Der für den heutigen Sonntag vorgeschlagene Predigttext steht im Lukasevangelium im 2. Kapitel:

 

 

 

Und seine Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest.  Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes.  Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem und seine Eltern wussten es nicht.  Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten.  Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn.

 

Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten. Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Sohn, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist? Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte. Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen untertan. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen.  Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.

 

 

 

Soweit der Predigttext.

 

Wir lesen bislang im Lukasevangelium: Maria und Josef hatten wunderbare Zeiten erlebt, als die Geburt des Sohnes angekündigt worden war: Der Engel Gabriel war zu ihnen gekommen und hatte ihnen Großartiges angekündigt, die Hirten waren gekommen und hatten atemlos Wunderbares berichtet, die Propheten Simeon und Hanna hatten viel über ihren Sohn gesagt, das Außergewöhnlich aber auch schmerzhaft war.

 

Doch dann kam der Alltag. Der Alltag, den jede Eltern mit Kindern haben. Auch das Jesuskind ist ganz normal aufgewachsen, es hat laufen und sprechen und später von Josef seinen Beruf gelernt, es hat gelernt, die Tora zu lesen und auch öffentlich vorzulesen, als er 12 Jahre alt geworden ist. Der Alltag schüttete das Wunderbare zu. Maria mag noch hin und wieder daran gedacht haben – aber ihr Sohn war ein ganz normaler Junge. 12 Jahre lang geschah nichts Besonderes, so dass die Erinnerungen an den wunderbaren Anfang verschwammen und zum Schluss ganz in der Erinnerung verschwunden sind, vielleicht sogar, weil alles so normal war, angezweifelt wurden.

 

Und auf einmal geschah wieder etwas, das besonders war. Etwas, das wie ein Meilenstein war. Erinnerungen wurden wach – aber doch nicht so recht. Der normale Alltag ging weiter. Jesus wuchs auf, arbeitete als Zimmermann, nichts Besonderes. Nichts Besonderes.

 

 

 

Aber innerlich begann Jesus zu reifen. In seinem Innern begann er stark zu werden, begann sich der Wille Gottes zu entfalten. Diese Zeit bis zu seinem öffentlichen Auftreten bleibt jedoch im Dunkeln. Wir wissen nicht viel über sie. Wir können nur ahnen, dass er sehr empfindsam wurde für die Not und die Schmerzen der Menschen. Wir können nur ahnen, dass er auch in dieser Zeit ein sehr geselliger Mensch war, der lernte, Grenzen zu überwinden, der sich intensiv mit dem alttestamentlichen Gebot und den Traditionen seines Volkes beschäftigte, der intensiv betete – also in Kontakt mit seinem himmlischen Vater stand.

 

 

 

Dieses Vorleben war wie eine Verpuppung – und es wuchs in ihm das, was Menschen später so sehr bewunderten. Er wurde ein Mensch, der die alten Traditionen ganz neu verstand und auslegte. Er war ein Mensch, dem es darum ging, die Liebe Gottes zu verkündigen, zu verkündigen, dass Gott die Gemeinschaft mit dem Menschen sucht, nicht, indem er den Menschen knechtet und ängstet, sondern indem er sich ihm zuwendet, darauf wartet, dass der Mensch sich ihm ebenso zuwendet. Angesichts all des Unrechts, das Jesus erlebte, all der Schmerzen, des Todes, der Schreie, die er täglich erlebte, wie alle Menschen seines Volkes, wuchs in ihm die Sehnsucht nach der Gottesherrschaft, der guten Gottesherrschaft, die Menschen Gemeinschaft und Freiheit und Eigenverantwortung schenkt. Und es reifte in ihm der Gedanke, der Gedanke Gottes, dass es gilt, schon jetzt so zu leben, wie man es von Gott in der Zukunft erhofft. Du erwartest von Gott Gemeinschaft? Also lebe gemeinschaftlich und Gemeinschaft stiftend. Du erwartest von Gott Vergebung? Also lebe vergebend. Du erwartest Gottes Liebe? Also lebe die Liebe, mit der Gott dich und alle Menschen liebt. Etwas Großes wuchs in diesem Menschen heran, entwickelte sich, bis es aus ihm herausbrach, als er etwa 33 Jahre alt war. Nun war Gottes Zeit gekommen.

 

Warum so spät? Alle, die sich mit der Geschichte Jesu beschäftigen fragen sich: Warum erst so spät?  Auch im Menschen Gottes finden wir ein inneres Heranreifen, ein Wachsen, ein Lernen. Gott haut nicht in die Menschheitsgeschichte wie ein Meteorit ein, er geht mit ihr. Er geht mit dem Menschen, er reift mit den Menschen, er ist einer der Ihren geworden – er ist ganz Mensch.

