Der für den heutigen Weihnachtstag vorgeschlagene Predigttext steht im Titusbrief.

 

 

 

Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands,

 

machte er uns selig – nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hatten,

 

sondern nach seiner Barmherzigkeit –

 

durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist,

 

den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland,

 

damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben des ewigen Lebens würden nach unsrer Hoffnung. Das ist gewisslich wahr.

 

 

 

Soweit der Predigttext.

 

Die großartige Dichterin Hilde Domin schrieb einmal folgendes minikleines Gedicht:

 

Nicht müde werden

 

sondern dem Wunder

 

leise

 

wie einem Vogel

 

die Hand hinhalten.

 

 

 

Dieses kurze Gedicht hat sich in mir eingebrannt, als ich es das erste Mal gelesen habe. Wenn wir ein Vögelchen auf die Hand bekommen wollen, dann benötigen wir unendlich viel Geduld. Wir benötigen Ausdauer, äußerste Ruhe und Konzentration. Und wenn es ganz nah an uns dran ist, zum Greifen nah, dann wollen wir es ergreifen – und schon ist es wieder weg. Und alles beginnt von vorne. Das geht so lange, bis wir verstanden haben: Das Vögelchen, das wir auf der Hand haben wollen, muss zu uns auf die Hand kommen. Wir können den Zeitpunkt nicht bestimmen, wir können es nicht zwingen – es gilt, geduldig zu warten, ausdauernd zu warten. Unser Verstand will begreifen. Unser Verstand will das Wunder-Vögelchen greifen, begreifen, damit er es hat und es untersuchen kann. Doch ein Vögelchen, das auf die Hand kommt, kommt nicht in die Hand. Wir können es nicht festhalten, es setzt sich auf die Fingerspitzen, nicht in die Handkuhle. Es zu ergreifen, das wird dem Glaubens-Vögelchen nicht gerecht. Unsere Seele will nicht begreifen, unsere Seele will ergriffen werden. Sie will geduldig warten, bis das Wunder-Vögelchen sich entschließt, sich auf sie zu setzen. Ein Wunder will nicht begriffen werden – es will uns ergreifen. Sobald wir es zu begreifen, zu ergreifen suchen, huscht es wieder weg.

 

Mit dem Predigttext haben wir Wunder über Wunder vor uns – und wir wollen sie begreifen:

 

 

 

Freundlichkeit Gottes erschien uns.

 

Menschenliebe Gottes erschien uns.

 

Gott, unser Heiland, der, der uns heilt und rettet.

 

Gott, der uns ewiges Leben schenkt.

 

Gott, der voller Barmherzigkeit ist.

 

Gott, der uns durch die Taufe mit seinem Geist beschenkt.

 

Gott, unsere Hoffnung,

 

Gott unser Leben.

 

 

 

All das erschien uns Menschen in Jesus Christus. Das ist das Wunder-Vögelchen, das wir in die Hand bekommen wollen, das wir ergreifen wollen. Aber wenn wir es versuchen, so huscht es weg, so fliegt es wieder davon. Es will unsere Seele ergreifen. Und erst dann, wenn es uns ergriffen hat, dann können wir versuchen, es mit dem Verstand zu begreifen. Aber wann sind wir so weit, werden wir jemals so weit sein?

 

 

 

Schönheit. Ich finde etwas schön. Und wenn ich etwas schön finde, dann bin ich es, der es schön findet. Wenn etwas jedoch wunder-schön ist, dann ergreift mich das Wunderschöne, und ich fühle mich nicht mehr als ein solcher, der es schön findet, sondern als einer, der von der Schönheit ergriffen wird.

 

Ich empfinde gute Worte als schön. Rose, Licht, Blau, Freude, Lied, Lachen, Wald, Sonne, Sterne… - und wenn ich etwas höre, das diese Worte beinhaltet, dann ergreifen sie mich und machen mich froh.

 

Der Satz:

 

Durch den dunklen Tann streunen Trupps hungriger, grauer Wölfe

 

– der macht mich nicht froh. Froh macht der Satz:

 

Die Rose richtet ihre Blütenblätter in das Lichtblau des Himmels, der Sonne entgegen.

 

Man mag sagen: Das sind Worte, nichts als Worte. Aber die Worte können mich ergreifen, sie können meine Seele dunkel machen, ängstlich, sie erzittern lassen. Sie können sie aber auch leicht machen, fröhlich, entkrampft. Unser Predigttext ist so ein Text, gefüllt mit wunderschönen Worten, die mich erleichtern, erfreuen, stärken:

 

 

 

Freundlichkeit unseres Gottes.

 

Menschenliebe unseres Gottes.

 

Gott, der Heiland, der, der uns heilt und rettet.

 

Gott, der uns ewiges Leben schenkt.

 

Gott, der voller Barmherzigkeit ist.

 

Gott, der seinen Geist in Fülle über uns ausgegossen hat.

 

Gott, unsere Hoffnung,

 

Gott unser Leben.

