Das Motto der Sommerkirche in diesem Jahr lautet: „Auf die Plätze, fertig – Gottesdienst“. Das animierte uns dazu, den folgenden Text aus dem 1. Brief des Apostels Paulus an die Korinther 9 als Grundlage der Predigt zu nehmen.
Denn obwohl ich frei bin von jedermann, habe ich doch mich selbst jedermann zum Knecht gemacht, auf dass ich möglichst viele gewinne. Den Juden bin ich wie ein Jude geworden, damit ich die Juden gewinne. Denen unter dem Gesetz bin ich wie einer unter dem Gesetz geworden – obwohl ich selbst nicht unter dem Gesetz bin –, damit ich die unter dem Gesetz gewinne. Denen ohne Gesetz bin ich wie einer ohne Gesetz geworden – obwohl ich doch nicht ohne Gesetz bin vor Gott, sondern bin im Gesetz vor Christus –, damit ich die ohne Gesetz gewinne. Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, damit ich die Schwachen gewinne. Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise etliche rette.
Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, auf dass ich an ihm teilhabe. Wisst ihr nicht: Die im Stadion laufen, die laufen alle, aber nur einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, dass ihr ihn erlangt. Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge; jene nun, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen. Ich aber laufe nicht wie ins Ungewisse; ich kämpfe mit der Faust nicht wie einer, der in die Luft schlägt, sondern ich schinde meinen Leib und bezwinge ihn, dass ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde.
Soweit der Predigttext
Mein lieber Paulus! Was bist du für ein Heuchler! Den Starken wirst du ein Starker, um selbst wie ein Blendwerk stark zu scheinen? Den Schwachen wirst du ein Schwacher, um ihn schwach zu lassen? Nein!, würde Paulus rufen, ich werde nicht schwach, um den Schwachen schwach zu lassen und selbst schwach werden, sondern um ihn mit Jesus Christus stark zu machen!
Heute würden wir das als „abholen“ bezeichnen, was der Apostel da beschreibt. Paulus holt die Menschen ab. Wir können das Wort aus dem Mund von Politikern nicht mehr hören, denn dort bedeutet es im Grunde: Ihr Bürger seid zu doof, um zu verstehen, wir müssen es euch erst mal mit einfachem Deutsch einpauken.
Bei Paulus heißt das aber etwas anderes. Bei ihm heißt das: Mit dem Mitmenschen auf einer Ebene zu leben, sich nicht arrogant zu überheben, denn das Ziel besteht darin, ihn für die Liebe Gottes in Jesus Christus zu gewinnen. Niemand wird für Jesus Christus gewonnen, wenn Glaubende arrogant, besserwisserisch, als redegewandte Schwätzer daherkommen. Glaubende sind – um wieder ein modernes Wort einzubringen – authentisch. Denn jede und jeder hat von Gott seine ganz ihm eigene Gabe bekommen – und diese sollen wir, so wie wir sind, für die anderen und mit den anderen einsetzen.
Paulus schreibt auch: Es gilt, Gesetzlose für das Gesetz Christi zu gewinnen. Es gibt Menschen, die meinen, sie benötigen keine Regeln, ihnen ist alles schnurzepiepegal, sie benötigen im Leben keinen Maßstab, keinen Kompass, sie rennen einfach ihren Lebensweg entlang, mal hierhin, mal dahin, dann kehren sie um, machen denselben Fehler immer wieder, sie kommen voran, indem sie nicht vorankommen.
Dann gibt es Menschen, die sich vom Gesetz knechten lassen. Sie befolgen peinlich jede Regel, haben Angst, etwas zu tun, weil sie denken, sie könnten etwas falsch machen. Und wenn sie etwas falsch gemacht haben, dann quälen sie sich selbst lange Zeit. Ihren Lebensweg laufen sie schweren Herzens, nicht fröhlich, nicht glücklich, sondern immer unter den Augen der anderen Menschen. Was sagt XY dazu, dass ich diesen Fehler gemacht habe? Was sagt YZ dazu, wenn ich dies und das tue? Oder sie haben ihre To-Do-Listen; diese wollen sie perfekt abarbeiten, und bekommen dann keine Luft mehr zum Leben.
Paulus kennt diese beiden Wege aus seinem eigenen Leben. Er hat vor lauter Gesetz andere Menschen verfolgt, sie gedemütigt, sie vernichtet. Er hatte Angst, vor den strengen Augen Gottes zu versagen. Gleichzeitig erkannte er durch Christus seine Schuld: Ich habe Menschen verfolgt, gedemütigt, vernichtet. Aber dann erkannte er durch den Geist Gottes: Es geht im Glauben um etwas Neues, es geht nicht um das fordernde Gesetz, es geht nicht um ein schlechtes Gewissen, es geht um vollkommene Freiheit. Und wenn Christen die Freiheit spüren, werden sie nicht selten übermütig: Ich darf alles, ich darf alles, wann ich will – Gott wird schon vergeben! Ich bin frei! Aber damit es nicht zu einer versumpfenden Regellosigkeit wird, betont der Apostel das Gesetz Christi. Was ist das Gesetz Christi? Einer trage des anderen Last.
