Lukas 2:

 

Und seine Eltern gingen alle Jahre gen Jerusalem auf das Osterfest. Und da er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf gen Jerusalem nach der Gewohnheit des Festes. Und da die Tage vollendet waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb das Kind Jesus zu Jerusalem, und seine Eltern wussten es nicht. Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Freunden und Bekannten. Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wiederum gen Jerusalem und suchten ihn.

Und es begab sich, nach drei Tagen fanden sie ihn im Tempel sitzen mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich seines Verstandes und seiner Antworten. Und da sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Seine Mutter aber sprach zu ihm: Mein Sohn, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. Und er sprach zu ihnen: Was ist's, dass ihr mich gesucht habt? Wisset ihr nicht, dass ich sein muss in dem, das meines Vaters ist?  Und sie verstanden das Wort nicht, das er mit ihnen redete. Und er ging mit ihnen hinab und kam gen Nazareth und war ihnen untertan. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen. Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.

 

 

 

Soweit der Predigttext.

 

Das ist die einzige Geschichte, die wir in den Evangelien haben, die von Jesus erzählt, bevor er als Erwachsener öffentlich aufgetreten ist. Und diese Geschichte hat es in sich, weil Jesus sehr verletzend auftritt – um der Wahrheit willen. Zuerst suchen seine Eltern ihn mit Schmerzen – und was muss das für ein Stich im Herzen von Josef verursacht haben, wenn sein Sohn ihm erklärt, dass er nicht sein Sohn ist, sondern dass er einem anderen Vater angehört – eben Gott. Was muss das in der Mutter für Schmerzen verursacht haben, wenn sie hört, dass ihr Sohn sich selbständig macht, dass er sich an einem anderen Ort mehr zu Hause fühlt als in seinem Elternhaus? Vor allem müssen wir wissen, dass Maria prophezeit bekommen hatte, dass ihr Sohn einmal eines gewaltsamen Todes sterben werde. Das alles muss verletzend gewesen sein für die Eltern und Ängste ausgelöst haben – aber, so hören wir versöhnlich: Nach diesem Ereignis blieb er ihnen gehorsam, er passte sich ihnen an, er tat das, was man von ihm erwartet hatte. Und indem er das tat, wuchs er an Weisheit, er wuchs in den Augen der Menschen und Gottes an innerer Größe.

 

 

 

Diese Geschichte weist voraus und zeigt uns etwas, das für den späteren Jesus, den erwachsenen Jesus, kennzeichnend war: Er war nicht nur der liebe Jesus, das liebe Jesulein, der Mann, der allen Menschen wohlgetan hat, indem er ihnen nach dem Mund redete, indem er ihnen tat, was sie verlangten. Er war oft sehr hart. Er sagte die Wahrheit – auch wenn sie keiner hören wollte. Wir verstehen heute diese Geschichten, die über ihn erzählt werden, vielfach in ihrer Härte nicht mehr. Wir freuen uns, dass er den Pharisäern eins ausgewischt hat, wir freuen uns darüber, dass er den Hochmütigen über den Mund gefahren ist, wir denken: Klasse, Mann, dass du den Mächtigen in die Parade fährst. Manche Texte mögen jedoch auch wir nicht hören – die Texte zum Beispiel, in denen er reiche Menschen vor den Kopf stößt – denn wir selbst sind nicht gerade arm, und mögen solche Provokationen nicht. Wir mögen nicht die Texte, in denen er übertriebene Rücksichtnahme mit Bedürftigen fordert, denn das ist für uns manchmal eine arge Herausforderung. Texte, in denen er vor Ehebruch und Hochmut warnt, mögen wir nicht unbedingt, denn wir gefallen uns in unserem Denken und Tun. Jesus Christus ist ein Stachel im Fleisch, er ist ein Dorn im Auge – wenn wir ihn denn ernst nehmen und ihn nicht versüßen, das Jesuskindlein auf sein blondes lockiges Haar reduzieren oder ihn nur als Christkindlein sehen, das uns mit Geschenken bei seinem Händchen nimmt. Jesus, der Sohn Gottes, kann äußerst hart sein.

