Hier finden Sie Themen zu unterschiedlichsten Fragen des Glaubens.

Ich möchte hinweisen auf die Weiterführung auf

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Entmündigung des Sterbenden

 

Die Entmündigung des Sterbenden - ein schweres Thema. Ist das Sterben-müssen nicht als solches die schlimmste Entmündigung, wenn man sich denn nicht bewusst in Gottes Hand legen kann? Wer ohne Gott stirbt - muss sich einfach sterben lassen, er kann nichts dagegen tun. Er muss sich vom dunklen Nichts aufsaugen lassen. Wer mit Gott stirbt, kann schon weiter denken, ist nicht ausgeliefert, sondern legt sich hinein, bettet sich hinein in die Gegenwart Gottes.

 

 

 

Gebet 1

 

Christen lernen von Jesus Christus das Beten: Gott ist Vater - und wie man zu einem Vater oder eine Mutter kommen kann, so kommt man vertrauensvoll, fragend, dankend, singend, klagend, fröhlich zu Gott. Und wenn man nicht beten kann, sondern nur Seufzen? Dann betet der Geist Gottes in uns. Wie das? Christen liegen in Jesus Christus am Herzen Gottes. Welche Haltung ist möglich? Jede. Wann kann man zu Gott reden? Immer. Wie kann man beten? In Gemeinschaft und allein, laut und leise, schreiend und wispernd. Das ist die Grundlage. Dann kann man freilich sein Gebet kultivieren, damit man sich selbst konzentriert, man kann Formeln verwenden, Rituale, man kann von Buddhisten oder christlichen Mystikern das Meditieren lernen usw. usw. Das kann für den Menschen hilfreich sein - hat jedoch keinen Einfluss auf die Nähe Gottes. Wenn Eltern beim Windeln wechseln oder ein Monteur beim Schraubendrehen ein ehrliches Gebet sprechen, ist es genauso viel Wert wie wenn die Pfarrerin/der Priester oder Bischof… ein ehrliches Gebet sprechen. Wenn ein Kind ein paar Gebetswörtchen spricht, ist es genauso viel Wert wie die wohl gesetzten und überlegten Worte eines Sprachkünstlers. Wer Nachts vor Schrecken erwacht und mit Gott redet - ist dem Herzen Gottes genauso nah wie der Mensch, der besinnlich betend in der Kirchenbank sitzt. Warum? Die Liebe Gottes, die uns umgibt und uns füllt, ist der Maßstab, nicht der Ort, nicht die Haltung, nicht das Wort, nicht das Gefühl. Amen.

 

 

 

Gebet 2

 

Bei den frühen Christen dominierte der Dank, das Loben Gottes – man war überwältigt von dem, was Gott den Menschen in Jesus Christus getan hat. Sie hätten weiß Gott viel zu klagen gehabt: Verfolgungen, Benachteiligungen, Ärger… Aber sie dankten, lobten Gott. Warum? Gebet als Verbindung zu Gott hilft, den Weg Gottes gestärkt und fröhlich weiterzugehen. Gebet bedeutet nicht in erster Linie: Gott muss mich begleiten, Gott muss mir helfen – sondern ich darf Gott begleiten, ich gehe seinen Spuren in der Welt nach. Und wenn ich ihm nachgehe, dann sind es automatisch Wege, die ich mir nicht unbedingt ausgesucht habe – aber die ich in seinem Beisein gehe. Dass ich als Mensch das darf, das ist so überwältigend, dass Danken und Loben das christliche Leben bestimmen können – trotz unserer Menschwerdung im eigenen Leiden. Das bedeutet: Auch im Leiden folge ich IHM, der den Leidensweg voran gegangen ist. Ich gehe ihn gemeinsam mit IHM, ER geht ihn mit mir.

 

 

 

Gerechtigkeit Gottes

 

Wenn Gott nicht allen Menschen vergibt, ist er dann gerecht oder ungerecht?

 

Wenn Gott allen, wirklich allen Menschen vergibt, ist er dann gerecht oder ungerecht?

 

Was ist mein Maßstab dafür, Gott als gerecht / ungerecht anzusehen?

 

Bin ich Gott gegenüber gerecht / ungerecht?

 

Wenn Christen von Gottes Gerechtigkeit sprechen,

 

dann können sie dabei nur an Jesus Christus denken.

