Der für den heutigen Sonntag vorgeschlagene Predigttext steht im 3. Kapitel des Markusevangeliums, in den Versen 31ff.:

 

Und es kamen seine Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen. Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir. Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.

 

Soweit der Predigttext.

 

Ihr lieben Brüder und Schwestern Jesu, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm – dieses Sprichwort kennen wir, um zu verdeutlichen: Das Kind ist wie die Eltern. Es mag für manche Kinder oder Eltern nicht gerade ein angenehmer Satz sein – aber auf das Verhältnis von Gott und seinen Menschen trifft das zu: Wer Gottes Willen tut, so Jesus, ist Gottes Kind. Der Apfel fällt also nicht weit vom Stamm. Und so können wir alle Kinder Gottes sein – wenn wir Gottes Willen tun.

 

 

 

Und da kommen schon die Einwände, da beginnt schon das Grübeln und Katzenjammern: Wer Gottes Willen tut, der ist Gottes Kind? Wir hören doch immer wieder, dass alle Menschen Kinder Gottes sind. Alle gehören zu der einen großen Gottesfamilie! Das tun wir ja auch – wenn wir denn Gottes Willen tun. Wenn wir nicht Gottes Willen tun, dann haben wir uns von Gott entfernt und zeigen damit aller Welt: Ich will nicht mehr Gottes Kind sein. Gott zwingt keinen, sich zu ihm zu bekennen. Wenn einer sagt: Ich tue das, was ich will, und geh weg von Gott, dann sagt Gott: Es tut mir sehr leid, dass du nicht mein Kind sein willst, aber tu das, was du nicht lassen kannst. Wenn einer aber sagt: Ich will ganz nah bei dir bleiben, Gott, dann freut sich Gott und sagt: Mein Kind.

 

 

 

Doch was ist der Wille Gottes, was bedeutet es, Gottes Willen zu tun? Gottes Wille wird uns in Jesus sichtbar, in seinen Worten und Taten. Und so fragen wir: Was würde Jesus tun? In den USA gibt es eine christliche Bewegung, die fragt: What would Jesus do? – Also: Was würde Jesus tun? Das begann damit, dass ein Landstreicher in einen Gottesdienst kam. Alle sangen so wunderschön und lauschten den guten Worten des Predigers. Dann stand der Landstreicher auf und fragte: Das, was ihr hier macht, ist wunderschön – aber habt ihr euch mal gefragt: Was würde Jesus tun? Will er nicht, dass Ihr das im Leben umsetzt? Wie würde es auf der Welt aussehen, wenn alle Menschen, die so schöne Lieder singen, auch danach leben würden? Und dann starb er. Die Gemeinde war sehr erschrocken und versuchte sich ein Jahr lang bei allem, was sie tat zu fragen: Was würde Jesus tun? Ein Autor schrieb in seinem Buch über das Ereignis, eine Jugendgruppe las es – und so entstand die Bewegung. Und diese Frage macht vor keinem Thema halt. Sie gilt für das private Handeln wie für das öffentliche Tun, für die Politik wie für die Freizeit, für den Einkauf wie für das, was wir im Fernsehen schauen und auf dem PC spielen.

 

 

 

Für Jesus bedeutete es, Gottes Willen zu tun, sich menschenfreundlich, gemeinschaftsfördernd zu verhalten. Er nennt das Liebe: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Und wer menschenfreundlich, gemeinschaftsfördernd lebt, der ist Gottes Kind, weil er Gottes Willen tut, lebt wie Jesus leben würde. Nun können wir uns alle selbst auf die Schulter klopfen und sagen: Ich liebe alle Menschen – irgendwie – also bin ich Gottes Kind. Aber das Schulterklopfen hört schnell auf, wenn wir ein wenig näher hinschauen: Was heißt das eigentlich, den Nächsten zu lieben?

