Predigt Jesaja 66: Gott tröstet

Der für den heutigen Sonntag vorgeschlagene Predigttext steht im Buch des Propheten Jesaja im 66. Kapitel:

10 Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. 

11 Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. 

12 Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. 

13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. 

14 Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden. 

Soweit der Predigttext. Erst einmal ein wenig Geschichtsunterricht. Dann kommt die Frage: Was will Gott uns mit diesem sein Wort heute sagen?

Das Buch des Propheten Jesaja wird in drei Teile aufgeteilt. Alle drei Teile entstammen einer anderen Situation – sie sind in einem Zeitraum von 400 Jahren entstanden.

Der älteste Teil des Buches Jesaja warnt ca. 700 vor Christus die Herrscher und das Volk: Wenn ihr so weitermacht wie bisher, wenn ihr euch gegen Gott und Menschen gottlos verhaltet, dann wird Gott eine fremde Macht herbeirufen und euch besiegen lassen.

Das Volk und die Herrscher änderten sich nicht. Es kamen die Babylonier, bekämpften in einer äußerst blutigen Schlacht die Juden, zerstörten das Land, zerstörten Jerusalem und schleppten die überlebende Oberschicht ins Exil. In dem fremden Land waren sie Sklaven, ausgeliefert den Menschen, die sie missbrauchten.

Im zweiten Teil ruft der Prophet, der Deuterojesaja genannt wird, ca. 550 v. Chr. In Babylon seinem erschöpften und hoffnungslosen Volk zu: Lasst den Kopf nicht hängen, Gott wird euch wieder in euer Land zurückbringen! Und Gott brachte das Volk zurück. Der persische Herrscher Kyros eroberte Babylon und ließ die Juden frei. Viele gingen zurück nach Judäa, ins Land Israel.

Der dritte Teil des Jesajabuches beschreibt ca. 510 v. Chr. eine Zeit, in der das Volk wieder in Judäa lebt, aber sich von Gott enttäuscht abwendet. Gott ermahnt das Volk, sich so zu verhalten, wie Gott es will. Diesen dritten Jesaja, dem Tritojesaja schließt unser Predigttext ab. Im 4./3. Jahrhundert werden diese drei Teile durch eine so genannte Jesaja-Schule zusammengefasst.

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Auch wenn es trockene Zahlen sind, auch wenn es wie Geschichtsunterricht klingt: Das zu wissen ist sehr wichtig. Warum? Es zeigt, wie Gott sich um sein Volk bemüht – weil sein Volk allerdings nicht auf Gott hört – verfällt es dem furchtbaren Leiden. Aber selbst im Leiden lässt Gott sein Volk nicht allein, ermutigt, tröstet es – hilft ihm wieder auf. Doch wie der Mensch so ist: Er ist unzufrieden mit Gott, und wendet sich wieder von Gott ab. Diese Struktur finden wir nicht nur im Volk Israel. Wir finden sie bei allen Völkern, die Gott folgen und wir finden sie in uns einzelnen Menschen. Viele Menschen glauben, die Gottesdienste sind voll – dann: viele wenden sich von der Kirche ab – denken wir an die gottlose Zeit des Nationalsozialismus und des Kommunismus. Als die Gottlosigkeit besiegt worden war, wandten sich wieder ganz viele Menschen dem Glauben zu – und dann nimmt er wieder ab.

Wobei ich freilich beobachte, dass es wieder ein größeres Interesse an dem christlichen Glauben gibt. Viele junge Leute reden über ihren Glauben, teilen auf sozialen Medien wie Insta und TikTok ihre Erfahrungen mit Gott mit. Wie dem auch sei: Unsere Zeit ist nur eine kleine Eintagsfliege in der unendlichen Dimension der Zeit, des Lebens, der Menschheit. Und so wird es im Glauben immer weiter bergab gehen – und dann auch wieder bergauf.

Wir Menschen sind wankelmütig, irren, verirren uns in gottlosen Weltanschauungen unserer Zeiten.

Der Mensch verheddert sich immer wieder in politischen Strukturen und den Zeitmoden der jeweiligen Zeit. Alles hat seine Zeit, wie wir aus dem Alten Testament hören. So hat auch die Hinwendung zu Gott seine Zeit und die Abwendung hat ihre Zeit. Menschen sind wankelmütig. Menschen bauen auf – sie zerstören. Sie zerstören – bauen auf. Wie heißt es so schön: Mit den Händen aufgebaut, mit dem Popes eingerissen.

Dieser unser Text wird also in einer Zeit gesprochen, in der der Aufbaue des zerstörten Landes unendlich schwer war. Alles war kaputt, nicht nur das Land, die Stadt war zerstört, und die vor kurzem noch voll begeisterten versklavten Seelen hatten nun, als sie die großen Probleme, die ein Aufbau mit sich brachte, keine Hoffnung mehr. Sie träumten von einer goldenen Stadt Jerusalem – doch alles war nur Schutt und Asche. In diese Situation hinein ruft unser Prophet: Es wird Neues werden. Nicht einfach so, unser Gott wird Neues herbeiführen!

