Lukas 11,14ff. (Weltgebetstag für verfolgte Christen)

 

 

Der für den heutigen Sonntag vorgeschlagene Predigttext steht im Lukasevangelium im 11. Kapitel:

 

Und Jesus trieb einen Dämon aus, der war stumm. Und es geschah, als der Dämon ausfuhr, da redete der Stumme, und die Menge verwunderte sich. Einige aber unter ihnen sprachen: Er treibt die Dämonen aus durch Beelzebul, den Obersten der Dämonen. Andere aber versuchten ihn und forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel.

Er aber kannte ihre Gedanken und sprach zu ihnen: Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet und ein Haus fällt über das andre. Ist aber der Satan auch mit sich selbst uneins, wie kann sein Reich bestehen? Denn ihr sagt, ich treibe die Dämonen aus durch Beelzebul. Wenn aber ich die Dämonen durch Beelzebul austreibe, durch wen treiben eure Söhne sie aus? Darum werden sie eure Richter sein. Wenn ich aber durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen.

Wenn ein gewappneter Starker seinen Palast bewacht, so bleibt, was er hat, in Frieden. Wenn aber ein Stärkerer über ihn kommt und überwindet ihn, so nimmt er ihm seine Rüstung, auf die er sich verließ, und verteilt die Beute. Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.

 

Soweit der Predigttext.

Steinigung liegt in der Luft. Es ist für Jesus ungemein gefährlich. Dieser Vorwurf, er könne Menschen von bösen Geistern befreien, weil er der Chef der bösen Geister, also Satan selbst ist, der ist äußerst gefährlich. Das wird in seiner Zeit mit Steinigung geahndet.

Weil der Vorwurf so gefährlich ist, verteidigt er sich vehement:

Er verteidigt sich, indem er sagt, dass dieser Vorwurf unlogisch sei. Denn als Satan würde er sicher nicht die Dämonen austreiben, sondern im Gegenteil, die Welt dämonisieren.

Dann relativiert er sein Tun: Wenn ich der Satan wäre und darum die Dämonen austreiben könnte – wie könnt denn ihr die Dämonen austreiben? Ihr müsstet ja auch Satan selbst sein. Aber ihr treibt sie nicht aus, weil ihr Satan seid, sondern zu Gott gehört.

In einem dritten Argumentationsgang weist Jesus weiter: Ich treibe die Dämonen mit dem Finger Gottes aus. Und weil ich sie in der deutlich spürbaren Kraft Gottes austreibe, ist die Befreiung durch Gott gekommen, ist das Reich Gottes gekommen.

Jesus merkt, dass diese Antworten noch nicht die Gefahr bannen, im Gegenteil, die Gefahr verschärfen, weil er das, was die anderen als Werk Satans ansehen als Werk Gottes bezeichnet. Darum fügt er noch ein Bildwort an, das vielleicht alle verstehen: Nur der Stärkere kann den Starken besiegen. Nur Gott kann den Satan besiegen. Und mahnend führt er an:

Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.

 

Jesus kann an anderer Stelle sagen:

Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns.

Also – das klingt doch viel freundlicher, humaner: Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns. Dagegen klingt dieses Wort:

Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut,

arrogant, ausschließend, abgrenzend. Warum sagt Jesus an dieser Stelle dieses harte, ausgrenzende Wort? Eben darum, weil Steinigung in der Luft liegt. Und in solchen Fällen sind Menschen, die sich nicht für das Opfer entscheiden, auf der Seite der Steinigenden. Menschen, die nicht auf seiner Seite sind, die verhindern eine Steinigung nicht. Sie sind vielleicht dagegen, aber sie ducken sich weg, machen sich aus dem Staub, damit sie ja nicht selbst in Gefahr geraten. Auch derjenige, der keinen Stein wirft, steht auf der Seite der Steinewerfer, weil er sie nicht zu verhindern wagt. Wer sich nicht auf die Seite der Opfer stellt, der steht auf der Seite der Täter, auch wenn er selbst keine Gewalt anwendet.

 

In vielen Ländern können Menschen sehr gut nachvollziehen, was hier im Hintergrund der Geschichte steht. Sie können nachvollziehen, dass Steinigung in der Luft liegt, Gefahr. Denn ihnen geht es genauso. Sie tun Gutes – sie werden angeklagt, sie folgen Jesus Christus nach – sie werden ins Gefängnis geworfen. Was auch immer sie in der Nachfolge Gutes tun, Liebenswertes tun, Menschliches tun: es hilft alles nichts. Die Gegner sind bösartig, hartnäckig, sie sind gefährlich in ihrem Hass. Christen müssen im Grunde auch gar nichts tun – und werden dennoch beschnitten, bedrängt, erniedrigt. Warum? Weil sie allein dadurch, dass sie Jesus Christus nachfolgen, von anderen als Anstoß, als Herausforderung, als Feind angesehen werden. Wer an seinem christlichen Glauben festhält, der wird als Feind angesehen, weil er aus der Sicht der Gegner unbelehrbar ist, er signalisiert den anderen: Es gibt eine Glaubensalternative, ihr irrt euch. Christen signalisieren: Ihr müsst nicht in eurer unmenschlichen Tradition verharren, in eurem Irrtum, in eurem Hass. Christen sind durch ihre bloße Existenz ein Aufruf an andere: Kehrt um zu Gott, dem Gott, den Jesus Christus Vater nennt. Sie sind eine permanente Herausforderung: Ändert euer Leben, lebt es im Sinne Gottes, liebend und vergebend.

