dass das Hirn nicht ständig um die negativen Dinge des Alltags kreisen muss. In Erwartung des geliebten Jesus Christus, der uns seine große Liebe erwiesen hat, wird alles – je nachdem wir gestrickt sind – ein wenig oder viel einfacher. Natürlich kann die Mutter auch anders reagieren: Kommt er endlich mal vorbei, wird aber auch Zeit! Oder sie kann sagen: Ein wenig mehr Liebe hätte ich von ihm schon erwartet! Oder sie kann sagen: Jetzt will ich ihn auch nicht mehr sehen! Diese Mutter, die so reagieren würde, hat sich der Liebe verschlossen. So negativ können auch wir auf Gottes Handeln in Jesus Christus reagieren. Doch wir können auch anders: Wir können uns jetzt schon sagen lassen: Gott in seiner Liebe hat dir in Jesus Christus die Schuld vergeben – du bist frei! Gott in seiner Liebe wird dich aus dem Tod herausreißen – du bist frei! Gott schenkt Dir jetzt schon von seiner Liebe, lässt Dich jetzt schon an seiner Liebe Teil haben! Und wir können dann gar nicht anders, als von dieser Liebe weitergeben. Wer Gottes Liebe in Fülle genießt, will anderen auch mit dieser Fülle überschütten. Doch dieses großartige, überschwängliche Wort kann uns nur ergreifen, wenn wir es uns immer wieder sagen lassen:

In Jesus Christus wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig und an dieser Fülle habt ihr Teil in ihm.

Wir selbst lassen uns von vielen dummen und nutzlosen Worten ergreifen, fesseln, bestimmen. Darum muss dieses Wort in unserem Herzen bewegt werden. Es muss unser Herz und unser Hirn füllen, wir müssen es auf unsere Hand schreiben, wie Schüler ihr Spickzettel in die Hand schreiben, damit wir es ja nicht in dunklen Stunden vergessen und es durch nichts, auch nicht durch Zweifel und Selbsterniedrigung aus unsere Herzen und Sinne herausreißen lassen:

In Jesus Christus wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig und an dieser Fülle habt ihr Teil in ihm.

Und im Abendmahl erfasst uns dieses Ahnen, dieses Wissen erfüllt unsere Sinne, ja, erfüllt uns bis in den Körper hinein: Schmecket und sehet die Liebe, die Fülle Gottes.

Ja, an dieser Fülle, an der Liebe Gottes habe ich Teil, hast Du, Kind Gottes, Teil – und das in Ewigkeit. Amen.