Als Einstig für diesen Text das Bild von Ludovico Caracci „Christus und die kanaanäische Frau“ https://www.meisterdrucke.de/kunstdrucke/Ludovico-Carracci/1042685/Christus-und-die-kanaan%C3%A4ische-Frau.html Aber die Predigt ist auch ohne das Bild verständlich. Nur wenige kurze Absätze weisen darauf hin, die gestrichen werden können. Ich habe sie kursiv gedruckt. Im Anschluss an die Predigt habe ich ein paar Beobachtungen zum Bild eingefügt. Es sind eigene Beobachtungen, also keine von Wissenschaftlern.
Matthäus 15,21-28 – Mk 7,27ff.
Und Jesus ging weg von dort und entwich in die Gegend von Tyrus und Sidon. Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach, Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt. Er aber antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach. Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde. Sie sprach: Ja, Herr; aber doch essen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.
Soweit der Predigttext.
Wir haben das Bild von Ludovico Caracci gesehen. Er hat einen Moment aus dieser Geschichte im Jahr 1593 gemalt. Eine Frau kniet außerhalb der Stadt auf dem Boden, Jesus in Spannung, dessen Hand abwehrend und segnend zwischen ihnen „schwebt“.
Eine sonderbare Begegnung – auf dem ersten Blick. Jesus ist vollkommen fremd. Nirgends ist er sonst gegenüber Hilfesuchenden so abweisend, sogar beleidigend.
Die Geschichte zeigt, dass Jesus wahrer Mensch ist. Er hatte eine schwere Auseinandersetzung mit den religiösen Machtgruppen. Er floh in das heidnische Gebiet, denn Steinigung lag in der Luft. Wer sich auf heftige Weise mit den Herrschern anlegt, riskiert sein Leben, seine Sicherheit. So zog er sich zurück in heidnisches Land. Hier hat er sich das ganze durch den Kopf gehen lassen und – so vermuten wir – gedacht: Ich lasse mich nicht unterkriegen, ich gehe nach Jerusalem. Dort wird mich der Tod, die Hinrichtung erwarten. Aber ich muss die Botschaft Gottes seinem Volk weitersagen. Und auf dem Weg nach Jerusalem, noch im heidnischen Gebiet passierte es. Der Ruf, dass der große jüdische Heiler in der Gegend ist, erreichte die Menschen. Und so kam auch die heidnische Frau zu ihm.
Jesus hatte anderes im Kopf, als jetzt noch zu den Heiden zu gehen. Aber war es nicht verlockend? Wenn Heiden, also Nichtjuden, ihn begehren, kann er dann sein Leiden nicht abwenden? Dann spricht er eben in dem Bereich der Götter von dem himmlischen Vater, von der Liebe des himmlischen Vaters zu den Menschen. Er kann also der Gefahr entfliehen!
Aber dann würde er ja seinem Auftrag, seinem Ziel untreu. Und so reagiert er voll als Mensch, der in Spannung lebt, harsch gegen die Frau, die um Hilfe sucht, weil ihre kleine Tochter vom Bösen gefangen wurde, im Bösen gefangen ist, wenn er sagt: Nein, ich bin gesandt zu meinem Volk, nicht zu den Hunden, den Heiden. Wir sehen hier einen Jesus, der mit uns Menschen auf Augenhöhe steht. Er ist nicht der Erhabene, er ist eben wie in Gethsemane ganz Mensch. Wenig später, kurz vor seinem Tod sagte er im Gebet zu Gott, dass er nicht sterben möchte. Kraftlos fiel er vor Gott auf den Boden. Jesus: Ganz Mensch!
Jetzt schauen wir auf die Frau, die Syrophönizierin bzw. die Kanaanäerin. In der Bibel die Namenlose. In der Bibel ist sie namenlos, weil sie als Identifikationsfigur von Heiden dienen sollte. Schaut: So wie sie, eine von euch sich Jesus zuwandte, so nimmt Jesus Christus auch euch an, auch wenn es Spannungen zwischen uns Judenchristen und euch Heiden gibt. Aber spätere christliche Zeiten haben sie die Gerechte, die Rechtschaffene genannt: Justa. Sie wird die Gerechte aus den Völkern. Warum, was hat sie getan?
