Ablauf des Gottesdienstes:
Begrüßung
Wochenspruch
449,1-3+8 (Die güldne Sonne – als Einganslied)
302,1+8 (Du meine Seele, singe – als Psalmlesung)
Kurzbiografie
Die unten folgenden Lieder mit Auslegung
283,1-4 (Herr, Du hast vormals Dein Land – als Fürbitte)
Vater unser
322,1+5-7 (Nun danket all – als Schlusslied)
446,8+9 (Wach auf, mein Herz – als Segen)
Segen
*
Kurzbiografie:
Mit den Liedern tauchen wir ein in eine andere Welt. Eine Welt, in der es keine Elektrizität gab, keine Autos. Es ist eine Welt, in der Menschen ganz in und mit der Natur lebten. Das klingt idyllisch – aber es ist die Zeit des Dreißig Jährigen Krieges und die Zeit danach. Auch die Kriegszeiten vor den Drohnen, Kampfflugzeugen waren eine grausame Zeit. Menschen wurden getötet, Verletzte wurden kaum versorgt, im heutigen Sinn, Heere ver-heer- ten ganze Landstriche, raubten die Nahrungsmittel, zerstörten und verbrannten den Besitz, folterten Menschen, vergewaltigten. Es herrschte pure grausame Willkür. Und als Folge davon herrschten Hunger, Seuchen – die Menschen verwahrlosten, weil die Psyche krank wurde. Kinder lebten ohne Eltern, Eltern ohne Kinder, der Tod war täglicher Begleiter. In diese Welt hinein textet Paul Gerhardt seine Lieder.
Er beklagt in „Also hat Gott die Welt geliebt“ (1) in den Strophen 9-13
9. Das Herz im Leibe weinet mir / vor großem Leid und Grämen, / wenn ich bedenke, wie wir dir / so gar schlecht uns bequemen. / Die meisten wollten deiner nicht, / und was du ihnen zugericht / durch deines Sohnes Büßen, / das treten sie mit Füßen.
Und so versuchen seine Lieder, Menschen sehen zu lernen. Das Schöne sehen zu lernen, das Gottes Schöpfung mit sich bringt. Er will den Menschen wieder Vertrauen in Gott und das Leben schenken. Er lenkt den Blick vom Irdischen weg zu Gott. Er gibt moralische Maßstäbe, damit Menschen einen moralischen Kompass haben, damit die Gesellschaft wieder geheilt wird.
Paul Gerhardt wurde 1607 geboren. Der Dreißig Jährige Krieg begann, als er 11 Jahre alt war. Er wurde in Sachsen geboren. Als er 12 Jahre alt war, starb sein Vater, als er 14 Jahre alt war, starb seine Mutter. Sein älterer Bruder und er kamen in ein Internat. Die Schwestern wurden bei Verwandten untergebracht. Er studierte Theologie, begann mit 36 Jahren Gedichte zu schreiben (ein Hochzeitsgedicht). Später schrieb er kirchliche Gedichte. Viele Pfarrer schrieben damals Gedichte. Diese wurden dann Kranken, Leidenden, Trauernden übergeben, sie wurden abgeschrieben und weitergegeben, um andere zu trösten. Trostkärtchen gab es damals so noch nicht. Mit seinen Gedichten wollte er also auch Menschen beistehen, damit sie ihr Leben bewältigen können. Mit 48 Jahren heiratete er Anna Maria Berthold. Nach 14 Jahren Ehe starb sie – und vier Kinder des Paares starben. Weil er dem Fürsten, Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg / der Große Kurfürst, nicht zu Kreuze kroch, darum verlor er seine Pfarrstelle, bekam später wieder eine und starb 1676.
Im Folgenden werden wir einzelne Strophen aus unterschiedlichen Liedern singen und ich sage das eine oder andere dazu.
Ich singe Dir mit Herz und Mund (EG 324,1+2+13+14)
(1) Ich singe dir mit Herz und Mund,
Herr, meines Herzens Lust;
ich sing und mach auf Erden kund,
was mir von dir bewusst.
Ich, also jeder Mensch, der das singt, singt nicht nur mit dem Mund, sondern mit dem ganzen Wesen, mit dem Herzen. Und zwar singt er dem, der des Menschen Lust ist: Gott. Und der Mensch singt das, was er von Gott weiß, was ihm von Gott bewusst ist.
Wir sind begrenzt im Verstehen Gottes. Wir durchschauen ihn nicht ganz, wie wir uns und den Mitmenschen ja auch nicht durchschauen. Darum können wir nur das von Gott weitersagen, was uns zum Zeitpunkt des Singens bewusst ist. Aber der Glaube ist nicht nur Wort-Werdung, sondern er ist eine Herzensangelegenheit. Er bringt den ganzen Menschen in dankbare, fröhliche Bewegung. Herz und Mund gehören zusammen – das Herz aber singt zuerst!
Und was hat der Herr, des Herzens Lust, bewusstwerden lassen? Die zweite Strophe lautet:
(2) Ich weiß, dass du der Brunn der Gnad
und ewge Quelle bist,
daraus uns allen früh und spat
viel Heil und Gutes fließt.
Ein wunderbares Bild. Früher hatten wir in Brasilien Brunnen. Der Eimer wurde in den Brunnen hinuntergekurbelt und dann wieder hochgekurbelt – und er brachte einen ganzen Eimer frischen Wassers mit herauf. Wasser, das lebensnotwendig ist, klares, frisches Wasser. So ist Gottes Gnade – wie ein Eimer frischen Wassers zum Leben. Er gibt allen ewig frisches Wasser, er ist die Quelle der Gnade. Gottes Gnade ist ewig und Heilung und Gutes können wir immer, früh wie spät, aus dem Brunnen herausholen.
Die nächsten Strophen fragen, was haben wir, ohne dass Gott, der Vater, es uns gibt? Es wird vieles aufgezählt: Nahrung, Schutz, Leben, Frieden, Beistand, Vergebung, Gott ist gegenwärtig, wenn ein Christ weint; und: führt „uns in des Himmels Haus, / wenn uns die Erd entgeht.“ Das ganze Leben der Glaubenden steht in Gottes Hand. Nichts ist ausgenommen, auch nicht der Tod.
In den Strophen 13 und 14 wird erklärt, warum Gott des Herzens Lust ist:
(13) Wohlauf mein Herze, sing und spring
und habe guten Mut!
Dein Gott, der Ursprung aller Ding,
ist selbst und bleibt dein Gut.
(14) Er ist dein Schatz, dein Erb, dein Teil,
dein Glanz und Freudenlicht, dein Schirm und Schild,
dein Hilf und Heil,
schafft Rat und lässt dich nicht.
Die größte Gabe – Gott selbst ist das Gut, ist der Besitz. Es ist nicht etwas, was er dem Menschen schenkt, an Nahrung, Schutz, Leben, Frieden, Beistand, sondern Gott schenkt sich selbst. Der Mensch wird also vom Haben-Wollen, damit es ihm gut geht, auf Gott als alleiniger zentraler Besitz verwiesen. Wer Gott hat, braucht nicht mehr – wer Gott hat, hat das Ganze, hat Alles.
In den letzten vier Strophen wird seelsorgerlich gefragt: Warum sich das Herz kränkt und grämt, es hat doch keinen Grund dazu, es soll Gott an sich handeln lassen. Dann haben Glaubende Frieden und ewige Fröhlichkeit. Paul Gerhardt spricht nicht über seine Sorgen, sondern spricht mit seinem Herzen, seiner Seele und erinnert sie an Gottes Zusage und Handeln.
Paul Gerhardt hat viel Leid im Leben erfahren, von Jugend auf. Leid wird nicht verdrängt. Es ist da. Aber ihm ist von Gott bewusst, dass er sich von Gott tragen lassen kann. Auch wenn wir nicht alles von Gott wissen: Gott trägt. Das wissen wir.
O Haupt voll Blut und Wunden (EG 85,1+7+9+10)
Die erste Strophe lautet:
(1) O Haupt voll Blut und Wunden,
voll Schmerz und voller Hohn,
o Haupt, zum Spott gebunden
mit einer Dornenkron,
o Haupt, sonst schön gezieret
mit höchster Ehr und Zier,
jetzt aber hoch schimpfieret:
gegrüßet seist du mir!
Mit diesem berühmten Lied überträgt Paul Gerhardt ein Lied aus dem 13. Jahrhundert. Arnulf von Löwen hat es wohl gedichtet. Im Mittelalter haben glaubende Mystiker ein Bild des gekreuzigten Jesus vor Augen gehabt und darüber nachgedacht, sich in das Leiden hineingefühlt. In dieser ersten Strophe wird geschildert, wie der Glaubende zu dem gekreuzigten Jesus kommt, ihn anspricht, ihn grüßt. Der Mensch Gottes, Gott selbst, der König der Welt, wurde gefoltert und an das Kreuz gehängt. Die nächsten Strophen verbinden das Sterben Jesu mit dem Leben des Dichters und damit mit dem Leben der Singenden, also uns. Warum leidet Jesus, der mir so viel gegeben hat? Um meinetwillen. Christus, der Herr der Welt, nimmt die Strafe auf sich, die mich, den Sünder, treffen müsste. Am liebsten würde der Dichter jedoch an der Stelle Jesu für seine eigenen Sünden sterben.
Wie es in der 7. Strophe heißt:
(7) Es dient zu meinen Freuden
und tut mir herzlich wohl,
wenn ich in deinem Leiden,
mein Heil, mich finden soll.
Ach möcht ich, o mein Leben,
an deinem Kreuze hier
mein Leben von mir geben,
wie wohl geschähe mir!
Damit greift der Dichter etwas auf, was bis heute die Gemüter erregt: Ich möchte nicht, dass ein anderer für mich stirbt. Ich stehe für mich selbst ein. Ich benötige kein stellvertretendes Opfer. Das Sterben eines anderen für mich wird als Demütigung erfahren.
