Predigt Markus 9: Sehen und doch nicht sehen (Raffael)

Markus 9 (6. August: Tag der Verklärung; 6. und 9. August: Atombombenabwurf: Hieroshima und Nagasaki) (Bild von Raffael: https://de.wikipedia.org/wiki/Transfiguration_(Raffael) )

Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus, Jakobus und Johannes und führte sie auf einen hohen Berg, nur sie allein. Und er wurde vor ihnen verklärt; und seine Kleider wurden hell und sehr weiß, wie sie kein Bleicher auf Erden so weiß machen kann. Und es erschien ihnen Elia mit Mose, und sie redeten mit Jesus. Und Petrus antwortete und sprach zu Jesus: Rabbi, hier ist für uns gut sein; wir wollen drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine. Er wusste aber nicht, was er redete; denn sie waren verstört. Und es kam eine Wolke, die überschattete sie. Und eine Stimme geschah aus der Wolke: Das ist mein lieber Sohn; den sollt ihr hören! Und auf einmal, als sie um sich blickten, sahen sie niemand mehr bei sich als Jesus allein. Als sie aber vom Berg herabgingen, gebot ihnen Jesus, dass sie niemandem sagen sollten, was sie gesehen hatten, bis der Menschensohn auferstünde von den Toten. …

Und sie kamen zu den Jüngern und sahen eine große Menge um sie herum und Schriftgelehrte, die mit ihnen stritten. Und sobald die Menge ihn sah, entsetzten sich alle, liefen herbei und grüßten ihn. Und er fragte sie: Was streitet ihr mit ihnen? Einer aber aus der Menge antwortete: Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen Geist. Und wo er ihn erwischt, reißt er ihn zu Boden; und er hat Schaum vor dem Mund und knirscht mit den Zähnen und wird starr. Und ich habe mit deinen Jüngern geredet, dass sie ihn austreiben sollen, und sie konnten’s nicht. Er antwortete ihnen aber und sprach: O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen? Bringt ihn her zu mir! Und sie brachten ihn zu ihm. Und sogleich, als ihn der Geist sah, riss er ihn hin und her. Und er fiel auf die Erde, wälzte sich und hatte Schaum vor dem Mund. Und Jesus fragte seinen Vater: Wie lange ist’s, dass ihm das widerfährt? Er sprach: Von Kind auf. Und oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, dass er ihn umbrächte. Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns! Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst: Wenn du kannst! Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube; hilf meinem Unglauben! Als nun Jesus sah, dass die Menge zusammenlief, bedrohte er den unreinen Geist und sprach zu ihm: Du sprachloser und tauber Geist, ich gebiete dir: Fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein! Da schrie er und riss ihn heftig hin und her und fuhr aus. Und er lag da wie tot, sodass alle sagten: Er ist tot. Jesus aber ergriff seine Hand und richtete ihn auf, und er stand auf. Und als er ins Haus kam, fragten ihn seine Jünger für sich allein: Warum konnten wir ihn nicht austreiben? Und er sprach: Diese Art kann durch nichts ausfahren als durch Beten.

Im Gottesdienst miteinander das Bild von Raffael: „Die Transfiguration“ / Die Verklärung“ erschließen: Achten auf Blickkontakte, Handzeichen, hell – dunkel usw. Wie wandert unser Blick? Von hellen Jesus und seinem Umfeld immer tiefer. Unten stehen im Licht die Frau und der kranke Junge.

3 Jünger oben, zwei schauen geblendet weg, vom hell erleuchteten Jesus, einer schaut vorsichtig nach oben (wahrscheinlich Petrus, denn er laut Evangelium redet zu Christus). Jesus in der Gloriole, der Gegenwart Gottes, neben ihm Elias und Mose (die zwei Figuren links könnten Stifterfiguren sein, denn das Bild war für einen Altar bestimmt).

9 Jünger sind unten auf der linken Seite zu sehen. Der Jünger mit dem Buch hat Blickkontakt mit der Frau, die Frau weist auf den Jungen. Der Junge weist mit unsicherer Hand nach oben auf Christus, zu dem er schaut. Andere weisen deutlicher auf ihn (nur Jesus kann helfen), andere weisen auf den Jungen. Rechts auf dem Bild sind die Frau, der Junge, der Vater und andere Menschen zu sehen. Bis auf den Jungen, der ahnt, wer helfen kann, schauen alle auf die Jünger.

*

Unser Blick gleitet von oben nach unten – und bleibt unten hängen. Was sehen wir dort? Die hell gemalte Frau fesselt den Blick, sie zeigt auf den leidenden Jungen. Raffael deutet damit das an, was die Geschichte des Evangeliums aussagt: Wir Menschen leben noch in der Zeit des Leidens. Der Bombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki ist nur ein kleiner schrecklicher Ausschnitt aus dem, was wir Menschen erleiden, durch Hand anderer, Kriege und Terror, durch Gewalttaten, durch Krankheiten, Epidemien, psychischen Schlägen.

