Der für unseren heutigen Sonntag vorgeschlagene Predigttext steht im Buch des Predigers, auch Kohelet genannt, im 7. Kapitel:

 

Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit. Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit. Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.

 

Soweit der Predigttext.

Das Buch des Predigers ist ein eigenartiges Buch. Es stellt sich dar als das Nachdenken eines Königs über das Leben und das Sterben des Menschen. Was auch immer der Mensch tut: Er wird sterben. Wenn einer reich ist oder arm – sie werden sterben. Ob einer gerecht ist oder ungerecht, gottlos – sie werden beide sterben. Was auch immer der Mensch macht: Es macht keinen Sinn. Tod ist die Folge, Untergang, Exitus, Ende. Es ist nicht nur der Tod das Ziel, sondern alles, was man sich erarbeitet hat – verschwindet. Der Mensch wird nackt geboren und wird nackt in die Erde gelegt. Damit ist alles, was der Mensch tut, eitel, ein Haschen nach dem Wind. Sobald er etwas Positives erkennt – verneint er es wieder, denn wie er gerne formuliert: Es ist ein Haschen nach dem Wind, der Mensch hat dem Tier nichts voraus, dem Toten geht es besser als dem Lebenden.

Aufgrund dieser Gedanke wird der Prediger ganz depressiv:

Und mich verdross alles, um was ich mich bemüht hatte.

 

In diese Worte werden Weisheitsworte eingestreut. Denn früher bestand Unterricht darin, dass man den Kindern weise Benimm-Regeln gab. Wie soll man sich vor dem König verhalten, wie soll man sich am Tempel verhalten, wie ist es, wenn man Familie hat – das finden wir alles in diesen Weisheitssprüchen in der Antike, die auch in Ägypten vorliegen. Darin bestand eben die Schule. Doch der Unterricht, den der Prediger gibt, ist im Grunde zum Davonrennen, ein Unterricht, der zur Melancholie führt, in die depressive Stimmung.

Das bleibt auch trotz der immer wieder eingestreuten munteren Worte:

Lebe dein Leben so gut es geht vergnügt und mit Freude, tue das, was dir gefällt

aber dann kommt doch wieder:

So lange du es kannst, denn die üblen Tage werden zahlreich sein.

Dieses traurige Leben, das man lebt und mit seinen kleinen Freuden aufpeppen soll, ist von Gott – und dieser Gott wird den Menschen auch noch vor Gericht bringen. Darum soll man ihn fürchten.

Unser Predigttext ist im Grunde eine Zusammenfassung dieses sonderbaren Textes: Der Gerechte wie der Gottlose werden sterben, darum sei weder zu gerecht noch zu gottlos. Aber: Fürchte Gott.

 

Und damit haben wir auch den Schlüssel zu diesem sonderbaren Buch. Die alte Weisheit verkündete: Halte Gottes Gebote, sei gerecht – dann wird es dir gut gehen! Es war ein wunderbarer Ansporn für Menschen, um die Welt zu verbessern, um Menschen dazu zu bringen, dass sie einander Gutes tun, dass sie den Willen Gottes erfüllen, somit die Gesellschaft besser machen.

Doch dann kam diese alte Weisheit in eine Krise: Das stimmt ja gar nicht! Manche Menschen mühen sich ab, sie tun Gottes Willen, sie gehen in den Tempel, sie opfern, sie sind ganz da für Gott – und denen geht es dreckiger als den Gottlosen, denen, denen Gott egal ist. Diese bedrücken die Armen, pressen ihnen das bisschen Geld, das sie haben aus, sie zerren sie vor Gericht, bestehlen Witwen und Waisen – aber gerade dadurch geht es den schlimmen Menschen gut! Sie können Freuden die Fülle haben, Lachen schallt aus ihren Häusern, der Wein fließt in Fülle, üppig leben sie auf Kosten der anderen. Sie müssen auch sterben wie die Menschen, die sie umgebracht haben – aber sie hatten wenigstens ein gutes Leben. Diesen Rat gibt der verzweifelte und depressive Prediger nicht: andere Menschen auszubeuten und auf ihre Kosten zu leben, damit es einem gut geht. Darum sagt er immer auch: Fürchte Gott. Aber diese Erfahrungen führen ihn an den Rand der Depression. Und Gott? Nichts ist mit Gott. Manchen lässt er es gut gehen, manchen schlecht. Ohne dass der Mensch erkennen kann, warum es dem einen gut geht und dem anderen schlecht. Es ist zum Verzweifeln. Gott ist allmächtig – aber er gibt allem seine Zeit. Ob Krieg oder Frieden – alles hat seine Zeit.

 

Betrachten wir ein anderes Buch, das auch gegen die alte Weisheit angeht. Das Buch Hiob. Auch der Verfasser des Buches Hiob kämpft mit dem Unrecht, dass ein Gerechter, also Hiob, erleben muss. Anders als der Prediger greift das Hiob-Buch Gott selbst direkt an: Du, Gott, bist derjenige, der den Menschen bekämpft. Du bist es, der dem Menschen nur schlechte Zeiten überstülpst, ich klage dich an! Und Gott? Gott reagiert nicht. Hiob schreit und macht Gott heftige Vorwürfe - aber Gott? Gott schweigt. Und dann macht Hiob etwas, das uns verwundert die Augen reiben lässt: Er erkennt in Gott zwei Seiten: Einmal den Gott, den er nicht versteht, dann aber auch den gnädigen Gott, den Gott, zu dem sich Hiob flüchtet, der ihm Recht gibt, der sich ihm zuwendet. Das ist zunächst nur ein kleiner Hoffnungsschimmer in der großen Verzweiflung – am Ende wendet sich Gott dem Hiob zu und Hiob erkennt: Gegen Gott komme ich nicht an. Hiob erkennt aber noch etwas, das viel wichtiger ist: Ich habe so gegen Gott geschrien, gekämpft, dabei kannte ich Gott überhaupt nicht. Ich hatte nur dies und das über ihn gehört – aber ich kannte ihn gar nicht. Jetzt kenne ich ihn, jetzt verstehe ich ihn, jetzt erst kann ich ihn richtig ehren.

