Lieder-Predigt: Neander

 

Lieder sind etwas Schönes. Wir können in fröhlichen Stunden singen – und wir singen dann fröhliche Lieder. Wir können singen, wenn wir traurig sind – dann singen wir traurige Lieder oder Lieder, die uns Mut machen. Wir können singen, wenn wir albern sind, und viele singen, wenn sie angetrunken sind – auch das gehört zum Leben dazu. Wir können Lieder singen – und hören sie überwiegend, Lieder von der Liebe und von zerbrochener Liebe unter Menschen. Wir können alles in der Welt besingen – und wir können Lieder singen, die Gott betreffen. Und das sind besondere Lieder. Wir singen sie nicht nur, sie wirken auch. Gott wirkt durch das Lied. Ich denke, dass darum auch Gospel und Spirituals so beliebt sind. Viele sind ansteckend, weil sie von Gott singen; sie machen fröhlich und geben Mut, weil sie von Gott singen, der uns in Jesus Christus nahe kommt. Und darum können wir uns auch auffordern zu singen – in welcher Situation wir uns auch immer befinden: O du meine Seele, singe fröhlich, singe, singe deine Glaubenslieder! In unserem Predigttext hören wir von einem machtvollen Gesang – in einer Situation, die nicht unbedingt zum Singen ermutigt:

 

 

 

Der Predigttext den ich mir für den heutigen Sonntag ausgesucht habe, steht in der Apostelgeschichte des Lukas 16,23-34:

 

 

 

Nachdem man Paulus und Silas verprügelt hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Gefängniswärter, sie gut zu bewachen. Als er diesen Befehl gehört hatte, warf er sie in ein Loch im letzten Winkel des Gefängnisses und fesselte ihre Füße mit einem Holzblock.

 

Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und alle Gefangenen hörten sie beten und Gott loben. Plötzlich gab es ein großes Erdbeben, so dass das Gefängnis bis auf die Grundmauern wackelte. Und sofort öffneten sich alle Türen und die Fesseln fielen ab. Der Gefängniswärter war eingeschlafen gewesen. Als er aufwachte und sah, dass alle Türen offen waren, zog er sein Schwert und wollte sich töten, weil er dachte, die Gefangenen seien geflohen. Paulus rief aber laut: Tu dir nichts an, denn wir sind alle hier! Da verlangte der Gefängniswärter ein Licht und stürzte in den Gefangenentrakt und fiel Paulus und Silas vor die Füße. Er stand auf und führte sie aus dem Gefängnis heraus und sagte: Liebe Herren, was muss ich tun, damit ich gerettet werde? Paulus sagte: Glaube an den Herrn Jesus, dann wirst du und dein Haus gerettet. Und sie sprachen dann zu dem Gefängniswärter und den Menschen, die in seinem Haus wohnten, von Jesus. Und der Gefängniswärter nahm sie in seinem Haus auf, pflegte die Wunden, die die Peitschen geschlagen hatten. Dann ließ er sich mit allen Menschen in seinem Haus taufen. Er lud sie zum Essen ein und freute sich mit allen, dass sie zum Glauben an Gott gekommen waren.

 

 

 

Soweit der Predigttext. Paulus und Silas haben viele außerordentliche Erlebnisse auf ihren Wegen durch die damalige Welt gehabt. Von daher scheint es sie auch kaum besonders zu überraschen, dass Gott sie aus dem Gefängnis geholt hat. Gottes Hilfe hatten sie immer wieder erfahren. Aber nirgends sonst wird berichtet, dass Beten und Loben solche großartigen Folgen hatte. Was ist die großartigste Folge? Wir staunen und sagen: dass dem Beten und Loben ein Erdbeben folgte. Nicht immer gibt es Erdbeben, wenn jemand singt. Auch nicht immer, wenn Paulus und Silas singen oder wenn sie im Gefängnis sind. Häufig sind sie im Gefängnis, und es geschieht kein Wunder. Warum geschieht gerade hier eines? Weil Gott alle möglichen Hebel in Bewegung setzt, damit ein Mensch und dessen Familie ihn erkennen kann. Und das ist das eigentliche Wunder in unserem Predigttext. Nicht das Erdbeben. Davon wird nur ganz kurz erzählt. Aber das Wunder ist, und das wird lang und breit erzählt, dass der Gefängniswärter und seine Familie Jesus Christus kennen gelernt haben. Und solche Wunder geschehen bis heute ganz oft. Es muss nicht immer etwas so Gravierendes geschehen wie ein Erdbeben. Meistens sind es persönliche Erdbeben, persönliche Umbrüche, die uns Menschen Gott näher bringen können: Konfirmationen, Liebe, Berufsanfang oder -wechsel, ein Umzug, Krankheit und Tod eines nahe stehenden Menschen – es können aber auch scheinbar kleine Erlebnisse wie ein persönliches Erdbeben wirken: ein Bibelwort, eine Predigt.

