Ablauf des Gottesdienstes:
Begrüßung
Wochenspruch
449,1-3+8 (Die güldne Sonne – als Einganslied)
302,1+8 (Du meine Seele, singe – als Psalmlesung)
Kurzbiografie
Die unten folgenden Lieder mit Auslegung
283,1-4 (Herr, Du hast vormals Dein Land – als Fürbitte)
Vater unser
322,1+5-7 (Nun danket all – als Schlusslied)
446,8+9 (Wach auf, mein Herz – als Segen)
Segen
*
Ich singe Dir mit Herz und Mund (EG 324,1+2+13+14)
Wir haben soeben das Lied gesungen:
Ich singe dir mit Herz und Mund,
Herr, meines Herzens Lust;
ich sing und mach auf Erden kund,
was mir von dir bewusst.
Ich, also jeder Mensch, der das singt, singt nicht nur mit dem Mund, sondern mit dem ganzen Wesen, mit dem Herzen. Und zwar singt er dem, der des Menschen Lust ist: Gott. Und der Mensch singt das, was er von Gott weiß, was ihm von Gott bewusst ist.
Wir sind begrenzt im Verstehen Gottes. Wir durchschauen ihn nicht ganz, wie wir uns und den Mitmenschen ja auch nicht durchschauen. Darum können wir nur das von Gott weitersagen, was uns zum Zeitpunkt des Singens bewusst ist. Glaubende sind nicht überheblich: Sie geben singend das weiter, was der Herr, des Herzens Lust, mir bis zu diesem Zeitpunkt bewusst hat werden lassen. Aber der Glaube ist nicht nur Wort-Werdung, sondern er ist eine Herzensangelegenheit. Er bringt den ganzen Menschen in dankbare, fröhliche Bewegung. Herz und Mund gehören zusammen – das Herz aber singt zuerst!
Und was hat der Herr, des Herzens Lust, bewusstwerden lassen? Die zweite Strophe lautet:
Ich weiß, dass du der Brunn der Gnad
und ewge Quelle bist,
daraus uns allen früh und spat
viel Heil und Gutes fließt.
Ein wunderbares Bild. Früher hatten wir in Brasilien Brunnen. Der Eimer wurde in den Brunnen hinuntergekurbelt und dann wieder hochgekurbelt – und er brachte einen ganzen Eimer frischen Wassers mit herauf. Wasser, das lebensnotwendig ist, klares, frisches Wasser. So ist Gottes Gnade – wie ein Eimer frischen Wassers zum Leben. Und dieser Brunnen steht mitten im Dorf, er gibt allen ewig frisches Wasser, er ist die Quelle der Gnade. Gottes Gnade ist ewig und Heilung und Gutes können wir immer, früh wie spät, aus dem Brunnen herausholen. Gott ist wie der Brunnen immer zugänglich, er hat keine Sprechstunden.
Die nächsten Strophen fragen, was haben wir, ohne dass Gott, der Vater, es uns gibt? Es wird vieles aufgezählt: Nahrung, Schutz, Leben, Frieden, Beistand, Vergebung, Gebetserhörung, Gott ist gegenwärtig, wenn ein Christ weint; und: (Du) „führst uns in des Himmels Haus, / wenn uns die Erd entgeht.“ Das ganze Leben der Glaubenden steht in Gottes Hand. Nichts ist ausgenommen.
In den Strophen 13 und 14 wird erklärt, warum Gott des Herzens Lust ist:
Wohlauf mein Herze, sing und spring
und habe guten Mut!
Dein Gott, der Ursprung aller Ding,
ist selbst und bleibt dein Gut.
Er ist dein Schatz, dein Erb, dein Teil,
dein Glanz und Freudenlicht, dein Schirm und Schild,
dein Hilf und Heil,
schafft Rat und lässt dich nicht.
Die größte Gabe – Gott selbst ist das Gut, ist der Besitz. Es ist nicht etwas, was er dem Menschen schenkt, an Nahrung, Schutz, Leben, Frieden, Beistand, sondern Gott schenkt sich selbst. Im Psalm 73 heißt es: „Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.“ Der Mensch wird also vom Haben-Wollen, damit es ihm gut geht, auf Gott als alleiniger zentraler Besitz verwiesen. Wer Gott hat, braucht nicht mehr – oder anders gesagt: Wer Gott hat, hat das Ganze, hat Alles.
