Der für den heutigen Sonntag vorgeschlagene Predigttext steht im Lukasevangelium im 18. Kapitel:

Da sprach Petrus: Siehe, wir haben, was wir hatten, verlassen und sind dir nachgefolgt. Er aber sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, der Haus oder Frau oder Brüder oder Eltern oder Kinder verlässt um des Reiches Gottes willen, der es nicht vielfach wieder empfange in dieser Zeit und in der kommenden Welt das ewige Leben.

 

Dieser Satz hängt mit dem zusammen, den wir im Matthäusevangelium im 10. Kapitel finden:

Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert. Wer sein Leben findet, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird's finden.

 

Soweit die Worte Jesu.

Was sind das für harte Texte!

Ich möchte einmal weit ausholen – vielleicht werden uns dann die Worte Jesu verständlicher.

Ein Mann hat einmal den Maler Picasso gefragt, warum er Frauen immer so sonderbar male. Die Augen sind nicht da, wo man sie erwartet, die Nasen und Münder haben ein Eigenleben und der gesamte Körper ebenso. Picasso fragte: Wie sieht denn eine Frau aus? Dann holte der Mann ein Bild aus der Tasche, das ein Foto von seiner Frau zeigte. Und der Mann sagte: So sieht eine Frau aus! Da sagte Picasso: So klein?

 

Sie haben ein Foto vor Augen. Auf diesem Foto sehen wir Menschen. Ein Ehepaar. Es kommt aus unserem Familienarchiv, wir wissen aber nicht mehr, wer diese beiden sind. Natürlich sind Menschen nicht so klein. Auch diese waren nicht so klein. Auch waren sie nicht schwarz-weiß, damals, wie die Blumen nicht schwarz-weiß waren. Wir sehen nur das Vordergründige – wir wissen von den beiden Menschen gar nichts – außer, dass sie vor längerer Zeit gelebt haben müssen. Wie hießen sie? Was dachten sie? Was aßen sie gern? Was machte sie glücklich? Litten sie Schmerzen? Wonach hatten sie Sehnsucht? Ist in ihren Augen ihr Leben gelungen oder misslungen? Auch ihr gemeinsames Leben?

Wir sehen ein Foto – aber wir sehen nur die Oberfläche. Was dahinter steht – die wahren Menschen – die sehen wir nicht.

Das ist mir ein Gleichnis. Wir sehen die Welt. Wir sehen Menschen, Gebäude, Bäume, wir sehen Sonne und dies und jenes – aber dahinter schauen: Wer versucht es noch? Fragen wir noch: Wo kommt es her? Wo geht alles hin? Was wird sein? Warum ist es? All das können wir nicht beantworten. Doch wie wir anhand des Fotos eines Menschen wissen, dass im Hintergrund der Mensch mit seinem Denken und Fühlen stehen muss. So sehen Glaubende auch hinter dem, was wir oberflächlich wahrnehmen, Gott handeln.

Gott ist der Ursprung der Materie – er hat sie geschaffen. Gott hat Materie zum Leben erweckt, sodass es Leben gibt auf der Welt. Gott hat uns Menschen ermöglicht, Bewusstsein zu empfinden, sodass wir die Welt bewusst wahrnehmen können und uns in dieser Welt einrichten können. Gott hat uns als freie Wesen erschaffen, die ihr Leben in einem gewissen Rahmen selbst gestalten können. Gott ist alles, Gott war alles, Gott wird alles sein.

Haben wir Glaubende das eigentlich wirklich verstanden? Wissen wir eigentlich, was wir sagen, wenn wir Gott sagen? Ist uns bekannt, dass hinter dem oberflächlichen Wort „Gott“, der Ursprung von allem steht – auch der Ursprung unseres Lebens? Gott war – Gott ist – Gott wird sein. Er ist alles. Alles.