 

Aber so weit sind wir mit unserer Geschichte nicht. Alles  ist noch im Werden. Die Engel hatten gesprochen, die Hirten hatten gehofft, Herodes, der längst gestorben ist, hatte um seine Herrschaft gebangt, die Weisen sind wieder zurückgegangen – all das war. Und dann passierte lange Zeit nichts. Bis auf diese kleine Begebenheit, von der Lukas erzählt: Der Junge Jesus war im Tempel. Eigentlich kann man sich denken, dass das häufiger passierte: Kluge erwachsene Menschen unterhalten sich mit einem Jungen, finden, dass er ganz klasse ist, dass er weiter ist als Altersgenossen, dass er ein aufgewecktes Kerlchen ist – und sie freuen sich alle an ihm. Das kann häufiger geschehen – doch eines ist außergewöhnlich: Dieser Knabe sagt:

 

 

 

Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist? Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte.

 

 

 

Man verstand den Jesusjungen nicht, man verstand nicht, was er sagte. Vielleicht wollte man ihn auch nicht verstehen – aber wie dem auch sei: Gott zeigt von sich nicht alles – aber er zeigt von sich genug, dass wir ihn verstehen könnten. Er zeigt sich nicht in seiner Herrlichkeit und Fülle, sondern in diesem aufgeweckten Jungen aus Nazareth. Wer hat mehr von Gott sehen können als Maria und Josef? Wir Menschen sind jedoch blind. Wir sehen so viel von Gott – denken aber: Das kann nicht sein, dass es von Gott ist, das gibt es doch gar nicht! Wir sehen die Schöpfung, wir sehen Jesus Christus, den Sohn Gottes, wir sehen Gottes Handeln im Alltag, wir hören von seinem Wort, wir werden getröstet und gestärkt, wir bekommen Kraft, wir haben das Abendmahl, um ihn zu schmecken und zu verinnerlichen – wir sehen, hören, spüren das alles – aber nicht mit dem Herzen, sondern mit dem zweifelnden Verstand: Das kann doch nicht sein! Nein, wirklich nicht! Das muss alles anders erklärt werden, denken wir. Und wir erfinden: Zufall, Glück um es zu erklären – oder es hinterlässt uns schlicht und ergreifend rätselnd – aber Gott? Nein, das kann nicht sein. Wir sehen und hören wie Maria und Josef sehr viel Wunderbares, aber wir sehen nicht mit dem Herzen und mit der Seele. Sie sind finster und gefallen sich darin. Und auch die Weisen, die Jesus bewunderten, weil er so gut und richtig redete – sie verstanden nicht.

 

 

 

Und das ist es, was wir häufig beobachten können: Menschen sehen sehr, sehr viel von Gott – aber sie sehen nicht. Sie hören sehr, sehr viel von Gott – aber sie hören nicht. Sie spüren sehr, sehr viel von Gott – aber sie spüren nicht. Wir werden voll mit der Nase reingestumpt – aber es hilft nichts. Und so gibt es viele Bestrebungen, Gott außen vor zu lassen. Man sieht, dass der Glaube Menschen in Krankheit stärkt – also will man Stärkung ohne Glauben ohne Gott und sagt: Mensch, glaube an dich! Man sieht, dass der Glaube Menschen in Trauer helfen kann und tröstet – also will man Trost ohne Glauben an Gott und sagt: Mensch, der Trost steckt in dir drin! Man weiß, dass die Gemeinschaft der Gemeinde hilfreich ist. Man will Gemeinschaft ohne Gott – und feiert atheistische Gottesdienste. Man sieht, dass der Glaube sozial sehr aktiv ist, viele Menschen, die ehrenamtlich arbeiten, kommen aus den Kirchen – und man sagt: Mensch, du bist von dir aus gut, also tue was für deine Mitmenschen!

 

 

 

Menschen unserer Gesellschaft sehen überall Spuren Gottes – aber man will ihn nicht sehen und erklärt diese Spuren zu Spuren des Menschen. Menschen sehen Gott – aber fliehen ihn, wollen mit ihm nichts zu tun haben. Und ahnen wir – jeder für sich in seinem Leben, wo er Gott erkennen könnte – aber doch lieber Gott nicht erkennen will, sondern sagt: Zufall, Glück gehabt oder denkt: Ich bin halt ein toller Typ!

 

 

 

Wir Menschen sind äußerst kompliziert. Wir beklagen, dass sich Gott uns nicht zeigt – und gleichzeitig, wenn er sich zeigt, sagen wir: Das warst nicht Du, Gott. Doch was macht Maria? Sie wundert sich und bewegt das, was sie erlebt hat, in ihrem Herzen. Und das ist im Grunde auch das, was wir tun können: Erlebnisse, die wir eigenartig finden, weil sie uns Gott ganz nahe bringen, im Herzen bewegen. Wir können darüber nachdenken. Wir dürfen sie nicht in der Erinnerung verschwinden lassen, sondern sollten sie immer wieder in die Seele holen – damit wir offen werden für die großen Taten Gottes. Damit wir sie mit der Lebenserfahrung irgendwann wie Puzzle zusammenfügen können. Diese Taten können Maria und Josef noch nicht richtig einordnen, aber, wenn sie sich offen halten, all diese Erfahrungen im Herzen bewegen, dann werden sie einmal verstehen. So wird es auch uns ergehen und wir werden irgendwann anfangen, Gott zu loben und zu danken. Das Herz wird offen für Gott, die Seele sieht ihn, unsere Taten spiegeln ihn wieder. Und es gilt dann auch für uns:

 

 

 

 

 

Wir nehmen zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.