In den letzten vier Strophen wird seelsorgerlich gefragt: Warum sich das Herz kränkt und grämt, es hat doch keinen Grund dazu, sie sollen Gott an sich handeln lassen. Dann haben Glaubende Frieden und ewige Fröhlichkeit. Paul Gerhardt spricht nicht über seine Sorgen, sondern spricht mit seinem Herzen, seiner Seele und erinnert sie an Gottes Zusage und Handeln.
Paul Gerhardt hat viel Leid im Leben erfahren, von Jugend auf. Leid wird nicht verdrängt. Es ist da. Aber ihm ist von Gott bewusst, dass er sich von Gott tragen lassen kann. Auch wenn wir nicht alles von Gott wissen: Gott trägt. Das wissen wir.
O Haupt voll Blut und Wunden (EG 85)
Die erste Strophe lautet:
O Haupt voll Blut und Wunden,
voll Schmerz und voller Hohn,
o Haupt, zum Spott gebunden
mit einer Dornenkron,
o Haupt, sonst schön gezieret
mit höchster Ehr und Zier,
jetzt aber hoch schimpfieret:
gegrüßet seist du mir!
Mit diesem Lied überträgt Paul Gerhardt ein Lied aus dem 13. Jahrhundert. Arnulf von Löwen hat es wohl gedichtet. Im Mittelalter haben glaubende Mystiker ein Bild des gekreuzigten Jesus vor Augen gehabt und darüber meditiert, darüber nachgedacht, sich in das Leiden hineingefühlt. In der ersten Strophe wird geschildert, wie der Glaubende zu dem gekreuzigten Jesus kommt und ihn anspricht, ihn grüßt. Der Mensch Gottes, Gott selbst, der König der Welt, wurde gefoltert und an das Kreuz gehängt. Die nächsten Strophen beschreiben, dass Jesus Christus der Herr der Welt ist – und als Kontrast wird geschildert, dass dieser Herr der Welt um meinetwillen leidet. Das Sterben Jesu wird mit dem Leben des Dichters verbunden. Warum leidet Jesus, der mir so viel gegeben hat? Um meinetwillen. Es ist ein sonderbarer, ja, ein sonderbarer Tausch: Christus, der Herr der Welt, nimmt die Strafe auf sich, die mich, den Sünder, treffen müsste. Am liebsten würde der Dichter jedoch an der Stelle Jesu für seine eigenen Sünden sterben.
Wie es in der 7. Strophe heißt:
Es dient zu meinen Freuden
und tut mir herzlich wohl,
wenn ich in deinem Leiden,
mein Heil, mich finden soll.
Ach möcht ich, o mein Leben,
an deinem Kreuze hier
mein Leben von mir geben,
wie wohl geschähe mir!
Damit greift der Dichter etwas auf, was bis heute die Gemüter erregt, weil der Ansatz fremd erscheint: Ich möchte nicht, dass ein anderer für mich stirbt. Ich stehe für mich selbst ein. Ich benötige kein stellvertretendes Opfer. Ich bin stark genug, den Tod selbst zu ertragen. Ich stehe im Mittelpunkt. Das Sterben eines anderen für mich wird als Demütigung erfahren. Der Dichter hat aber eine andere Intention: Er hat Mitleid mit Jesus. Es tut ihm leid, dass Jesus an seiner Stelle so sehr leiden muss – am liebsten würde er selbst dort mit Christus hängen.
Während der moderne Mensch den stellvertretenden Kreuzestod ablehnt, weil er autonom sein will, und meint, stark zu sein, spielt in der christlichen Tradition das Mitleid mit Jesus eine große Rolle. Und aus dem Mitleid erwächst Hingabe: Ich gebe mich Jesus Christus hin. Weil Jesus mir so viel gegeben hat, möchte ich auch in seinem Sterben bei ihm sein, möchte ihn nach seinem Sterben umarmen. Aber wichtiger ist nun die Treue zu Jesus. Eine so große Treue, die dazu führt im Tod in Christus eingebettet zu sein.