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Was für ein Text! Er wird nicht einfach so gesprochen: Leute, wenn ihr mal traurig seid, macht euch nichts draus, es wird alles wieder gut! Nein, diese Wörter werden im Namen Gottes an Menschen gerichtet, die auf dem Boden lagen, die seelisch zerstört waren, hoffnungslos, körperlich zerstört und unterworfen! Ihr Menschen meines Volkes, die ihr jetzt am Boden liegt, erschöpft seid, emotional abgestumpft und kalt, die ihr erschöpft seid, schaut auf, hört zu! Diesen Menschen, die am Boden liegen, wird ein Bild vor Augen gemalt, das Frieden, Fülle, Geborgenheit ausspricht. Gott ist eine Mutter, ihr bekommt Wärme, Geborgenheit, Nahrung, ihr werdet getragen, ihr werdet wachsen. Gott ist nicht mehr der Ferne, von dem ihr dachtet, was hat er mit uns, was haben wir mit ihm zu tun? Er sitzt irgendwo oben im Himmel, schaut auf uns herab – aber er ist kalt, lehnt uns ab, stößt uns zurück!

Nein! So der Prophet: Gott ist euch so nah – wer kann näher sein als eine gute Mutter zu ihrem Kind? Überströmend, Überfluss – und so wird auch der Frieden sein. Nicht einfach werden die Feinde weg sein, es wird nicht einfach so sein, dass Konflikte nicht mehr vorhanden sind, Frieden ist eine Kraft, er spendet Leben, ist Fülle. Er ist ein Strom – ein Fluss gefüllt mit klarem Wasser in dieser Zeit der Wüste, der Dürre, der Trockenheit. Das gesamte Leben wird aufgrünen, die zerschundenen Körper werden mit Leben gefüllt, werden voller Lebensfreude. Frieden ist kein Kampf um Ressourcen, darum, dass man denkt, man komme zu kurz, man müsse um das Überleben kämpfen, sich selbst und sein Land priorisieren.

Nein! Sagt der Prophet: Lasst euch nicht unterkriegen von dem, was ihr erlitten habt, was ihr erleidet, lasst euch nicht unterkriegen von eurer eigenen Unterwürfigkeit, Selbstverachtung, euren Klagen und Schmerzen, lasst euch aber auch nicht unterkriegen von eigenen Machtträumen und kreist nicht ständig um euch selbst und eure Ohnmacht! Jeder Einzelne von euch hat seine ganz persönlichen Schmerzen, Probleme, Traumata, Sorgen. Was auch immer und wer auch immer euch belastet, lasst es euch von Gott sagen: Eure Trauer, eure Enttäuschung ist nicht der Endzustand. Es geht nicht immer so weiter. Neues kommt – Gott wird handeln! Der Strom des Friedens wird euch tragen. Der Frieden wird euch bis auf die Knochen, bis in euer innerstes Wesen hinein bestimmen. Aber der Friede ist nicht ohne Gerechtigkeit zu haben. Die Feinde haben euch misshandelt, in den Dreck getreten. Gott wird Gerechtigkeit erstehen lassen.

Wie ein kleines Kind nichts tun muss, nur trinken – so müsst ihr auch nichts tun. Gott handelt, er umhegt euch, er pflegt euch, er füttert euch, er trägt euch, er ist zu euch zärtlich, streichelt eure Wangen, während ihr trinkt, schaut euch in die Augen.

Vor zwei Wochen hatte ich in der Predigt gesagt: Liebe und Hoffnungen sind nicht nur Gefühl, sie sind Entscheidungen. Und so ist dieser Ruf des Propheten ein Ruf: Wollt ihr im Weltschmerz, im Staub, in der Traurigkeit verharren, wollt ihr euch darin einspinnen? Entscheidet euch für die Liebe Gottes, entscheidet euch für die Hoffnung!

Und so ist dieser Ruf des Propheten bis heute ein Ruf, sich für Gott zu entscheiden. Sich zu entscheiden für die Liebe Gottes, für die Hoffnung. Der Ruf hallt in unsere Zeiten hinein: Lasst euch nicht unterkriegen von Krieg und Kriegsgeschrei, lasst euch nicht unterkriegen von den Menschen, die ständig mit Weltuntergängen drohen und Ängste schüren. Ausgeliefert sind wir heute vielen Medien und Parteien, die davon leben, Angst zu machen. Die mit Ängsten um Wählerstimmen werben, die mit Ängsten ihr Geld verdienen wollen. Wachsam sein, ja. Sehr wachsam sein sogar. Das lehren uns die Prophetenbücher des Jesaja. Wachsam sein gegen Gottlosigkeit, gegen Machtmissbrauch, gegen Tricksereien und Manipulationen, gegen Propaganda. Ja, wachsam sein – aber nicht unterkriegen lassen. Seine Seele nicht deprimieren lassen, sich nicht lähmen lassen, Gottes Willen zum Guten der Menschen zu tun. Manchmal fühlen wir uns hungrig, durstig, wie dürres, zum Himmel schreiendes Land. In solche Zeiten hindurch auf Gott wie ein Säugling auf die Mutter schauen. Das ist unsere Rettung.

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Wir warten nicht mehr so sehr auf ein irdisches Jerusalem. Wir sind auf dem Weg in das, wie es im Neuen Testament heißt, himmlische Jerusalem, auf dem Weg zu Gott. Und so ist das Abendmahl eine Stärkung durch Gott, weil Gott selbst in Jesus Christus sich bis in unseren Körper, unseren Leib hineinbegibt. Er will uns auf unseren Weg stärken, mutig machen, er will uns mit dem Abendmahl dazu bringen, dass wir uns für die Liebe Gottes und für die Hoffnung, die Gott schenkt, entscheiden.

Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.