Der für den heutigen Sonntag vorgeschlagene Predigttext steht im Brief des Paulus an die Philipper im ersten Kapitel:

 

Ich danke meinem Gott, sooft ich an euch denke

 

- und das tue ich allezeit in allen meinen Gebeten für euch,

 

und ich bete das Gebet mit Freuden! –

 

ich danke Gott für eure Gemeinschaft am Evangelium vom ersten Tage an bis heute;

 

und ich bin guter Zuversicht,

 

dass Gott, der in euch das gute Werk des Glaubens und der Liebe angefangen hat,

 

es  auch vollenden wird bis an dem Tag, an dem Christus Jesus wiederkommt.

 

Es ist richtig, dass ich so von euch allen denke,

 

 denn ich habe euch in meinem Herzen, euch, die ihr alle mit mir an der Gnade teilhabt – die Ihr auch Anteil nehmt an meiner Gefangenschaft und daran, dass ich das Evangelium verteidige und bekräftige.

 

Gott ist mein Zeuge, wie mich von ganzem Herzen nach euch allen verlangt in Christus Jesus.

 

Und ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher werde an Erkenntnis und aller Erfahrung, sodass ihr prüfen könnt, was das Beste sei, damit ihr rein und gut seid für den Tag Christi, dass ihr erfüllt seid mit Frucht der Gerechtigkeit durch Jesus Christus zur Ehre und zum Lobe Gottes.

 

Soweit der Predigttext. Paulus beginnt all seine Briefe mit einem Dank an Gott. Er dankt Gott dafür, dass es die Menschen der kleinen Gemeinde gibt. Er dankt, weil die Gemeinde in Gemeinschaft zusammen lebt. Er dankt Gott dafür, dass Gott selbst die Gemeinde, jeden Einzelnen in der Gemeinde bis zum Ende führen wird.

 

Paulus schreibt diesen Brief aus der Gefangenschaft. Er weiß nicht, ob er lebend aus dem Gefängnis rauskommen wird, er weiß nicht, ob er die Gemeinde, die Menschen, die er ins Herz geschlossen hat, jemals wieder sehen wird. Weil er das nicht weiß, schreibt er schon in seinem Eingangstext über das, was ihm besonders am Herzen liegt: Ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher werde an Erkenntnis und Erfahrung. Warum liegt dem Apostel am Herzen, dass die Liebe größer wird? Er möchte, dass die Gemeinde ihren schweren Alltag gut bewältigen kann – und zwar aus Liebe heraus den Alltag mit all seinen Bedrohungen und Ängsten bewältigen kann. Es kann ja sein, dass Paulus bald nicht mehr unter den Lebenden sein wird, darum soll seine Gemeinde wissen, worauf es in einem Leben von Christen ankommt: in Liebe zu leben.

 

So mancher in seiner Gemeinde mag da praktischer gedacht haben: In Liebe sollen wir leben? Was ist, wenn wir benachteiligt werden? Was ist, wenn wir uns über den Weg, den wir als Gemeinde gehen sollen, streiten? Paulus soll uns sagen, wo es langgeht, er soll sagen, wie wir unser Leben als Christen leben sollen, er soll helfen, Entscheidungen zu treffen! Doch was tut der große Apostel? Er schreibt uns nicht vor, wie häufig wir beten – und was wir beten sollen! Er schreibt uns nicht vor, wann und wie wir uns treffen sollen! Paulus sagt nichts zu unserem Verhalten im Eheleben, im Umgang mit unseren Eltern und Kindern! Im Umgang mit den feindlichen Heiden! Einfach nur in Liebe leben?

 

Der christliche Glaube gibt keine Gesetze vor. Und das macht unser Glaubensleben manchmal auch so schwer, weil der eine meint, in Liebe zu leben, das bedeutet: nachgeben! Der andere meint, in Liebe zu leben, das bedeutet: hart, standhaft sein! Auch wenn in unserer christlichen Vergangenheit oft die Versuchung bestand, das christliche Leben mit engen Gesetzen zu regeln, im Sinne des Paulus ist das nicht gewesen – auch nicht im Sinne von Jesus. Von jeher kennzeichnet christliches Leben die Freiheit, ein verantwortungsvolles Leben in Freiheit und in der Liebe. Das hat auch Luther begriffen, das hat er ganz groß geschrieben. Das ist die wunderbare Grundmelodie der Reformation: Trotz aller schrillen Töne ist diese Grundmelodie immer da: In Freiheit und in der Liebe leben. Der Christ ist ein Mensch, der frei ist.

 

Eine der zahlreichen Schriften Luthers heißt: Von der Freiheit eines Christenmenschen. Er hat sie im Jahr 1521 geschrieben. Er beginnt sie mit den zwei Hauptthesen, die er dann in der Schrift entfalten wird.