Die beiden letzten Strophen, 9+10, gehen auf das eigene Sterben ein. Sie sprechen den auferstandenen Jesus Christus an, den Lebendigen, den, der durch den Tod wieder seine Stelle als liebender Herrscher eingenommen hat:
Wenn ich einmal soll scheiden,
so scheide nicht von mir,
wenn ich den Tod soll leiden,
so tritt du dann herfür;
wenn mir am allerbängsten
wird um das Herze sein,
so reiß mich aus den Ängsten
kraft deiner Angst und Pein.
Erscheine mir zum Schilde,
zum Trost in meinem Tod,
und lass mich sehn dein Bilde
in deiner Kreuzesnot.
Da will ich nach dir blicken,
da will ich glaubensvoll
dich fest an mein Herz drücken.
Wer so stirbt, der stirbt wohl.
In meiner Todesnot auf den leidenden und sterbenden Jesus Christus blicken, hat zweierlei Folgen: Er reißt mich aus meiner Angst und Pein – und dann, wunderbar: ich will ihn glaubensvoll an mein Herz drücken.
Das Lied spricht ein inniges Verhältnis Glaubender zu dem gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus aus. Ich möchte am liebsten den gestorbenen Jesus an mein Herz drücken – aber, welch ein Glück! – ich werde den auferstandenen Jesus Christus an mein Herz drücken. Ich kann das, weil mich durch das Sterben Jesu nicht mehr ein Gericht erwartet, sondern die Liebe Gottes. Dieses Wissen erleichtert mein Sterben. Ich werde erwartet von dem, den ich erwarte.
*
Wenn wir nun daran denken, dass die Eltern von Paul Gerhardt gestorben sind, als er Jugendlicher war, dass seine Kinder und seine Frau gestorben sind, bekommt das Lied noch einmal eine ganz andere Intention. Zudem sah er durch den Dreißigjährigen Krieg qualvolles Sterben und Tod vieler Menschen. Mit dem Krieg gingen Hungersnöte, Seuchen, Plünderungen und kriminelle Handlungen einher. Verwahrloste Menschen waren an der Tagesordnung, die anderen das Leben zur Hölle machten. Todesangst war für ihn und seine Zeitgenossen nichts Theoretisches. Und so hat er sich und seine Zeit in dem Gedicht von Arnulf von Löwen wiedergefunden. Diesen Text hat er dann ins Deutsche übertragen, damit die Menschen seiner Zeit und darüber hinaus bis heute einen Halt bekommen.
Es ist Überlebenslyrik. Es ist ein Lied über das Sterben, damit das Leben getrost gelebt werden kann.
Auf, auf, mein Herz, mit Freuden (EG 112)
Christliche Feste sind Vergegenwärtigungsfeste. Das heißt: Weihnachten beschenkt uns Gott mit sich selbst – wir vergegenwärtigen dieses Großereignis mit dem Nachspielen von Krippenspielen, dem einander Beschenken. Paul Gerhardt formuliert das in seinem Weihnachtslied „Ich steh an deiner Krippen hier“ (EG 37) oder: „Fröhlich soll mein Herze springen“ (EG 36). Karfreitag vergegenwärtigen wir uns des Sterbens Jesu – wir sind still, denken über das nach, was Jesus erlitten hat. Paul Gerhardt hat das mit dem Lied „O Haupt voll Blut und Wunden“ (EG 85), aber auch mit dem Lied: „O Welt, sieh hier dein Leben am Stamm des Kreuzes schweben, dein Heil sinkt in den Tod“ (EG 84) nachvollziehbar werden lassen. Diese Vergegenwärtigung finden wir auch in dem Osterlied: „Auf, auf, mein Herz, mit Freuden“ (EG 112). Christen überspringen mit ihrem Glauben die Jahrtausende und gehen in die Zeit zurück, in der Jesus lehrte, litt, starb und auferweckt worden ist. Besser gesagt: Das, was damals geschah, bricht ein in unsere Zeit, Gott kommt in unsere Gegenwart und lässt uns heute nicht allein. Wie die Menschen um Jesus Christus damals, so stehen wir um Jesus Christus heute.
Und so erleben wir jetzt die Auferstehung mit. Wir singen die 1. Strophe:
1. Auf, auf, mein Herz, mit Freuden
nimm wahr, was heut geschicht;
wie kommt nach großem Leiden
nun ein so großes Licht!