 

Denn: Gott zeigt uns in Jesus Christus, dass er gerecht ist:

 

Er liebt als Richter - und er richtet als Liebender.

 

So macht er uns durch Jesus Christus und in Jesus Christus gerecht.

 

 

 

Sinn des Lebens

 

Menschen müssen sich nicht über den Sinn des Lebens Gedanken machen. Sie leben irgendwie vor sich hin, Tag für Tag, Nacht für Nacht. Und dann ist das Ende da.

 

Menschen können sich Gedanken über den Sinn des Lebens machen – und sie haben sich welche gemacht: Nachkommen zeugen – in den Nachkommen weiterleben; Kunstwerke erzeugen, technische Innovationen – und so der Nachwelt erhalten bleiben, ihr helfen; sozial engagiert sein, Menschen beistehen, auf diese Weise zumindest in Herzen der Menschen dankbar eingeschlossen sein. Den Nachkommen eine Welt hinterlassen, in der man gerne lebt: ohne Krieg, in der man noch frische Luft atmen und in Flüssen schwimmen kann, ohne Hunger – eine Welt ohne religiös-politische Unfreiheit, Ungerechtigkeit, Erniedrigung, Zwang.

 

Und wenn das alles aufgrund der Lebensumstände nicht (mehr) möglich ist? Ich bin da vor meinem Gott und lege ihn Menschen im Gebet in die Hände. Und wenn selbst das nicht (mehr) möglich ist? Der christliche Glaube findet seinen Sinn in dem Leben in Gott, in der Existenz meines Lebens in Gott: jetzt und in Ewigkeit.

 

Viktor Frankl erlebte/erlitt Auschwitz. “Und ich bat diese armen Teufel, die mir hier in der stockfinstern Baracke aufmerksam zuhörten, den Dingen und dem Ernst unserer Lage ins Gesicht zu sehen und trotzdem nicht zu verzagen, sondern im Bewusstsein, dass auch die Aussichtslosigkeit unseres Kampfes seinem Sinn und seiner Würde nichts anhaben könne, den Mut zu bewahren. Auf jeden von uns… sehe in diesen schweren Stunden und erst recht in der für viele von uns nahenden letzten Stunde irgend jemand mit forderndem Blick herab, ein Freund oder eine Frau, ein Lebender oder ein Toter – oder ein Gott. Und er erwarte von uns, dass wir ihn nicht enttäuschen und dass wir nicht armselig, sondern stolz zu leiden und zu sterben verstehen!” Mit diesen Worten versuchte er Menschen davor zu bewahren, sich von der Sinnlosigkeit erniedrigen zu lassen, von der Sinnlosigkeit erdrücken zu lassen. Sicher, das ist nicht mein Gottes-Weg, wie oben gezeigt. Aber ein Weg, den Menschen ohne Gott die Würde zu schenken. Franz Werfel sah, dass die Kinder des Nihilismus ohne den Sinn nicht leben konnten und ihn in der Gemeinschaft des national-sozialistischen und kommunistischen Kollektivs suchten. Auf diese Weise wollten sie die Welt verbessern. Die Suche nach Lebenssinn schützt nicht vor unmenschlichem Tun.

 

Von daher ist auch die Frage nach dem Lebenssinn abhängig von der grundsätzlichen Einstellung: Prüfet alles – das Gute behaltet (Paulus). Was ist das Gute, woran ist erkennbar, was gut ist, was nicht? Für Paulus natürlich daran: Was Gottes Willen in einem Leben mit Jesus Christus fördert, das ist gut. Sagen wir verkürzt: Liebe deinen Nächsten (auch Feind) wie dich selbst. Damit ist zumindest die Unmenschlichkeit ausgeschlossen.

 

 

 

Spirituelle Regeln

 

1. Vor Gott, dem Schöpfer, Erhalter und Vater still werden (mit anderen);

 

2. sich im Gebet in das Licht Gottes stellen;

 

3. in Gottes Wort - die Bibel - lesen lernen;

 

4. hören, was gelesen wurde;

 

5. das Gehörte im Herzen und mit allen Sinnen bewegen;

 

6. die Melodie Gottes - den Geist Gottes das Herz und alle Sinne bewegen lassen;

 

7. in dieser Bewegung still werden; sich bewusst werden, dass wir wirklich von Gottes Geist bewegt werden;

 

8. im Gebet auf das Gehörte fröhlich, dankbar, schuldbewusst, änderungswillig reagieren;

 

9. im Gebet an die Kirche in der Gemeinde und weltweit denken, sie begleiten;

 

10. das in der Stille vor Gott Erlebte im Alltag umsetzen – Gott im Alltag wiederspiegeln (Gott wiederspiegeln, nicht die Welt).