 

 

 

Dieser Mensch Jesus ist derselbe, der er auch als auferstandener Jesus Christus ist. Er kann in unser Leben hart hereinkommen. So hart, dass wir ihn nicht mehr verstehen und sagen: Jesus, du bist doch zu allen Menschen gut gewesen – sei auch gut zu mir! Und so verbindet jeder in seiner jeweiligen Situation eine Bitte an diesen Jesus: Du hast geheilt – nimm mir die Krankheit! Du hast Schmerzen genommen – nimm mir die Schmerzen! Du hast Menschen, die kein Geld hatten – unterstützt, du hast Familien geheilt, du hast… - und tu das nun auch an mir!

 

Und die Erfahrungen, die folgen, können dann hart sein. Die Lektionen, die uns Jesus lehrt, können extrem sein. Er ist der Arzt und Heiler für Körper und Seele – aber der Chirurg muss Schmerzen zufügen, um heilen zu können. Der Seelsorger muss manchmal harte Sachen sagen und fordern, damit die Seele gesundet, der Lehrer muss manchmal schlechte Noten geben, damit der Schüler aufwacht und sein ganzes Können ausspielt. Jesus ist nicht nur Freund, sondern auch Herr, der befiehlt. Und so geht auch Jesus Christus mit uns manchmal hart um. Wir wollen den unsanften Arzt, Seelsorger, Lehrer, Herrn loswerden, darum packen wir ihn in Watte, schmelzen ihn in süße Schokolade um – je mehr wir das machen, desto massiver wird uns der wahre Arzt, Seelsorger, Lehrer und Herr Schmerzen bereiten.

 

 

 

Was ist eigentlich das Ziel, das der Mensch Jesus in seinem göttlichen Leben verfolgte? Das Ziel bestand darin, das Reich Gottes, die Herrschaft Gottes spürbar werden zu lassen. Das klingt gut: Es gibt keine Tränen mehr, keine Unterdrückungen und Ungerechtigkeiten. Doch dazu gehören seine Forderungen, damit das auch schon jetzt eintritt: Vergib dem anderen die Schuld! Liebe deine Feinde, denn Gott tut das auch, seinem Feind vergeben! Sei nicht hochmütig, sei nicht hochnäsig! Sieh deine eigenen Fehler und nicht die des anderen! Lerne zu lieben – ohne Wenn und Aber! Dem Fremden biete die Hilfe, die er benötigt – und geh an ihm nicht vorbei! Ändere dich, damit du andere nicht verachtest!

 

Wir finden Worte von einer solchen Härte, dass Menschen sagen: Das kann nicht von Jesus sein, er fordert ja Unmenschliches! Doch, das sind Worte von Jesus, weil er den Menschen über sich hinausheben möchte. Mensch, du musst nicht verbittert andere an ihre Schuld fesseln, Mensch, du musst nicht an Hilfsbedürftigen vorbei gehen, du musst nicht deine ganze Sorge um den Besitz kreisen lassen, Mensch, du musst nicht kleinkariert an deinem kleinen Ich festkleben – Mensch, du kannst ein ganz anderer sein, frei und gut, ein Kind Gottes – also werde auch anders! Warum sollen wir anders werden? Damit wir auf der Erde Gemeinschaft herstellen können, damit ein Miteinander vorherrscht und nicht ein Gegeneinander. Damit sich Gottes Wille durchsetzt und nicht das Chaos der Menschen. Jesus Christus traut uns unheimlich viel.

 

 

 

Und das alles versucht uns der Lehrer, der Arzt, der Herr beizubringen – durch harte Lebenslektionen.

 

 

 

Manche sagen dann natürlich: Wenn Jesus Christus nicht meine Wünsche erfüllt, dann will ich mit ihm nichts mehr zu tun haben. Viele Menschen aus unseren Breiten, die Jesus verlassen, tun das, weil sie in ihrer Kindheit und Jugend Gott um irgendetwas gebeten haben – und er hat es ihnen nicht gegeben. Daraus wird dann geschlossen: Gott gibt es nicht. Aber sie haben Gott mit einem Wunscherfüllungsautomaten verwechselt. Und Gott tut uns schlicht und ergreifend nicht den Willen, ein Wunscherfüllungsautomat zu sein, in dem ich ein paar gute Worte oder punktuell gute Verhaltensweisen einwerfe und dann macht er schon, was ich will.