Mein Heiland war gelegt
da, wo man uns hinträgt,
wenn von uns unser Geist
gen Himmel ist gereist.
Unser Herz wird aufgefordert, das heißt, unser Wesen, unsere Seele wird aufgefordert, wahrzunehmen, was wirklich geschehen ist. Heute geschehen ist. Das träge Herz muss vom Wort Gottes, das ihm gesagt wird, erst geweckt werden. Es schläfert so vor sich hin, ist vielleicht traurig angesichts der schlimmen Erlebnisse, ist gefesselt, gefangen von den Erfahrungen von Verrat, dem Sterben geliebter Menschen, dem Tod, der in Kriegszeiten überall heftig zuschlagen kann. Auf, auf, mein, Herz, mit Freuden! Warum soll es aufspringen? Was geschieht heute, dass diese so muntere, fröhliche, ja tanzende Aufforderung kommt?
Nicht der Heiland war gelegt, sondern:
Mein Heiland war gelegt
da, wo man uns hinträgt,
wenn von uns unser Geist
gen Himmel ist gereist.
In dieser ersten Strophe ist schon alles angelegt. Das gesamte Lied ist springende, singende Siegesfreude – weil Jesus auferstanden ist, werden wir auferstehen. Es ist gewiss. Es gibt keine Zweifel. Und weil das so gewiss ist, lasse ich mich von der Welt mit all ihrem Getümmel, all ihrem Zorn, all ihrem Toben nicht einschüchtern. Das Leiden wird durchschritten zum Sieg:
5. Die Welt ist mir ein Lachen
mit ihrem großen Zorn,
sie zürnt und kann nichts machen,
all Arbeit ist verlorn.
Die Trübsal trübt mir nicht
mein Herz und Angesicht,
das Unglück ist mein Glück,
die Nacht mein Sonnenblick.
Es ist ein wunderbares Lied. Von Anfang bis Ende. Es ist ein Lied, das Übles nicht verschweigt, aber alles Schlimme – bis hin in den Tod – als Vergängliches darstellt. Unvergänglich ist nur das Leben, das Jesus Christus schon jetzt in allem Vergehen, allen Unsicherheiten bereiten wird, selbst dann, wenn wir gestorben sind. Weil Jesus Christus lebt, lässt der Tod zwar leiden, aber er verliert seinen Schrecken. Wie also die Vergegenwärtigung unserem modernen Denken weitgehend aus der Erinnerung entwischt ist, so ist auch dieser Gedanke sonderbar:
Alles vergeht –
nur das Leben nicht, das Jesus Christus schenken wird.
Wir vergehen –
nur unser Leben nicht, das Jesus Christus uns krönend schenken wird.
*
In der zweiten Strophe ist von einem Fähnlein die Rede, das Jesus Christus als Siegesfahne schwingt. Was ist das für eine Fahne, an die Paul Gerhardt denkt? Auf vielen Auferstehungsbildern finden wir sie gezeichnet: Es ist das rote Kreuz auf weißem Grund. Häufig getragen von einem Lamm, also dem Symbol für den getöteten Jesus Christus. Die Osterfahne. (Fahne ausbreiten.)
Befiehl du deine Wege (EG 361)
Wir singen die erste und die zweite Strophe:
Befiehl (2) du deine Wege
und was dein Herze kränkt,
der allertreusten Pflege
des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden
gibt Wege, Lauf und Bahn,
der wird auch Wege finden,
da dein Fuß gehen kann.
Dem Herren musst du trauen,
wenn dir’s soll wohlergehn;
auf sein Werk musst du schauen,
wenn dein Werk soll bestehn.
Mit Sorgen und mit Grämen
und mit selbsteigner Pein
lässt Gott sich gar nichts nehmen,
es muss erbeten sein.
Paul Gerhardt rät, den Lebensweg Gott anzuvertrauen. Er rät, das Gott in die Hände zu legen, was mich kränkt. Mich kränkt vieles.