 

 

 

Gebet

 

Halte uns ganz fest bei dir, Herr,

 

und wecke in uns die Hoffnung auf Dich,

 

damit wir dein Lob hier und heute verkünden,

 

denn das Hier und Heute ist die Tür zur Ewigkeit in Dir.

 

Unsere Wunden und Narben sind vergänglich, doch heile Du unsere Krankheit,

 

denn unsere Tränen und Schmerzen überwinden wir durch dich allein.

 

Richte uns auf, dass sich unsere Trauer in Tanz verwandle,

 

damit wir deine Herrlichkeit in aller Welt loben.

 

(Neuformulierung eines Gebetes des Heiligen Ansgar aus dessen Pigmenta.)

 

 

 

Christliche Meditation

 

Wenn man mit Buddha meditiert, mag man ein Buddha-Bild vor sich haben, eine Statue, welcher Art auch immer – oder man sucht das Erwachen in sich selbst bzw. im Nichts. Wenn man im christlichen Glauben meditiert, hat man den lebendigen Jesus Christus als gegenüber, seinen wirksamen Gottes-Geist in sich. Er segne Euch, die Ihr von ihm berührt worden seid – und Ihr, die Ihr Euch nach ihn sehnt. Was auch immer Euch in dieser Woche begegnen wird: Er sei Euch nah, er sei in Euch mit seiner Kraft, mit seiner Liebe, mit seiner Vergebung, mit seiner Freude.

 

 

 

Lob Gottes

 

Angesichts all der Nachrichten, der Alltagssorgen, Schmerzen, Ungewissheiten, der inneren und äußeren Unruhen, der politischen und privaten Torheiten, der Irrwege… haben wir Christen doch einen Ankerplatz, einen Ruhepunkt, ein zu Hause: Gottes Liebe und Gegenwart in Jesus Christus.

 

Gotteslob hat für Außenstehende immer auch etwas Närrisches, weil sie den Hintergrund nicht erkennen: Den lebendigen Gott. Neulich sah ich eine Jugendliche auf dem Bürgersteig tanzen. Ich dachte, was macht die denn da – als ich näher kam, sah ich die Ohrhörer, die sie mit der Musik verbunden hat. Ich verstand. So auch wir Christen: Wenn wir in all den Wirrnissen Gott loben, dann ist das für andere unverständlich, weil sie unsere Verbindung zur Lebensmelodie – zu Gott - nicht sehen.

 

 

 

Mein eigener Herr werden

 

Wir sind unsere eigenen Herren,

 

getrieben von unseren Wünschen und Ängsten.

 

Wünsche zum körperlichen Wohlergehen – Ängste vor geistigem Verfall,

 

Wünsche nach Anerkennung, Auskommen, Sinn – Ängste vor Erniedrigung, Niedergang, Depression.

 

Wünsche… – Ängste…

 

Wünsche… – Ängste…

 

Wünsche… – Ängste…

 

Ist Gott mein Herr, bekommen Wünsche und Ängste einen anderen Stellenwert

 

- und ich? Ich bin auf dem Weg, mein eigener Herr zu werden.

 

 

 

Schönes

 

Manchen fällt es leicht, die Schönheiten, die uns im Alltag begegnen, bewusst zu sehen.

 

Manchen fällt es schwer, sehen zu lernen, was es am Rand des Lebensweges alles an Schönem gibt.

 

Manche sehen vorwiegend den Nutzen, das Zweckmäßige und übersehen sie Schönheit des puren Daseins.

 

Gott segne Euch, dass Ihr Euer Herz öffnen könnt,

 

damit es für die Schönheiten des Lebens – und seien sie noch so gering und unauffällig - empfänglich wird,

 

denn mit ihnen beglückt er unser Leben.