 

 

 

Eine Predigt war es, die Joachim Neander zu einem Lebenswechsel geführt hat. Sie hat aus seinem Solala-Christentum einen Christen gemacht, der seinen Glauben an Jesus Christus mit all seinen Facetten lebte.

 

 

 

Wir haben fast alle den Namen Neander schon gehört. Von ihm kommt der Name „Neandertaler“. Nicht weil er so ausgesehen hat wie ein Neandertaler oder in Höhlen gelebt hat wie unsere möglichen Vorfahren. Sondern: Joachim Neander lebte bei Düsseldorf, und ist dort immer in einem Tal gewandert, er hat in einer Schlucht in diesem Tal Lieder komponiert und Gottesdienste gehalten. Darum nannte man die Schlucht Neandershöhle – und später das gesamte Tal: Neandertal. Und lange Zeit danach fand man eben in diesem Tal Überreste von Menschen, die vor einer langen Zeit gelebt haben. Weil diese Reste im Neandertal gefunden worden sind, nannte man ihn Neandertaler.

 

 

 

Neander hat, nachdem sein Leben durch den Glauben ganz neu geworden ist, wunderschöne Loblieder gedichtet: Wir sangen schon: Lobe den Herren … (316), wir sangen: Himmel Erde Luft und Meer (504), und wir singen gleich: Wunderbarer König, Herrscher von uns allen (327). Diese Loblieder besingen Gott als Schöpfer. Alle Sterne, alle Natur, alle Menschen sollen Gott loben, weil er so viel Gutes an uns getan hat.

 

 

 

Doch Joachim Neander hatte es im Leben nicht besonders leicht:

 

Als Neander aufwuchs, war der 30jährige Krieg gerade beendet. Städte waren niedergebrannt, Dörfer verwüstet. Deutschland war zerstört. Auch die Kirche lag am Boden. Doch man fing wieder an, den Glauben wichtig zu nehmen. Es kam zu einer Erneuerung des christlichen Lebens. Die Bibel stand im Zentrum von Gemeinschaften, die Konfirmation ist eingeführt worden, damit die Jugend lernt, woran Christen glauben, Diakonie und Mission begannen langsam ihre große Wirksamkeit: Christen kümmerten sich wieder umfassend um Not leidende Menschen.

 

Mit etwa 20 Jahren hörte Joachim Neander eine Predigt und ihn durchfuhr es: Glaube an Jesus Christus ist etwas ganz Besonderes. Er hörte nicht mehr nur von Gott und Jesus Christus wie von guten alten Bekannten, sondern Jesus Christus wurde ihm ganz wichtig, er kam ihm nah, er berührte ihn, erfasste ihn, begann sein Leben zu bestimmen. Neander studierte dann Theologie. Im Alter von 24 Jahren wurde er Rektor einer anerkannten Lateinschule in Düsseldorf. Ein Freund sagt über Joachim Neander: „Er hat zu Düsseldorf seinem Schulamte so vorgestanden, dass die Schüler in aller guten Zucht, Sitten und Manieren vor anderen hervorleuchteten. Mit seiner besonderen Freundlichkeit gewann er ihr Herz, und mit seiner… Gottesfurcht hielt er sie in Gehorsam und Respekt, und mit seinem steten Fleiß und Treue im Unterrichten brachte er ihnen die erforderlichen Wissenschaften bei ...".

 

Aber dass er so tief im Glauben stand, sein Leben so eng mit Jesus Christus verbunden sah, das ärgerte viele Menschen, und so musste er immer wieder einmal für eine Zeit lang sein Amt niederlegen. In einer Zeit, in der die Aufklärung begann, mochte man nicht unbedingt Menschen, die ihren Glauben standhaft vertraten. Da hat sich seit 300 Jahren nicht viel geändert. Ein Jahr vor seinem Tod hat er dann sein Amt ganz niedergelegt und ging in einer Zeit, in der in Bremen die Pest Tote forderte, als Hilfspfarrer dorthin. Am 31. Mai 1680 starb er im Alter von 29 oder 30 Jahren – vielleicht an der Pest, wir wissen es nicht.

 

In seinem Leben hat er über 50 Lieder geschrieben, die er selbst noch gesammelt und als Volkslieder herausgegeben hat. Diese Lieder wurden für unsere christliche Kultur bahnbrechend. Einige davon haben wir schon gesungen, von anderen werden wir gleich hören.