Während der moderne Mensch den stellvertretenden Kreuzestod ablehnt, weil er meint, stark zu sein, spielt in der christlichen Tradition das Mitleid mit Jesus eine große Rolle. Und aus dem Mitleid erwächst Hingabe: Ich gebe mich Jesus Christus hin. Weil Jesus mir so viel gegeben hat, möchte ich auch in seinem Sterben bei ihm sein, möchte ihn nach seinem Sterben umarmen. Aber wichtiger ist nun die Treue zu Jesus hier auf der Erde, im Leben. Eine so große Treue, die dann dazu führt im Tod in Christus eingebettet zu sein.
Die beiden letzten Strophen, 9+10, gehen auf das eigene Sterben ein. Sie sprechen den auferstandenen Jesus Christus an, den Lebendigen, den, der durch den Tod wieder seine Stelle als liebender Herrscher eingenommen hat:
(9) Wenn ich einmal soll scheiden,
so scheide nicht von mir,
wenn ich den Tod soll leiden,
so tritt du dann herfür;
wenn mir am allerbängsten
wird um das Herze sein,
so reiß mich aus den Ängsten
kraft deiner Angst und Pein.
(10) Erscheine mir zum Schilde,
zum Trost in meinem Tod,
und lass mich sehn dein Bilde
in deiner Kreuzesnot.
Da will ich nach dir blicken,
da will ich glaubensvoll
dich fest an mein Herz drücken.
Wer so stirbt, der stirbt wohl.
Das Lied spricht ein inniges Verhältnis Glaubender zu dem gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus aus. Ich möchte am liebsten den gestorbenen Jesus an mein Herz drücken – aber, welch ein Glück! – ich werde den auferstandenen Jesus Christus an mein Herz drücken. Ich kann das, weil mich durch das Sterben Jesu nicht mehr ein Gericht erwartet, sondern die Liebe Gottes. Dieses Wissen erleichtert mein Sterben. Ich werde erwartet von dem, den ich erwarte.
*
Wenn wir nun daran denken, dass die Eltern von Paul Gerhardt gestorben sind, als er Jugendlicher war, dass seine Kinder und seine Frau gestorben sind, bekommt das Lied noch einmal eine ganz andere Intention. Zudem sah er durch den Dreißigjährigen Krieg qualvolles Sterben und Tod vieler Menschen. Todesangst war für ihn und seine Zeitgenossen nichts Theoretisches. Und so hat er sich und seine Zeit in dem Gedicht von Arnulf von Löwen wiedergefunden. Diesen Text hat er dann ins Deutsche übertragen, damit die Menschen seiner Zeit und darüber hinaus bis heute einen Halt bekommen.
Es ist Überlebenslyrik. Es ist ein Lied über das Sterben zu Jesus Christus hin, den ich ans Herz drücken werde, weil er mich an sein Herz drückt. Damit kann ich mein Leben getrost leben.
*
Es gibt eine ganze Reihe von „Passions-Salven“. Davon ist dieses Lied „O Haupt voll Blut und Wunden“ der VII. Gruß, der an den gekreuzigten Jesus Christus gerichtet ist.
Auf, auf, mein Herz, mit Freuden (EG 112,1+5)
Christliche Feste sind Vergegenwärtigungsfeste. Das heißt: Weihnachten beschenkt uns Gott mit sich selbst – wir vergegenwärtigen dieses Großereignis der Vergangenheit mit dem Nachspielen von Krippenspielen, dem einander Beschenken. Paul Gerhardt formuliert das in seinem Weihnachtslied „Ich steh an deiner Krippen hier“ (EG 37). Karfreitag vergegenwärtigen wir uns des Sterbens Jesu – wir sind still, denken über das nach, was Jesus erlitten hat. Paul Gerhardt hat das, wie wir gesehen haben, mit dem Lied „O Haupt voll Blut und Wunden“ (EG 85) nachvollziehbar werden lassen. Diese Vergegenwärtigung finden wir auch in dem Osterlied: „Auf, auf, mein Herz, mit Freuden“ (EG 112). Christen überspringen mit ihrem Glauben die Jahrtausende und gehen in die Zeit zurück, in der Jesus lehrte, litt, starb und auferweckt worden ist. Besser gesagt: Das, was damals geschah, bricht ein in unsere Zeit, Gott kommt in unsere Gegenwart und lässt uns heute nicht allein. Wie die Menschen damals um Jesus Christus standen, so stehen wir um Jesus Christus heute.
Und so erleben wir jetzt die Auferstehung mit. Wir singen die 1. Strophe:
1. Auf, auf, mein Herz, mit Freuden
nimm wahr, was heut geschicht;
wie kommt nach großem Leiden
nun ein so großes Licht!
Mein Heiland war gelegt
da, wo man uns hinträgt,
wenn von uns unser Geist
gen Himmel ist gereist.
Unser Herz wird aufgefordert, das heißt, unser Wesen, unsere Seele wird aufgefordert, wahrzunehmen, was wirklich geschehen ist. Heute geschehen ist. Das träge Herz muss vom Wort Gottes, das ihm gesagt wird, erst geweckt werden. Es schläfert so vor sich hin, ist vielleicht traurig angesichts der schlimmen Erlebnisse, ist gefesselt, gefangen von den Erfahrungen von Verrat, dem Sterben geliebter Menschen, dem Tod, der in Kriegszeiten überall heftig zuschlagen kann. Auf, auf, mein, Herz, mit Freuden! Warum soll es aufspringen? Was geschieht heute, dass diese so muntere, fröhliche, ja tanzende Aufforderung kommt?
Das gesamte Lied ist springende, singende Siegesfreude – weil Jesus auferstanden ist, werden wir auferstehen. Es ist gewiss. Es gibt keine Zweifel. Und weil das so gewiss ist, lasse ich mich von der Welt mit all ihrem Getümmel, all ihrem Zorn, all ihrem Toben nicht einschüchtern. Das Leiden wird durchschritten zum Sieg:
5. Die Welt ist mir ein Lachen
mit ihrem großen Zorn,
sie zürnt und kann nichts machen,
all Arbeit ist verlorn.
Die Trübsal trübt mir nicht
mein Herz und Angesicht,
das Unglück ist mein Glück,
die Nacht mein Sonnenblick.
Es ist ein wunderbares Lied. Von Anfang bis Ende. Es ist ein Lied, das Übles nicht verschweigt, aber alles Schlimme – bis hin in den Tod – als Vergängliches darstellt. Unvergänglich ist nur das Leben, das Jesus Christus schon jetzt in allem Vergehen, allen Unsicherheiten bereiten wird, selbst dann, wenn wir gestorben sind. Weil Jesus Christus lebt, lässt der Tod zwar leiden, aber er verliert seinen Schrecken.
Alles vergeht – nur das Leben nicht, das Jesus Christus schenken wird.
Wir vergehen – nur unser Leben nicht, das Jesus Christus, uns krönend, schenken wird.
*
In der zweiten Strophe ist von einem Fähnlein die Rede, das Jesus Christus als Siegesfahne schwingt. Was ist das für eine Fahne, an die Paul Gerhardt denkt? Auf vielen Auferstehungsbildern finden wir sie gezeichnet: Es ist das rote Kreuz auf weißem Grund. Häufig getragen von einem Lamm, also dem Symbol für den getöteten Jesus Christus. Die Osterfahne. (Fahne ausbreiten.)
Befiehl du deine Wege (EG 361,1+2+12)
Wir singen die erste und die zweite Strophe:
Befiehl (2) du deine Wege
und was dein Herze kränkt,
der allertreusten Pflege
des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden
gibt Wege, Lauf und Bahn,
der wird auch Wege finden,
da dein Fuß gehen kann.
Dem Herren musst du trauen,
wenn dir’s soll wohlergehn;
auf sein Werk musst du schauen,
wenn dein Werk soll bestehn.
Mit Sorgen und mit Grämen
und mit selbsteigner Pein
lässt Gott sich gar nichts nehmen,
es muss erbeten sein.
Paul Gerhardt rät, den Lebensweg Gott anzuvertrauen. Er rät, das Gott in die Hände zu legen, was mich kränkt. Mich kränkt vieles.
Was kränkt, das sind Menschen, die gedankenlos und leichtfertig mit mir umgehen, sind Menschen, die übergriffig werden mit Worten und Taten. So manche eigenen Unfähigkeiten kränken, die ich nicht loswerden kann, die mich beherrschen, statt dass ich sie beherrsche. Die größte Kränkung ist unter Umständen aber auch Gott selbst. Das dann, wenn etwas nicht so läuft, wie ich es gerne hätte, wenn der nahe Gott fern erscheint, wenn er sich nicht bemerkbar macht, wenn Schmerzen, Ratlosigkeit und Rastlosigkeit mein Leben bestimmen.
Und all diese Kränkungen soll ich, so rät Paul Gerhardt, in Gottes Hand legen. Paul Gerhardt begründet das mit dem großartigen Wirken des Schöpfers. Gott ist es, der die Ordnung der Schöpfung lenkt. Das, was als Chaos daherkommen kann, Winde, zerstörenden Sturm lenkt er genauso wie drückendes Sommerflirren, die mal hierhin und mal dorthin ziehenden Wolken. Stille Wolken, bedrohliche Wolken. Alles Metaphern für das Leben. Weil Gott also die Macht hat, Sturm und Ruhe zu lenken, wird er auch Macht haben, meinen Lebensweg gehbar zu machen. Schritt für Schritt. Wege, die mein Fuß gehen kann. Fuß vor Fuß. Gehen, nicht rennen. Sondern gehen: jeden Schritt mit Gott gehen.
Und das entfaltet Paul Gerhardt in den weiteren Strophen. Er weiß selbst, dass unsere Füße im Grunde zu schwach sind, den Lebensweg im Vertrauen auf Gott zu gehen.
Und so bittet er in der letzten und 12. Strophe:
Mach End, o Herr, mach Ende
mit aller unsrer Not;
stärk unsre Füß und Hände
und lass bis in den Tod
uns allzeit deiner Pflege
und Treu empfohlen sein,
so gehen unsre Wege
gewiss zum Himmel ein.