 

 

Engel

 

Manche Menschen sind sehr auf Engel fixiert. Engel feiern seit ein paar Jahren Hochkonjunktur. Das Neue Testament kennt das nicht. Menschen werden auf Menschen verwiesen - die Engel sendet Gott dann, wenn es notwendig wird. Nicht der Mensch erwartet Engel - sie kommen. Der auf Engel fixierte Mensch kann am Willen Gottes vorbei gehen, denn Gott will, dass der notleidende Mitmensch im Blick ist, nicht die unsichtbaren Mächte sollen es sein (z.B. Matthäusevangelium 25). Außerdem: Die Engel der Bibel sind Boten Gottes. Sie erfüllen einen Auftrag Gottes. Mehr nicht. Sie fühlen sich missverstanden, wenn Menschen sie erheben. Ehre sei Gott singen sie. Alles andere verehrt die Schöpfung statt den Schöpfer. Bei dem folgenden Clip finde ich interessant, welche Engelbilder Menschen haben – und welche Mühe sie sich damit geben, Engel darzustellen: Engel als Beschützer - der leidende Mensch ist ein leidender Engel…

 

 

 

Gesang + Stimme

 

Singende Stimme – der Gesang als Gebet - Gebet als Gesang ist wohl menschheitsgeschichtlich gesehen sehr alt. Der Mensch möchte den Göttern auch mit der Stimme gefallen – und darum moduliert er so schön und gut er kann, seine Gebete, Hymnen…

 

Freilich, ist das, was musikalisch schön ist, immer auch Geschmacksache – doch der Mensch geht davon aus: der Geschmack der Götter entspricht seinem Geschmack. Das denken auch wir Christen – aber Gottes Hören ist nicht abhängig von der Schönheit unseres Gesangs. Das ist eine Grunderkenntnis, auch wenn der Glaube, Schönheit erfreut Gott, den Menschen antreibt, sich weiter zu entwickeln. Wenn einer von Herzen singt, schön singen will, aber die Töne wirr dem Mund entfliehen – wird es Gott, der uns die Stimme gegeben hat, sicher auch gefallen. Dennoch: Je schöner, je gefälliger der Gesang – als desto göttlicher sehen wir ihn an. Je weniger gefällig, je weniger schön der Mensch absichtlich singt – desto ungöttlicher ist der Gesang auch gemeint. Das sieht man an den singenden Menschen, die absichtlich schräg, gewalttätig, dröhnend, den Verstand heraus stampfend singen – weil sie eben dem traditionellen göttlichen Gesang einen Gegenpart bieten wollen. Ich würde sagen: Gottes “Ohr” ist so manches gewohnt – warum sollte ihm dann der absichtlich schräge Gesang stören? Ihn macht eher das schräge Herz Kummer.

 

 

 

Vater-Unser

 

Aber bedenkt, wo und wann dieses Gebet schon gebetet wurde: in Todesnot und bei wankendem Lebensglück, Verfolgung und angstvoll gehütetem Luxus, Hunger, Durst, Müdigkeit, in der gefährdeten Sattheit, gemeinsam mit anderen in größter Verzweiflung und Geborgenheit. In Verwirrung und Vertrauen. Und manche bezahlen für das Beten dieses Gebets mit ihrem irdischen Leben. Denn es macht manche kirre, dass das Reich/die Herrschaft Gott gehört, dem Vater Jesu, dass ihm die Kraft und die Herrlichkeit gehört; es macht sie wespig, dass man möchte, dass sein Wille auf der Erde durchgesetzt wird und geschieht – dass man sich mit dem Gebet zu diesem Gott bekennt.

 

 

 

Heiliges

 

Das merkt man schon, dass Heiliges bei vielen Menschen keine Rolle spielt - oder doch? Sie gehen gegen Heiliges, Erhabenes an, weil sie nicht gelernt haben, damit umzugehen. Diese Gefühle sind ihnen fremd, darum bekämpfen sie dasjenige und diejenigen, die ihnen solche “eigenartigen” Gefühle machen.