Und darum kann es ganz schnell gehen, dass Frauen wie Asia Bibi in Pakistan ins Gefängnis geworfen werden, Jahre lang dort verharren müssen, weil kein Richter es wagt, sie freizusprechen, denn er wäre dann selbst des Todes. So ergeht es nicht nur vielen, vielen Menschen in islamischen Ländern, sondern auch Christen in kommunistisch/sozialistischen Ländern wie Habtom und Shiden in Eritrea. (Texte wurden aus OpenDoors Heft 11/17 vorgelesen). Zu nennen wären auch Christen in Nordkorea, Laos, Kuba, Vietnam, und auch in China wird die Fessel wieder enger gezogen. Manche werden ermordet, damit sie keine Herausforderung mehr sind. Manche werden psychisch gebrochen, damit sie endlich ihr Christsein nicht mehr leben können. Manche werden weggesperrt, damit sie mit ihrem Glauben nicht mehr Anstoß zur Umkehr zu einem Leben nach Gottes Willen bieten können.

 

Manche Christen versuchen dann so still wie möglich zu sein, um möglichst wenig Anstoß zu bieten, versuchen sich zurückzuziehen und sich untereinander zu vernetzen, wie Ruth es deutlich macht. Aber letztlich hilft das alles nichts, weil gerade diese Parallelstrukturen, die Christen aufbauen, gefährlich erscheinen. Auf diese Weise haben sie ja schon das Römische Reich besiegt. Steinigungen von Christen lagen seit jeher in der Luft. Auch heute, in sehr vielen Ländern der Welt, auch dann, wenn sie versuchen, sich anzupassen, sind Christen gefährdet.

 

Aber Christen halten durch. Wie die Christen im Jemen, die trotz schlimmster Bedrängnis Schulungsmaterial herstellen, Glaubende, die als Hauskreisleiter tätig sind, halten trotz äußerster Gefahren durch, wie im Iran. Und es geht ihnen ja nicht immer nur an das Leben, sondern man versucht auch, ihnen unmöglich zu machen, Nahrung und Kleidung zu bekommen, indem man ihnen die Berufe nimmt, wie in Kirgisistan. Man muss nicht mehr steinigen, wie damals zurzeit Jesu und heute noch in Ländern unserer Erde, sondern es langt, sie zu diffamieren, zu mobben, zu erniedrigen, anzuprangern, auszugrenzen, ihnen Dinge zu unterstellen, die eindeutig falsch sind. Es geht nicht nur um Christen, denen das passiert, sondern Minderheiten insgesamt: politischen, religiösen, weltanschaulichen Minderheiten. Es geht Journalisten so, Menschenrechtsaktivisten, Gewerkschaftlern. Und diese Christen, die selbst unter Bedrängnissen leiden, lehren uns, bei diesen Unmenschlichkeiten gegen andere nicht mitzumachen. Auch in Europa nicht. Wer Jesus Christus folgt, der diffamiert nicht, erniedrigt nicht, mobbt nicht, grenzt nicht aus, unterstellt nichts. Niemandem. Und wenn der andere mir noch so unsympathisch ist, wenn mir dessen politische Ansicht und Weltanschauung und Religion nicht passt: Christen machen nicht mit, wenn es darum geht, andere zu erniedrigen, zu mobben, zu diffamieren, anzuprangern. Sachliche Auseinandersetzungen sind natürlich verlangt, aber keine, die den Menschen nicht ernst nehmen. Auch wir haben sensibel dafür zu sein, wo Einschränkungen der Religionsfreiheit beginnen, wo Unmenschlichkeiten sich vertiefen, wo Menschenrechtsverletzungen stattfinden – aber nicht geahndet werden, vielleicht sogar verteidigt werden. Und so können wir Jesu Wort auch erweitern:

Wer nicht für den Menschen ist – auch für den, der mir fremd ist – der ist gegen mich.

Wir können das Wort umformulieren, denn Jesus solidarisiert sich im Gleichnis von den Schafen und Böcken (Mt 25,31ff.) mit Menschen, die erniedrigt werden.

 

Jesus handelt für andere Menschen, nicht gegen sie. Er befreit sie von Zwängen und Mächten, er trägt Verantwortung. So sehen es auch Christen weltweit als ihre Aufgabe an, anderen Menschen zu helfen, Verantwortung zu tragen. Sie lassen sich von niemandem vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben, von keiner Partei, von keiner Gruppe, keiner Kirche als Institution. Christen sind allein Gott gegenüber verantwortlich. Wir sind freilich keine Einzelkämpfer, sondern eingebunden in die Gemeinschaft der Kinder Gottes, die Jesus Christus nachfolgen. Eingebunden in die Gemeinschaft derer, die mit dem Finger Gottes die Menschen befreien, die am Reich Gottes bauen, damit diese Welt eine bessere Welt wird. Das Reich Gottes können wir nicht herbeiführen mit unserem Tun. Das bleibt Gott vorbehalten. Aber er verlangt von uns, dass wir das unsere dazu beitragen, dass Unrecht angeprangert wird, dass Fesseln gesprengt werden, dass Menschen befreit werden und das Leben menschlich wird.

Und das bedeutet auch: Überall dort, wo Steinigung (auch im übertragenen Sinn) in der Luft liegt – sich auf die Seite Jesu zu stellen, sich auf die Seite der Opfer zu stellen, denn dort steht auch Jesus:

Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.

Wer nicht für den Menschen ist – auch für den, der mir fremd ist – der ist gegen mich.