 

 

 

Und so gehen andere Menschen damit um, wenn Gott  ihnen nicht die Erwartungen erfüllt. Sie klagen zu Gott: Ich verstehe dich einfach nicht. Warum? Und sie warten, bis Gott ihnen ein wenig Licht ins Dunkle sendet. Und wir bitten zu Gott, dass er es ihnen sende. Sein Licht, seine Stärke, seine Geborgenheit.

 

 

 

Manche fragen Gott: Welches Ziel verfolgst du damit? Und so können permanent schlechte Noten dazu führen, dass ich empfindsamer werde für Menschen, die sich abstrampeln, dass ich ihre Kämpfe wahrnehme, sie würdige. So können meine Trauer, meine Schmerzen und Krankheiten dazu führen, dass Menschen spüren: Da erlebt ein Mensch schlimme Dinge wie ich – aber er lässt sich nicht unterkriegen und hält dennoch an Gott fest! Da gibt es Menschen, die am Rande der Armut herumkrebsen, aber aus Gott heraus vertrauensvoll leben und damit anderen ein Vorbild ist: das Leben besteht nicht aus Reichtum – die Kunst des Lebens besteht darin, sich Gott anzuvertrauen. Wenn ein Mensch viel tut, aber sein Tun nicht anerkannt, geschweige denn, überhaupt wahrgenommen wird, der muss nicht verbittern, nicht resignieren, aufgeben – denn das ist schlicht und ergreifend Gottes Wille, dass er an Gottes Stelle diese guten Taten tut, damit es der Gesellschaft besser geht.

 

 

 

Wenn Gott uns nicht als Wunscherfüllungsautomat den Gefallen tut, unsere Wünsche zu erfüllen, dann nimmt er uns wichtiger, dann erwartet er von uns etwas ganz Großes: Er erwartet von uns, ihm nachzufolgen. Er will uns so groß machen, dass wir an seiner Stelle hier auf der Erde wirken. Er will sich mit uns vereinen, will mit uns eine Einheit werden. Das setzt freilich voraus, dass wir das auch als etwas ganz Großes ansehen, dass wir der Tempel Gottes werden und der Tempel Gottes sind. Wer Gott missachtet, wer ihn in seinem Hirn ganz klein macht, wer ihn als Wunschautomaten missbrauchen will – der lacht natürlich über solche Worte. Aber wer sich dem Schöpfer des Universums und der Erde, dem Gott, der in dem Kind Jesus Mensch geworden ist, öffnet, in dem nimmt er Wohnung, in dessen Herzen zieht er ein.

 

 

 

Und wenn wir Gottes Tempel, seine Wohnung sind, dann will er sie auch nach seinem Willen einrichten. In seiner liebenden Weisheit will er uns gestalten. Und wenn unsere Kämpfe gegen Gott aufhören, wenn Gott sich durchgesetzt hat bei der Wohnungsgestaltung in unserem Herzen, in unserer Seele, in unserem Gehirn, dann können uns schlimme Erfahrungen zwar dämpfen, aber sie können uns nicht mehr unterkriegen. Dann können Todeserfahrungen, Todesahnungen, Krankheiten, Schmerzen, Einsamkeit zwar müde, resigniert und traurig machen, aber in allem dürfen wir wissen, dass wir Gottes sind, dass wir ihm ganz nahe sind – so wie er uns nahe ist, denn er hat seine Wohnung in unserem Herzen eingerichtet. In der Weisheit Gottes, in der wir dann leben, dürfen wir erfahren, dass uns schlimme und schlimmste Erfahrungen nur Gott näher bringen, immer näher bringen. Wenn Gott in uns wohnt, dann kann uns nichts mehr von ihm trennen.

 

 

 

Behalten und bewegen wir diese Worte wie Maria in unserem Herzen, damit wir diese wunderbaren Erfahrungen der Nähe Gottes immer wieder machen. Das gebe uns Gott.