Der für den heutigen Sonntag vorgeschlagene Predigttext steht im Brief des Apostels Paulus, den er der christlichen Gemeinde in Rom geschrieben hat, im 5. Kapitel:

 

 

 

Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus; durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird. Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist. Denn Christus ist schon zu der Zeit, als wir noch Sünder waren, für uns Gottlose gestorben.

 

 

 

Soweit der Predigttext.

 

Gott hat seine Liebe ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist.

 

Wer Liebe im Herzen hat, der liebt. Christen sind Verliebte. Verliebt in Gott. Glauben heißt, die Liebe Gottes im Herzen spüren und sie an Gott weiterzugeben.

 

 

 

Verliebte. Was für ein Wunder ist es, wenn Menschen verliebt sind. Sie werden verwandelt. Sie lächeln, sie sind fröhlich, die Seele ist leicht, das Herz ist unbeschwert. Neulich stand ein Paar in einem Gang eines großen Lebensmittelmarktes, es umarmte und küsste sich. Menschen, die das sahen, drehten mit dem Einkaufswagen um und fuhren in einem Parallelgang weiter. Menschen, die verliebt sind, sind gesunder, nehmen nicht alles so eng, so manches Lied ist auf ihren Lippen, in ihrem Sinn. Und die Menschen, die mit den Verliebten zu tun haben, sie bekommen es zu spüren und sie profitieren von deren Liebe. Verliebtsein ist ansteckend. Menschen werden durch Verliebte angelächelt und lächeln zurück, auch sie werden freier.

 

Natürlich können Menschen nicht Tag und Nacht diese emotionale Ebene halten, diese Gefühlsebene ständig leben. Aber wenn Liebe im Hintergrund steht, dann fällt vieles leichter. Trotz Stress weiß man sich geborgener, in Angst weiß man sich getroster, in Kummer kennt man einen lieben Menschen, bei dem man sich ausweinen kann. Vergebung kommt leichter, wenn man in Liebe miteinander lebt.

 

 

 

Glauben heißt, Gottes Liebe im Herzen spüren – heißt Verliebt sein in Gott – das gesamte Leben geht ganz anders von der Hand.

 

Doch wie kommt es, dass Christen die Liebe Gottes im Herzen haben? Paulus schreibt, weil sie Frieden mit Gott haben. Gott bietet ihnen Frieden an.

 

 

 

Wir Menschen kämpfen gegen Gott, weil wir ihn nicht verstehen. Völker, die mehrere Götter kennen oder sich Geistern zuwenden, die haben es gut: Wenn einer der Götter nicht das tut, was man erbittet, wendet man sich eben einem anderen Gott zu. Wenn ein Geist nicht das tut, was man will, ruft man eben andere Geister an. Das kann auch in christlich angehauchten Gesellschaften passieren. So hat ein Reisender in Mexiko in einem Raum in einer Kirche ganz viele verstaubte und zum Teil kaputte und von Holzwürmern durchlöcherte Heilige entdeckt. Er fragte den Priester: Warum sind die Heiligen da alle drin? Der sagte: Die haben im Laufe der letzten Jahrzehnte nicht auf Gebete gehört.

 

Wir Menschen brauchen Gott, haben Sehnsucht nach Gott – gleichzeitig sind wir ihm gegenüber nicht selten zornig. Wir können ihn nicht einfach in eine Ecke stellen, weil wir ahnen: Es gibt eine Macht, die uns Menschen herausfordert, die uns bestimmt. Und das seit Alters. Sie opfern der göttlichen Macht, sie verhalten sich so, wie sie denken, dass die göttliche Macht es haben will – doch es wird ihnen durch die göttliche Macht oft nicht gedankt. Sie leiden wie alle Menschen leiden. Sie haben Angst, wie alle Angst haben. Menschen, die den Göttern und Gott dienen, denen geht es von außen betrachtet kaum besser als anderen. Das spüren wir Menschen. Was haben wir von Gott? Was haben wir von unseren Glauben? Was bringt er uns, wenn er nichts bringt?

 

 

 

Gott kennt unseren menschlichen Zorn gegen ihn. Der Apostel Paulus schreibt, dass er den Zorn des Menschen in Jesus Christus getragen hat. Er hat sich vom zornigen Menschen an das Kreuz schlagen lassen. Der zornige, unleidliche, mitleidlose Mensch hat sich an Jesus Christus gegen Gott austoben können. So hat Jesus in seiner großen Liebe den Zorn des Menschen gegen Gott getragen. Der Mensch, der in dem Leiden von Jesus Christus Gottes Liebe erkennt, kann nun Frieden haben mit Gott. Menschen erkennen in Jesus Christus das Friedensangebot Gottes. Wer sich ihm öffnet, wer zu diesem Friedensangebot „Ja“ sagt, dem gießt Gott seine ganze Liebe ins Herz, sodass wir Gott lieben können.

 

 

 

Diese Gottes-Liebe verändert den Menschen. Wenn Hindernisse im Leben auftreten, wenn Schlimmes kommt, so denkt man nicht mehr an seinen Zorn gegen Gott, sondern weiß um die Liebe Gottes und erträgt Hindernisse ganz anders. Paulus sagt: Wir freuen uns sogar der Hindernisse, denn wir wissen, dass sie uns geduldig machen. Und wenn wir Geduld gelernt haben, dann sind sie Zeichen dafür, dass wir uns bewähren können. Und wenn wir uns bewährt haben, dann sind wir uns sicher, dass wir ewiges Leben bekommen werden. Die Liebe Gottes, sie verändert uns. Wie Verliebte anders sind, so werden auch Christen, die die Liebe Gottes im Herzen haben, andere Menschen. Sie empfinden immer stärker die Liebe im Herzen und darum sind sie freier auch dann, wenn ihnen Schlimmes, Dummes, Übles begegnet. Denn sie haben eine ganz neue Art des Umgangs damit – wie Verliebte eine neue Art des Umgangs mit dem haben, was an Schlimmem auf sie zukommt. Wenn Liebe im Hintergrund steht, dann fällt vieles leichter. Trotz Stress weiß man sich geborgener, in Angst weiß man sich getroster, in Kummer kennt man den liebenden Gott, bei dem man sich ausweinen kann. Vergebung kommt leichter aus dem Herzen und über die Lippen, wenn man in Liebe miteinander lebt. Der Grundzorn gegen Gott ist nicht mehr da. Die Liebe Gottes, die er in das Herz ausgegossen hat, bestimmt nun das Herz. Sie macht den Menschen anders, sie macht ihn neu.