 

In einem ganz anderen Rahmen ist mir das einmal deutlich geworden. In einem Kindergottesdienst war ich ich, ganz normal gekleidet usw. Kinder gingen ganz normal mit mir um. Dann sollte ich einen König spielen. Ich zog ein weißes Laken über, eine Krone auf den Kopf - und begegnete dann den Kindern. Erst waren sie ein wenig scheu. Dann wurde eines aggressiv - und viele der Kinder legten eine verbale Aggressivität an den Tag, das mich sehr nachdenklich gemacht hat. Diese verbale Aggressivität, die sich auf ihren Körper übertrug, kannte ich von einem Film her, der zeigte, wie Affen gegen eine Schlange kämpfen. So in etwa waren die Kids. Es war ihnen nicht geheuer - und weil es ihnen nicht geheuer war, wussten sie sich nicht anders gegen das Gefühl zu wehren, als mit einer bestimmten Aggressivität. Entsprechend beobachtete ich das häufig: Diese aggressive Scheu gegen Heiliges, etwas, das nicht vulgär, entsakralisiert ist, scheint - so interpretiere ich es - als ein Versuch, mit einem unbekannten Gefühl umzugehen. Wie das Gelächter, wenn alles still ist, mucksmäuschenstill. Irgendeiner hält es nicht aus und fängt an, irgendetwas Albernes zu sagen - und es entlädt sich ein nicht schönes Gelächter.

 

Der Mensch verarmt, was diese Gefühlslage betrifft. Weil es ihnen nicht mehr vermittelt wird. Kein Gebet - kein Gefühl für das Transzendente. Abendmahl - Anwesenheit Jesu Christi - wird profanisiert: Wird zu Essen und Trinken und menschliche Gemeinschaft. Bibel - ein Buch, das man einfach so in den Papierkorb schmeißen kann, wenn sie billig war. Leben in Wahrheit und Tugend - wird lächerlich gemacht und erniedrigt. Leben in Reinheit - versteht einer überhaupt noch diesen Begriff, geschweige denn das, was er aussagt? Begegnung mit dem Wunderbaren, dem Wunder - das wird heruntergezogen: Gibts nicht, Zufall, ich bins Wert. Man sage nicht, das habe keine Auswirkung auf die Gesellschaft. Dem Menschen wird die Würde genommen, wenn das Heilige keinen Raum mehr hat.

 

 

 

Der Mensch

 

Das besondere am Menschen (im Vergleich zum Tier), so bekennen Christen mit biblischen Schriften, ist, dass Gott ihm von vorneherein die Möglichkeit gegeben hat, Verantwortung zu tragen. So gibt er Adam und Eva die Möglichkeit, von allen Bäumen zu essen – aber von den Früchten zweier verbietet er zu essen. Der Mensch wird dem Vertrauen nicht gerecht und nützt die Freiheit, sich gegen Gottes Auftrag zu wenden. Damit erzählt der Mythos, dass der Mensch von vornherein frei ist, sich an Gott zu halten - oder es zu lassen. Freilich muss er die Konsequenzen dafür tragen. Denn das gehört zur Freiheit dazu: Konsequenzen für sein Tun zu tragen (Genesis 2).

 

Auch Jesus erzählt im Gleichnis vom Verlorenen Sohn, dass Gott dem Menschen erlaubt, sich von ihm zu entfernen. In der Ferne vergeht sich der Mensch, irrt herum, findet keine Zuflucht und hat Sehnsucht danach, nach Hause zu kommen, zu Gott. Gott lässt den Menschen die Freiheit – auch die Freiheit, sich von Gott abzuwenden. Hat sich der Mensch von Gott abgewendet, geht es ihm schlecht, fängt der Mensch häufig an, Gott anzuklagen: Wo bist du, Gott? Warum lässt du es zu, dass es mir schlecht geht? Warum all das Schlimme? Warum…? Wozu…? Strafe…?

 

Mit dem Gleichnis sagt Jesus: Wenn du in der Fremde bist, weit weg von Gott, dann klage nicht, sondern kehre um, geh nach Hause zu deinem Vater, geh heim zu Gott (Lukasevangelium 15). Und was findet der Mensch dort? Er findet Geborgenheit in seiner Einsamkeit des Herzens. Er findet ein Ohr in seiner Klage. Er findet Kraft in seiner Schwäche, eine Umhüllung angesichts der Trauer, Aufnahme trotz der Schuld, Ruhe für aufgescheuchte Erinnerungen, bewusstes Dasein im Licht Gottes. In der Freiheit des Zurückgekommenen liegt die Liebe des Angenommenen.

