Der für den heutigen Sonntag vorgeschriebene Predigttext steht im Brief des Apostels Paulus an die Römer im 10. Kapitel. Es ist der große Abschnitt, in dem er grundsätzliche Fragen zum Verhältnis von Juden und Christen, von Israel und der Kirche klärt. In diesem Abschnitt finden wir die folgenden Verse, die ich gleich lesen werde.

 

Vorher habe ich aber noch eine Frage an Sie:

 

Was muss eigentlich ein Christ tun, damit er in diesem und in dem Leben nach dem Sterben Christus nahe kommt? Jedem und jeder von uns wird sicherlich so manches einfallen. Vermute ich richtig, dass manche von Ihnen denken: Man muss ein guter Mensch sein!? Oder denken: Man muss beten und in der Bibel lesen!? Oder denken: Man muss getauft sein, das Abendmahl zu sich nehmen!? Oder denken: Man muss in der Gemeinde tätig sein!?

 

Was sagt Paulus dazu? Ich lese den Predigttext.

 

… die Gerechtigkeit aus dem Glauben spricht so: »Sprich nicht in deinem Herzen: Wer will hinauf gen Himmel fahren?« - nämlich um Christus herab zu holen -, oder: »Wer will hinab in die Tiefe fahren?« - nämlich um Christus von den Toten heraufzuholen -, sondern was sagt sie? »Das Wort ist dir nahe, in deinem Munde und in deinem Herzen.« Dies ist das Wort vom Glauben, das wir predigen.

 

Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. Denn wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet.

 

Denn die Schrift spricht: »Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.« Es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Griechen; es ist über alle derselbe Herr, reich für alle, die ihn anrufen. Denn »wer den Namen des Herrn anrufen wird, soll gerettet werden«.

 

Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne Prediger? Wie sollen sie aber predigen, wenn sie nicht gesandt werden? Wie denn geschrieben steht: »Wie lieblich sind die Füße der Freudenboten, die das Gute verkündigen!« Aber nicht alle sind dem Evangelium gehorsam. Denn Jesaja spricht: »Herr, wer glaubt unserm Predigen?« So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi. Ich frage aber: Haben sie es nicht gehört? Doch, es ist ja »in alle Lande ausgegangen ihr Schall und ihr Wort bis an die Enden der Welt«.

 

Soweit der Predigttext. Haben Sie die Antwort auf meine Frage von Paulus gehört?

 

Was muss eigentlich ein Christ tun, damit er in diesem und in dem Leben nach dem Sterben Christus nahe kommt?

 

Wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. Denn wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet.

 

Mehr nicht: Nur das ist nötig:

 

Von Herzen glauben, dass Gott Jesus von den Tote auferweckt hat und mit dem Mund diesen Glauben bekennen.

 

Wie können wir das? Ganz einfach: Das Wort Gottes ist deinem Herzen und deinem Mund nahe. Wie ist es nahe? Durch die Predigt.

 

Worte können einem ganz nahe kommen. Denken wir an unwirsche Worte die ein Mensch zu uns spricht, ungerechte, tadelnde Worte – was geschieht? Sie sind uns ganz nah. So nah, dass sie uns Tag und Nacht beschäftigen können. Immer wieder wälzen wir sie hin und her, reagieren in unseren Gedanken böse drauf, sinnen uns aus, wie wir reagiert hätten, wenn wir nicht auf den Mund gefallen oder erschrocken oder ängstlich gewesen wären. Solche Worte kommen uns ganz nah, ärgerlich nah.

 

Dann kommen uns aber auch schöne, gute Worte ganz nah. Wenn uns einer freundliche Worte zuspricht, wenn er uns lobt, wenn er tröstende Worte zur rechten Zeit sagt – dann fühle ich mich leicht, beschwingt, die Seele ist fröhlich, alles geht leichter von der Hand, der schwerfällige Fuß könnte fast hüpfen.

 

Worte können uns im Bösen und Guten ganz nah kommen.