*
Hinweisen möchte ich noch darauf:
(2) Es handelt sich um ein Akrostichon, das heißt: Jede Strophe beginnt mit einem Wort, die zusammengesetzt einen Vers aus Psalm 37 bilden – im Gesangbuch wird das kursiv gedruckt.: Befiehl dem Herrn dein(en) Weg und hoff auf ihn, er wird´s wohl machen. Das ist die Botschaft dieses Liedes. Leg Jesus Christus deinen Lebensweg in die Hand.
Geh aus, mein Herz, und suche Freud (EG 503,1+8+14)
Dieses wunderbare Lied, „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“, dessen Text und Melodie wunderbar zusammengehören, beginnt mit der Strophe:
1. Geh aus, mein Herz und suche Freud
in dieser lieben Sommerzeit
an deines Gottes Gaben;
schau an der schönen Gärten Zier
und siehe, wie sie mir und dir
sich ausgeschmücket haben.
Paul Gerhardt lebte in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Auch nach dem Krieg war das Leben in Dörfern und Städten vielfach zerstört. Marodierende Banden, Hunger, Seuchen, Verwahrlosungen haben die Blicke der Menschen gefesselt. Mit der ersten Strophe fordert Paul Gerhardt sein Herz auf, nicht an diesen und anderen Übeln hängen zu bleiben, sondern hinauszugehen, die Schönheit anzusehen. Die Gärten, die gesamte Natur hat sich nach dem Winter geschmückt. In den Strophen 2-7 beschreibt er seinem Herzen die rauschende, klingende, summende – und auch des Menschen jauchzende Welt. Die Schöpfung wird hier zum Animateur, zum Anstifter der Freude.
All das, was er wahrnimmt, animiert ihn selbst zu singen:
8. Ich selber kann und mag nicht ruhn,
des großen Gottes großes Tun
erweckt mir alle Sinnen;
ich singe mit, wenn alles singt,
und lasse, was dem Höchsten klingt,
aus meinem Herzen rinnen.
Weil alles klingt, summt, singt, beginnt nun nach dem Beschreiben des Gesehenen und Gehörten, das Herz selbst zu singen. Das alles, was da klingt, summt, singt, entspringt Gottes großem Tun. Es klingt, summt, singt nicht aus sich heraus, sondern weil Gott dahintersteht. Und weil Gott dahintersteht, werden alle Sinne wach: die Augen, das Gehör, der Mund – aber auch die Nase, das Fühlen. Alles bringt mich in Bewegung, das überschäumende Leben lässt mich mitvibrieren. So macht mein Herz mit – und ich unterdrücke das nicht. Ich lasse meinem nun fröhlichen Herzen einfach freien Lauf.
Die nächsten Strophen weisen darauf hin, dass es im Garten Gottes, dem Paradies noch viel, viel schöner sein wird. Aber noch bin ich nicht da, sondern auf der Erde. Und so möchte er auch hier auf der Erde singen, Gott loben, auch wenn das Leben schwerfällt.
Aber das geht nur mit Gottes Hilfe. Und so bittet er um Gottes Geist, dass er helfe, in meinem Lebensgarten gute Früchte zu bringen, das heißt, gute Werke zu tun, dem anderen Menschen zu helfen.
Die Bitte geht in Strophe 14 weiter:
14. Mach in mir deinem Geiste Raum,
dass ich dir werd ein guter Baum,
und lass mich Wurzel treiben.
Verleihe, dass zu deinem Ruhm
ich deines Gartens schöne Blum
und Pflanze möge bleiben.
Er bittet darum, ein guter Baum zu werden – aber bis es so weit ist, möchte er in Gottes Garten eine schöne Blume bleiben, und zwar zu Gottes Ruhm. Er bittet nicht darum, Gottes schöne Blume zu werden – denn die ist er schon. Bis er, so schließt er das Lied, von Gott in das Paradies geholt wird, um Gott ewig zu rühmen, ihm zu dienen.
*
Wir können wahrnehmen lernen. In allem Leiden, in allen Sorgen, angesichts aller Schmerzen können wir wahrnehmen lernen. Gott gibt so viel Schönes. Der Verstand muss jedoch das Gesehene dem Gefühl, der Seele, dem Herzen vermitteln: „Schau, mein Herz, lass dich von den Sorgen, Schmerzen, den Leiden nicht fesseln. Geh aus deiner Verkrümmung im Negativen, im Traurigen hinaus und sieh, wie wunderbar alles ist.“ Wenn wir das dem Herzen vermitteln, dann beginnt es ganz von selbst Gott zu loben, weil es erkennt: Die Welt besteht nicht nur aus Leiden, Sorgen, Schmerzen.
Paul Gerhardt lässt den Blick aber noch weiterschweifen. Nicht die Erde ist es, auch nicht die Schönheit der Erde ist es, die uns fesseln soll. Wir sollen nicht an der Erde kleben, sondern auf das schauen, was Gott uns Wunderbares auch nach diesem Leben bereiten wird. Wir selbst können es nicht aus eigener Kraft. Die Fesseln der Sorgen, des Leidens, des Schmerzes sind oft zu groß. So müssen wir Gott selbst bitten unser Herz – aber auch unseren Verstand, unseren Geist – zu öffnen.
Paul Gerhardt bittet Gott nicht, wie wir sahen, eine schöne Blume in Gottes Garten zu werden, sondern zu bleiben. Ich bin nicht nur verletzt, zerstört, verängstigt, ich bin schön. Warum bin ich schön? Weil ich Gottes Blume bin. Und weil ich Gottes Blume bin, weiß ich, dass ich schön und wertvoll bin!
Und so dürfen wir überlegen und fragen: Als welche schöne Blume sehe ich mich in Gottes Garten?
*
Und so möchte ich die Lieder zusammenfassen:
324: Ich singe dir mit Herz und Mund:
Paul Gerhardt hat viel Leid im Leben erfahren, von Jugend auf. Leid wird nicht verdrängt. Es ist da. Aber ihm ist von Gott bewusst, dass er sich von Gott tragen lassen kann. Auch wenn wir nicht alles von Gott wissen: Gott trägt. Das wissen wir.
85: O Haupt voll Blut und Wunden:
Es ist Überlebenslyrik.
Es ist ein Lied über das Sterben zu Jesus Christus hin, den ich ans Herz drücken werde, weil er mich an sein Herz drückt. Damit kann ich mein Leben getrost leben.
112: Auf, auf, mein Herz, mit Freuden
Alles vergeht – nur das Leben nicht, das Jesus Christus schenken wird.
Wir vergehen – nur unser Leben nicht, das Jesus Christus, uns schenken wird.
361: Befiehl du deine Wege
Befiehl dem Herrn dein(en) Weg und hoff auf ihn, er wird´s wohl machen. Das ist die Botschaft dieses Liedes. Leg Jesus Christus deinen Lebensweg in die Hand.
503: Geh aus, mein Herz: Ich bin nicht nur verletzt, zerstört, verängstigt, ich bin schön. Warum bin ich schön? Weil ich Gottes Blume bin. Und weil ich Gottes Blume bin, weiß ich, dass ich schön und wertvoll bin!
*
Lieder, die im Gottesdienst nicht mehr untergebracht wurden:
„Ich hab oft bei mir selbst gedacht“ / „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“ (nicht EG)
Beide hier besprochenen Lieder sind nicht im Gesangbuch aufgenommen worden. In dem Text von Paul Gerhardt: „Ich hab oft bei mir selbst gedacht“ heißt es in der 6. Strophe https://www.gedichte7.de/ich-hab-oft-bei-mir-selbst-gedacht.html :
Bist du denn fromm und fleuchst die Welt
Und liebst Gott mehr als Gold und Geld,
So wird dein Ruhm, dein Schmuck und Kron
In aller Welt zu Spott und Hohn;
Denn wer der Welt nicht heucheln kann,
Den sieht die Welt für albern an.
Dem setzt er in der 9. Strophe mit Blick auf den Christen entgegen:
Hat er nicht Gold, so hat er Gott,
Fragt nicht nach böser Leute Spott,
Verwirft mit Freuden und verlacht
Der Welt verkehrten Stolz und Pracht.
Sein Ehr ist Hoffnung und Geduld,
Sein Hoheit ist des Höchsten Huld.
Auch in diesem Lied ist spannend, dass es einerseits Menschen anspricht, die sich gegen Christen vergehen, aber ihr schmerzhaftes Handeln ist Erziehung des Menschen durch Gott. Anders ausgesprochen: Erzogen wird der Glaubende durch das Kreuzesleiden – und dadurch gleichzeitig: Überwindung des Leidens. Der Mensch ist, wie es in einem anderen Lied verdeutlicht wird, im Grunde an sein Schicksalskreuz gebunden – und wird entsprechend durch Gott auferweckt werden, wie Jesus Christus nach dem Leiden auferweckt worden ist.
Es wird deutlich, dass schlimmes Handeln von Menschen, wenn es als Handeln des liebenden Gottes gedeutet wird, Menschen helfen kann, das Leiden leichter zu überstehen. Vor allem auch darum, weil, wie im Lied auch geschrieben, Gottes Kraft selbst es ist, die überstehen hilft, weil der Leidende sich getrost in Gottes Hände legen kann. Die autonome dämonische Macht des menschlichen Feindes wird diesem genommen, das bedeutet, was sinnlos erscheint, das Leiden, bekommt Sinn.
In dem Lied „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“ (https://www.evangeliums.net/lieder/lied_ich_weiss_dass_mein_erloeser_lebt.html) beschreibt er die Brutalität der Feinde. Die Feinde sind nicht nur brutal, sondern der normale Mensch hat auch keine Chance, sich ihrer zu erwehren. Paul Gerhardt beschreibt nicht nur die Brutalität der Feinde, sondern auch ungeschönt das Vergehen des Körpers, das ja allen durch den Krieg deutlich vor Augen lag. Von daher sind wohl auch die anderen Lieder entsprechend einzuordnen. Ein Mensch, der keine Macht hat, der machtlos den Gewalttätern ausgeliefert ist, dürfte vergebens zum Widerstand aufrufen, da ein solcher chancenlos ist. So verstehe ich diese Art des Umgangs mit dem Leiden, das Menschen ihm und anderen zufügen: Gegen marodierende Banden und gegen die Bedrohung von Epidemien hat keiner eine Chance auf Gegenwehr. Er hat nur zwei Möglichkeiten: Verzweiflung oder Gott. Paul Gerhardt wählt Gott, entsprechend auch der, der das Lied singt. Somit hat er keine Angst, denn Christus hat den Tod bezwungen. Weil Christus den Tod bezwungen hat, ist das Vergehen des Körpers im Grunde nur vergleichbar mit dem Wind, der die Spreu vom Weizen trennt:
Des bin ich herzlich hoch erfreut
Und habe gar kein Scheuen
Vor dem, der alles Fleisch zerstreut
Gleich wie der Wind die Spreuen.
