Predigt 2. Korinther 5,16-21: Alter Mensch – neuer Mensch

Der für den heutigen Karfreitag vorgeschlagene Predigttext steht im 2. Brief des Apostels Paulus an die Korinther im 5. Kapitel:

Und er ist darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben ist und auferweckt wurde.

Darum kennen wir von nun an niemanden mehr nach dem Fleisch; und auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr. Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Aber das alles ist von Gott, der uns mit sich selbst versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt. Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selbst und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.

So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

Versetzen wir uns in einen gewöhnlichen Menschen des Römischen Reiches: Wenn wir ein Kreuz sehen, einen Menschen daran, einen Menschen, der vorher gefoltert wurde, dann sehen wir ein Hinrichtungsinstrument, einen Menschen, der aus irgendeinem Grund hingerichtet wurde und nun stirbt. Er hat zu Recht seine Strafe bekommen, weil er sich gegen den Staat oder gegen die Gemeinschaft vergangen hat.

Der Apostel Paulus schreibt: Wir kannten Jesus als Mensch. Wir haben in ihm also das gesehen, was ich soeben beschrieben habe, einen Menschen, der zu Recht hingerichtet wurde. Nur: Er war kein Aufständischer, sondern er wurde hingerichtet, weil er der religiösen und politischen Herrschaft ein Dorn im Auge war. Die Römer sahen in ihm einen Aufständischen, der hingerichtet werden muss. Denn Israel – das damals Judäa genannt wurde – war Grenzgebiet zwischen dem römischen Reich und dem Gebiet der Parther. Und wenn Aufstände im Grenzgebiet stattfanden, war man nicht zimperlich darin, sie niederzuschlagen. Die religiöse Obrigkeit sah ihre Macht gefährdet. Sie hatten enge Gesetze errichtet – im Namen Gottes – und Jesus hat die engmaschigen, Menschen knechtenden Gesetze aufgebrochen. Der Mensch ist nicht für das Gesetz da, sondern das Gesetz ist für den Menschen da. Und diese Herrscher, so Jesus, sind nichts anderes als Leichen in schön geschmückten Gräbern. Sowas hören Obrigkeiten nicht gerne, weil sie delegitimiert werden, weil sie lächerlich gemacht werden, ihr Stolz zertreten wird. Die Herrscher waren es aber nicht allein, die Jesus ans Kreuz brachten. Die Mitläufer, die Denunzianten, die den Herrschern Unterwürfigen, diejenigen, die von den Mächtigen profitieren gegen Recht und Gesetz – die haben auch das Ihre dazu beigetragen. Die Gleichgültigen, denen alles egal war, die sich nicht gegen eine solche Gesetzlosigkeit wandten – auch sie sind schuldig. Also alle. Selbst die Nachfolger Jesu haben ihn verraten, denunziert, sind feige weggerannt. Ich als Paulus habe diesen Jesus als einen solchen zu recht verurteilten Menschen kennen gelernt und seine Nachfolger verfolgt.

(1) O Haupt voll Blut und Wunden: EG 85,1+2

Doch dann kam das so genannte Damaskusereignis und Paulus hörte in einer Audition, nachdem Jesus Christus auferstanden war, den auferstandenen Jesus Christus sprechen. Er fragte ihn: Saul – so hieß der Apostel Paulus, bevor er Christ wurde – Saul, Saul, warum verfolgst du mich? Dieses Ereignis, diese Erfahrung führte dazu, dass Saulus ein neuer Mensch wurde. Er wurde vom Christusverfolger zu einem großen Christusnachfolger. Er hat am eigenen Leib erfahren, dass er neu wurde, sein Leben wurde vollkommen umgekrempelt. Diese Erfahrung, dass Menschen durch Jesus Christus vollkommen neu wurden, die hat Paulus dann überall gesehen. Aus den dummen Christen-Fischern, die er verfolgte, sind auf einmal weltbewegende Menschen geworden. Das können wir bis heute erfahren: Menschen, die auf einmal Jesus als auferstandenen Christus erkennen, werden neu, verändern sich, versuchen ihr Leben an dem auferstandenen Jesus Christus auszurichten.

Mit diesem neuen Erkennen, mit dem Neuwerden ist aber noch etwas anderes verbunden: Wir sehen diesen Menschen, der gefoltert am Kreuz hing, nicht mehr als normalen Menschen an. Es muss eine besondere Bewandtnis mit diesem Menschen gehabt haben. Und so erkennen Glaubende in diesem Menschen am Kreuz – mit Hilfe alttestamentlicher Schriften, mit Hilfe des Geistes Gottes –, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist. Er steht in einer einmaligen Beziehung zu Gott, in einer Weise, weil sie einmalig ist, die mit Wörtern nicht auszudrücken ist.