 

Paulus kennt das. Paulus kennt das von Gottes Wort. Auch dieses Wort kann uns ganz nahe kommen – denn das Wort Gottes bringt nicht nur Leichtigkeit, Fröhlichkeit, Trost – es bringt Gott selbst in unser Herz und Sinn. Wir wollen am Liebsten in den Himmel fahren, um Gott herunter zu holen! Wir rufen: Gott, komm in unser Leiden, Gott, komm uns nah, Gott, wie kannst du das zulassen – ich will hinauf kommen zu dir, schauen, ob der Himmel leer ist, ob es dich überhaupt gibt, und ich will mit dir reden! Gott: Warum, warum mir das? Warum meinen Lieben das? Warum den Menschen das? Wir wollen am liebsten Gott in den tiefsten Tiefen suchen, sei es in den tiefsten Tiefen von uns selbst, den tiefsten Tiefen unserer Seele. Wir suchen Gott in uns wie Freud, der Psychologe, wie die Hirnforscher, sie suchen Gott im Menschen, manchmal glauben sie, ihn gefangen zu haben, doch dann entwischt Gott ihnen wieder. Wir Menschen möchten uns ganz viel Mühe mit Gott geben – hinauf fahren in den Himmel – und in die tiefsten Tiefen gleiten. Doch Gott erreichen wir nicht. Warum nicht? Weil Gott uns in seinem Wort schon unserem Herzen ganz nah ist. Er ist da, er ist greifbar!

 

Doch stelle ich mir die Frage: Warum kann ich ihn nicht greifen? Warum sehe ich nicht, dass er nahe ist, spür ihn nicht? Das liegt daran, dass wir Menschen sehr beschränkt sind. Wir sind nur auf uns konzentriert. Was sagt mir mein Auge? „Ich“ – was ich sehe – das sehe „Ich“. Was ich höre, das höre ich. Was ich spüre, das spüre ich. Ich, ich, ich – ich bin für mich der Mittelpunkt der Welt. Was ich denke, das ist: Ich. Meine Gedanken kreisen um mich. Alles ist, so sagen es mir meine Sinne, alles ist für mich da. Ich kann nur ich denken. Und wenn ich an andere Menschen denke, dann bin ich es, der sich die Menschen zurechtdenkt, zurechtlegt, zurechtbesinnt, zurechtschneidert. Mehr können wir nicht sehen, nicht erkennen, als uns selbst im anderen. Und dann unsere Sprache. Was sagt uns unsere Sprache? Das Notwendigste. Sie weiß was Nahrungsmittel sind – weil ich von ihnen lebe. Sie weiß zu deuten, was für den Alltag wichtig ist, weil es mir wichtig ist. Mehr kann sie nicht. Ich bin mir immer der Nächste, auch dann, wenn ich mich scheinbar um den anderen kümmere.

 

Und weil ich mir der Nächste bin, weil ich im Mittelpunkt der Welt stehe, darum kann ich Gott, der neben meinem Herzen ist, der neben meinem Mund ruht, nicht erkennen. Ich muss erst Gott sehen lernen, ihn hören lernen, ihn fühlen lernen – und dieses ermöglicht das Wort Gottes. Gottes Wort bringt mir Gott nahe. Dann lerne ich auf einmal die Welt mit Gottes Augen sehen, ich höre die Welt mit Gottes Ohren, ich denke Gottes Gedanken. Freilich, wir sind nur Menschen – aber ein ganz klein wenig lernen wir, das zu tun.

 

Ist das sehr schwer zu verstehen? Dazu möchte ich eine Geschichte erzählen:

 

Geschichte von der Unkenntnis, wie Gott uns begegnet

 

Ein frommer Rabbi besuchte jeden Tag den Tempel und hatte es in seinem Glaubensleben schon weit gebracht. Da wünschte er sich, seinem Gott einmal leibhaftig zu begegnen, und brachte ihm eine Bitte vor: »Jeden Tag komme ich in den Tempel, um dir zu begegnen. Jetzt wäre es mir eine große Freude, wenn auch du einmal in mein Haus kommen würdest und mich besuchtest.« »Ich komme morgen«, sagte Gott, »mach nur alles bereit.« Der fromme Rabbi lief nach Hause und traf mit Eile und Geschick die notwendigen Vorbereitungen. Kostenaufwendig waren sie zudem. Aber der fromme Mann scheute kein Hindernis, - es war am Abend des Tages für das kommende Ereignis alles bereitet. Der nächste Tag begann in der Frühe mit der innerlichen und äußeren Reinigung, die zum Leidwesen des Rabbi nicht ganz ungestört verlief, da ein Kind, angelockt vom Duft der vorbereiteten Süßspeisen, um einen kleinen Kuchen bat. »Morgen bekommst du deinen Kuchen«, vertröstete der fromme Rabbi. »Heute kommt Gott. Geh jetzt. Du störst.«

 

Gott ließ auf sich warten. In die erwartungs­volle Atmosphäre platzte ein müder Reisender hinein, als es auf die Mittagszeit zuging. »Nein, heute nicht«, sprach der Rabbi.