Nimmt er gleich mich und mein Gebein
Und scharrt uns in die Gruft hinein,
Was kann er damit schaden?
Geschildert wird danach die Auferweckung der Glaubenden aus dem Tod. Diese oben genannte Sicht, die das grausame Handeln des Menschen so verstehen lehrt, dass Gott erzieht, wird hier nicht ausgesprochen. Der Blick richtet sich allein auf Gottes Macht über Tod, über Vergänglichkeit:
Trotz sei nun allem, was mir will
Mein Herze blöde machen!
Wärs noch so mächtig, groß und viel,
Kann ich doch fröhlich lachen.
Man treib und spanne noch so hoch
Sarg, Grab und Tod, so bleibet doch
Gott, mein Erlöser, leben.
Das Lachen ist der Widerstand des Ohnmächtigen. Es ist aber kein bitteres Lachen, sondern das Lachen des Erlösten, der seine Hoffnung nicht auf die eigene Stärke setzt, sondern auf den Sieg Christi über den Tod. Damit aber auch über das, was der Feind mir antun wollte. Der Feind hat mit seiner Gewalttat sein Ziel nicht erreicht – aber der Glaubende ist am Ziel: Er ist bei seinem Erlöser.
Paul Gerhardt: Herr, der du vormals hast dein Land (EG 283)
Heute möchte ich das Fürbittgebet: „Herr, der du vormals hast dein Land mit Gnaden angeblicket“ (EG 283) ein wenig beleuchten.
In der ersten Strophe wird auf die Vergangenheit geschaut. Das Land wurde schuldig und wurde darum gebunden – aber Gott hat es gnädig von den Fesseln befreit, den Menschen verziehen. Paul Gerhardt greift den Psalm 85 auf. Im Psalm geht es um Israel: Gott hat das Volk aus der Sklaverei in Ägypten befreit. Der Psalmsänger greift vermutlich in der Zeit babylonischer Gefangenschaft dieses geschichtliche Befreiungsereignis auf, um für die eigene Gegenwart Hoffnung zu bekommen, Mut zu schöpfen. Paul Gerhardt wiederum übernimmt den Psalm für seine Gegenwart: Es geht um das Land, also den Bereich des Heiligen Römischen Reiches, das von dem Dreißigjährigen Krieg verwüstet wurde – doch in der dritten Strophe geht es um alle Länder, in denen Christen wohnen.
Im weiteren Verlauf des Liedes fragt er Gott, ob er nicht wieder dem Land aufhelfen möchte, damit es den Menschen gut gehe. Und er bittet um Gottes Segen für die Menschen. Und wünscht sich, dass überall das Friedenswort laut wird, dass Gott dem Krieg und dem damit verbundenen Unglück, der Tyrannei, der Verwahrlosung, den Seuchen ein Ende bereiten möge.
6 – EG: 4) Ach, dass doch diese böse Zeit
bald wiche guten Tagen,
damit wir in dem großen Leid
nicht möchten ganz verzagen!
Doch ist ja Gottes Hilfe nah,
und seine Gnade stehet da
all denen, die ihn fürchten.
In dieser Strophe geht Paul Gerhardt dazu über, die Nähe der Hilfe Gottes denen zuzusprechen, „die ihn fürchten“. Damit beginnt nun sein ganz praktischer Kampf gegen die moralische und geistliche Verwahrlosung der Menschen seiner Zeit:
7 – EG: 5) Wenn wir nur fromm sind, wird sich Gott
schon wieder zu uns wenden,
den Krieg und alle andre Not
nach Wunsch und also enden,
dass seine Ehr in unserm Land
und allenthalben werd erkannt,
ja stetig bei uns wohne.
Paul Gerhardt fordert uns auf: Wir Menschen müssen schon jetzt in dieser schlimmen Zeit ein gottesfürchtiges Leben führen. Wenn wir miteinander im Sinne Gottes gut umgehen, dann wird Gott auch das Seine tun, den Krieg in Frieden und alle Not wenden. Wenn wir Menschen Gott ehren, dann wird es in unserem Land anders. Ganz anders.
Auch das beschreibt er im Anschluss mit dem Psalm – schöner kann es kaum ausgesprochen werden:
8 – EG: 6) Die Güt und Treue werden schön
einander grüßen müssen,
Gerechtigkeit wird einhergehn,
und Friede wird sie küssen;
die Treue wird mit Lust und Freud
auf Erden blühn, Gerechtigkeit
wird von dem Himmel schauen.
9 – EG: 7) Der Herr wird uns viel Gutes tun,
das Land wird Früchte geben;
und die in seinem Schoße ruhn,
die werden davon leben.
Gerechtigkeit wird dennoch stehn
und stets in vollem Schwange gehn
zur Ehre seines Namens.
*
Nun gibt es etwas, das noch hervorzuheben ist: Die ursprünglichen Strophen 2 und 3 wurden im EG weggelassen. Sie greifen den Psalm auf, in dem Gottes Zorn und Gottes Grimm angesprochen wird. Das passt anscheinend nicht mehr in unsere Zeit, in der nur der „liebe“ Gott in der süßlichen Definition von „Liebe“ verkündet wird.
Doch die wahre Liebe Gottes, wie Paul Gerhardt sie mit der Bibel verkündet, besteht gerade darin, dass Gott seinen Zorn, seinen Eifer, seinen Grimm durch seine Liebe überwinden lässt. Von der Gnade Gottes kann nur sinnvoll geredet werden, wenn Gott zuvor anders erfahren wurde. Dieser heilige, zornige, grimmige, eifernde Gott – kann und darf gebeten werden. Der Mensch ist von ihm abhängig, aber der Mensch kann ihn bitten:
nimm weg und hebe auf in Eil,
was uns betrübt und kränket.
bzw.
Erfreu und tröst uns wiederum
nach ausgestandnem Schaden.
Erst dann, wenn diese Strophen vorangehen, können wir verstehen, warum die Strophen in EG 2 und 5 darauf zu sprechen kommen, dass Gott uns wieder laben, Gutes tun möge, dass er sich uns wieder zuwenden wird. Diese Aussagen hängen ohne die zwei ursprünglichen Strophen 2 und 3 unlogisch und grundlos im Raum. Mit diesen Strophen wird erkannt, dass Gott auch unangenehm sein kann für den Menschen, dass es gefährlich ist, sich von Gott abzuwenden. Gott ist ein Gott der Gerechtigkeit, der nicht alles durchgehen lässt, was die Menschen tun. Wenn sie gegen seinen Willen handeln, Menschen traktieren, dann geht es einem Land schlecht.
Anders gesagt: Wenn Menschen nicht gottgemäß handeln, fallen sie übereinander her. Gottes Zorn, Grimm besteht darin, den Menschen diese Freiheit zum Schrecken zu lassen: „Wenn ihr schon mich verlassen und übereinander herfallen wollt, weil ihr euch von mir abgewendet habt, dann tut es. Aber ihr müsst die Konsequenzen tragen. Wenn ihr wieder zur Besinnung kommt, dann werde ich auch wieder das Zusammenleben gelingen lassen.“
Es ist ein tiefes Beziehungsgefüge, ein enges, verflochtenes Miteinander zwischen Gott und Mensch, Mensch und Gott: Wenn der Mensch liebt, gerecht, treu ist, dann lässt Gott es dem Land gut gehen. Wenn der Mensch lieblos, ungerecht, untreu ist, dann überlässt Gott das Land eben sich selbst. Er wendet sich ab – ermöglicht aber die Rückkehr.
Von daher ist es Paul Gerhardts brennendes Anliegen, die Menschen, die Gott fürchten, dazu aufzufordern, wieder ein frommes, ein gottgemäßes, ein den Menschen zugewandtes Leben zu führen. Sie sollen sich vom Bösen nicht treiben lassen, sondern diesem mit Gottes Kraft Widerstand entgegensetzen.
Der Lohn wird groß sein. Das beschreibt er dann in den oben zitierten Strophen 8 und 9. Genau damit – mit den Bildern von Frieden, Recht und Früchte – lockt er die Menschen, sich so zu verhalten, wie Gott es will.
Wenn wir diesen Text heute singen oder lesen, wird er auch in unsere Zeit als Mahnung hinein gesprochen.
Die güldne Sonne (EG 449)
Heute betrachte ich das Lied: „Die güldne Sonne“ (EG 449). Welch eine Fülle an Gedanken durchströmen dieses Lied.
Die Sonne geht auf, sie beleuchtet lieblich und herzerquickend unsere Heimat („Grenzen“). Auch ich stehe auf, bin munter und mein Blick geht zum leuchtenden Himmel. Dankbarkeit erfüllt mich: Ich lag darnieder – nun steh ich munter und fröhlich.
Beides haben wir hier: die physische Sonne und den Übergang zum Licht Gottes. Ich stehe also auf, schaue den Himmel – zugleich aber auf die Schöpfung. Und die Schöpfung belehrt mich über die Größe Gottes. Gleichzeitig weitet sich der Blick über das Irdische hinaus auf den Frieden, den Verstorbene bekommen werden. All das führt Paul Gerhardt dazu, alle Menschen, alle Kreaturen aufzufordern zu singen, denn das ist es, was Gott gefällt. Die Sorgen – die überlassen wir Gott. Wir richten unsere Sinne auf Gott. Alles Böse, alle Versuchungen möge Gott selbst vertreiben, damit ich Gottes Gebote tun kann. Es folgen Aufzählungen dessen, was gegen Gottes Gebot gerichtet ist:
6. Lass mich mit Freuden
ohn alles Neiden
sehen den Segen,
den du wirst legen
in meines Bruders und Nähesten Haus.