 

 

 

Es sind Worte, wunderschöne Worte. Unsere Seele kann von diesem Wunder Gottes ergriffen werden – doch bevor es unsere Seele ergreift, wollen wir die Worte mit dem Verstand begreifen – wir greifen zu – und schon sie sind fort. Es sind nur noch Worte, Worte, Worte. Wir wollen sie analysieren, verstehen, wir fragen: Gott? Welcher Gott? Gibt es Gott überhaupt? Wo ist er denn, wenn es ihn gibt? Und ist Gott menschenfreundlich, barmherzig, warum muss ich so viel leiden, warum habe ich meine Probleme, meine Ängste? Warum ist er in Jesus Mensch geworden? Gottes Geist wurde auf mich in Fülle ausgegossen – ich spüre nichts, sehe nichts, rieche und höre nichts davon.

 

Wir wollen begreifen und schwupps ist das Wundervögelchen davon geflogen. Und wir sind allein gelassen, träumen dem Vögelchen vielleicht noch hinterher, aber in uns verkrampft sind wir wieder allein.

 

 

 

Und darum heißt es in dem Gedicht von Hilde Domin: Nicht müde werden! Und wir setzen uns erneut hin und versuchen das Glaubensvögelchen anzulocken, damit wir das nächste Mal klüger sind und uns nicht wieder alles von dem Verstand kaputt machen lassen, sondern warten, bis uns die Worte in der Seele ergreifen. Wir setzen uns wieder und wieder hin. Versuchen es immer wieder neu, das Wunder-Vögelchen anzulocken. Aber ist das nicht Selbstbetrug? Sind diese Worte unseres Predigttextes nicht leere Worte? Nein, es ist kein Selbstbetrug zu erkennen, dass der Mensch nicht nur aus Verstand besteht, sondern auch eine Seele hat. Der Mensch hat von Gott nicht nur einen Verstand bekommen, um die Welt zu begreifen und zu ergreifen, sondern er hat auch eine Seele bekommen, die ergriffen werden will von schönen Erfahrungen, lieben Menschen, von guter Musik und schönen Gedichten. Es ist kein Selbstbetrug zu wissen: Es gibt Liebe – sie ist nicht nur Folge von Hormonen; es gibt Wahrheit – und sie ist nicht nur ein selbst zurechtgebasteltes Weltbild; es gibt Gerechtigkeit und Freundlichkeit. Wir Menschen haben Seele – und das zu begreifen fällt unserem Verstand so furchtbar schwer, weil er dann nicht mehr über uns herrschen kann. Unser Verstand will auch uns selbst begreifen und ergreifen und beherrschen – aber das kann er nicht. Darum müssen wir ihm immer wieder sagen: Hallo, Verstand, ich bin auch ein Seelenwesen! Und weil wir auch Seelenwesen sind, ist all das kein Selbstbetrug, wenn wir an Gott glauben. Gott selbst füllt seine Worte mit einer Kraft, dass sie unsere Seele ergreifen können. Und wenn wir uns diesen Worten ganz hingeben, wie sich Maria den Worten Gottes hingegeben hat, dann können sie unsere Seele in Schwingung bringen und wir werden glücklich – ohne alles zu verstehen und begreifen zu wollen. Ein wenig Glück erfasst uns, erhebt uns, macht uns unermesslich reich. Das Glaubensvögelchen hat sich auf unserer Seele niedergelassen und wir sind frei.

 

 

 

Und das hat das Wunder aller Wunder mit mir zu tun: Es will mich verändern, es will mich hineinnehmen in die große Liebesbewegung Gottes zu Welt und Mensch – und zu mir selbst. Wenn Gott mich liebt – wie sollte ich mich und meinen Mitmenschen nicht lieben? Wen die Liebe, die Freundlichkeit, die Barmherzigkeit unseres Gottes berührt hat, der gibt sie weiter, ohne dass er es merkt zuweilen. Wer ahnt, dass Gott uns ewiges Leben schenkt, der hat einen Grund, seine Angst vor dem Alter und dem Tod nehmen zu lassen und Trost weiterzugeben. Wer um Gottes Geist weiß, weiß auch, dass es keinen Grund gibt, uns selbst zu bekämpfen, keinen Grund gibt, müde und resigniert zu sein. Er lässt sich in die Liebesbewegung Gottes zu Welt und Mensch hineinnehmen. Das Glaubensvögelchen hat sich auf unserer Seele niedergelassen. Und das hat Auswirkungen auf das gesamte Leben. Christen können sich äußerst glücklich schätzen.

 

 

 

Dieses Glück liegt auch in den Worten der Weihnachtsgeschichte, die ich nun vorlesen möchte, damit sie unsere Seele bewegt.

 

 

 

(Lukas 2)

 

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger von Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt.

 

Da machte sich auch auf Joseph aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum dass er von dem Hause und Geschlechte Davids war, auf dass er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die ward schwanger. Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, da sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

 

Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und siehe, des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird, denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.

 

 

 

Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der HERR kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Joseph, dazu das Kind in der Krippe liegen. Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich der Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott um alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.