Was Markus nacheinander erzählt, bildet Raffael gleichzeitig ab – es ist eine Simultanszene: Parallel zu der Verklärung geschieht das, was Markus uns berichtet: Jesus wird von Gott, dem himmlischen Vater, als Sohn offenbart – und parallel dazu kommt der Vater mit seinem leidenden Sohn zu Jesus. Die drei Jünger fallen staunend hin angesichts der Offenbarung – parallel wird gezeigt: die übrigen Jünger versagen angesichts des Leids auf der Erde. Sie kennen Jesus. Sie folgen Jesus – aber sie versagen. Sie diskutieren, sind ratlos, sie scheitern, sie arbeiten mit der Tradition (dem Buch), sie weisen auf Jesus – aber nichts hilft. Wir sind als Menschen ohnmächtig. Wir verfügen über große Kräfte, über großes Wissen, aber stehen ohnmächtig vor dem Leid, das wir nicht verhindern können – gar selbst verursachen.

Das ist das Großartige an dieser Darlegung des Markus: Er beschreibt nicht nur die Verklärung – er beschreibt im Anschluss auch das Versagen derer, die Jesus Christus nachfolgen. Die Jünger unten versagen angesichts des Leids, die Jünger oben sind geblendet angesichts der Herrlichkeit und versagen ebenfalls. Wir Menschen sind nicht fähig, Herrlichkeit wie Leiden angemessen wahrzunehmen. Wir Menschen scheitern am Leiden – wir scheitern an der Herrlichkeit. Wir sehen, aber sehen nicht. Wir verstehen, aber wir verstehen nicht.

Raffael will uns zeigen, dass es das ist, was uns prägt: Jetzt herrscht Leiden – aber parallel dazu ist schon längst die Befreiung vom Leiden in Gang gesetzt.

Und der leidende Junge zeigt unbewusst auf den Retter, der kommen wird. Seine Hand weist nach oben, aber sie zeigt nicht, er weiß es noch nicht, er schaut schon hin in seinem Wahn, aber wissen? Und wir Leidenden? Manche von uns wissen, dass der Retter auf dem Weg ist. Manche ahnen es. Manche schauen auf Christus, aber ungläubig.

Wir Betrachter – was sehen wir? Ein Bild. Ein Bild, das das Leiden und die Herrlichkeit beinhaltet. Was folgt für uns daraus? Wir sehen – und wir sehen nicht?

*

Jesus Christus geht im Markusevangelium auf das Kreuz zu – aber die Auferstehung, die Herrlichkeit ist schon sichtbar.

Wir feiern am 6. August den Tag der Verklärung, den Tag der Auferstehung, des Lichts, der Herrlichkeit von Jesus Christus. Und gerade an diesem Tag schlägt der Mensch mit seiner zerstörerischsten Waffe zu, die er je entwickelt hat. Der obere Teil des Bildes zeigt auf die Hoffnung, die real ist – der untere Teil zeigt die ungeheure Dimension des Leidens und uns Menschen, die wir angesichts des Leids an unsere Grenzen stoßen.

Das strahlende Licht der Verklärung, das Gott verursacht –
das gleißende Licht der Atombomben, das der Mensch verursacht.
Das strahlende Licht der Verklärung bringt Leben, es verwandelt –
das gleißende Licht der Menschen bringt Tod, Leiden, Krankheiten, Trauer – es verbrennt.

Der Versuch des Menschen, eine Verklärung herzustellen führt zur Katastrophe. Das gilt auch für alle unsere so schönen Philosophien, Zukunftsvorstellungen und Weltanschauungen. Helle, betörende Lichter. Verführerisch und zerstörerisch. Sie bringen nicht das Leben. Vielleicht weisen sie, wenn es gut ist, ohne zu wissen wie der Junge auf Christus. Leben bringt der Ausblick auf Jesus Christus und dem daraus folgenden Handeln. Darum spricht Markus davon: Die Jünger können es nur durch Gebet. Also: der Aufblick auf Jesus führt zum guten Handeln.

Mit dem Bild fragt uns Raffael nicht nur: Was seht ihr? Er fragt weiter: Was macht ihr mit dem, was ihr seht?

Die Verklärung Christi, das Sehen seiner Herrlichkeit, das Wissen darum, das Ahnen, ist kein Trost, der uns vom Leiden wegführt. Das Wissen um die Verklärung Jesu, dass er der Sohn Gottes ist, ist das Licht, das uns befähigen soll, im Leiden nicht zu verzweifeln. Wir Betrachter des Bildes müssen also genau das tun, was die Jünger nicht schaffen: die beiden Bildhälften zusammenhalten.

Wir sollen nicht nur staunen, wie die Jünger oben, nicht nur diskutieren, wie die Jünger unten, sondern vom Licht Christi her das Leiden sehen und vom Leiden her auf Christus sehen.