Ein bisschen von der Größe Gottes lässt uns das Lied ahnen: Großer Gott wir loben dich… Oder auch das Lied: Wir beten an die Macht der Liebe…

 

Und dieser große Gott, der Ursprung von allem, hat sich in Liebe seiner Schöpfung zugewendet. Und, was noch wunderbarer ist: Er will sich mit uns Menschen - seiner Schöpfung zuwenden. Menschen können Teil seiner großen Liebesbewegung werden. Sie können seine Liebe weitergeben, seinen Willen tun, können das Miteinander der Menschen fördern, die Gemeinschaft, können Ehrlichkeit, Freundlichkeit, Fröhlichkeit, Geborgenheit teilen, Gerechtigkeit einfordern... Was gibt es Größeres für uns Menschen?

 

Jesus nennt Menschen, die ihm folgen Licht der Welt, Salz der Erde. Es waren nicht die Herrscher in Rom oder Jerusalem, nicht die Gesunden, die Fröhlichen, die Reichen allein. Wer auch immer diesem Gott, der Ursprung von allem auch des eigenen Lebens ist, folgt, der ist Licht der Welt, Salz der Erde. Er macht die Welt in der Liebesbewegung hell, er trägt dazu bei, dass die Welt erhalten wird, dass sie menschlich und angenehm ist. Glaubende sind äußerst wichtig für die Welt, weil sie Gottes Boten und Botinnen sind. Wer sollte von Gott erfahren, wenn sie es nicht weitergeben? Du, ich, Sie, wir sind so wichtig für Gott, als Botinnen und Boten Gottes, dass Jesus uns in den höchsten Worten lobt und uns ganz hoch hebt: Du bist Licht der Welt, du bist Salz der Erde. In deiner Schwäche in deiner Unzulänglichkeit, so wie du bist – ich habe dich erwählt, meine Botin, mein Bote zu sein, um die Welt angenehmer, menschenfreundlich zu gestalten.

 

Nun kommt Widerstand gegen die Menschen Gottes – und so mancher wendet sich dann von Gott, vom Ursprung der Welt und des Lebens ab. Und hier setzt Jesus mit seinen Worten an: Menschen Gottes sind Licht der Welt – sie sollen sich nicht auslöschen, nicht mundtot machen lassen, nicht verängstigen lassen. Sie sollen frei sein, frei, Gottes Kinder zu sein, sollen sich nicht von Menschen einschüchtern lassen. Auch nicht in Verfolgung. Kinder Gottes haben Teil an der Liebesbewegung Gottes zu den Menschen – und damit erleuchten sie auch ihre Familie: Ehefrau, Ehemann, Vater, Mutter, Kinder. Und wer sich nun aus Angst von Gott abwendet, der macht die Menschen – auch seine Familie - nicht heller – der taucht sie in Dunkelheit, in seine eigene gottlose Dunkelheit.

Jeder einzelne und jede Einzelne von uns lebt in einem Umfeld. Und wir haben die schöne Aufgabe, als Kinder Gottes auf dieses Umfeld auszustrahlen. Was passiert, wenn wir uns verdunkeln lassen? Das sehen wir auf der Rückseite der Karte. Diese Lichtkreise, die sich einander überschneiden, das sind jeweils Kinder Gottes, die ihr Umfeld ausleuchten. Und wenn sie verdunkeln – wird es dunkel. Und sie stehen vermehrt allein angesichts der Angreifer. Daran wird die Größe unserer Aufgabe deutlich. Viele Christen wissen das nicht. Sie ahnen nicht einmal, wofür Gott sie erwählt hat. Sie meinen, sich mit Kinkerlitzchen zufrieden geben zu können. Sie passen sich an, sei es, dass sie sich dem jeweiligen Umfeld anpassen, weil sie nicht auffallen wollen, weil sie dazugehören wollen. Andere passen sich Ideologien und Weltanschauungen an oder ordnen sich anderen Religionen unter oder ein. Sie haben überhaupt nicht verstanden, dass sie Kinder Gottes, also Kinder des Ursprungs und Erhalters der Welt sind und als seine Menschen Teil der Liebesbewegung Gottes zur Welt sind. Sie verdunkeln. Sie stellen ihr Licht unter den Scheffel – es verglimmt. Das geht nicht. In Verfolgung passiert das. Aber auch bei uns in unserem Land – selbst dann, wenn wir nicht verfolgt werden. Wir haben vielfach keine Ahnung, wer wir als Christen sind – und so werden wir von Jesus mit den harten Worten der Predigt bedacht. Entsprechend hart kommen uns die Worte auch vor – obgleich sie für Christen selbstverständlich sein sollten. Und so sagt die Sängerin und Schauspielerin Selena Gomez zu dem Verhältnis von Gott und Christen: „Es geht um eine Beziehung, die größer als alles ist!“

