Der für den heutigen Weihnachtstag vorgeschlagene Predigttext ist ein Auszug aus der Weihnachtsgeschichte und legt den Schwerpunkt auf die Hirten:

 

 

 

Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens. Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

 

 

 

Soweit der Predigttext. Wir haben nicht nur jüdische Propheten, die das Jesuskind ankündigen, sondern auch mindestens einen heidnischen Dichter. Dieser Dichter spricht so, dass Christen schon sehr früh in seinen Worten eine Ankündigung der Geburt Jesu erkennen konnten. Der Dichter heißt Vergil und er schreibt in seinem 4. Hirtengedicht ca. 30 Jahre vor der Geburt Jesu in Rom: Eine Jungfrau wird ein Kind bekommen, das Kind wird vom Himmel herabgesandt – und mit diesem Kind wird das alte Zeitalter der Gewalt beendet, die Schuld wird genommen, Menschen werden von Angst befreit werden, die Herden werden den Löwen nicht fürchten, vernichtet wird die böse Schlange – und das Zeitalter des Friedens wird hereinbrechen.

 

Freilich wird das alles mit heidnischen Worten wiedergegeben – aber das tut nichts zur Sache, denn auch Propheten können nur die Sprache und Vorstellungen ihrer Zeit aufgreifen. Vergil macht das auf jeden Fall so überzeugend, dass er von frühen Christen als eine wie es heißt „von Natur aus christliche Seele“ angesehen wurde.

 

 

 

Hirtenlieder waren normalerweise derb. Hirten lebten in der freien Natur, waren niemandem Untertan, waren von moralischen Normen der Gesellschaft eher weniger betroffen. Trotz aller Idylle und Phantasien wird doch hin und wieder deutlich, dass die Hirten nicht unbedingt arm waren, aber doch ausgeschlossen und in der weiten freien Natur allen möglichen Mithirten mit ihren Gemeinheiten und derben Späßen oder Naturgewalten, Dieben, Banden und Raubtieren ausgeliefert. Und diesen derben Menschen erscheint in ihrer nächtlichen Einsamkeit und in Zeiten der Gefahren etwas Eigenartiges. Es war dieses Mal keine Gefahr, obgleich sie sich angesichts dessen, was sie sahen äußerst erschraken und sich fürchteten:

 

 

 

Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.

 

 

 

Auch Hirten haben Träume, haben Sehnsucht danach, dass Gott in ihre Welt eintritt, dass die Welt gut und friedvoll, dass die Einsamkeit und Angst genommen wird. Ihre Sehnsucht wird gestillt durch dieses wunderbare Engel-Erlebnis mit der Ankündigung der Geburt des Weltenkönigs.

 

 

 

Nicht nur Vergil, sondern auch alttestamentliche Propheten wiesen schon auf dieses Ereignis hin, obgleich auch sie noch nicht so richtig sehen und wahrnehmen konnten, was Gott letztendlich tun wird – auf jeden Fall wird es etwas Wunderbares sein. Heiden wie Juden erwarteten etwas, sie spürten etwas – und als es dann endlich da war, waren schon viele Menschen – selbst die Hirten – auf das vorbereitet, was Gott in Jesus Christus getan hat. Man wundert sich, warum sich das Christentum so schnell ausbreiten konnte – obwohl Jesus hingerichtet und seine Nachfolger verfolgt und vielfach ermordet wurden – hier haben wir eine Lösung: Die Sehnsucht der Menschen war schon längst in den prophetischen Worten aufgenommen worden, Menschen warteten angeregt auf das von Gott Verheißene, Versprochene. Viele Menschen waren schon mit Herz und Seele bereit diese großen Taten Gottes aufzunehmen.

 

 

 

Unsere menschliche Sehnsucht ist das Tor, durch das Gott in unser Herz und in unsere Seele einzieht. Und so ist die gesamte Weihnachtsgeschichte ein Gegenbild zu den Grausamkeiten, den Unzulänglichkeiten, den Ängsten und der Schuld in der Welt. Denn es trat ein, was Propheten prophezeit, was Menschen erhofft und ersehnt hatten: Gott wird Mensch, Gott kommt den Menschen nahe, damit die Menschen Menschen werden.