 

 

 

Wir werden nachher das Vater-Unser miteinander sprechen. In diesem Gebet ist eine Aussage ganz zentral: Vergib uns unsere Schuld – wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und damit sind wir bei einer der zentralen Forderungen Jesu: Vergeben. Denn dann, wenn einer dem anderen ständig irgendetwas nachträgt, dann kann es keine Gemeinschaft geben. Jeder hat etwas gegen jeden, jeder kämpft irgendwie gegen jeden. Wir Menschen werden alle an anderen schuldig – und darum ist es auch so wichtig, dass wir einander ent-schulden. Eine Gemeinschaft kann nur funktionieren, wenn man fröhlich und vergebend miteinander umgeht. Warum ist das so wichtig? Schuld fesselt Menschen, Schuld bindet Menschen. Wer schuldig geworden ist, fesselt sich an dem, an dem er eine böse Tat getan hat. Der Mensch kann nie mehr frei werden – aber auch das Opfer, das den Schuldigen an sich fesselt, kann ebenfalls nicht mehr frei werden. Schuld bindet Menschen in unguter Weise aneinander. Erst wenn man vergibt, dann löst man die Fesseln, dann wird man selber frei, dann wird auch der andere frei. Jesus wusste das, und von daher spielt die Forderung, einander zu vergeben, eine so große Rolle für die christliche Gemeinde in der Nachfolge Jesu.

 

Der zweite wichtige Punkt, den Jesus uns immer wieder ans Herz gelegt hat: Überhebt euch nicht über andere. Tut das, was Gott euch aufgetragen hat – alles andere überlasst Gott. Ihr müsst euch nicht vor den anderen aufplustern, auch nicht damit, dass wir allen sagen und zeigen, wie bescheiden und zurückhaltend wir sind. Das, was Gott uns zu tun aufgetragen hat, bleibt bei den anderen meistens unbemerkt. Alle Taten, die im Willen Gottes geschehen, die sind groß – und scheinen sie in den Augen der Menschen noch so klein zu sein. Taten, scheinen sie in den Augen der Menschen noch so groß zu sein, die aber nicht im Willen Gottes getan werden, sind nichts wert. Und das trichtert Jesus seinen Schülern immer wieder ein: Allein darauf kommt es an, Gottes Willen zu tun. Nicht darauf, ob es andere bemerken oder nicht. Manchmal denken wir: Der oder die tut doch überhaupt nichts für die Gemeinschaft! Wissen wir es? Wenn Gott jemanden sagt: Bete für die Gemeinde – das ist deine Aufgabe, dann ist das seine Aufgabe – und es ist nicht seine Aufgabe, öffentlich und allen sichtbar auf der Kanzel zu stehen. Beide Taten sind gleich viel Wert, beide sind gleich groß, auch wenn die eine Tat wahrgenommen wird, die andere nicht. Es gilt in der Gemeinde Gottes das zu tun, wozu Gott einen jeden begabt hat, wozu Gott einen jeden beauftragt hat. Nicht mehr und nicht weniger. Aber das, was Gott von uns getan haben will, das muss jeder herausfinden – und das schließt freilich auch Bequemlichkeit und Faulheit aus. „Ei, du fauler Knecht!“ – hören wir Jesus einmal ausrufen – nein: Faulsein, sich in sich selbst zurückziehen, hat auch keinen Platz im Willen Gottes. Manche sagen: Ich will mich zurückhalten, damit ich von anderen nicht als solche angesehen werde, die sich nach vorne drängeln. Ich bleibe lieber bescheiden im Hintergrund. Schlimm ist, wenn dann noch den anderen, die von Gott öffentliche Aufgaben bekommen haben, hämisch vorgeworfen wird: Sie wollen sich ja nur bei Menschen liebkind machen und sich in den Vordergrund spielen. Das alles ist auch nicht nach Gottes Willen. Herausfinden, was Gott von mir will, ob ich jung bin oder alt, krank oder gesund, der Klügste aller Klugen oder einer, bei dem alles langsamer geht - darauf kommt es an. Gott treibt dazu an, sich so zu verhalten, dass die Gemeinschaft gefördert wird – alles andere ist nicht von Gott.