Geiziges Brennen,
unchristliches Rennen
nach Gut mit Sünde,
das tilge geschwinde
von meinem Herzen und wirf es hinaus.
Es folgt eine kluge Weisheitsbeobachtung. Das alles (Neid, Habgier, unchristliches Rennen) widerspricht nicht nur Gottes Gebot, sondern es ist auch alles vergänglich. Sobald ich sterbe, vergeht alles. Selbst Erde und Himmel werden wieder das, was sie vor der Erschaffung waren: Sie werden nicht mehr existieren, so wie wir sie kennen. Sie waren allein in Gottes Willen und Wort beschlossen. Die gesamte Schöpfung kollabiert, wie der Mensch. Wenn ich mein Sinnen auf Materielles richte – richte ich es im Grunde auf: Nichts. Alles Erschaffene vergeht – nicht aber Gott. Gott allein ist ewig. Darauf gründet mein Glaube und Vertrauen.
8. Alles vergehet,
Gott aber stehet
ohn alles Wanken;
seine Gedanken,
sein Wort und Wille hat ewigen Grund.
Neben Gottes Gedanken, Wort und Wille hat auch seine Gnade, sein Heilswille für uns ewigen Bestand. Mir bleibt als Mensch die Aufgabe, Gott um Vergebung zu bitten und mich ganz in Gottes Hand zu legen. Gibt er mir Gutes, höre ich im Herzen das vom Heiligen Geist gesprochene Wort – und ich spreche auch das heilige Wort des Geistes aus:
10. … „Gott ist das Größte,
das Schönste und Beste,
Gott ist das Süßte
und Allergewisste,
aus allen Schätzen der edelste Hort.“
Gott ist das Größte, Schönste und Beste – keine Philosophie ist es, kein materieller Besitz. Gott ist es.
Geht es mir schlecht, dann nehme ich auch das aus Gottes Hand, denn er weiß, was gut für mich ist. Die Stürme werden ein Ende haben. Und was für Stürme Paul Gerhardt erlebt hat – nicht nur er, sondern viele Menschen im Dreißigjährigen Krieg. Wie viele andere auch starben seine Kinder, nur ein Sohn überlebte ihn, seine Frau starb, als Jugendlicher musste er erleben, dass seine Eltern starben – er wurde dann mit seinem Bruder in einem Internat untergebracht, seine Schwestern bei Verwandten – zum Teil herumgereicht. Der Tod war allgegenwärtig durch marodierende Banden und Seuchen.
Dann kehrt das Gedicht wieder zum Anfang zurück und zeigt uns, dass die „güldne Sonne“ metaphorisch bzw. besser: als Gleichnis zu verstehen war:
12. Kreuz und Elende,
das nimmt ein Ende;
nach Meeresbrausen
und Windessausen
leuchtet der Sonnen gewünschtes Gesicht.
Freude die Fülle
und selige Stille
wird mich erwarten
im himmlischen Garten
dahin sind meine Gedanken gericht.
Geht es in dem Lied zunächst um den Lauf der Sonne, um den Tagesablauf, so geht es doch sehr schnell über in ein Lied, das einen Lebensweg beschreibt, einen gelungenen Lebensweg. Der Lebensweg ist gelungen, wenn ich an das Ziel angelangt bin, auf das meine Gedanken ausgerichtet waren: Die „güldne Sonne“ weckte mich auf der Erde aus dem Schlaf – und die güldene Sonne Gottes wird mich nach diesem an Gott ausgerichteten Leben aus der Erde aus dem Tod wie aus einem Schlaf wecken. Dann sehe ich Gottes Gesicht und mich erwartet die Fülle der Freude, die selige Stille, der himmlische Garten. Das ist es, woran ich bei allem Erdengetümmel denke, worauf ich ausgerichtet bin, worauf mein Denken und Leben ausgerichtet ist.
Paul Gerhardt verknüpft die Natur, die Schöpfung Gottes mit dem Glauben. Die Schöpfung wird Gleichnis für das Verhältnis zu Gott. Gleichzeitig weist er aber darauf hin, dass der sonnige Morgen ein Grund ist, dankbar aufzustehen, dankbar zum Himmel/zu Gott aufzusehen, dankbar die gesamte Schöpfung wahrzunehmen. In aller Not, trotz des vor Augen stehenden Todes, ist wichtig: Sehen können, wahrnehmen können, hinter der Schöpfung das Eigentliche sehen können. Das können wir bei Paul Gerhardt lernen.
Nun ruhen alle Wälder (EG 477)
Heute möchte ich das Lied: „Nun ruhen alle Wälder“ (EG 477) vorstellen.
Dieses Lied hatte es in der Geschichte nicht leicht, denn in ihm wird manches angesprochen, was Aufgeklärten seit dem 18. Jahrhundert nicht besonders gefallen hat. Es beginnt mit der Aussage aus der ersten Strophe, dass die ganze Welt schlafe. Zudem weist es auf den ersten Blick inhaltliche Brüche auf, so passen die Strophen 8 und 9 irgendwie nicht dazu. Dann wird vom Wächter Israels gesprochen und: Jesus Christus wird genannt. Inhaltlich stört natürlich die Moderne der Glaube an die Auferstehung – und dieser durchzieht das gesamte Lied.
Wir haben es mit dem Lied eines Menschen zu tun, der vor dem Einschlafen noch so manches andenkt. Und das ist aus meiner Sicht der Schlüssel, das Lied insgesamt zu verstehen. Der Beter kniet vor dem Bett und denkt betend nach. Alles geht, wie es Gottes gute Ordnung vorsieht, schlafen, alles ist still – man muss sich das damalige kleine Dorf vorstellen – aber die Sinne sollen nicht schlafen. Sie sollen wach bleiben und über Tag und Nacht, Leben und Sterben nachdenken.
Die Nacht vertreibt den Tag, die Finsternis vertreibt das Licht. Auch hier bedenke man das kleine Dorf ohne elektrisches Licht. Es wird finster, aber im Herzen scheint Jesus Christus, seine Wonne. Er freut sich, dass er aus dem Jammertal (geprägt von den Erfahrungen des Dreißigjährigen Krieges) von Gott herausgerufen wird, dass er mit Herrlichkeit überkleidet wird (mit dem Apostel Paulus gesprochen) und dass die Sünde ihn nicht mehr bedrängt. Dann fordert er den müden Körper auf, sich niederzulegen ins Bett – so wie der müde Körper ins Bett der Erde gelegt werden wird. Wenn Menschen schlafen, ob im Bett oder gestorben, in der Erde liegen, das Bewusstsein ist geschwunden – Gott, der „Wächter Israels“ möge sich des „Schlafenden“ annehmen. Menschen, die sich vertrauend schlafen legen, üben sich in das Vertrauen ein, wenn es um das „Entschlafen“ geht.
Vor dem Einschlafen hüpfen manchmal die Gedanken. War eben noch alles klar strukturiert, kommen dem Einschlafenden nun die berühmten Strophen 8 und 9 in den Sinn. Er betet für sich selbst in Strophe 8 und er betet für seine Lieben in Strophe 9.
In Strophe 8 heißt es, bezogen auf den normalen Schlaf wie auf das Sterben:
Breit aus die Flügel beide,
o Jesu, meine Freude,
und nimm dein Küchlein ein.
Will Satan mich verschlingen,
so lass die Englein singen:
„Dies Kind soll unverletzet sein.“
In Strophe 9 folgt der letzte Blick des Einschlafenden auf die Lieben, die Familie und Freunde, vielleicht auch auf die Gemeindeglieder:
Auch euch, ihr meine Lieben,
soll heute nicht betrüben
kein Unfall noch Gefahr.
Gott lass euch selig schlafen,
stell euch die güldnen Waffen
ums Bett und seiner Engel Schar.
Paul-Gerhardt-Lieder sind Seelsorge-Lieder. Er sorgt sich um die Seele. Was geschieht mit mir in der Nacht, wenn ich schlafe, in Kriegs- und Notzeiten, aber auch darüber hinaus? Werde ich wieder aufwachen? Wo auch immer ich aufwachen werde, ob auf der Erde oder bei Gott: Jesus Christus wird gebeten, mich zu bewahren, wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt. (1)
Paul Gerhardt greift häufig Bilder aus der Natur, aus der Schöpfung auf, die als Gleichnis für den Glauben dienen. Er kann das, weil die Natur nicht nur Natur ist, sondern Schöpfung Gottes. Durch sie bietet Gott Hilfe, Trost, Zuversicht und Hoffnung. Auch die Engel sollen gegen den Satan ansingen. Sie kämpfen nicht mit Gewalt, sie kämpfen mit ihrem Gesang. So ist das Lied selbst ein Lied, das gegen den Satan ansingt, gegen die Angst. Und diejenigen, die es singen, singen mit den Englein gegen die Angst an.
In seinem letzten wachen Moment wendet er sich vor dem Schlaf noch seinen Lieben zu. In der Nacht, wenn sie schlafen, soll ihnen nichts Schlimmes zustoßen. Gott möge sie „selig“ schlafen lassen, also nicht nur gut, sondern selig, im tiefsten Sinn: behütet. Mit dem Wort „selig“ schlägt er die Brücke vom irdischen Schlaf zu dem Schlaf nach dem irdischen Leben auf. Damit sie selig, geborgen schlafen können, bittet er darum, dass Engel die Schlafenden mit „güldnen“ also himmlischen Waffen bewachen mögen. Ein faszinierendes Bild: Menschen, die Angst vor dem Einschlafen haben, wird das Bild von Engeln um sein Bett vor Augen gemalt, die ihn mit goldenen Waffen beschützen.
