Der für den heutigen Sonntag vorgeschlagene Predigttext steht im Brief an die Kolosser 3,12-17:

 

So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten,

herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern, und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie auch der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr.

Über alles zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.

Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe (das ist die Gemeinde) regiere eure Herzen; und seid dankbar.

Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen:

lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit;

mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.

Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater durch ihn.

 

Soweit der Predigttext. Dreizehn Ermahnungen werden in diesem Text aneinandergereiht. So sollen wir uns verhalten. Freundlich und demütig sein, vergeben, einander ermahnen, dankbar sein – wenn die Welt so wäre! Das wäre ein gutes Leben! Manche könnten meinen, das sei eine langweilige Welt. Ich meine das nicht. Das wäre eine spannende Welt, in der wir Menschen versuchen würden einander zu übertrumpfen: mal nicht mit Ruhmsucht, mit Zank und Überheblichkeit zu übertrumpfen zu suchen, sondern mit diesen Tugenden: Freundlichkeit, Vergebung, Liebe, Dankbarkeit. Wer ist der Freundlichste im ganzen Land – statt wer ist die Reichste, der Schönste ... Nun aber – das wird in unserem Brief nicht von Menschen der ganzen Welt gefordert, sondern von der Gemeinde. Die Kirche Gottes soll einen Gegensatz zur Welt bilden. In ihr sollen Freundlichkeit, Liebe, Demut, Ermahnung, Dankbarkeit herrschen. Doch wo wir in der Kirche auch hinschauen: Wir sehen nur allgemeines menschliches Verhalten wie überall in der Welt. Wir finden in ihr nicht die Gegenwelt, die Welt der Liebe Gottes. Und wenn wir in den Spiegel schauen – was sehen wir da? Dasselbe Desaster. Im Großen und Ganzen keine Demut, keine Freundlichkeit, keine Liebe, keine Vergebung, keine Dankbarkeit, keine Ermahnung – keine keine keine ... Nehmen wir uns einmal vor, das Geforderte zu tun. Wir werden schnell aufgeben, denn wir würden verkrampfen. Haben Sie schon mal vielen Menschen nacheinander die Hand gedrückt? Zum ersten Mal habe ich das bei meiner Hochzeit getan. So vielen freundlichen Menschen zeigt man ein freundliches Gesicht – hinterher schmerzte die gesamte Gesichtsmuskulatur vor lauter freundlichem Gucken. Manchen Verkäuferinnen wird es auch so ergehen: Freundlichkeit wird zur Grimasse. Wenn man demütig sein muss, dann beginnt man irgendwann zu buckeln, wenn man sanftmütig sein muss, dann beginnt man bald Böses nicht mehr von Gutes zu unterscheiden, wenn einer den anderen ertragen muss, bekommt man Herzschmerzen und Magenkoliken. Wenn wir so den Text verstehen wollen, haben wir etwas wichtiges übersehen. Den Anfang. Dort wird die Gemeinde als die

Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten angeredet.

Glaubende sind Auserwählte Gottes – hören wir das, rumort es in uns: Hochmut kommt vor dem Fall! Glaubende sind Heilige! – wir hörten uns schon so oft sagen: Bin ich ein Heiliger? Doch aller Skepsis zum Trotz, wir sind die Auserwählten Gottes, ja! ihr, wir sind Heilige! Heute Morgen habe ich in den Spiegel geschaut und fand nichts Heiliges, nur ein müdes Gesicht, das überlegte, wo wohl die Zahnpasta ist! Was sind Heilige? Bezeichnen wir in der Kirche Menschen als Heilige, heißt das nicht, dass Heilige die Wachsten, Schönsten, Klügsten, Gesundesten, Weisesten, Tapfersten, Reichsten Menschen sind. Nein, es gibt Schönere und Klügere. Wir nennen die Menschen heilig, die ihr Leben im Licht Christi leben. Jesus Christus ist wie die Sonne. Mit unserer Taufe ist sie uns aufgegangen, sie leuchtet, und in ihren Strahlen leben wir. Wir können natürlich immer wieder dunkle Räume aufsuchen, uns dem Licht Christi entziehen, aber das ist nicht normal. Normal ist es, sich in Christi Licht zu stellen, und in diesem Licht sein heiliges, lichtvolles Leben zu führen. Einige Lichtstrahlen werden in unserem Text genannt – sieben Lichtstrahlen werde ich zeigen:

 

Erster Lichtstrahl Gottes: Uns wurde vergeben, wir sind frei.