 

Die erste Aussage:

 

Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan.

 

Die zweite Aussage:

 

Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.

 

Ich wiederhole:

 

Die erste Aussage ist:

 

Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan.

 

Die zweite Aussage lautet:

 

Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.

 

Jeder, der diese Zeilen zum ersten Mal liest, stutzt: Das schließt sich doch aus! Christen sind Herren und Knechte!? Christen sind Freie und Sklaven!? Was meint Luther damit? Die Schrift Luthers spricht hinein in eine ganz konkrete Auseinandersetzung. In der römisch-katholischen Kirche hieß es: Der normale Christenmensch ist den Priestern, den Bischöfen, dem Papst untertan – und für den normalen Menschen hieß das auch: Er ist den Fürsten untertan. Das ist das Mittelalterliche Denken, das man schon von den germanischen Vorfahren übernommen hatte. Und weil man all diesen hoch gestellten Herrschaften untertan ist, muss man das tun, was diese sagen, muss man denken und glauben, was diese denken und glauben. Man muss gute Werke tun, man muss gehorsam sein, man muss, man muss, man muss. Und Luther sagt: Nein, du musst nicht. Du bist als Christ frei. Du musst nicht einmal gute Werke tun, um Gott zu gefallen! Warum nicht? Weil Gott dich liebt, weil er dich gerecht gemacht hat! Du kannst dir das ewige Leben nicht erkaufen, indem du versuchst, Gott und den Priestern und Fürsten zu gefallen. Gott hat dich doch schon längst gerecht gemacht! Glaube nur, vertraue der Liebe Gottes – und die macht dich frei von allem.

 

Das ist eine aufrührerische Rede – bis heute.

 

Und dann folgt der zweite Satz:

 

Ein Christ ist Sklave, er ist jedermann untertan.

 

Nimmt er das, was er vorhin gesagt hat, nun nicht wieder zurück? Du als Christ musst nun doch wieder den Fürsten und der Kirche gehorchen, musst gute Werke tun!? Nein! so Luther: Wenn ein Christ gute Werke tut, wenn er einem Oberen gehorcht – dann nur, weil er das aus Liebe tut, weil er es freiwillig tut. Ich möchte es an ein Erlebnis verdeutlichen, das mir für mein Leben sehr wichtig geworden ist. Ich war bei der Bundeswehr. Freiwillig. Ich hätte nicht zur Bundeswehr gemusst, weil Menschen, die Theologie studieren, nicht zur Bundeswehr mussten. Ich aber ging. Und die Zeit war zum Teil recht hart. Da lernt man Menschen kennen, die man sonst gemieden hätte, Menschen, die einem nicht gerade sympathisch sind. Im Gegenteil. Man wird mit allen möglichen Typen Tag und Nacht zusammengewürfelt. Manche meiner Kameraden waren ähnlich menschlich gesinnt wie ich. So mancher ist an dieser Welt dort zerbrochen. Ich sagte mir: Du machst es freiwillig! – und zerbrach nicht. Mancher meiner Kameraden passte sich den übleren Typen an, denen, die blödsinnig herumprahlten und manchen Fankreis um sich geschart hatten. Ich sagte mir: Du machst es freiwillig! – und ich passte mich nicht an. Ich hatte eine große Freiheit – nicht darum, weil ich anders behandelt wurde, sondern weil ich innerlich frei war. Und dieses Wissen, frei zu sein, erleichtert das gesamte Leben ungemein. Und das kennen auch die frühen Christen. Viele von ihnen waren Sklaven – und sie hatten harte Herren, aber sie wussten: Gott liebt mich – ich bin innerlich frei. Gott hat mich an diese Stelle gestellt – ich kann hier sein Diener sein. Nicht der Sklavenhalter ist mein Herr, sondern Gott, der mich an diese Stelle gestellt hat. Und weil die Sklaven sich in ihrer Sklaverei frei wussten, konnten sie andere Sklaven von der großen inneren Freiheit des Christenmenschen überzeugen. Und noch eine Geschichte von mir – wenn ich schon bei Dönekes bin, dann richtig: Ich war in der Schule keine große Leuchte. Ich kämpfte mich zeitweise nur so durch. Ich habe so manches Mal an mir und meinem Verstand gezweifelt. Aber dann fiel mir auf: Schau nicht auf deinen Verstand, sondern schau auf Gott, der dir deinen Verstand gegeben hat, ob klein ob groß, und versuche das Beste daraus zu machen, den Mitmenschen zur Hilfe und Gott zum Lob. Nicht wahr, ihr lieben Christenmenschen: Auf sich selbst zu schauen, sich von vergangenen oder kommenden Ereignissen fesseln zu lassen, ist nicht das Ding eines Christenmenschen. Er ist frei – und aus dieser Freiheit wirkt er an dem Ort, an dem Gott ihn gestellt hat. In körperlicher Krankheit klagen wir, fühlen uns ganz schlecht – aber tief in uns ahnen wir manchmal: Ich werde getragen, auch dann, wenn ich ganz schwach bin und auch ganz schwach sein will. In seelischen Ermüdungen funktionieren wir einfach, irgendwie, fühlen uns aber verletzt und leer. Aber tief in unserem Herzen ahnen wir manchmal: Gott ist in uns, er ist uns nahe, es gibt ein Licht, auch dann, wenn ich es jetzt nicht sehen mag. Dieses Ahnen der Nähe Gottes schenkt uns Freiheit, entkrampft, lässt uns freier atmen. Die Nacht ist nicht ganz so schlimm, wenn wir daran denken: Bald wird es Tag. Das kommende Tageslicht macht unsere Nachtfinsternis ein wenig erträglicher. Habt Ihr es auch manchmal erfahren, dass man sich ganz unten fühlt – und sich auf einmal in unserer Seele etwas regt, eine unerklärliche Dankbarkeit, eine unerwartete Helligkeit, ein wunderbares Gefühl der Geborgenheit, die man sich angesichts der trüben Situation gar nicht erklären kann? Das sind die Momente der Freiheit, die Gott uns schenkt, die uns ergreifen: Freiheit – in all den Widrigkeiten.