 

 

 

Aber Gott kommt anders, als Menschen es sich erhofft und ersehnt haben. Er stillt unsere Sehnsucht nicht ohne Schmerzen hindurch. Maria muss Angst haben, dass sie getötet wird, weil sie ein Kind trägt, dessen Vater für die Zeitgenossen unbekannt ist. Josef muss sicher eine Menge Spott und Zorn von seinen Dorfgenossen ertragen, weil seine Verlobte schwanger ist. Beide werden von der Regierung gezwungen, in einer äußerst schweren Zeit eine beschwerliche Reise anzutreten. Die Mütter- und Kindersterblichkeit war damals auch schon ohne solche Reisen sehr groß. Menschen wollten mit der schwangeren Maria und dem Josef nichts zu tun haben, sodass sie außerhalb eines Städtchens ihr Kind in einer Höhle gebären musste. Herodes lässt kleine Kinder ermorden, weil er Konkurrenten fürchtet. Und all diese Erfahrungen, die erniedrigte Menschen zu allen Zeiten machen mussten, machen sich im Lied der Maria Luft. Maria singt ein Lied, das die ganzen Hoffnungen und Sehnsüchte der damaligen Zeit und vieler in der heutigen Zeit wiedergibt: Die einfachen Menschen haben die Arroganz der Hochmütigen satt, sie haben es satt, sich noch länger von den Mächtigen drangsalieren zu lassen. Sie haben es satt, sich von Reichen ausbeuten und von der Besatzungsmacht demütigen zu lassen. Sie haben es satt, von den Entscheidungen der Selbstherrlichen abhängig zu sein. Gott erwählt eine äußerst erniedrigte junge Frau, damit sie den Sohn Gottes gebären soll, der die Sehnsucht der Menschen stillen wird, die Sehnsucht nach Frieden, nach Gerechtigkeit, nach Gleichheit, nach Schmerzlosigkeit – und vor allem nach dem nahen Gott.

 

 

 

Wir haben in unserer Kultur die Weihnachtsgeschichte verniedlicht. Sie ist zu einer Kindergeschichte geworden, die das Geschenke auspacken umrahmt. Die mächtigen Engel sind Engelchen geworden, sind kleine niedliche Kinder geworden, die helle Kleidchen anhaben und mit ihren hellen Stimmchen Lieder singen. Doch diese Geschichte ist von ihrem Ursprung her eine harte Geschichte, eine Kampfgeschichte. Gott sagt dem römischen Herrscher den Kampf an. Augustus wird nicht umsonst erwähnt: Und es geschah, als Augustus Kaiser in Rom war – die römischen Heere haben Augustus hoch leben lassen, sie haben ihn akklamiert, mit Männergeschrei haben sie die Größe des Kaisers in Rom besungen! Und wen besingt das Himmelsheer? Das Heer der mächtigen Engel, akklamiert, lobt Gott! Man darf sich das nicht als säuselndes Liedchen vorstellen, sondern als Machtdemonstration:

 

 

 

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens!

 

 

 

Ehre sei Gott, nicht den Mächtigen, den Gewalttätigen auf Erden, nicht dem Augustus! Gott hat sich der Sehnsucht der Menschen angenommen. Maria, Josef, die Hirten, Weise – und viele andere merken, spüren: Es beginnt eine neue Zeit! Gott übernimmt die Herrschaft. Wer Gott lobsingt, kann nicht mehr menschliche Mächte und Gewalten besingen.