 

 

 

Weil Joachim Neander viel Not erlebte, haben wir von ihm auch Lieder, in denen er sich von der Klage über die Not hindurchkämpft zum Lob:

 

So singt das Lied: „Wie flieht dahin des Menschen Zeit“, das noch in alten Gesangbüchern zu finden ist (487), davon, dass der Mensch nur kurz lebt. „Das Leben“, so heißt es, „ist gleichwie ein Traum, ein nicht´ger, leerer Wasserschaum.“ Wir wissen, wie schnell Badeschaumbläschen zerplatzen, oder der Schaum, den Wasserstrudel auch im Neandertal warfen – und so kurz kam ihm das Leben vor. Er lebte ja auch – was er freilich noch nicht gewusst hat – nur kurz. Und dieses kurze Leben soll, so bittet er Gott in dem genannten Lied, ein Leben mit Jesus Christus sein. Jesus Christus möge ihm helfen, das kurze Leben mit ihm zu führen – damit er dann ewig bei Jesus sein kann. Und er kann es kaum glauben, dass es so etwas wie ewiges Leben geben wird. Darum stellt er vorsichtig, staunend die Frage: „Was wird das sein, wenn ich dich (Jesus) seh und bald vor deinem Throne steh?“ Er wird Jesus sehen, das bringt ihn jetzt schon zum Singen, denn unser Garant für das ewige Leben ist Jesus Christus: „O du meine Seele, singe fröhlich, singe, singe deine Glaubenslieder!“

 

 

 

Das ist ein Kennzeichen dieses Dichters: Er schreibt in vielen Liedern, dass er von sich aus nicht glauben kann: und so bittet er immer wieder Jesus Christus, ihm im Glauben zu helfen. So in dem Lied: „Der Tag ist hin, mein Jesu, bei mir bleibe“ (392). In diesem Lied sieht er, dass er den Erwartungen nicht standhalten kann: Er will tun, was Gott von ihm erwartet, er will tun, was Menschen von ihm erwarten, er will tun, was er von sich selbst erwartet – aber in allem versagt er. Und so bittet er Gott, dass Gott selbst seine Seele bewahre. Er kann nicht glauben, er will aber glauben, er ist unruhig, will aber ruhig werden – und so bittet er Gott: „in Unruh bleibe meine Ruh“ (370). Und sehr deutlich singt er von seiner Verzagtheit im folgenden Lied. Ich werde ein paar Verse daraus vorlesen (217):

 

(1) Ach, was bin ich, mein Erretter und Vertreter

 

bei dem unsichtbaren Licht?

 

Ich verzag in meinem Mute;

 

denn das Gute,

 

das ich will, das tu ich nicht.

 

(5) Trotzig ist, o Gott, mein Herze,

 

mir zum Schmerze,

 

ja, es ist mir leid dazu!

 

Höre mich, hör an das Quälen;

 

Arzt der Seelen,

 

schaffe meinem Herzen Ruh.

 

 

 

Warum traut er Jesus Christus zu, ihm zu helfen? Weil er von ihm allein abhängig ist: im Leben und im Tod. Menschen, die in der Not, die sie mit anderen und mit sich selbst haben, aus Gott heraus leben, die haben einen anderen Punkt, von dem aus sie ihr Leben gestalten. Sie müssen sich nicht von sich selbst und von anderen umwerfen lassen. Denn Gott ist ihre Stütze. Sie müssen sich nicht von Erlebnissen und Schicksalen unterwerfen lassen, weil Gott sie stärkt. Gott will uns stärken, doch müssen wir uns in unseren Nöten oft zu Gott hindurchkämpfen. Neander ist nur einer der vielen, die sich in ihrer Not zu Gott hindurch ringen. Besser gesagt: sich in ihrer Not hindurch getragen wissen zum Leben mit Jesus Christus. Neander schreibt: „Meine Hoffnung stehet feste auf den lebendigen Gott; er ist mir der allerbeste, der mir beisteht in der Not. Er allein soll es sein, den ich nur von Herzen mein.“ Und weil Neander diese Gotteshilfe erfahren hat, dichtet er: „O du meine Seele, singe fröhlich, singe, singe deine Glaubenslieder!“ Und er will uns dazu animieren, will uns gleichsam anstecken, in das Lob einzustimmen. Denn auch wir wurden in unseren Nöten von Gott hindurchgetragen, gestärkt und aufgerichtet. „O du meine Seele, singe fröhlich, singe, singe deine Glaubenslieder!“

 

 

 

Paulus und Silas haben Gott zu Mitternacht gelobt, obwohl sie im Gefängnis saßen, obwohl die Peitschen sie verwundet und erniedrigt hatten. Und sie wurden aus dem Gefängnis herausgeführt. So führen auch heute noch Lieder von Neander Menschen aus ihrem Lebensgefängnis heraus. Wer in seiner Bedrückung von sich wegsieht auf Jesus Christus, ihn lobt, so wie Paulus und Silas, so wie Neander, der kann frei werden, was auch immer ihn beschäftigt, sorgt.