Wie wichtig ist Vergebung. Wir haben alle dunkle Momente in unserem Leben, die uns manchmal siedend heiß überfallen, wir haben etwas, woran wir nicht gerne denken – und hoffen, dass andere auch nicht mehr daran denken, nicht davon wissen. Wir drängen das beiseite. Doch Gott drängt es nicht beiseite. Bitten wir ihn um Vergebung, dann nimmt er diese dunklen Bereiche unseres Lebens und durchdringt sie mit seinem Licht. Und wir? Wenn uns diese Dunkelheiten überfallen wollen, dann müssen wir nur sagen: „Gott, sieh, es bedrängt uns wieder! Komm mit Deinem Licht!“ Auch wenn Menschen, die wir verletzt haben, nicht bereit sind, uns zu vergeben, so geben wir ihnen Zeit – vor allem: Legen wir auch sie in Gottes Hände. „Gott, befreie sie von dem, was ich ihnen angetan habe!“ Weil uns von Gott vergeben worden ist, weil wir von unserer Vergangenheit befreit worden sind – darum können wir auch andere befreien; andere, von deren dunklen Momenten im Leben wir wissen. Wir können die Menschen befreien, die uns verletzt haben. Erst dann, wenn wir sie befreit haben, kann der letzte Rest unserer dunklen Räume ganz von Gottes Licht durchflutet werden.

Das war der erste Lichtstrahl Gottes: Uns wurde vergeben, wir sind frei.

 

Zweiter Lichtstrahl Gottes: Die Liebe als Band der Vollkommenheit ist das Liebes-Band, mit dem Gott uns aneinander bindet

Liebe, Liebe. Was ist das? Ein Geschenk Gottes. Es ist die Grundlage des Lebens Gottes mit uns. Er hat uns geliebt und angenommen. Er liebt uns und nimmt uns an. Und weil das so ist, wissen wir, dass all die Menschen der Gemeinde ebenso unter dieser Liebe stehen. Der Mensch rechts und links, vor mir und hinter mir in den Kirchenbänken – ja, sie sind wie ich von Gottes Liebeslicht umfangen. Und darum können wir sie auch lieben. Das heißt nicht, dass wir einander alle um den Hals fallen müssen. Das heißt, dass wir den anderen mit den liebenden Augen Gottes ansehen können. Dann, ja dann haben wir die Liebe angezogen – wie es in unserem Predigttext heißt.

Das war der zweite Lichtstrahl Gottes: Menschen können einander mit den liebenden Augen Gottes ansehen.

 

Dritter Lichtstrahl Gottes: Der Friede Jesu Christi.

Der Friede Christi. Was ist das für ein Friede? Es handelt sich erst einmal um einen Waffenstillstand, den Jesus herbeigeführt hat. Wir Menschen bekämpfen Gott, weil wir denken, er will uns Böses. Wir erleben viel Schlimmes – und sehen das als Angriffe Gottes auf unser Leben an. Doch durch Jesus Christus erkennen wir, dass Gott uns nicht angreift, sondern wir erkennen seine Liebe zu uns. Wir sind noch nicht im Himmel – somit sind wir allen Dunkelheiten des Lebens ausgesetzt. Doch er ist mit seinem Licht in diesen dunklen Situationen unseres Lebens anwesend. Er stärkt uns. Er wischt die Tränen ab. Er gibt neue Kraft, aufzustehen. Er reicht uns die Hand. Er reicht uns die Hand, wie den Gelähmten, die Jesus geheilt hat: Wenn er uns seine Hand reicht, dann mögen wir unsere Hand nicht wegziehen. Er ergreift uns und bringt uns ins Leben zurück. Jesus hat den Waffenstillstand herbeigeführt. Wenn wir nun noch auf ihn schauen, wie ein Kind, das Angst fühlt, auf das Gesicht der Eltern schaut, dann mag es um uns rumoren – wir leben in seinem Frieden, umhüllt von seinem Licht. Und in diesem Frieden können wir als Gemeinde leben, wenn er unsere Herzen regiert.

 

Vierter Lichtstrahl Gottes: Das Wort Jesu Christi, das wir in der Bibel finden.

In den Worten des Neuen Testaments finden wir Jesu Gesicht beschrieben. Wie er die Menschen ansieht, so sieht er uns an. Wie er die Menschen anredet, helfend, heilend, tröstend, so redet er zu uns in diesen Worten. Leider sehen wir ihn sehr verschwommen und hören ihn kaum, weil wir Watte in den Ohren zu haben scheinen. Trainieren wir unsere Augen des Herzens, trainieren wir unsere Ohren des Verstandes, dann sehen und hören wir ihn immer deutlicher. Und einmal wird es sein, dann erkennen wir das Licht seines Wortes, als stünde er uns gegenüber, als redete er in uns selbst. Ja, wenn wir sein Wort reichlich bei uns wohnen lassen, wie der Predigttext ausspricht, mit ihm jeden Tag Umgang haben, ist Christus uns nah, auch in der Gemeinde nah.