 

Aber soweit ist kaum ein Mensch. Der Mensch ist in der Fremde. Und gerade hier, hier in der Ferne zu Gott, trifft ihn das Wort Jesu: Du hast eine neue Chance; in der Ferne, weit weg von seiner Heimat, trifft ihn das Wort Jesu: Gott liebt dich, kehr um. Im Dahinvegetieren ahnt er in der Stimme Jesu: Es gibt einen Ort, bei dem ich willkommen bin. In der Kälte der Einsamkeit trifft ihn der Hauch von Gottes Wärme.

 

 

 

Auferstehung

 

Ein Gedankenspiel: Wenn man den Leichnam Jesu finden würde, welche Bedeutung hätte das? Jesus lehrte die Auferstehung von den Toten - unabhängig von seiner eigenen körperlichen Auferstehung. Sündenvergebung durch Gott wurde auch durch Jesus verkündigt - man denke an das Gleichnis vom verlorenen Sohn - unabhängig von Jesu Kreuzestod. Der Auftrag, sich Menschen zuzuwenden, ist in Jesu Worten begründet - und in dieser Form einmalig für die Menschheit. Gott wendet sich Leidenden zu, ist in den Leidenden anwesend - und Menschen haben sich ihnen zuzuwenden - das ist eine Grundlage seiner Botschaft vom Kommen des Gottesreiches. Jesus hatte ein weites Herz, so dass auch Menschen im Blick waren, die nicht seinem Volk zugehören mussten, wenn es um Menschlichkeit ging. Die Erfahrung, dass Glaubende den Gottesgeist bekommen haben, müssen wir auch nicht allein aus der Auferstehung herleiten. Aber das ist alles nichts Neues, auch in der Theologie gibt es Ansätze, den christlichen Glauben unabhängig vom Glauben an den auferstandenen Jesus zu begründen.

 

Freilich würde der Glaube - wenn der Leichnam Jesu gefunden würde - neue Nuancen und Reflexionen benötigen: Der Glaube, dass Gott durch die Auferweckung Jesu dessen Gottesbotschaft legitimierte, würde wegfallen - es sei denn, man sieht die Legitimation durch die Geistgabe für gegeben. Die Erwartung, dass Jesus Christus am Ende der Zeit kommen wird, müsste wahrscheinlich neu formuliert werden. Im Grunde haben die Theologen schon gute Vorarbeit geleistet, die das ganze Entmythologisierungsprogramm erarbeitet und die damit verbundenen Konsequenzen reflektiert haben: Die Sache Jesu lebt weiter, er ist in den Taten der Liebe durch die Seinen auferstanden und steht durch sie immer wieder neu auf. Die Aussagen der Evangelien müssten auf dieser Basis neu gelesen werden. Die Rationalisten würden Recht behalten, die Menschen, die den Jesus-Christus-Glauben stärker spirituell, mystisch sehen, hätten ein wenig das Nachsehen - sie müssten sich zumindest von dem Schock erholen.

 

Wirklich? Nein. Die Erfahrung des auferstandenen Jesus Christus - wie sie die Emmaus-Geschichte wiedergibt - ist durch die Weltgeschichte hindurch für viele, viele Menschen real - sie ist unabhängig vom Glauben an das leere Grab entstanden und wurde durch die Botschaften vom leeren Grab nur ergänzt. Ansätze gibt es auch sonst schon im Neuen Testament und zwar die, dass der auferstandene Jesus von den Seinen nicht erkannt wurde, bis sie seine Stimme hörten, seine Gestik sahen usw. Er kam durch verschlossene Türen - war aber gleichzeitig anwesend, wurde von 500 Menschen auf einmal gesehen… Von daher müsste höchstens die Frage nach der "körperlichen" Auferstehung von der Allgemeinheit neu gedeutet werden.

 

Also: Nicht, dass ich mir unsicher bin, dass Jesus Christus wirklich auferstanden ist, sollen diese Zeilen sagen, sondern nur: Der christliche Glaube steht auf so vielen Füßen - letztendlich auf Gottes Kraft, dass die eine oder andere Sichtweise ruhig wegfallen kann. Freuen würde es natürlich diejenigen, die sagen: Ist eh alles Humbug. Aber ihre Freude dürfte zu verschmerzen sein. Paulus hat dafür schon den Steilpass geliefert: Für Nichtglaubende ist der Glaube nur eine Dummheit, ob nun so oder so oder so.