Mit unserer Sprache können wir sehr viel sagen. Aber es gibt Ereignisse, es gibt Gefühle, in denen die Sprache versagt. Wir können nicht ausdrücken, was wir fühlen, erfahren, denken. So ein Ereignis haben wir mit dem, was Glaubende in Jesus Christus erkennen. Darum nehmen wir solche Wörter wie „Sohn“ Gottes, oder auch – mit alter jüdischer Erwartung: Christus, das heißt: Messias, das heißt: der Gesalbte, also: der Herrscher. Glaubende erkennen also, dass dieser Mensch einmalig ist, in ihm leidet Gott selbst. Das ist ein Gedanke, der in der Antike unmöglich ist. Aber auch in unserer Zeit ist er unmöglich. Die Menschen damals glaubten nicht, dass ein Gott leiden kann und stirbt, erst recht nicht aus Liebe zu den Menschen.

(2) O Haupt voll Blut und Wunden: EG 85,1+2

Warum leidet Gott selbst? Warum haben wir Menschen in Jesus Gott selbst hingerichtet? Er, der von keiner Sünde wusste, der Recht und Gerechtigkeit in Liebe lehrte, in Liebe Recht und Gerechtigkeit – was haben wir Menschen gegen ihn? Wir Menschen haben sehr, sehr viel gegen Gott. Wir sind zornig gegen Gott. Wir wollen einen anderen Gott, einen Gott, der das Leiden wegnimmt, einen Gott, der Krankheiten, Epidemien wegnimmt, der wie in vielen Filmen als Held kommt und uns vor gewalttätigen Menschen schützt, und Gott, was tut er? Wir wollen einen Gott, der uns die Angst vor dem Sterben nimmt, der uns ewig auf der Erde leben lässt. Und Gott, was tut er? Aus menschlicher Perspektive: Nichts.

Und so gibt es zwei Arten, sich von Gott zu lösen. Einmal die atheistische Art: Menschen sagen: Gott gibt es nicht, Gott ist ein Hirngespinst der Menschen, Gott lässt sich irgendwie psychisch usw. erklären. Dann die ganz fromme Art, sich von Gott zu lösen: Wir beten, haben Riten, lesen fromm in Gottes Wort, leben nach vermeintlichen Regeln Gottes, bilden aber wie alle Menschen falsche Hierarchien, grenzen einander aus, leben nach Regeln, die wir selbst erstellen, nicht nach den Regeln Gottes.

Die Menschen zurzeit Jesu sind ihn dadurch losgeworden, dass sie ihn töteten. In den letzten 2000 Jahren versuchen wir ihn loszuwerden dadurch, dass wir sagen: Es gibt keinen Gott oder im Namen Gottes eigene Regeln aufstellen, und sie als besonders fromm ansehen. Weltweit gesehen gibt es zudem immer noch Menschen, die Christen verfolgen, und natürlich gibt es auch hier die Gleichgültigen, oder Menschen, die sagen: Ich brauche keinen, der für mich stirbt.

(3) O Haupt voll Blut und Wunden: EG 85,5+6

Wenn wir Menschen erkennen, dass Jesus Christus nicht einfach nur ein Mensch war, dass er hingerichtet wurde aus welchen Gründen auch immer, dann erkennen wir noch etwas anderes ganz neu: Wir Menschen sind Sünder. In unserem tiefsten Wesen sind wir grausam und brutal. Wir mögen es selbst nicht immer von uns erkennen. Das ist klar. In manchen wirkt der Geist Gottes auch in seinen tiefsten Tiefen zum Guten, zum Gott Gemäßen. Aber im Grunde sind wir, wenn wir uns mit den Augen Gottes betrachten können – und das können Glaubende, wenn sie neu geworden sind –, erkennen und anerkennen: die abgrundtiefe Bosheit. Gefangen im Netz der Bosheit können wir dieser nicht entkommen. Wir sind nicht so gut, wie wir von uns denken wollen. Wir müssen nicht nur an die so genannten Hexenverfolgungen denken.

Im Nationalsozialismus, im Kommunismus, im Jugoslawienkrieg, in den Stammesauseinandersetzungen in Ruanda, im Kampf von Islamisten gegen Kurden, Jesiden und Christen mussten viele Menschen erkennen:

der freundliche Nachbar, die freundliche Nachbarin wird zur Bestie.

Sie denunzieren – dabei waren sie doch sonst immer so nett,

sie plündern die Häuser – dabei waren sie doch sonst so zurückhaltend,

sie vergewaltigen wahllos – dabei waren sie doch sonst immer so moralisch,

sie nehmen gefangen, liefern Feinden aus und verkaufen als Sklaven – dabei haben wir uns sonst doch immer gegenseitig geholfen,

sie morden, bestialisch, töten – dabei waren sie so Leben Liebende wie wir.

Bis in den unseren Alltag hinein erweisen sich manchmal Menschen als furchtbar, die freundlich waren, denen wir vertrauten.

Dieses Erschrecken darüber, dass auch ziviler Umgang nur eine dünne Haut ist zwischen in uns schlummernder Bestialität und dem sozialen Miteinander, ist furchtbar. Und das haben frühe Christen wie auch Jesus immer wieder erfahren. Wirst du Christ und sprichst du von Christus, folgst du ihm nach, dann werden Menschen manchmal zu Bestien. Unerwartet explodieren sie, laufen mit, machen mit im Tun des Bösen.