 

Das bedeutet: Ist Gott der Herr des Christenmenschen, dann ist er frei, auch wenn er in Zwängen leben muss. Wenn ich auf unangenehme Dinge in der Zukunft blicken muss, dann kann einem schwarz vor Augen werden, man kann ganz aufgeregt und ängstlich werden. Wenn man aber auf Gott sieht, dann erlebt man diese Dinge auch als unangenehm – aber man schaut eben auf Gott, der einem hilft, der einem die Freiheit gibt, all dem zu begegnen. Und dieses Wissen machte so manchen Menschen auch gegenüber anderen Menschen mutig: Luther ließ sich von den religiös-politischen Mächten nicht einschüchtern, Paulus ließ sich von solchen Mächten nicht einschüchtern. Und viele, viele vor und nach ihnen, deren Namen wir gar nicht kennen, ließen sich nicht einschüchtern. Sie sind im Dunkel der Geschichte verschwunden – aber bei Gott, ihrem Herrn, sind sie aufgehoben.

 

Und das Folgende macht einen Christenmenschen auch noch frei: Selbst der Tod kann ihn nicht von der Liebe Gottes in Jesus Christus trennen. Darum gibt es in islamischen Ländern Christen, die ihren Glauben leben. Darum gibt es in kommunistischen Ländern Christen, die ihren Glauben leben. Sie lassen sich eben von menschlichen Herren nicht einschüchtern, weil sie freie Christenmenschen sind.

 

Luther hat mit seiner Schrift etwas wiederentdeckt, was für den christlichen Glauben wesentlich ist: Der Christenmensch gehört zu Gott – und weil er zu Gott gehört, ist er ein freier Mensch. Aber: Weil er zu Gott gehört – liebt er auch die anderen Menschen und tut alles, damit es ihnen gut geht, damit auch sie in ihrem Leben von dieser Freiheit, die Gott schenkt, erfahren. So sagt Luther:

 

„Sieh, so fließt aus dem Glauben die Liebe und Lust zu Gott und aus der Liebe ein freies, williges, fröhliches Leben, dass ich dem Nächsten umsonst diene… Der menschliche Geist empfange somit Gottes freimachende Liebe und gebe sie an den Nächsten weiter.“

 

Kehren wir zum Beginn der Predigt zurück: Und was geschah mit Paulus, nachdem er den Brief an die Philipper geschrieben hatte? Je nachdem, wo er in Gefangenschaft war – wir wissen es nicht genau: Wenn er in Ephesus in Gefangenschaft war, wurde er entlassen, wenn er jedoch in Rom in Gefangenschaft gewesen sein sollte, hat er die Gemeinde nicht mehr wiedergesehen, denn er wurde enthauptet. Was geschah mit der Gemeinde in Philippi? Sie war die erste durch Paulus gegründete Gemeinde in Europa. Sie stellte in den folgenden Jahrhunderten zahlreiche Bischöfe. Im 14. Jahrhundert wurde sie durch die Osmanen/Türken zerstört. Sie liegt in der Nähe der heutigen Stadt Kavala.

 

Aber wie auch immer politische oder religiöse Geschichte aussieht und aussehen wird: Das, was Luther von Paulus gelernt hat, wird niemals mehr aus der Menschheitsgeschichte schwinden: Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan.

 

Und im genannten Sinn: Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.