Sie kämpfte gegen das Böse. Seit ihre Tochter geboren war, kämpfte, rang sie mit dem schweren Schicksal ihres Kindes. Sie kämpfte allein. Vom Vater ist nicht die Rede. An anderen Stellen bringen Väter die Kinder – hier aber im heidnischen Bereich ist es die Mutter. Sie weiß, sie schafft es nicht mehr, den Kampf gegen das Böse. Sie ist am Ende und verzweifelt. Und mit einer Tochter, der das Böse zugeschrieben wurde, war sie isoliert. Die Menschen wollten mit ihr und der Tochter nichts zu tun haben. Wie heute noch in vielen Ländern der Erde Menschen, die anders sind, zu Hexen erklärt werden, zu dämonisierte. Sie werden ausgeschlossen aus der Gemeinschaft, manche werden grausam ermordet, manche sterben, weil sie außerhalb ihres Stammes allein nicht überleben können. Die Frau kämpft also gegen das Böse in ihrer Tochter und das Böse in den Menschen.
Und so wendet sie sich als unreine Frau dem jüdischen Mann zu. Juden durften nur sehr begrenzten Kontakt mit Heiden haben, um nicht unrein zu werden. Sie wagte es. Ihre Hoffnung treibt sie an, daran denkt sie auf dem gesamten Weg: Er kann helfen! Diese Hoffnung gibt ihr übermenschliche Kraft und Mut. Sie drang durch die Männergruppe, also durch die Gruppe der Jünger um Jesus herum, hin zu dem Mann, von dem sie erwartete, dass er ihr im Kampf gegen das Böse beisteht, ihr hilft. Sie hat sich durchgerungen, gegen alle Tradition, gegen alle Konvention, als Frau und Heidin sich dem jüdischen Mann zu begegnen. Aber der reagiert gar nicht. Sie lässt sich nicht den Mund verbieten. Sie nervt. Die Jünger reagieren gereizt: Mach schon, was sie fordert, damit sie endlich Ruhe gib. Sie hört nicht auf. Sie benötigt im Kampf gegen das Böse unbedingt Hilfe, um ihr Töchterchen Willen. Und dann bleibt der Mann stehen und sagt ihr: Es ist nicht recht den Hunden das Brot zu geben. Also: Es ist nicht recht, wenn ich dir helfe, dass ich euch Heiden helfe, mein Arbeitsbereich ist mein Volk. Zu dem bin ich erst einmal gesandt. Ich bin ein Mensch – ich kann nicht für alle da sein. Wenn ich dir helfe, dann kommen Menschen von euch von allen Seiten, und ich schaffe das nicht! Es geht ihm nicht darum, und das ist auch bemerkenswert, dass sie eine Frau ist. Er sagt nicht: Du bist nur eine Frau, warum sollte ich dir helfen. Das hätte er damals auch sagen können. Aber es geht eben darum, dass er zuerst zu seinem Volk gesandt wurde. Das Wort „zuerst“ weist darauf hin, dass seine Jünger nach ihm sich auch den Heiden, den Völkern zuwenden werden.
Die Frau trifft also auf einen Mann, Jesus, der selbst am Rand der Kräfte ist. Er lebt, wie gesehen in der Spannung: Soll ich bei den Heiden bleiben? Sie wollen mich. Oder soll ich zurück zu meinem Volk? Die Oberen verstoßen und töten mich. Das Volk braucht mich – und ich habe nun einmal nur Kräfte für mein Volk.
Die Frau gibt nicht auf. Sie ist eine Kämpferin. Sie gibt nicht auf und reagiert schlagfertig: Aber Brotkrumen fallen vom Tisch der Herren.
Mit dieser ihrer Schlagfertigkeit, mit dieser Beharrlichkeit hat sie erreicht, dass sie nicht mehr allein gegen das Böse kämpfen muss. Sie hat einen mächtigen Mitstreiter gefunden.
Jesu Hand auf dem Gemälde von Caracci ist weder abwehrende Hand noch eindeutig segnende Hand. Sie ist in der Schwebe, weil in Jesus selbst ein Ringen stattfindet.