Es sind nicht die Kränkungen der Menschheit, dass der Mensch mit den Affen gleiche Vorfahren hat (Darwin), dass der Mensch nicht Herr in seinem PsychoHaus ist (Freud), dass die Erde nicht im Mittelpunkt des Alls steht (Kopernikus), dass eine künstliche sogenannte Intelligenz schon sehr „intelligent“ ist, sondern auch, dass es Gott gibt, den er mit allen Verstandes und Unverstandes Mitteln zu bekämpfen sucht.
Was kränkt, das sind Menschen, die gedankenlos und leichtfertig mit mir umgehen, sind Menschen, die mein Leben bestimmen und es zu zerstören suchen, Menschen, die übergriffig werden mit Worten und Taten. So manche eigenen Unfähigkeiten kränken, die ich nicht loswerden kann, die mich beherrschen, statt dass ich sie beherrsche. Die größte Kränkung ist unter Umständen aber auch Gott selbst. Das dann, wenn etwas nicht so läuft, wie ich es gerne hätte, wenn der nahe Gott fern erscheint, wenn er sich nicht bemerkbar macht, wenn Schmerzen, Ratlosigkeit und Rastlosigkeit mein Leben bestimmen.
Und all diese Kränkungen soll ich, so rät Paul Gerhardt, in Gottes Hand legen. Paul Gerhardt begründet das mit dem großartigen Wirken des Schöpfers. Gott ist es, der die Ordnung der Schöpfung lenkt. Das, was als Chaos daherkommen kann, Winde, zerstörenden Sturm lenkt er genauso wie drückendes Sommerflirren, die mal hierhin und mal dorthin ziehenden Wolken. Stille Wolken, bedrohliche Wolken. Alles Metaphern für das Leben. Weil Gott also die Macht hat, Sturm und Ruhe zu lenken, wird er auch Macht haben, meinen Lebensweg gehbar zu machen. Schritt für Schritt. Wege, die mein Fuß gehen kann. Fuß vor Fuß. Gehen, nicht rennen, nicht mit Pferden rasen – oder heute gesehen: mit Motorrädern, Autos. Sondern gehen: jeden Schritt mit Gott gehen.
Und das entfaltet Paul Gerhardt in den weiteren Strophen. Er weiß selbst, dass unsere Füße im Grunde zu schwach sind, den Lebensweg im Vertrauen auf Gott zu gehen.
Und so bittet er in der letzten und 12. Strophe:
Mach End, o Herr, mach Ende
mit aller unsrer Not;
stärk unsre Füß und Hände
und lass bis in den Tod
uns allzeit deiner Pflege
und Treu empfohlen sein,
so gehen unsre Wege
gewiss zum Himmel ein.
*
Hinweisen möchte ich noch darauf:
(2) Es handelt sich um ein Akrostichon, das heißt: Jede Strophe beginnt mit einem Wort, die zusammengesetzt einen Vers aus Psalm 37 bilden: Befiehl dem Herrn dein(en) Weg und hoff auf ihn, er wird´s wohl machen. Im Gesangbuch wird das kursiv gedruckt.
Geh aus, mein Herz, und suche Freud (EG 503)
Dieses wunderbare Lied, „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“, dessen Text und Melodie wunderbar zusammengehören, beginnt mit der Strophe:
1. Geh aus, mein Herz und suche Freud
in dieser lieben Sommerzeit
an deines Gottes Gaben;
schau an der schönen Gärten Zier
und siehe, wie sie mir und dir
sich ausgeschmücket haben.
Paul Gerhardt lebte in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Auch nach dem Krieg war das Leben in Dörfern und Städten vielfach zerstört. Marodierende Banden, Hunger, Seuchen, Verwahrlosungen haben die Blicke der Menschen gefesselt. Mit der ersten Strophe fordert Paul Gerhardt sein Herz auf, nicht an diesen und anderen Übeln hängen zu bleiben, sondern hinauszugehen, die Schönheit anzusehen. Die Gärten, die gesamte Natur hat sich nach dem Winter geschmückt. In den Strophen 2-7 beschreibt er seinem Herzen die rauschende, klingende, summende – und auch des Menschen jauchzende Welt. Die Schöpfung wird hier zum Animateur, zum Anstifter der Freude.
All das, was er wahrnimmt, animiert ihn selbst zu singen:
8. Ich selber kann und mag nicht ruhn,
des großen Gottes großes Tun
erweckt mir alle Sinnen;
ich singe mit, wenn alles singt,
und lasse, was dem Höchsten klingt,
aus meinem Herzen rinnen.