 

 

 

Was unterscheidet Menschen, die in einen anderen Menschen verliebt sind, von Nichtverliebten? Sie kümmern sich umeinander. Sie verbringen Zeit miteinander. Sie versuchen herauszubekommen, was dem anderen gefällt, um ihm Gutes tun zu können. Sie versuchen herauszubekommen, was dem anderen schmerzt – um es zu vermeiden. Man lernt einander immer besser kennen, einander zu respektieren im Ganz-Anders-Sein als ich es bin, man toleriert in der Liebe sehr viel, weil eben die Liebe bestimmt und nicht das, was ich so erwarte. Wir ordnen uns in der Liebe zu und manchmal auch unter, in einem munteren, liebenden Wettbewerb. Verliebte und Liebende lernen miteinander immer besser auszukommen, einander zu verstehen, auch darum, dass wenn der Alltag kommt und es wieder schwerer wird, die Grundlage, die Basis stimmt, von der aus man gemeinsam gegen das Schwere angehen kann.

 

Und so ist es auch mit Gott. Haben wir die Liebe Gottes im Herzen, dann versuchen wir Gott immer besser kennen zu lernen. Das können wir durch das Bibellesen. Die Bibel wird als Liebesbrief Gottes für uns Menschen bezeichnet. Das können wir durch Gebet. Das Gebet kann auch als Reden, Plaudern, Murmeln der Liebenden miteinander bezeichnet werden. Das können wir dadurch, dass wir versuchen, die Mitmenschen und uns mit den Augen der Liebe Gottes zu sehen. Wir versuchen zu vermeiden, was der geliebte Gott nicht mag. So meiden wir Zorn, Lieblosigkeit, wenden uns gegen Unrecht und Ungerechtigkeit, überall, wo Menschen erniedrigt werden und Irrwege gehen, schreiten wir ein. Eben – wie Liebende es tun.

 

Menschen, die von Gott geliebt werden, ordnen das Rätselhafte im Leben anders ein, sie versuchen es aus der Liebe Gottes und ihrer Liebe zu Gott heraus zu verstehen.

 

Das Leben mit Gott wird im Alltag anders. Wie es bei Verliebten und Liebenden anders ist. Man sieht vielleicht nicht große Unterschiede – aber wenn die Grundlage des Lebens von Liebe bestimmt ist, dann profitiert man selbst davon. Liebende sind nicht engherzig, sie sind nicht darauf bedacht, an erster Stelle zu stehen, sie raffen und gieren nicht, sie sind nicht nachtragend, sie sind frei aber nachdenklich, fröhlich aber reagieren auf Traurigkeit, sie sehen ein Sinn in ihrem Tun. Auch andere Menschen profitieren von der Liebe Gottes in ihren Herzen: Liebende lächeln andere freundlich an sodass sie beschwingter in den Moment des Lebens hineingehen können, Liebende sind offener für das, was andere bedrückt, sie versuchen zu helfen in körperlicher aber auch in seelischer Not. Es ist ja kein Zufall, dass viele Christen der Motor für soziales Handeln weltweit sind. Wer die Liebe Gottes ins Herz hineingegossen bekam, gibt Liebe weiter.

 

 

 

Manchmal werden Verliebte und Liebende auch ganz unsicher: Liebt mich mein geliebter Mensch noch? Ich erkenne keine Zeichen seiner Liebe. Sie rätseln und fragen, sie grübeln und klagen. Und auch so ergeht es Liebenden mit Gott, obgleich er seine große Liebe in ihr Herz ausgegossen hat. Sie werden blind für die Liebe Gottes, sei es, dass große Trauer, Angst, großer Schmerz gefühlter da sind als das Wissen um die Liebe Gottes. Doch auch in solchen schlimmen Situationen dürfen wir wissen: Ich spüre die Liebe nicht – aber ich werde geliebt, denn Gottes Liebe zu mir lässt nicht nach. Sie ist stark wie immer – ich kann mich darauf verlassen. Gott ist nicht wankelmütig wie ein Mensch. Und so darf ich in Gottes Liebe flüchten, auch wenn ich sie im Augenblick nicht empfinden kann.

 

 

 

Wir spüren die Liebe Gottes immer mehr, wenn wir die Liebe Gottes in unserem Herzen aufspüren. Wenn wir für die Liebe Gottes in uns achtsam werden, sie überhaupt wahrnehmen lernen. Unsere Lebensaufgabe. So spüren wir auch im Abendmahl die Liebe Gottes zu uns nicht allein gedanklich, sondern bis tief in unseren Körper hinein. Gottes Liebe durchdringt uns, möchte uns erneuern, möchte uns stärken, trösten, möchte uns durch alles Dunkle und durch Einsamkeit hindurchtragen. Auf diese Weise ahnen wir nicht nur, dass Gott seine Liebe in uns ausgegossen hat – wir spüren sie in einer ganz besonderen Weise. Auf der Weise derer, die Gott lieben.