 

Sich so zu verhalten, dass Gemeinschaft gefördert wird, das meint der Satz: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Damit sagt Jesus: Wer Gottes Willen tut, ist Kind Gottes, sein Bruder, seine Schwester, seine Mutter. Wer Gottes Willen nicht tut, der schließt sich aus der großen Familie Gottes aus. Das gilt auch für Gruppen, Religionen oder Ideologien: Wer Angst verbreitet, wer die Kultur des Todes zum Ziel hat - erweist sich nicht als Gottes Kind.

 

 

 

Wer Jesus kennt, weiß freilich, dass diesen Forderungen etwas vorangeht. Immer vorangeht. Glaubende sind nicht gesetzlich, sie tun Gottes Willen nicht, weil sie ihn tun müssen. Sie tun Gottes Willen aus einem ganz anderen Grund.

 

Warum sollen wir einander vergeben? Weil Gott uns vergeben hat! Gott bindet und fesselt uns auch nicht an unsere Schuld – wir sind frei von ihr, was auch immer wir getan haben. Und weil Gott uns von unserer Schuld befreit, darum können wir uns und auch anderen vergeben!

 

Warum sollen wir uns nicht aufplustern? Weil Gott in Jesus Mensch geworden ist, der Herr, der Schöpfer, der Allmächtige wurde kleiner vergänglicher Mensch – und weil Gott sich nicht aufplustert, sondern klein und gering wurde, darum plustern auch wir uns nicht auf und tun Gottes Willen.

 

Und beides sehen wir auch im Abendmahl: deutlicher kann Gott uns nicht zeigen, dass er uns unsere Schuld und Sünde vergeben hat. Kleiner kann Gott sich nicht machen als durch die schmachvolle Hinrichtung am Kreuz, die er unseretwegen erlitten und ertragen hat. Gottes Liebe zu uns ist so groß, dass er dafür alles in Kauf nimmt. Alles: Spott, Hohn, Verachtung, er wird angespuckt und gelästert, weggeworfen, von allen verlassen.

 

Und warum sollen wir uns nicht kleinmachen, warum sollen wir nicht vornehm zurückhaltend, bequem und faul sein? Weil wir die beste aller Botschaften haben: Liebe Gott und den Nächsten. Und wenn sich alle daran halten würden, sähe es in den Familien, Städten und Staaten und Gemeinden ganz, ganz anders aus.

 

 

 

Warum können wir lieben? Eben darum, weil Gott uns liebt. Warum sollen wir lieben? Das zeigt Jesus uns auch an dem wunderschönen Gleichnis vom Verlorenen Sohn: Ein Vater hatte zwei Söhne. Der eine forderte vorzeitig sein Erbe und zieht damit in ein fernes Land. Irgendwann ist es verbraucht, der Sohn muss bei den Schweinen sein Auskommen suchen. Er besinnt sich, und geht heim zum Vater. Der Vater sieht ihn kommen, rennt auf ihn zu und drückt den Verdreckten und Verunreinigten an sich. So eine große Liebe hat Gott zu uns Menschen, dass er sich nicht zu schade ist, uns innere Dreckspatzen wieder aufzunehmen, wenn wir uns von ihm entfernt haben. Und darum dürfen wir auch anderen Menschen unsere Liebe nicht verweigern. Gottes Liebe ist so groß, dass wir im Neuen Testament sogar hören: Gott ist die Liebe. Und diese Liebe, mit der wir von Gott geliebt werden, die Vergebung, die wir durch ihn bekommen haben, die geben wir doch gerne weiter an andere. Und darum bedeutet es im Sinne Jesu nicht, Gottes Willen tun zu müssen. Wer so viel von Gott bekommen hat und Gott auch dafür dankbar ist, der gibt weiter, gerne weiter und in Hülle und Fülle: Liebe, Vergebung – kurz: Gemeinschaft.

 

 

 

Also, liebe Brüder und Schwestern Jesu: Was würde Jesus tun? Zeigen wir den Menschen, mit denen wir es zu tun haben, dass wir Gottes Willen tun und sie annehmen – wie wir von Gott angenommen worden sind.