Für diesen Sonntag, an dem wir an die verfolgten Christen denken, habe ich mir den Text der heutigen Epistel – der Brieflesung – als Predigttext ausgewählt. Er steht im Römerbrief des Apostels Paulus, im 14. Kapitel:

 

 

 

Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber.

 

Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn.

 

Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.

 

Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.

 

 

 

Soweit der Predigttext.

 

Christen sind die Gruppe, die weltweit am meisten verfolgt wird. Unsere Erde umspannt ein Gürtel von Ländern, in denen es Christen sehr schlecht geht. Unrühmlich heben sich vor allem islamische und kommunistische Staaten hervor. Sie meinen, dass es ihre Religion und ihre Ideologie verbiete, den Menschen, die anders glauben und anders denken als die Mehrheit, Raum zu lassen, Freiheiten zu lassen. Ungerechtigkeit und Willkür herrschen in diesen Ländern. Christen, die in diesen Ländern wohnen, wissen nie, was die nächste Stunde bringen wird. Und so stehen wir staunend vor diesen mutigen Menschen, wir bewundern sie: Würden wir für unseren Glauben einstehen, wenn die Bedingungen so hart wären? Würden wir für unseren Glauben einstehen, wenn wir wüssten, dass unsere Töchter entführt, unsere Söhne gedemütigt werden? Würden wir für unseren Glauben einstehen, wenn wir wüssten, dass wir aufgrund absonderlicher Vorwürfe vor einem parteiischen Richter geschleppt werden können? Vor einen Richter, der Angst vor dem Mob hat und uns darum ungerechterweise zu unerträglicher Gefängnisstrafe verurteilen wird? Würden wir beim Glauben bleiben, wenn wir wüssten: Auch wenn der Richter mutig ist und uns freilässt, dass wir dann untertauchen müssen mit der gesamten Familie, weil der Mob uns auflauern wird, um uns zu ermorden? Denn Freispruch vor Gericht bedeutet in so manchen dieser Länder den Lynch-Tod der Freigesprochenen. Ich denke, dass die wenigsten von uns so stark sein würden. Wir würden weitgehend lieber mit dem Mob gegen die Glaubenden losziehen oder uns zumindest ganz still verhalten in der Hoffnung, möglichst keine Aufmerksamkeit zu erregen, weil wir die nächsten sein könnten. Doch diese Christen treffen sich in Gottesdiensten, sie treffen sich heimlich zuweilen, offen zuweilen – mit einem mulmigen Gefühl, dem Gefühl des Abschieds von der Welt, weil sie nicht wissen, ob sie am Leben bleiben oder unverletzt wieder heimkommen. Heute zum Beispiel: Wird es in Nigeria wieder wie an den letzten Sonntagen Anschläge mit Granaten auf Gottesdienste geben? Diese Menschen sind bewundernswert. Warum machen sie das?

 

 

 

Wie denken wir über uns? Hauptsache ich lebe! Hauptsache, mir geht es gut! Hauptsache, ich bin gesund! Alles kreist um mich. Ich bin der Mittelpunkt der Welt – alles hat mir zu dienen. Ich fühle mich wie die Sonne, um der die anderen Menschen als Planeten kreisen. Die Christen in den verfolgten Ländern wissen jedoch: Ich bin ein Planet, der um die Sonne Jesus Christus kreist. Wir sind Planeten, keine Sonnen. Die Welt kreist nicht um uns, sondern wir kreisen um Jesus Christus. Und das sagt der Text des Apostels Paulus:

 

 

 

Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber.

 

Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn.

 

 

 

Wir leben nicht für uns, wir leben nicht für unser Wohlergehen, für unsere Anerkennung, wir leben nicht darum, dass unser „Ich-bin-der-Wichtigste-Gefühl“ gebauchpinselt wird. Glaubende kreisen nicht um sich selbst, sondern sie kreisen um Jesus Christus und lassen von ihm ihr Leben und ihr Sterben vorgeben.

