Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Matthäusevangelium im 14. Kapitel:

 

 

 

Und alsbald drängte Jesus die Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm ans andere Ufer zu fahren, bis er das Volk gehen ließe. Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er auf einen Berg, um für sich zu sein und zu beten. Und am Abend war er dort allein. Das Boot aber war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen. Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem Meer. Und da ihn die Jünger sahen auf dem Meer gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht. Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin's; fürchtet euch nicht! Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und sie stiegen in das Boot und der Wind legte sich. Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!

 

 

 

Soweit der Predigttext.

 

Wir haben im Neuen Testament einige Naturwunder. Naturwunder haben Besonderheiten, die über Heilungswunder hinausgehen: Sie sind eine Art Gleichnisse, sie weisen über sich selbst hinaus.

 

So weist das sogenannte Weinwunder, das Wunder, in dem Jesus Wasser zu Wein verwandelt auf den Tod Jesu hin: Wir denken an das Abendmahl, in dem es heißt: Dieser Kelch – das heißt dieser Wein – ist mein Blut des neuen Bundes, das uns rettet, das Vergebung mit sich bringt, unsere köstliche Befreiung.

 

Denken wir an das Wunder, in dem die Jünger sehr viele Fische ans Land ziehen – und Jesus sagt zu Petrus, ich mache dich zum Menschenfischer, das heißt zu einem Menschen, der Menschen von der frohen Botschaft Jesu überzeugt. Dieses Wunder weist auf die den Erfolg der Verkündigung hin. Die frohe Botschaft ergreift weltweit Menschen – sie gilt der ganzen Welt, Dir, mir.

 

Das Wunder der Vermehrung von Fisch und Brot – auch das weist über sich hinaus: Wir sollen und können teilen was Jesus uns gibt – und dann werden alle satt. Allen geben wir weiter, niemand wird ausgeschlossen. Es wird nicht danach gefragt, hat er das Brot, den Fisch, das, was wir teilen, verdient oder nicht – es wird einfach weitergegeben, damit alle, die Hunger haben, satt werden.

 

 

 

Auch das Wunder, von dem der Predigttext berichtet, weist über sich selbst hinaus.

 

Wellen und Sturm sind seit alten Zeiten Chaosmächte. Mächte, die Menschen in Angst und Schrecken versetzen. Gegenüber Naturmächten sind wir Menschen machtlos – und stehen dann da vor den Scherben, die eine kurze Katastrophe angerichtet hat. Denken wir an die Lawine in Italien, die zahlreichen Menschen das Leben gekostet hat, denken wir auch an die Erdbeben in Italien und überall sonst auf der Welt, die in kurzer Zeit die Lebensarbeit vieler, vieler Menschen zerstören – und eben auch Leben nehmen. Denken wir an die Trockenheiten in Ostafrika – kein Mensch kann etwas dagegen tun – man fühlt sich ihnen ausgeliefert. Naturmächte sind Chaosmächte. In Texten des Alten Testaments lernen wir, dass der Mensch diesen Mächten nicht gewachsen ist – allein Gott kann sie beruhigen.

 

 

 

Aber Chaosmächte sind nicht nur die unangenehmen Seiten der Natur, Chaosmächte beherrschen auch unser Innerstes. Ängste angesichts der Vergangenheit können uns lähmen. Sorgen vor der Zukunft tragen dazu bei, dass Menschen zittern und zagen angesichts ihres Lebens, dass sich Menschen Drogen ausliefern, sich selbst hilflos machen. Erlebnisse, die wir nicht bewältigen konnten, dringen massiv auf uns ein, zerstören unseren Gleichmut, unseren Frieden und rauben uns die Freiheit. Wie oft fühlen wir uns hilflos – hilflos, angesichts von bevorstehenden Aufgaben, angesichts befürchteter Krankheiten, hilflos angesichts politischer Prozesse – und hilflos vor allem auch mit Blick auf den Tod, auf das eigene Sterben.

 

 

 

Und so weist uns dieses Wunder von dem Naturwunder weg – hin zu dem, was uns Angst macht, was uns lähmt, vor dem wir mit großer Hilflosigkeit stehen. Jesus Christus half dem Petrus in seiner Angst. Damals. Lange ist es her.

 

 

 

Doch wenn wir den Text genau lesen, lesen wir einen Ruf:

 

Herr, rette mich!

 

Das ist nicht nur ein Ruf des Petrus vor 2000 Jahren, das ist ein Ruf vieler, vieler Menschen seitdem – und vielleicht auch unser Ruf angesichts der Chaosmächte, die uns erschrecken. Wenn wir den Boden unter den Füßen verlieren, wenn wir Angst und Sorgen haben – dann rufen auch wir: Herr, rette mich!

 

Daraufhin ergriff Jesus die Hand des Petrus – und nach diesem Ruf ergreift er auch unsere Hand. Der Text weist über sich hinaus in unsere Gegenwart: Wir schreien: Herr, rette mich! – Und Jesus Christus ergreift unsere Hand und wir können geborgen sein, sicher, gelassen, voller Frieden, weil wir sagen können: Du bist Gottes Sohn. Du bist der Retter, der Bewahrer, der Helfer.