Dieses Lied wollten aufgeklärte Theologen aus dem Gesangbuch streichen. Und auch Friedrich II. empfand das Lied als törichtes und dummes Zeug (2). Daran lässt sich erkennen, dass schon im 18. Jahrhundert einige städtische und mit Lichtern bestrahlte Eliten meinten, sie wüssten es besser, sie würden den Menschen besser kennen. Einige der aufgeklärten Elite hatten sich von dieser Welt Paul Gerhardts gelöst, während andere sich für den Verbleib des Liedes im Gesangbuch eingesetzt haben. Aber Paul Gerhardt war Seelsorger, kein Verkopfter, der sich über die Ängste der Menschen erhebt, weil er meint, er wüsste alles besser, hätte den Durchblick und den Überblick über Gott und die Psyche des Menschen.
Paul Gerhardt schenkt ihnen Bilder der Geborgenheit, damit sie gut einschlafen können. Er weist sie auf den Glauben an Jesus Christus, dem sie sich anvertrauen können, in dem sie geborgen sein können. Und so war auch Johann Sebastian Bach Seelsorger, der diese Strophen in seinen Werken eindrücklich aufgenommen hat.
(1) Er greift ein Wort Jesu aus dem Matthäusevangelium auf: Mt 23,37.
(2) https://de.wikipedia.org/wiki/Nun_ruhen_alle_W%C3%A4lder
Ist Gott für mich, so trete (EG 351)
Heute möchte ich das Lied: Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich (EG 351) andenken.
Dieses Lied ist eine Predigtmeditation zu einer Stelle aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer (8,31-39). Es handelt sich um ein Jesuslied, das seinesgleichen sucht.
Wer Gott zum Freund hat, dem kann im Grunde kein Mensch wirklich schaden; kein Widersacher kann das – und mögen sie auch als Rotte auf ihn zukommen. Gott selbst steht ihm bei zur Rechten, als Verteidiger, er dämpft die Angriffe und das, was ihm Schmerzen bereiten möchte.
Worauf basiert dieses Wissen? Denn es ist kein Vermuten mehr, es wird sicher und kraftvoll, ja triumphierend ausgesprochen: Der Grund ist Jesus Christus, sein Sterben für mich, seine Liebe zu mir. Ohne Christus würde er vor Gott vergehen, aber Christus ist in ihm und darum darf er vor Gott stehen, darf er sich der Hilfe Gottes gewiss sein. (Strophen 5+6:) Christus hat ihn rein gemacht, von Sünde befreit. Und darum, so schreibt Paul Gerhardt, darf er kein Gottesgericht scheuen, weil Christus das Gottesgericht bereits getragen hat. Wenn er es also täte, Angst haben vor Gottes Gericht, würde er das liebevolle Handeln Jesu nicht ernst nehmen. Er widerspräche somit Gottes Tun und fiele wieder in das von Angst geprägte Sünderdasein zurück. Er darf kein Gottesgericht scheuen, weil er durch Jesu Blut vor der Hölle bewahrt wurde – und er geht in der 6. Strophe über in die Menschenwelt (auch mit Paulus): kein Urteil der Menschen schreckt ihn, betrübt ihn – denn Christi Flügel bedecken, bewahren ihn (beachte: Nun ruhen alle Wälder: 477:6). Vor der Hölle muss der Christ genauso wenig Angst haben wie vor dem Urteil anderer Menschen, der Verurteilung durch andere Menschen. (Vgl. auch Paulus 1. Korintherbrief 4.)
In der vierten Strophe formulierte Paul Gerhardt, dass Jesus in ihm wohnt. Das vertieft er in der siebten Strophe:
7. Sein Geist wohnt mir im Herzen,
regiert mir meinen Sinn,
vertreibet Sorg und Schmerzen,
nimmt allen Kummer hin,
gibt Segen und Gedeihen
dem, was er in mir schafft,
hilft mir das Abba schreien
aus aller meiner Kraft.
Hier greift er eine weitere Aussage aus dem Römerbrief auf – und führt das in der 8. Strophe fort. In der Schreckenszeit ist es der Geist Gottes selbst, der in dem Beter betet, mit unaussprechlichem Seufzen. Er betet nicht nur angesichts der Schrecken, sondern er tröstet auch mit Blick auf die neue Stadt, die Gott erbaut hat, in die er nach dem Sterben hineingehen wird. Noch aber ist es nicht soweit und so durchleuchtet „mein Jesus“ alle Tränen, alles Leid.
Die Strophen 11 und 12 (EG – ursprünglich: 13 und 14) greifen eng die Paulusaussagen auf, allerdings mit Blick auf seine Zeit des Dreißigjährigen Krieges:
13 (EG 11) Die Welt, die mag zerbrechen,
du stehst mir ewiglich;
kein Brennen, Hauen, Stechen (1)
soll trennen mich und dich.
Kein Hunger und kein Dürsten,
kein Armut, keine Pein,
kein Zorn der großen Fürsten
soll mir ein Hindrung sein.
14 (EG 12) Kein Engel, keine Freuden,
kein Thron, kein Herrlichkeit,
kein Lieben und kein Leiden,
kein Angst und Fährlichkeit,
was man nur kann erdenken,
es sei klein oder groß:
der keines soll mich lenken
aus deinem Arm und Schoß.
Dass Paul Gerhardt einmal in einen schweren Konflikt mit dem Herrscher, dem „Thron“ geraten würde, ahnt er vermutlich noch nicht. Der Konflikt wird so stark sein, dass er seine Pfarrstelle verliert, dass er ein paar Jahre ohne Unterhalt sein wird, nur unterstützt von Freunden, ebenso wird er seine Frau und fast alle Kinder verlieren.
Es liegt nahe anzunehmen, dass er in diesen sehr schlimmen Jahren häufiger an dieses sein Lied erinnert wurde, vielleicht sogar von diesem getragen wurde.
Christus hat den Dichter wie alle, die das Lied singen („ich“ / „mich“), aus Liebe gerecht gemacht, vom Gericht befreit; mit seinem Geist wohnt er in mir, trägt mich durch Schrecken hindurch, stärkt mich angesichts der Menschen, durch die der Satan wirkt. Und darum kann der große Triumpf folgen:
15 (EG 13) Mein Herze geht in Sprüngen
und kann nicht traurig sein,
ist voller Freud und Singen,
sieht lauter Sonnenschein.
Die Sonne, die mir lachet,
ist mein Herr Jesu Christ;
das, was mich singen machet,
ist, was im Himmel ist.
*
Es ist ein Trauerspiel, dass die Herausgeber des EG die ursprünglichen Strophen 11 und 12 gestrichen haben. Sie lauten:
11 (nicht EG) Wer sich mit dem verbindet,
den Satan flieht und hasst,
der wird verfolgt und findet
ein harte, schwere Last
zu leiden und zu tragen,
gerät in Hohn und Spott;
das Kreuz und alle Plagen,
die sind sein täglich Brot.
12 (nicht EG) Das ist mir nicht verborgen,
doch bin ich unverzagt.
Dich will ich lassen sorgen,
dem ich mich zugesagt.
Es koste Leib und Leben
und alles, was ich hab;
an dir will ich fest kleben
und nimmer lassen ab.
Wer zu Jesus Christus gehört, der muss damit rechen, vom Satan bekämpft zu werden, weil der Satan Jesus Christus hasst. Derjenige, der Christus folgt, wird auf vielfache Weise bekämpft werden: Verfolgung, Leiden, Hohn, Spott, Plagen – all das ist täglich zu ertragen. Selbst wenn es das Leben kosten sollte, er bleibt bei Jesus Christus, er bleibt an ihm kleben, lässt nicht von Jesus ab.
Es ist sehr zu bedauern, dass diese Strophen nicht übernommen wurden, denn diese Erfahrungen, die Christen weltweit machen müssen, können nicht einfach geleugnet werden. Es ist unverständlich, dass gerade auch nach den Erfahrungen nationalsozialistischer und kommunistischer Zeit diese Strophen nicht wieder übernommen wurden. Sie hätten viele stärken und trösten können. Nicht nur damals: auch heute. Ich möchte nicht spekulieren, warum diese gestrichen wurden. Sie waren auf jeden Fall schon in dem mir vorliegenden Gesangbuch von 1910 nicht aufgenommen worden. (2)
Diese Eingriffe zeigen letztlich, wie anstößig der ursprüngliche Text war. Paul Gerhardt schildert den Kampf des Glaubens und den Trost, den der Glauben schenkt, den der Geist Christi schenkt.
*
(1) Ausgabe Gesangbuch 1910: „Nicht Feur und Schwert der Frechen“.
(2) Schon in der Gesangbuchausgabe von 1910 wurden auch die Strophen 5 und 6 weggelassen. Anders gesagt: die Strophen 4+5 wurden gemischt, also Teile wurden weggelassen, Strophe 6 ganz. Zudem wurde auch in Wörter eingegriffen: In der Strophe 8 ist nicht mehr von Schrecken die Rede, sondern von Schwachheit. In einer Frankfurter Ausgabe (Gesangbuch für den öffentlichen Gottesdienst der evangelisch-protestantischen Gemeinden der freien Stadt Frankfurt, ohne Jahr; Anhang von 1867 – mir liegt vor die Ausgabe von 1877; der Hauptteil ist freilich viel älter) wird die 2. Strophe auch verändert. Wir singen heute:
2. Nun weiß und glaub ich feste,
ich rühm’s auch ohne Scheu,
dass Gott, der Höchst und Beste,
mein Freund und Vater sei
und dass in allen Fällen
er mir zur Rechten steh
und dämpfe Sturm und Wellen
und was mir bringet Weh.
In der Frankfurter Ausgabe lautet diese Strophe:
Wie ruhig und wie selig
bin ich in Gott als Christ!
Ich weiß und glaub es fröhlich,
daß er mein Vater ist,
der mir zu allen Zeiten
die Vaterhände reicht,
im Kampfe mir hilft streiten,
in Noth nicht von mir weicht.
Zudem wurde es in dieser Ausgabe vollkommen entpolitisiert und teilweise auch weiterhin gefühlig umgedichtet.
Gott Lob! Nun ist erschollen (nicht im Gesangbuch!)