Durch den Glauben an Jesus Christus erkennen wir also nicht nur neu, dass in Jesus Christus Gott selbst leidet und stirbt, wir erkennen auch, dass Menschen brutal sind, dass sie grundlegend Sünder sind, wenn wir uns Menschen mit den Augen Gottes betrachten.

(4) O Haupt voll Blut und Wunden: EG 85,7+8

Aber mit einer Zustandsbeschreibung bleibt der Apostel nicht stehen. Wer glaubt, der sieht nicht nur all das, sondern er wird auch neu. Er wird ein neues Geschöpf. Es ist nicht so, dass alle Glaubenden auf einen Schlag ein völlig verändertes Leben führen. Aber es ist so, dass Glaubende erkennen können, was sie falsch machen. Dass sie mit Hilfe des Geistes Gottes an sich arbeiten können bzw. den Geist Gottes an sich arbeiten lassen. Sie erkennen, dass sie ihr Leben falsch geführt haben, weil sie sich an die erste Stelle setzten, anstatt Gott. Das heißt alles nicht, wir wissen es nur zu gut, dass an Jesus Christus glaubende Menschen immer wunderbar sind. Glaubende sind im Grunde Wissende, die um Gott wissen, die um die Sündhaftigkeit wissen – aber auch darum, dass ihnen durch Jesu Sterben am Kreuz die Sünde vergeben wird. Sie bekommen ein geschärftes Gewissen, das ihnen sagt, was falsch und was richtig ist. Dazu muss man freilich in Gottes Wort lesen, es im Herzen bewegen, den Geist Gottes in der Seele wirken lassen.

Glaubende wissen, dass sie im Netz des Bösen gefangen waren, dass das Böse aber immer wieder nach ihnen das Netz auswirft. Das Netz, um sie von Gott wegzuzerren. Dazu gehört bevorzugt das Thema Leiden.

Wenn ich leide, wenn es nicht so läuft, wie ich es will, wenn ein geliebter Mensch gestorben ist oder mich verlassen hat – das ist ein Angriffspunkt des Bösen, dann zu sagen: Es gibt keinen liebenden Gott.

Wenn ich Lebensziele nicht erreiche, wenn mir Geld fehlt – ich wollte einmal groß sein in der Menschenwelt, berühmter Fußballspieler/Zocker, berühmte Schauspielerin/Influencerin und es kommt nicht so, sondern ich bin ein Mensch unter anderen, dann zweifle ich an Gott: Es gibt keinen helfenden Gott.

Oder im Gegenteil: Wenn ich erfolgreich bin, alles gelingt mir, Menschen sind mir zugewandt und untergeben – dann denke ich: Es gibt keinen Gott, ich habe mir alles selbst erschaffen, ich bin super, wunderbar, toll, ich bin ich.

Es gibt viele Fallstricke, die uns ins Netz des Bösen zurückholen können.

(5) O Haupt voll Blut und Wunden: EG 85,9-10

Glaubende sind neu, sie sind ein neues Geschöpf, sie können ihr Leben nach Gottes Willen leben, sodass es auch anderen Menschen um sie herum gut geht. Sie machen Gemeinheiten nicht mit, sie stärken, helfen, stehen bei. Sie streuen keine Gerüchte, erniedrigen nicht.

Aber sie resignieren auch nicht angesichts der Kriege und des Kriegsgeschreis;

sie lassen sich nicht lähmen von all den politischen Tricksereien den Manipulationen, den Propagandisten;

sie verzweifeln auch nicht an der Bosheit der Menschen;

sie kreisen auch mit ihrer Unzufriedenheit nicht ständig um sich, um ihren Körper, ihre Gesundheit, ihre Krankheit, ihr Leben, sodass sie sich selbst in Seilen verheddern und zugrunde gehen.

Warum machen sie all das nicht? Sie wissen: Gott verzweifelt auch nicht an der Bosheit der Menschen, sondern er will uns alle neu machen. Gott hat uns mit Gott versöhnt, wir müssen angesichts der Widrigkeiten des Lebens nicht auf Gott zornig sein. Wir können mit Gott durch alles hindurch gehen, was uns schwerfällt, ängstigt, leiden lässt. Er gibt uns seine Kraft, seine Freude, seinen Lebenswillen, seinen Geist, das heißt: er ist uns so nah, näher können wir uns selbst nicht sein. Und diese Botschaft tragen Christen weiter mit Wörtern aber auch mit der Art, wie sie ihr Leben leben. Christus stärkt uns Menschen darin, das Beste für uns zu suchen. Nicht nur das Beste für mich, sondern das, was für Menschen am besten ist. Wir Menschen sind, wie Philosophen sagten, Mängelwesen, wir haben Mängel, große sogar. Aber Christen wissen: die Mängel sind Herausforderungen, das Beste für die Menschheit zu tun. Vollkommene Menschen wären unfreie Wesen. Wir sind unvollkommen – dadurch frei. Wir sind frei, uns von Gott versöhnen zu lassen, und uns als Versöhnte von Gott neu machen zu lassen.

Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur, das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.