 

 

 

Und hat Gott die Herrschaft übernommen? Schon die Weihnachtsgeschichte deutet zaghaft an: Ja, aber auf einer ganz anderen Weise, als man es so erwartet hatte. Er stillt unsere Sehnsucht auf seine Weise. Gott übernimmt in Jesus die Herrschaft wie es Jesus zeigte und lehrte: Nicht mit Gewalt, auch nicht mit göttlicher Gewalt, nicht mit Geschrei, sondern unter Lob Gottes und den Berichten, was er Wunderbares getan hat und zu tun gedenkt. Nicht mit Blutvergießen, mit Morden kommt Gott, sondern: Er nimmt die Schmerzen, er hilft, die Schmerzen zu tragen, er heilt die Menschen an ihren verletzten Körpern und Seelen. Er nimmt den Menschen die Schuld, so dass sie frei ihr Leben leben können. Er stärkt die Menschen, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, nach Frieden und Freiheit, so dass sie sich nicht unterkriegen lassen müssen. Er stillt unsere Sehnsucht auf seine Weise – nicht ohne Schmerzen hindurch. Aber: Die Finsternis der Nacht der Hirten war ab diesem Zeitpunkt nicht mehr finster. Auch Maria, die noch viel Schlimmes durchmachen musste, konnte davon zehren, denn es ist Gottes Sohn, den sie geboren hat – das heißt: Gott ist mit ihm, selbst wenn durch ihre Seele ein Schwert dringen wird. Selbst wenn Menschen so furchtbar grausam sind und ihren Sohn hinrichten: Sie werden nicht siegen. Die Gewalttäter werden nicht das letzte Wort haben. Die ersten Christen wurden verfolgt, ermordet, hingerichtet – aber Gottes Botschaft konnte durch die gesamte Kirchengeschichte nicht zum Verstummen gebracht werden, weder durch die jüdische Elite, noch durch die Römer, weder durch Nationalsozialisten, Kommunisten, Islamisten – selbst durch Christen nicht, die die Botschaft immer wieder verwässerten, verharmlosten, verfälschten.

 

 

 

Die Sehnsucht, die wir Menschen haben, ist das Tor, durch das Gott immer wieder eindringt – und uns neu macht, damit wir in die große Bewegung Gottes hineingenommen werden. Gott wurde Mensch, damit wir Menschen werden können. Gottes Klarheit und Licht umstrahlte die Hirten und nach ihnen zahlreiche andere Menschen, damit wir Gottes Klarheit und Licht weiterstrahlen können.

 

 

 

Gottes Taten sind Zukunft, sind Verheißungen, sind Versprechen. Propheten mussten lange warten und haben die Zeit gesehen, aber nicht mehr erlebt. Auch die Hirten mussten lange warten und manche von ihnen haben sie wohl ebenfalls nicht mehr erlebt, als Jesus ca. 30 Jahre später öffentlich seine großen Taten zu wirken begann. Was Gott verspricht, das wird Wirklichkeit – vielleicht anders als wir denken – und eben zu Gottes Zeit. Doch allein die Botschaft bewegt. Mit dieser Botschaft im Herzen wird das Leben anders. Menschen bekommen Hoffnung, sie fangen an zu Singen, auch wenn es eigentlich gar nichts zu singen gibt. Menschen sehen das Licht Gottes – Mitten in den Finsternissen des Lebens. In Krankheit und Schmerzen dürfen wir schon den wahrnehmen, der sie nehmen wird. In Angst dürfen wir den Mut verspüren, den er schenkt. Im Sterben können wir schon den schauen, der unser Leben ist. Und weil er in Jesus Christus schon, wie die Propheten angekündigt haben, Mensch geworden ist, sind die Versprechen Gottes nicht leer, nicht hohl. Seine Liebe ist greifbar – und angeleuchtet von der Herrlichkeit Gottes bewegen wir sie wie Maria in unseren Herzen. Gott stillt unsere Sehnsucht auch durch Schmerzen hindurch – aber er stillt sie.

 

 

 

Die Prophezeiungen der Propheten und des Vergil sind Wirklichkeit geworden, so erkennen Christen. Die Welt ist eine andere geworden – und sie wird sich unter der überraschenden Führung Gottes weiterhin zum Guten verändern. Machen wir mit. Die Hirten begannen das große Werk – und wir – machen wir weiter?

 

 

 

Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.