Nach dem Dreißigjährigen Krieg (dem Westfälischen Frieden, 1648) war der Krieg noch lange nicht vorbei, denn marodierende Banden, arbeitslose Söldner, überzogen das Land mit Schrecken. Paul Gerhardt konnte das Ausmaß jedoch noch nicht wissen, aber er vermutet es. Das vermutet er vermutlich aus zweierlei gründen: aus Erfahrung mit den vorangegangenen Jahren und aus theologischen gründen, wie zu sehen sein wird. Erst einmal ist er aber froh und dankbar, dass die Herrscher sich auf Frieden geeinigt haben.
1. Gott Lob! Nun ist erschollen
das edle Fried- und Freudenwort,
dass nunmehr ruhen sollen
die Spieß und Schwerter und ihr Mord.
Wohlauf und nimm nun wieder
dein Saitenspiel hervor,
o Deutschland, und sing Lieder
im hohen vollen Chor.
Erhebe dein Gemüte
zu deinem Gott und sprich:
Herr, deine Gnad und Güte
bleibt dennoch ewiglich!
Gott hat den Krieg beendet. Frieden ist nun angesagt. Nicht Diplomaten haben diesen erreicht, sondern er ist Folge der Gnade Gottes. Aber was tun die Menschen? Friede ändert den Menschen nicht automatisch, weil er Sünder ist. Darum mahnt Paul Gerhardt zur Buße. Jetzt aber ist erst einmal der Frieden da und es zeigt sich, was es bedeutet, dass Gott noch handelt, trotz der Bosheit der Menschen. Im Frieden, der eine Gabe Gottes ist, hat Gott das Heil und das Glück verborgen – wer jetzt gegen den Frieden agiert, schadet sich selbst, richtet sich zugrunde:
3. … der drückt sich selbst den Pfeil
des Herzleids in das Herze
und löscht aus Unverstand
die güldne Freudenkerze
mit seiner eignen Hand.
Überall ist erkennbar, was dieser schlimme Krieg mit sich gebracht hat:
4. Das drückt uns niemand besser
in unser Seel und Herz hinein
als ihr zerstörten Schlösser
und Städte voller Schutt und Stein;
ihr vormals schönen Felder
mit frischer Saat bestreut,
jetzt aber lauter Wälder
und dürre wüste Haid;
ihr Gräber voller Leichen
und blutgen Heldenschweiß,
der Helden, derengleichen
auf Erden man nicht weiß.
Gott gibt nun den Menschen wieder eine neue Chance, er will den Menschen durch die Erkenntnis der Zerstörung dazu erziehen, zu erkennen, dass er Gutes tun soll. Anders gesagt: Kriege können den Menschen zu der Erkenntnis seiner Sünde und zur Buße führen.
Paul Gerhardt schließt mit der Strophe:
6. Ach, lass dich doch erwecken,
wach auf, wach auf, du harte Welt,
eh als das harte Schrecken
dich schnell und plötzlich überfällt!
Wer aber Christum liebet,
sei unerschrocknes Muts,
der Friede, den er gibet,
bedeutet alles Guts.
Er will die Lehre geben:
Das Ende naht herzu,
da sollt ihr bei Gott leben
in ewgem Fried und Ruh. (1)
*
Es ist immer großartig, wenn Menschen sich überhaupt dazu durchringen, Frieden haben zu wollen. Dieses „Wollen“ ist Bedingung und Anfang dafür, einen Krieg, eine Auseinandersetzung zu beenden, Versöhnung anzustreben. Aber all das ist Gottes Geschenk, ist Gottes Gabe, denn der Mensch als Sünder ist gar nicht in der Lage, von sich aus Frieden zu erstreben und herbeizuführen. Kriege bieten Menschen jedoch die Möglichkeit, sich des eigenen grausamen Tuns bewusst zu werden, fordern Selbsterkenntnis und daraus folgende Buße. Daraus folgt wieder der Wille, die neue Chance, Gutes zu tun. Das muss dem Menschen als Sünder allerdings erst gesagt werden, und das macht Paul Gerhardt durch das Lied. Denn Menschen kommen aufgrund ihres Sünderwesens gar nicht auf den Gedanken, dass all dem so ist. Im Grunde ist es Gott, der das als eine Art Geschichts-Gesetz (traditionell gesagt: Gottes Weltregierung, die Vorsehung) festgelegt hat.
Der Mensch ist jedoch so gestrickt, dass er mit Blick auf Frieden und Gutes tun kurzsichtig ist. Und so kommt der harte, strenge Schrei von Paul Gerhardt:
Ach, lass dich doch erwecken,
wach auf, wach auf, du harte Welt.
Der Schrecken kann schnell wiederkommen, wenn der Mensch sich nicht an Gottes Regeln hält. Auch dann, wenn der Mensch wieder in sein grausames Handwerk zurückkehrt, Städte zerstört, Felder verheert, Dürre und Leichen hinterlässt:
Wer aber Christum liebet,
sei unerschrocknes Muts,
der Friede, den er gibet,
bedeutet alles Guts.
Und das bis ins ewige Leben, in dem der Mensch ewigen Frieden und Ruhe bekommt. Bis es soweit ist, wird der Mensch zerstören, Gott gibt ihm eine neue Chance, der Mensch freut sich über den Frieden, er wird dem Willen Gottes aber nicht gerecht, es gibt wieder Krieg. Dieser Spirale ist der Glaubende nicht dadurch entnommen, dass er auf einmal ein wunderbar friedenswilliges Wesen wird, sondern weil Christus sein Friede ist. Der äußere Friede ist immer gefährdet. Der innere Friede – der Friede Christi – bleibt. Während die Versöhnung der Menschen untereinander brüchig ist, kann der Glaubende aus der Versöhnung mit Christus friedvoll leben. Somit endet das Lied nicht mit dem Blick auf den Westfälischen Frieden, sondern auf den ewigen Frieden, den Christus schenkt.
*
Was bedeutet diese Erfahrung und Erkenntnis für uns heute angesichts der Kriege und politischen Auseinandersetzungen? Angesichts des Aufstiegs und Falls und Aufstiegs von Nationen, weil sie innerlich zerrissen sind? Wir historisch denkende Menschen des 21. Jahrhunderts, trauen alles dem Menschen zu, Krieg wie Frieden, Frieden wie Krieg. Vor allem aber: Frieden. Wir haben alles im Griff: Bildung, Globalisierung, Diplomatie, Vernunft statt Emotion – äußerst wichtige Errungenschaften! – sollten vor Kriegen schützen. Nach langer Friedenszeit in Europa sind wir in unserem friedlichen Menschenbild erschüttert über die kriegerischen Auseinandersetzungen, die sehr, sehr nahe gekommen sind. Nach der optimistischen Aufbruchsstimmung der Jahrtausendwende (Obama) zerreißen ständig neue grausame Nachrichten das Wohlgefühl. Ängste breiten sich aus. Hat in diesen Stunden die Weltdeutung eines Paul Gerhardt nichts mehr zu sagen? Für ihn war der Mensch als vernünftiges Wesen eine Illusion. Ein naives Menschenbild idealisiert den Menschen, missachtet die Realität. Er fordert Buße (neues Denken), weist den Menschen auf den Frieden mit Christus, damit er sich vom Kriegsgeschrei und Kriegsleid nicht irritieren lässt, sondern mit Gottes Hilfe für den Frieden wirkt, auch wenn um ihn herum alles zusammenbricht. Aus meiner Sicht ist es gut, dass der säkulare Mensch gemeinsam mit Christen alles versuchen, damit Frieden herrsche. Vom möglichen säkularen Pessimismus, wenn das nicht gelingt, darf sich aber ein Christ nicht anstecken lassen, wenn er im Frieden Christi lebt und somit auch die genannte Zukunftsperspektive hat.
(1) Zitiert nach: https://www.velkd.de/schwerpunkte/liturgie/kirchenmusik/paul-gerhardt/lieder-von-paul-gerhardt/gott-lob-nun-ist-erschollen/
Du liebe Unschuld du, wie schlecht wirst du geacht (nicht im Gesangbuch)
Paul Gerhardt kann auch anders, er dichtet nicht nur freundliche Lieder.
Das ist ein mächtiger Text: „Du liebe Unschuld du, wie schlecht wirst du geacht“. In diesem geht es darum, dass der wahre Fromme sich an Gott hält, darum verlacht, verhöhnt wird und Gegenstand böswilligen Geschwätzes wird.
Der Unschuldige straft die, die Böses tun, er spricht aus, was Unrecht ist, er heuchelt nicht. Er fordert mit dem Text auf, Gott treu zu bleiben, auch wenn es viele Nachteile mit sich bringt.
Aber nicht nur der Unschuldige hat Nachteile. Das Lied richtet sich gegen diejenigen, die ihren Wohlstand durch Unrecht erworben haben. Damit dürfte er so manchen auf die Füße getreten haben. Besonders anklagend ist die 11 Strophe:
Was hat doch mancher mehr
Denn armer Leute Schweiß?
Was isst und trinket er?
Worin besteht sein Preis,
Als im geraubten Erb
Und armer Witwen (1) Tränen,
Die wie ein dürres Land
Sich nach Erquickung sehnen?
Derjenige, der vom unrechtmäßig angesammelten Gut lebt, lebt letztlich vom Schweiß anderer Menschen. Er lebt von den Tränen armer Menschen – von Menschen, die sich wie ein ausgedörrtes Land nach Regen sehnen. Das ausgedörrte Land, ausgesaugt von denen, die Unrecht tun. Sie hinterlassen nicht nur eine materielle Wüste, sie hinterlassen auch Unmenschlichkeit.
Paul Gerhardt hat keine Möglichkeit, die gesellschaftliche Situation zu verändern. Was ihm blieb, war das Wort. Mit seinem Text redet er denen, die von unrecht Gut leben, ins Gewissen, er hat keine andere Möglichkeit, als mit Gottes Gericht zu drohen.
Zugleich tröstet er die Leidenden mit der Hoffnung, mit der Aussicht, dass Gottes gerechtes Gericht Gerechtigkeit schaffen wird.
Aber, wie gesehen, ist der Unschuldige kein Quietist, sondern tut das, was ihm übrigbleibt: straft die, die Böses tun, er spricht offen aus, was Unrecht ist, er heuchelt nicht.