Weil alles klingt, summt, singt, beginnt nun nach dem Beschreiben des Gesehenen und Gehörten, das Herz selbst zu singen. Das alles, was da klingt, summt, singt, entspringt Gottes großem Tun. Es klingt, summt, singt nicht aus sich heraus, sondern weil Gott dahintersteht. Und weil Gott dahintersteht, werden alle Sinne wach: die Augen, das Gehör, der Mund – aber auch die Nase, das Fühlen. Alles bringt mich in Bewegung, das überschäumende Leben lässt mich sozusagen mitvibrieren. So macht mein Herz mit – und ich unterdrücke das nicht. Ich lasse meinem fröhlichen Herzen einfach freien Lauf.
Die nächsten Strophen weisen darauf hin, dass es im Garten Gottes, dem Paradies noch viel, viel schöner sein wird. Aber noch bin ich nicht da, sondern auf der Erde. Und so möchte er auch hier auf der Erde singen, Gott loben, auch wenn das Leben schwerfällt:
Aber das geht nur mit Gottes Hilfe. Und so bittet er um Gottes Geist, dass er helfe, in meinem Lebensgarten gute Früchte zu bringen, das heißt, gute Werke zu tun, dem anderen Menschen zu helfen. Er führt das nicht aus, weil er weiß: Im Grunde des Herzens wissen alle, was das bedeutet, gute Glaubensfrüchte zu bringen.
Die Bitte geht in Strophe 14 weiter:
14. Mach in mir deinem Geiste Raum,
dass ich dir werd ein guter Baum,
und lass mich Wurzel treiben.
Verleihe, dass zu deinem Ruhm
ich deines Gartens schöne Blum
und Pflanze möge bleiben.
Er bittet darum, ein guter Baum zu werden – aber bis es so weit ist, möchte er in Gottes Garten eine schöne Blume bleiben, und zwar zu Gottes Ruhm. Er bittet nicht darum, Gottes schöne Blume zu werden – denn die ist er schon. Bis er, so schließt er das Lied, von Gott in das Paradies geholt wird, um Gott ewig zu rühmen, ihm zu dienen.
*
Wir können wahrnehmen lernen. In allem Leiden, in allen Sorgen, angesichts aller Schmerzen können wir wahrnehmen lernen. Gott gibt so viel Schönes. Der Verstand muss jedoch das Gesehene dem Gefühl, der Seele, dem Herzen vermitteln: „Schau, mein Herz, lass dich von den Sorgen, Schmerzen, den Leiden nicht fesseln. Geh aus deiner Verkrümmung im Negativen, im Traurigen hinaus und sieh, wie wunderbar alles ist.“ Wenn wir das dem Herzen vermitteln, dann beginnt es ganz von selbst Gott zu loben, weil es erkennt: Die Welt besteht nicht nur aus Leiden, Sorgen, Schmerzen.
Paul Gerhardt lässt den Blick aber noch weiterschweifen. Nicht die Erde ist es, auch nicht die Schönheit der Erde ist es, die uns fesseln soll. Wir sollen nicht an der Erde kleben, sondern auf das schauen, was Gott uns Wunderbares auch nach diesem Leben bereiten wird. Wir selbst können es jedoch nicht aus eigener Kraft. Die Fesseln der Sorgen, des Leidens, des Schmerzes sind oft zu groß. So müssen wir Gott selbst bitten unser Herz – aber auch unseren Verstand, unseren Geist – zu öffnen.
Mir hat es das Bild von der Blume angetan: Paul Gerhardt bittet Gott nicht, wie wir sahen, eine schöne Blume in Gottes Garten zu werden, sondern zu bleiben. Wir haben hier eine Formulierung vor uns, die erstaunlich modern klingt: Ich bin ich – ich bin nicht nur verletzt, zerstört, verängstigt, ich bin schön. Warum bin ich schön? Weil ich Gottes Blume bin. Und solange ich Gottes Blume bin, weiß ich, dass ich schön und wertvoll bin!
Und so dürfen wir überlegen und fragen: Als welche schöne Blume sehe ich mich in Gottes Garten?