Und so trägt Paulus die Last der Gesetzlosen mit, um sie zur Menschlichkeit zu führen, damit sie frei aber liebend ihre Gaben für andere einsetzen.
Und Paulus trägt auch die vom Gesetz Geknechteten mit, um sie zur Menschlichkeit zu führen, damit sie liebend aber frei ihre Gaben für andere einsetzen.
Wir haben alle Gaben von Gott bekommen, um sie für andere einzusetzen. Und so befinden sich auch alle Christen im Wettrennen. Wir wollen immer besser werden darin, anderen Menschen beizustehen, andere Menschen durch Christus stark zu machen, ihnen zu helfen, im Glauben den Lebensweg zu bestehen – und ebenfalls mit Christus loszurennen.
Aber es ist ein ganz besonderes Wettrennen: Alle werden gewinnen.
Es ist ein sonderbares Wettrennen. Das nicht nur, weil wir alle gewinnen, sondern auch darum, weil es in diesem Wettrennen darum geht, einander zu tragen, zu stärken, einander zu helfen. Und jeder weiß, wenn es darum geht, sich um andere zu kümmern, dann geht es nicht schnell. Dann geht es schleichend. Wenn Paulus schreibt, er wird den Schwachen ein Schwacher, dann rennt er nicht davon, sondern macht sich mit dem Schwachen auf den Weg. Und das kann sehr, sehr langsam sein. Wer sind die Schwachen? Menschen, die nicht mehr weiterlaufen können auf dem Lebensweg, Menschen, die körperliche und seelische Schmerzen tragen, Menschen, die die Lasten der Vergangenheit mit sich herumschleppen, Menschen, die mutlos geworden sind, sich müde und verzweifelt an den Wegesrand setzen. Und so setzt sich der Apostel in seinem Wettrennen an ihre Seite in den Staub.
Das Wettrennen ist aber noch sonderbarer: Denn wenn ich selbst nicht mehr kann? Was dann? Wir drängen einander nicht von der Bahn, wir kämpfen nicht gegeneinander und freuen uns, wenn der andere fällt, wir versuchen einander zu helfen, nicht nur mit Tatkraft, sondern auch mit dem Gebet. Und wenn wir nichts anderes mehr können, beten können wir – denn in uns betet Gottes Geist. Und da ist jede und jeder gefordert, denn einer allein kann nicht alles machen, alle müssen für diesen sonderbaren Wettkampf trainieren.
Das ist das Wettrennen der Christen. Nicht voranzupreschen, nicht die anderen meinen Rücken sehen lassen, sondern umzudrehen, sich ihnen zuwenden, ihnen beim Laufen zu helfen. Und – was für ein sonderbares Wettrennen: Es gilt, möglichst viele mitzunehmen.
Paulus verwendet auch das Bild vom Boxkampf: Er trainiert als Christ hart wie ein Boxer.
Christen leben nicht einfach so vor sich hin, sondern auch sie müssen trainieren, müssen im Glauben wachsen. Trainieren, im Glauben wachsen bedeutet aber auch: Schmerzen ertragen, über seine Kräfte hinausgehen, Leiden akzeptieren, Entbehrungen freiwillig oder unfreiwillig auf sich nehmen, Rückschläge erleben, dennoch weitergehen, ermuntert vom Trainer, gestärkt durch den Trainer.
Jesus Christus ist der Trainer – und was er uns mit unserem Leben an Aufgaben aufgibt, was er uns zumutet, das ist zu tun. Christen sind nicht einfach Menschen, die es sich gut gehen lassen, die davon ausgehen, dass alles easy peasy wird. Sie stehen seit ihrer Taufe mitten in einem Wettkampf in einem sonderbaren Wettkampf, wie gehört. Jesus Christus ist der Trainer. Und dann kommen wir Christen langsam am Ziel an – und was müssen wir am Ziel sehen? Es sind schon viele da, ganz viele, alle sind bekränzt, alle haben Pokale, alle sind glücklich – es kommt nicht darauf an, als erster ins Ziel zu kommen, sondern als Glaubender treu sein Leben unter dem Trainer Jesus Christus zu leben. Der großartige Trainer hatte nicht verlangt, der schnellste zu sein, er hatte nur verlangt, den Lebensweg treu zu gehen, mit Selbstdisziplin, mit Ausdauer, nicht aufzugeben, den Lebensweg mit allem zu gehen, was er bereithält. Aber um das zu können, müssen auch wir Glaubende an uns arbeiten, indem wir Christus den Trainer sein lassen. Und was macht der Trainer noch? Er ist die Quelle des Lebens – er stärkt uns.
Was benötigen Menschen, die an sich arbeiten, die im Wettrennen stehen noch? Stärkung. Paulus will mit seinen Briefen die Glaubenden stärken, Komponisten wollen mit ihren Liedern und Stücken Glaubende stärken, Dichter mit Gedichten, Maler mit Gemälden Gottesdienste sind Dienst an Gott, in denen wir, die wir Gott dienen, selbst gestärkt werden. Stärkung, damit wir bei unseren menschlichen Wettrennen während der Woche nicht fallen, damit wir, wenn wir gefallen sind, wieder aufstehen können.
Und jetzt gilt wieder in Abwandlung das Motto der Sommerkirche: Auf die Plätze fertig los!