 

»Morgen bist du an der Reihe. Geh inzwischen zu meinem Nachbarn. Heute kommt Gott. Du störst.«

 

Der Tag verging, aber Gott ließ sich nicht blicken. Als die Spannung fast nicht mehr auszu­halten war, klopfte ein dreckiger, kranker Bettler an die Tür. »Nein«, scheuchte ihn der Rabbi fort, »nicht heute, morgen ist soviel da, wie du willst. Heute kommt Gott: er muß sogar jede Minute hier eintreffen. Weg mit dir. Du störst.«

 

Aber Gott kam nicht. Voller Zorn und Enttäu­schung legte sich der fromme Mann schlafen. Am nächsten Morgen war sein Zorn nicht verraucht, und er überhäufte Gott im Tempel mit Anklagen und wütenden Vorwürfen: »So oft bin ich zu dir gekommen. Ist es da zuviel, wenn du ein einziges Mal zu mir kommen sollst?!« »Was willst du?« erwiderte ihm Gott, »dreimal war ich da, aber du hast mich nicht erkannt«.

 

AUS DER JÜDISCHEN TRADITION

 

Der Rabbi konnte Gott nicht sehen, weil er nur sich selbst gesehen hat, seinen eigenen Erwartungen nachgegangen ist, seine Vorstellungen von Gott sehen wollte, spüren wollte. Doch dann kam das Wort Gottes zu ihm – und er lehrte ganz neu sehen. Er erkannte, dass Gott ihm die ganze Zeit in Unerwartetem nahe kam. In dieser Geschichte kam ihm Gott in Menschen nahe. Doch Gott kommt auch in seinem Wort ganz nahe. Wie das? Paulus spricht von Jesus Christus. Wenn Menschen das Wort von Jesus Christus wirklich hören, dann kommt er ganz nah. Wer war eigentlich Jesus? Er hat Menschen angenommen, ihnen vergeben, sie geheilt, sie getröstet und gestärkt, ihnen Leben geschenkt, ewiges Leben. Und wenn uns Jesus in Gottes Wort ganz nahe kommt – was passiert dann? Eben dasselbe.

 

Du hörst diese schweren Worte. Aber es fehlt noch der Gottesfunke, er ist nicht in dein Herz gesprungen, du bist noch traurig, fassungslos, niedergedrückt. Schau nicht darauf. Höre nicht darauf, sondern spüre, wie Gott deinem Herzen ganz nah ist, wie dich langsam Kraft und Stärke, Mut und Trost ergreifen. Die Zuversicht wohnt in deinem Herz, die Hoffnung trotzt den Widrigkeiten, die Angst verebbt in Gottes großer Liebe. Du weißt, dass dein Leben nicht leicht sein wird, aber du beginnst zu ahnen, dass es in Gott seine große Liebe und Geborgenheit findet, du erinnerst dich daran, dass er mit dir ist, dich leitet, dich aufrichtet.

 

Doch es fehlen Menschen, die dieses Wort Gottes laut werden lassen. Es fehlen die Freudenboten, die in diese dunkle Welt, in die Welt der Schwermut, der Traurigkeit, der Resignation, der Fassungslosigkeit und Müdigkeit das richtige Wort Gottes sagen.

 

Möchtest Du der Freudenbote sein? Doch Gott fragt nicht. Du bist der Freudenbote, die Freudenbotin! Wie das, fragst du? Gott ist in seinem Wort deinem Herzen nahe und du kannst anderen bekennen, dass er dir nahe ist. Und schon schlüpft Jesus Christus in dem Wort Gottes in das Herz des anderen Menschen. Du hast vielleicht nie die richtigen Worte, du kennst dich, bist gehemmt. Wäre es ein guter Tipp für dich, gute Worte Gottes zu sammeln, damit du sie anderen weitergeben kannst? Dass du sie mit dir trägst – vielleicht im rechten Augenblick weiterreichst?

 

Paulus ist nicht so naiv zu glauben, dass nun alle, die Gottes Wort hören, sofort zu fröhlichen, glaubenden Menschen werden. Nein. Aber der Same ist gesät. Manche Menschen versperren sich ganz und gar. Bei manchen zeigt es jedoch Langzeitwirkung. Nur Mut, Du Freudenbotin und Freudenbote.