 

Jesus fordert die Kinder Gottes auf, seiner Wert zu sein. Es geht hier nicht um Jesus als normalen Menschen, sondern um Jesus Christus, in dem dieser große Gott redet. Jesus fordert seine Nachfolger auf, sich bewusst zu werden, welch immensen Wert sie in Gottes Augen haben – einen so großen Wert, dass er ihnen mit dem beschenken möchte, was das Größte ist: Nach dem Tod das Leben bei Gott. Hineingenommen in den Ursprung und Erhalter des Lebens. Dazu gehört aber auch, dass man sich dessen bewusst ist, was im Leben an erster Stelle steht. Die Sängerin Kelly Rowland sagte: Wenn alles von mir genommen wird, habe ich noch immer meinen Glauben. Wenn man den Glauben nicht hat, wird die Welt einen auffressen.“

 

Aus der Zeit des Nationalsozialismus wissen wir, dass es Menschen gab, wie Dietrich Bonhoeffer zum Beispiel, die bereit waren, sich für das Recht, für die Gerechtigkeit, für die Menschlichkeit und den Glauben einzusetzen. Sie waren bereit, loszulassen. Sie waren bereit, sich für etwas einzusetzen, was wichtiger ist als das eigene kleine Leben: Als Kinder Gottes einzusetzen dafür, dass Menschlichkeit, Gerechtigkeit die Oberhand bekommen. Grausamkeiten, Menschenverachtung, ideologische Verblendung – das darf in einer Gesellschaft nicht siegen. Und ihnen wurde das Leben genommen. Es gibt Wichtigeres – so haben diese große Menschen entschieden, es gibt etwas, wofür man sich einsetzen muss – und wenn es auch das eigene Leben kostet.

Ihre Entscheidung wirft Licht auf das Leben der Hinterbliebenen, der Angehörigen, die ohne sie weiter leben mussten. Groß leuchtet das Licht vieler, die in Verfolgungszeiten ihr Leben verloren haben: unter der Verfolgung durch die Römer in der frühen Christenheit, bis hin zum 20. Jahrhundert im Nationalsozialismus und Kommunismus. Viele Menschen können auch heute genannt werden, die weltweit ihr Leben lassen oder Verfolgung erleiden müssen, weil sie als Kinder Gottes leben, in islamistischen, kommunistischen Staaten und Gruppen aber auch manche unter extremen Hindugruppen – viele Verfolgte sind uns Menschen jedoch auch unbekannt – Gott aber kennt sie. Sie wissen, was die Fußballer Lucio und Kiassumbua wissen: „Wenn du meinst, du hast alles, aber Jesus nicht hast, hast du nichts.“

 

Wer nur die Oberfläche sieht und sie für die Wirklichkeit hält, der versteht nicht die Worte Jesu. Die Worte Jesu mögen hart sein. Aber wer gelernt hat, hinter der Oberfläche Gottes Welt und Gottes Liebe zu schauen, der ahnt ein wenig, wie diese Worte zu verstehen sind. Er versucht sein Leben danach auszurichten.

 

Einer der Menschen, die von den Nationalsozialisten hingerichtet wurde, Alexis Freiherr von Roenne, schrieb in seinem letzten Brief 1944: „Gott ist ja der Herr des Himmels und der Erden, vor dem wir stehen… Das Größte aber, was er zu schenken vermag, ist die Erkenntnis, dass er uns lieb hat und die Gewissheit, dass nichts, weder Tod noch Leben, uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist. Wem das geschenkt ist, der hat Zuversicht und Frieden in aller Not der Welt und den Schlüssel zum Himmel und damit zum Wiedersehen! Daher hin zu IHM!“ (Du hast mich heimgesucht bei Nacht 478)

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.