 

Glaubende tun das? Ich glaube an Jesus Christus – doch ich tue das nicht! Auch Glaubende können sich irren, können verblendet sein, können falsche Wege gehen, können das Wichtigste vergessen, eben ihren Herrn Jesus Christus. Und darum ist es so wichtig, dass wir uns von anderen Christen immer wieder auf den Weg bringen lassen, uns anstuppsen lassen: Bruder, Schwester, lebst du im Sinne Jesu Christi? Schwester, Bruder, hast du dich von dem, was deine ungläubigen Mitmenschen dir vorgeben, zu sehr beeinflussen lassen? Und so ermahnt uns der Mut unserer Geschwister in diesen Ländern der Verfolgung immer wieder: Nicht du selbst bist der Mittelpunkt, sondern Jesus Christus! So lassen wir uns von ihnen immer wieder an schubsen, damit wir die richtige Reihenfolge erkennen. Nicht: Ich, ich, ich, dann irgendwann Jesus Christus, sondern: Jesus Christus, und ich darf ihm nachfolgen, darf um ihn kreisen, darf ihm dienen.

 

 

 

Diese Sichtweise ist auch für unseren Alltag, auch wenn wir nicht in Verfolgung leben, wichtig: Wir haben Angst vor dem Sterben. Das ist ganz normal so. Wir Menschen haben immer Angst, wenn wir etwas Neues wagen, wenn wir neue Wege gehen, Wege, die wir noch nie gegangen sind. Wenn wir etwas tun müssen, das wir noch nie getan haben, dann ist es uns mulmig ums Herz. Wir werden unsicher und fragen: Wie geht es aus? Wird meine Hoffnung, meine Erwartung erfüllt? Darf ich überhaupt irgendwelche Hoffnungen oder Erwartungen haben oder werden sie bitter enttäuscht werden? Das ist alles ganz natürlich. Auch die Christen in diesen Verfolgungs-Ländern stehen vor genau denselben Fragen. Doch wenn wir nicht auf uns selbst schauen, sondern auf Jesus Christus, dem wir gehören, dann werfen wir uns ihm in die Arme, dann gehen wir mutig an seiner Hand einen Schritt nach den anderen. Wir gehen den ersten Schritt, dann den nächsten und den nächsten und wieder den nächsten Schritt. Auf ihn schauen, ihm vertrauen, darauf kommt es an, und das sollten wir einüben, damit wir an Tagen der Dunkelheit, der Einsamkeit, der Angst wissen: Bei Jesus Christus bin ich geborgen. Wir sind zu sehr auf uns fixiert, doch diese neue Blickrichtung auf Jesus Christus an jedem Tag, in jeder Stunde, in jeder schönen und schlimmen Situation einüben, das ist es, was wir uns vornehmen müssen. Und das nicht nur für Angelegenheiten des Lebens, sondern auch wenn es um das Sterben geht.

 

 

 

Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber.

 

Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn.

 

Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.

 

Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.

 

 

 

Wir gehören allein Jesus Christus. Wir haben uns ihm anheimgestellt und gehen auf ihn zu. Wir gehen nicht auf das Nichts zu, wir gehen auf ihn, den Lebendigen zu, auf den, der uns das Leben schenken will, weil er eben selbst der Lebendige ist. In welcher Situation wir auch stehen, in welche Situationen wir auch kommen: Christen sind keine Kinder des Todes, die das Sterben einüben müssen, Christen sind Kinder des Lebens, die das Leben lernen müssen, das Leben für andere, das Leben zum Wohl der anderen, das Leben für die Ewigkeit. Sicher: Wir erfahren Situationen der Schwachheit – doch sind das Stunden, in denen wir durch Jesus Christus anderen Menschen Kraft geben können. Sicher: Wir müssen Stunden der Erniedrigung ertragen – doch sind das Stunden, in denen wir lernen, andere aufzurichten. Wir müssen Stunden der Ratlosigkeit erfahren – und werden gerade in ihnen stärker an Jesus Christus gebunden, in ihnen lernen wir, dass wir uns in seine Arme werfen können. Das ist die neue Sichtweise, die mit dem lebendigen Jesus Christus in die Welt gekommen ist: In welcher Situation wir auch leben: Wir sind nie allein.

 

 

 

Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn.

 

Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.

 

 

 

Und das wissen die verfolgten Christen in aller Welt. Das können wir von ihnen neu lernen.

 

Ein irakischer Christ sagte: Natürlich haben wir Angst, große Angst. Aber der Mut, den Gott uns gibt, ist immer ein wenig größer als die Angst. Diese Erfahrung schenke Gott auch uns.