 

Fünfter Lichtstrahl Gottes: Weisheit ist die Weisheit, die Gott schenkt.

Weisheit, was ist Weisheit? Eine Gottesgabe. Wer weise ist, lebt aus diesen Lichtsrahlen, diesem Umgang mit Jesus Christus. Er lebt aus seinem Wort, seiner Vergebung, seiner Liebe, seinem Frieden – kurz, er lebt aus der ganzen Tiefe und Fülle Jesu Christi. Und wer aus dieser Tiefe lebt, der darf andere ermahnen. Wir kritisieren offen, heimlich, hinterrücks, vorwurfsvoll, hochmütig – das alles hat nichts mit der Weisheit Gottes zu tun. Wer nicht aus der Tiefe Gottes lebt, hüte sich vor dem kritisieren, dem Ermahnen.

 

Sechster Lichtstrahl Gottes: Im Namen des Herrn Jesus etwas tun bedeutet: Wir stehen in seinem Machtbereich, in seinem Licht, und können darum wirken. Wir stehen in seiner Weisheit – und darum stehen wir an seiner Stelle in der Gemeinde. Jeder von uns ist ein Stellvertreter Jesu Christi auf Erden – wenn wir diese fünf Lichtstrahlen in unserem Leben wirken lassen: Vergebung, Liebe, Friede, Weisheit, sein Wort. Ein Bote tut etwas im Namen dessen, der ihn gesandt hat: Und so können wir als Boten Christi hier an seiner Stelle stehen. Ja, wir dürfen uns aber nicht selbst beauftragen. Wenn wir nicht die fünf Lichtstrahlen Gottes in unser Leben einlassen, dann sind wir selbsternannte Boten, Hochstapler.

 

Vergebung, Liebe, Friede, das Wort Christi, Weisheit, der Name Christi – sind Lichtstrahlen, in die Gott unser Leben taucht. Und wenn wir sie genießen, uns in diese Strahlen hineinlegen, uns in ihnen räkeln, indem wir das annehmen, was da steht, dann ist das Tun immer weniger Zwang. Wir wachsen in den Lichtstrahlen, wie die Samenkörnchen ins Licht hinaufwachsen und zu grünen und blühen beginnen. Es ist kein Muss. Wir müssen nicht vergeben, lieben usw., sondern wir sollen uns in diese Lichtstrahlen hineinbegeben, sie quasi anziehen, sie sollen uns umhüllen – und wir wachsen so, wie Gott es will.

 

Einen Lichtstrahl habe ich bisher unterschlagen: Wir sind die Geliebten Gottes.

Wie geht es Menschen in ihrer Liebe? Der Alltag, auch der trübe Alltag, der leidvolle Alltag, ist auf einmal anders. Werde ich geliebt und weiß zu lieben, dann ist zwar alles wie bisher, aber wir sehen alles mit anderen Augen an, mit Augen der Freude, der Dankbarkeit – und eben der Liebe. Und dieser siebte Lichtstrahl ist der mächtigste Lichtstrahl Gottes. Stellen wir uns darunter, wird uns bewusst, dass Gott, der Herr und Schöpfer der Welt es ist, der uns liebt; es wird uns bewusst, dass Jesus Christus, der damals auf der Erde zu Menschen gesagt hat: Fürchte dich nicht! uns, dich, mich liebt – dann stehen wir in seinem mächtigen Liebesstrahl. Hier und heute.

Wenn wir wissen, dass wir geliebt sind, dann können wir wie Verliebte auch in schweren Stunden zaghaft ein Lied anstimmen. Dazu ermahnt uns der Text:

Mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.

Auch wenn es mir zuerst gar nicht danach ist, sollte ich zaghaft ein Lied anstimmen. Die ersten wachligen Töne werden immer stärker den Raum meines Herzens ausfüllen. Sie werden die Schwere nicht vertuschen – aber die Schwere wird leichter. Lieder der Dankbarkeit vertreiben die Finsternis. Die Lieder, die wir bisher im Gottesdienst gesungen haben, sind solche Lieder. Lieder, die Menschen in schweren Zeiten gedichtet haben – aber in diesen schweren Zeiten wurde ihnen das Licht der Liebe Gottes größer, heller, stärker, bis sie erfüllt waren von dem Licht Gottes. Singen sie diese Lieder zu Hause mal nach. Ihre Gotteskraft wird auch Euch, Geliebte Gottes, erhöhen und erhellen.