Durch das Leiden hindurch erst kann der Mensch Gott kennen lernen. Aber so ganz hat auch Hiob Gott noch nicht erkannt – er hat ein bisschen mehr von Gott wahrnehmen können als der Prediger, der im Grunde tapfer versucht, irgendwie doch noch Gutes am Leben zu sehen, auch wenn es immer wieder sofort aufgehoben wird.

 

Hiob sieht schon ein ganz klein wenig von Jesus Christus. Er ahnt ihn. Gott ist der verborgene Gott, der Gott, den wir nicht verstehen, man sagt: der dunkle Gott, der rätselhafte Gott. Dieser Gott, den wir nicht verstehen, wurde – und auch das verstehen wir nicht – in Jesus Christus Mensch. Jesus verstehen wir ein wenig besser, weil wir Menschen sind. In diesem Menschen Jesus Christus finden Menschen in der Zeit Jesu Zuflucht. Sie bergen sich in ihm. All diese Menschen sind keine klugen weisen Könige, die das Leben und die Vergänglichkeit betrachten, es sind Menschen, die von Krankheiten, von Hunger geplagt werden, die nicht wissen, wie sie über die Runden kommen sollen. Menschen, die Gott nicht verstehen, die in ihren Sorgen ertrinken und zusehen, wie sie mit dem Leben, wenn man es denn noch Leben nennen kann, klar kommen. Gemieden, erniedrigt, verachtet, ausgebeutet, misshandelt, im Grunde ohne Zukunft – nur verzweifeltes Leben um zu sterben, zu vergehen.

Und diese Menschen sehen auf einmal in Jesus Christus Gott aufleuchten, sie hören, dass Gott der Vater ist, der sich um sie kümmern möchte, er schenkt Leben, Zukunft, Liebe.

 

Sind da Hiob und der Prediger in ihrer Gottesablehnung und Anklage gegen Gott nicht ehrlicher? Jesus hat eine andere Erfahrung gemacht, eine, die uns bis in die Gegenwart hindurch trägt: Was möchtest Du denn, Mensch, von Gott? Wie willst Du in der Zukunft Gottes leben? Ohne Einsamkeit, Jesus, ohne Einsamkeit. Ich möchte in Zukunft gesund sein, Frieden haben, Jesus, frei möchte ich sein, frei von Ängsten und Sorgen, meine Sünden sollen mich nicht mehr fesseln. Jesus, ich möchte zu essen haben, überhaupt Zukunft haben! Ja, sagt Jesus, ich weiß. Ich kenne dich. Bis Gott das alles herbeiführen wird: gehe du zu den anderen Menschen, dann wird deine und seine Einsamkeit aufhören. Vergib dem anderen die Schuld, er wird sie dir vergeben, und wenn er auch hartherzig bleiben sollte: Gott vergibt sie dir. Du bist frei! In Deiner Krankheit bin ich da, aber seid ihr Euch auch einander nah, gebt euch Kraft, schenkt einander Frieden, gebt Euch gegenseitig frei, teilt miteinander das Essen, dann muss keiner mehr hungern, teilt einander eure Ängste.

Jesus bringt einen neuen Klang in die Traurigkeit, die Depression, die Melancholie: Mensch, lähme dich nicht selbst. Im Namen Gottes sagt er: Sei dem anderen Nächster! Gott will durch dich handeln. Er will durch dich seine Liebe anderen Menschen zeigen. Du, Du bist wichtig. Nicht wahr? Da sind um Jesus herum zerlumpte Gestalten, verwundete Menschen an Leib und Seele, misshandelt, am Boden kriechend im wahrsten Sinn des Wortes, verängstigte Gestalten mit niedergeschlagenen Blicken. Und Jesus sagt diesen menschlichen Wesen, die manche gar nicht mehr als Menschen ansehen würden: Du bist das Licht der Welt! Du! Nicht die Menschen, auf die alle aufschauen, auf die auch du aufschaust, nein, Du! Schau auf dich und verhalte dich wie ein Licht in der Welt. In Gottes Namen! Mach die Welt heller, mach sie licht! Du kannst es, weil Gott, dein Vater, der zu dir steht, dir näher ist, als du es dir vorstellen kannst, weil er durch dich wirkt! In deinem Umfeld wirke, mach sie hell! Bis du deinen Lebenslauf vollendet hast und Ruhe findest in Gott.

 

Im Christentum gibt es viele kluge Köpfe, Menschen, die viele Bücher geschrieben haben, kluge Worte und schlaue Entscheidungen getroffen haben, große Herrscher und kleine Herrscher. Wer hat letztlich den Glauben in den Herzen und Seelen der Menschen verankert? Die Eltern, die Großeltern, die nahen Verwandten, gute Menschen, Nachbarn im Dorf, in der Stadt. Diese Menschen, die vergessen sind von der Geschichtsschreibung,

die haben in die Herzen Hoffnung gepflanzt, gegen die Verzweiflung,

sie haben in die Herzen Liebe gepflanzt, gegen den Hass und Zorn und die Eigensucht.

Sie haben in die Herzen den Glauben gepflanzt, für eine neue Welt in Jesus Christus,

zu dem wir auch heute Zuflucht nehmen.

Lähmen wir uns nicht selbst mit dunklen, depressiven Gedanken – seien wir in Gottes Namen: Licht!