Und dieser Mitstreiter sagt ihr, sich selbst überwindend: Dein Glaube hat dir geholfen. Das Böse wurde besiegt. Wir verstehen heute unter „Glaube“ den Glauben an Gott. Im Mund Jesu heißt Glaube etwas anderes. Glaube bedeutet: Hindernisse auf dem Weg zu Jesus zu überwinden. Immer wieder begegnet uns das in den Texten: Menschen, haben es nicht leicht, zu Jesus zu kommen. So die Menschen, die einen Gelähmten tragen. Die Menschenmenge versperrt ihnen den Weg zu Jesus, und so brechen sie das Dach auf und lassen den Gelähmten runter zu Jesus. Auch hier Hindernisse, auch hier: Dein Glaube hat dir geholfen.
In unserer Geschichte ist Jesus selbst das Hindernis. Der Mensch Jesus, der in sich seine eigenen Probleme hatte. Sie hat ihn überwunden, er hat sich überwunden. Er hat sich auf ihre Seite im Kampf gegen das Böse gestellt und hat es besiegt. Justa, die Gerechte unter den Heiden, der Beginn der Mission unter den Heiden, den Völkern.
Die spätere Gemeinde hat der Tochter den Namen Berenike gegeben. Was bedeutet der Name? Die Siegerin. Denn auch die Tochter war die Gequälte, die vom Bösen Angegriffene. Sie musste durchhalten, sie musste die Angriffe ertragen, dulden, zu lernen, diese zu überstehen. Und nun, durch den Glauben der Mutter, wurde sie durch das Machtwort Jesu zur Siegerin über das Böse, dessen Macht sie unterworfen war.
Der Glaube überwindet Grenzen, der Glaube überwindet mit Jesus die Angriffe des Bösen. Christen dulden nicht alles. Sie haben diese Kämpferin zum Vorbild. Wir ringen in unserem Leben auch mit Gott selbst, weil wir ihn nicht verstehen, sein Handeln uns nicht einsichtig ist. In allen Schwierigkeiten bei Gott bleiben, was auch immer geschieht: Gott schenke uns in unseren Kämpfen seinen Frieden.
Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
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Anmerkungen zu dem Bild:
- Der kleine Hund unten links weist auf das Wort Jesu hin. Dadurch wissen wir, dass es sich nicht um Maria Magdalena oder eine andere Frau handelt.
- Jünger umgeben Jesus – und es ist links wohl auch ein Jünger, der mit der Hand auf diese Frau zeigt. Aber dass es sich um einen Jünger handeln könnte ist mir selbst die Frage, denn hinter Jesus stehen auch Jünger und links sind eigentlich die heidnischen Bereiche.
- Die Frau ist in voller schicker Montur gekleidet, das ist typisch Barock, das Theatralische, die visuelle Pracht. Ich stelle mir die isolierte Frau vor den Mauern von Tyrus / Sidon eher sehr arm vor. Aber weiter geführt: Die Kleidung zeigt ihre innere Würde.
- Die Figur Jesu ist zweifach zu interpretieren: abweisend und zuwendend – deutlich durch die Körperstellung und durch die Hand.
- Oben am Himmel befindet sich ein heller Bogen. Er ist auf den Bildern im Internet nicht als Regenbogen erkennbar. Aber: Wenn man genau hinschaut, gibt er den Bogen des Rückens der Frau wieder. Wenn man vom Beginn des Bogens links schaut und nach unten eine Linie zieht, ist erkennbar, dass er über der Hand des zeigenden Mannes steht, von da ausgehend nach oben über den Rücken der Frau über der Hand Jesu endet. Wenn man von oben eine Linie nach unten zieht. Der Lichtbogen lässt im Grunde auch die Hand, die Frau und Hände und Füße sowie den Kopf Jesu hell erstrahlen. Das Helle auf der Erde ist im Grunde eine Spiegelung des himmlischen, göttlichen Lichts.
- Interpretierend möchte ich noch hinzufügen, dass vielleicht die Hände und Füße Jesu so hell gezeichnet werden, weil er sich auf dem Weg nach Jerusalem, also zur Kreuzigung befindet.
- Die Burg im Hintergrund soll auf Tyrus/Sidon hinweisen, das heißt auch: Die Frau befindet sich außerhalb der Stadt. Und auf der rechten Seite über Jeus ist erkennbar: Es braut sich was zusammen. Also links: heidnisches Land, rechts jüdisches Land.