 

 

 

Jesus Christus ist für uns Christen nicht einfach nur Vergangenheit, tot, eine geschichtlich interessante Figur. Jesus Christus ist für uns der Lebendige, der, zu dem wir in einer Beziehung leben können, den wir anreden, in dem wir uns bergen können.

 

Wie das Weinwunder zu Kana zeigt, haben wir auch noch heute Vergebung durch Jesu Blut. Wie das Fischwunder zeigt, ist er heute noch derjenige, der Menschen beauftragt, in seinem Namen zu handeln – weltweit zu handeln.

 

Wie das Speisungswunder zeigt: Jesus selbst beschenkt uns auch heute noch mit Gaben – wir müssen sie nur wahrnehmen, und das große Wunder bestaunen und weitergeben.

 

Weil Jesus Christus für Christen der Lebendige ist, derjenige, der heute wirkt und durch uns für andere wirken möchte, darum können wir ihm auch heute noch zurufen: Herr, rette mich! – Und das gerade auch dann, wenn wir merken, dass unser Vertrauen verschwindet, wenn wir merken, dass wir in Traurigkeit, Resignation, Angst versinken: Herr, rette mich!

 

Die für uns Menschen größte Chaosmacht ist der Tod, sie kann lähmen, ängsten, panisch machen. Und dieser Ruf: Herr, rette mich! Gilt nicht allein für das irdische Leben – sondern mit diesem Ruf führt er uns an der Hand in sein Reich.

 

 

 

Petrus und Jesus sind jedoch nicht sofort im Boot, nicht sofort in der relativen Sicherheit, sondern sie befinden sich noch auf dem Wasser – aber Petrus spürt die Hand Jesu und fühlt sich sicher. Die Chaosmächte sind noch da, der Sturm ist noch da, der Abgrund des Wassers – alles noch da! Aber er spürt Jesus Christus und er schaut auf ihn – und er wird ruhig.

 

 

 

Aber Jesus greift nicht nur nach der Hand des Petrus, er macht noch etwas: Jesus tadelt Petrus: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?

 

Warum? Jesus verlangt von Petrus etwas, was ungeheuerlich ist: Komm!, sagt er. Er verlangt von Petrus, dass er sich diesen Chaosmächten aussetzt, dass er diesen Chaosmächten widersteht, indem er auf Jesus schaut – aber nicht von Jesu Hand gehalten wird. Jesus sagt: Komm! – er verlangt von seinen Leuten Selbständigkeit. Du lebst in diesem Chaos, du wirst bedroht von den Chaosmächten, den Lebensstürmen – schau auf mich – aber gehe selbständig hindurch! Komm! Überwinde sie selbst, indem du auf mich schaust. Schau nicht auf das, was dich bedrängt, schau auf mich – und indem du auf mich schaust, kommst du zum Ziel, besiegst du selbst deine Angst vor den Chaosmächten. Dein Glaube hat dir geholfen! Komm! Aber keine Angst, ich schaue auf dich, sagt Jesus.

 

 

 

Was bedeutet für uns heute, auf Jesus Christus zu schauen? Wie oft geschieht es uns, dass wir durch irgendwas in Hektik geraten, in Aufruhr, in Angst. Die Gründe sind real, sie sind da, sie sind nicht wegzuleugnen. Aber in der Hektik, in dem Aufruhr, in der Angst – sich hinsetzen, hinknien – und mit seinem Herzen auf Jesus schauen und sagen: Gott sei Dank, Du bist da!

 

Die orthodoxe Kirche kennt das Jesusgebet, auch das Herzensgebet genannt. Das ist ein Satz, eine Bitte, was auch immer – das man in seinem Herzen bewegt, das man häufig mitten im Alltag spricht – und das uns dann durchdringt. Zum Beispiel:

 

 Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner.

 

Unser Text bietet uns das Herzensgebet an: Herr, rette mich.

 

Aber es muss kein Bittgebet sein, es kann sich auch einfach nur um die Nennung des für Christen kostbaren Namens Jesus Christus handeln. Zum Beispiel:

 

Herr Jesus Christus.

 

Jesus Christus.

 

Manche von uns leben visueller. Da kann ein Bild, das ein Maler von Jesus gemalt hat, eine Ikone Hilfe sein, wenn wir über sie Jesus Christus nahekommen. Oder das Kreuz, das für Christen seit sehr langer Zeit Anker im Sturm, Boot in der Not, Rettung geworden ist.

 

 

 

Oder Lieder, die wir zum Beispiel heute gesungen haben und gleich singen werden – auch sie können Herzensgebete, Jesusgebete, Jesuslieder werden, die uns helfen, Jesus Christus zu sehen, seine Gegenwart zu spüren, seine Hand zu fühlen, die uns hält.

 

 

 

Komm! – sagt Jesus. Und wir bitten: Herr, hilf mir!