Besonders spannend ist, wenn man sich seine Wirkung im Gottesdienst vorstellt. Wurde das Lied tatsächlich von mutigen Pfarrern im Gottesdienst eingebracht? Wenn es wirklich von solchen armen Menschen gesungen wurde – welche Bilder steigen in ihnen auf? Welche Menschen kommen ihnen in den Sinn? Menschen, die auch in der Kirche waren und auf ihren Ehrenplätzen saßen? Diesen konnten sie gleichsam ins Gesicht singen, in die Ohren hineindröhnen, was Gott über Unrecht denkt – und welches Gottesgericht sie erwarten wird, wenn sie weiterhin unmenschlich handeln, auf Kosten anderer leben.
*
Heftig ist auch das Lied: „Wie ist so groß und schwer die Last“, das ich später ansprechen möchte.
*
(1) https://www.evangelischer-glaube.de/paul-gerhardt-lieder/ in dem mir vorliegenden Band (Paul Gerhardt: Wach auf, mein Herz, und singe. Vollständige Ausgabe seiner Lieder und Gedichte, Hg.v. Eberhard von Cranach-Sichart, BrockhausVerlag Wuppertal 2004, 228ff.) ist von „armer Leute Tränen“ die Rede.
„Wie ist so groß und schwer die Last“ (nicht im Gesangbuch)
Dieser Text „Wie ist so groß und schwer die Last“ (1) greift wiederum sehr viele alttestamentliche Ansätze der Psalmen auf. Es geht darum, dass der Dreißigjährige Krieg den Menschen sehr viele Lasten aufbürdet. Diese Lasten werden als Strafe durch Gott empfunden, weil Menschen sich von Gott abgewendet haben. Gleichzeitig ist es von großer Dankbarkeit geprägt. Er dankt dafür, dass Gott die Menschen, die hier angesprochen werden, verschont hat. Beide Aspekte sind miteinander verwoben. Das Danken geht in die Bitte über, dass Gott verschonen möge, auch wenn sie selbst vor Gott nichts sind. Das Lied endet mit der Hoffnung, dass Gott helfen wird, wenn Menschen keine Hilfe mehr erkennen können.
In der 6. Strophe bedankt er sich, dass Gott den Feind, den Wolf hat nicht in seine Herde einbrechen lassen. In den Strophen 2+7+8 schildert er, was jedoch an anderen Orten alles an Schlimmem passiert:
2. Die Last, die ist die Kriegesflut,
so jetzt die Welt mit rotem Blut
und heißen Tränen füllt;
es ist das Feur, das hitzt und brennt,
so weit fast Sonn und Mond sich wendt.
7. Viel unsrer Brüder sind geplagt,
von Haus und Hof dazu verjagt;
wir aber haben noch
beim Weinstock und beim Feigenbaum
ein jeder seinen Sitz und Raum.
8. Sieh an, mein Herz, wie Stadt und Land
an vielen Orten ist gewandt
zum tiefen Untergang;
der Menschen Hütten sind zerstört,
die Gotteshäuser umgekehrt.
In der 9. Strophe kehrt er wieder zurück und freut sich darüber, dass in seinem Bereich die gute Ordnung noch funktioniert (er verwendet hier das Wort: „Polizisten“) Sie funktioniert noch, weil die Menschen in seinem Bereich noch Gottes Wort wahrnehmen. Dass zwischen dem Schlecht-gehen und Krieg ein Zusammenhang besteht, betont er mit der 10. Strophe:
10. Wer dieses nun nicht will verstehn,
lässts in die Luft und Winde gehn
und bei so hellem Licht
nicht Gottes Gnad und Güt erkennt,
der ist fürwahr durchaus verblendt.
Und geht dann dazu über, die eigene Schuld anzusprechen. Aber Gottes Liebe möge im Herzen Mut und Leidenschaft erwecken. Denn auch wenn es der Gemeinde bislang verhältnismäßig gut geht, sind sie doch am Rand ihrer Kräfte:
14. Lass auch einmal nach so viel Leid
uns wieder scheinen unsre Freud,
des Friedens Angesicht,
das mancher Mensch noch nie einmal
geschaut in diesem Jammertal.
Viele Menschen wissen nicht, was Frieden ist, weil sie nur Zeiten des Krieges erlebt haben.
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Auch in diesem Text werden nicht die Menschen für das Schlimme, das der Krieg mit sich bringt, angeklagt, sondern Gott: „Du bist ja Gott und nicht ein Stein, / wie kannst du denn so harte sein?“ – Aber es schillert – Gott ist nur hart, weil Menschen nicht seinen Willen tun. Es herrscht also wieder diese Wechselbeziehung vor: Menschen sind Schuld am Krieg – aber er ist Gottes Strafe. Damit haben wir in etwa ein alttestamentliches prophetisches und deuteronomistisches Gottesbild im Blick.
Ich fasse sehr kurz und knapp die geschichtlichen Traditionen zusammen: In alttestamentlicher Zeit wurde es aus folgendem Grund entwickelt: Die Völker, die im Krieg erobert wurden, deren Götter waren schwach. Fromme Juden haben Gott durch die Niederlage – sie wurden von den Babyloniern besiegt und ins Exil verschleppt – neu verstehen gelernt: Unser Gott ist nicht schwach, sondern es ist Strafe Gottes. Diese Sicht ist zwar Folge prophetischer Reden vor dem Krieg, sie bekam aber große Relevanz nach der Zerstörung Jerusalems, weil auf diese Weise der orientalischen Sicht, ein besiegter Gott ist ein schwacher Gott, widerstanden werden kann. Unser Gott ist nicht schwach, euer Gott ist nicht stark – ihr seid Instrumente unseres Gottes, der uns wegen unserer Schuld strafen möchte. Hier geht es noch nicht um Individuen, es geht um das Kollektiv. Individuelles Denken kam erst langsam auf. Von daher: wenn das Volk schlecht handelt – auch wenn einzelne Individuen gut handeln – straft Gott das gesamte Volk.
Inzwischen geht es nicht mehr um die Auseinandersetzung „starker Gott – „schwacher Gott“ – es geht ansatzweise schon um die Frage: Wie kann Gott das Schlimme zulassen. Denn es leiden ja auch Unschuldige, eben, wie es in Strophe 15 heißt:
die kleinen Kinderlein;
solln sie denn in der Wiegen noch
mittragen solches schweres Joch?
Paul Gerhardt übernimmt den Gedanken der Strafe Gottes, aber er durchbricht ihn im Grunde wie Hiob, indem er die unschuldigen Kinder, die Erfahrung unschuldigen Leidens, in den Blick nimmt und Gott sein Unverständnis entgegenhält. Letztlich ist seine Intention stärker die, dass wir Gottes Wege nicht enträtseln können, dass wir auf Gott hoffen dürfen. Gott begleitet im Leiden – auch wenn der Mensch es nicht immer erkennt. In vielen Liedern geht er dann auf die Zeit nach dem Tod ein, in der Glaubende bei Gott sind. Nicht aber in diesem Text. Er schließt ihn:
18. Nun, du wirsts tun, das glauben wir,
obgleich noch wenig scheinen für
die Mittel in der Welt.
Wenn alle Menschen stille stehn,
dann pflegt dein Helfen anzugehn.
Die Grundlegende Frage der Theodizee wird im Text angesprochen – nicht aber schon mit der Zurückweisung der Infragestellung Gottes.
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Paul Gerhardt greift das große Leiden in seiner Zeit auf – gleichzeitig das dankbare Staunen, dass es einem noch verhältnismäßig gut geht – er versteht das aber nicht, genauso wenig wie das Leiden. Darum verweist er den Menschen auf weitere Hinwendung zu Gott, zu gutem moralischen Verhalten und zum Gotteslob, was mit alttestamentlicher Überzeugung dazu führt, dass Gott es den Glaubenden/der Gemeinschaft wieder gut gehen lassen kann.
Was macht er also damit? Im säkularen Denken begegnet der Ansatz auch – aber eben nur ohne Gott: Er gibt den Menschen Verantwortung für künftiges Ergehen: Wenn ihr euch falsch verhaltet (heute gegen Natur) – wird es euch schlecht ergehen (heute: Klima- und andere Katastrophen). Wenn ihr euch gut verhaltet (heute: so wie es die Aktivisten vorgeben) – wird es euch gut gehen (die Katastrophen werden abgewendet). Dieser Gedanke steckt fest in uns Menschen drin, dieser Tun-Ergehen-Zusammenhang, im asiatischen Bereich Karma (2) genannt, ist heute von Gott gelöst, also säkularisiert.
Das ist das Große an uns Menschen: Wir ergeben uns nicht einfach (anders als der stoische Ansatz erkennen lässt), sondern wir versuchen aus dem Leiden etwas Gutes herauszuarbeiten, damit das Leben sinnvoll wird und das Leiden nicht alles dominiert. Ob das säkulare Tun-Ergehens-Denken zukunftsweisender und Menschen stärker helfen kann, als der jüdisch-christliche Ansatz, den Paul-Gerhardt verfolgt, ist wohl je nach Weltanschauung zu beantworten. Wesentlich ist aber, und das haben wir im säkularen Denken nicht: Wenn wir Menschen nicht mehr weiter wissen, wenn alle Mittel erschöpft sind, wenn alle rationalen Verstehensversuche scheitern, dann wird Gott handeln.
(2) Ansatzweise auch im Karma-Denken zu erkennen. Es ist kein Gott, der straft, sondern ein unpersönliches kosmisches Gesetz. Wer positiv handelt, verbessert seine künftige Existenz, also das irdische Leben nach diesem jetzigen irdischen Leben. Es geht also auch um Ethik – im Hinduismus um kastengemäßes Verhalten. Gleichzeitig entlastet es Lebende davon, sich um Arme, Kranke, Behinderte zu kümmern, da sie ja selbst an dieser ihrer jetzigen Existenz nach der Wiedergeburt Schuld sind. Wer sich allerdings wieder kastengemäß um sie kümmert, sammelt gutes Karma.
